Das Vertretenheitsgefühl der Deutschen durch die Linkspartei

Essay vom 30.09.2009

Von der PDS zur Linkspartei – rasante Veränderungen

In ihrem Aufsatz „Das Vertretenheitsgefühl der Ostdeutschen durch die PDS: DDR-Nostalgie und andere Erklärungsfaktoren im Vergleich“ beschreiben Katja Neller und Isabell Thaidigsmann die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit dem „Phänomen PDS“. Da der Artikel aus dem Jahr 2002, also aus einer Zeit bevor es die WASG gab und bevor die PDS mit dieser zusammen zur Linkspartei fusionierte, befördert der Text Ergebnisse, die heute im Jahr 2009, sieben Jahre später, so vielleicht nicht mehr ganz zu halten sind. Denn im Jahr 2002 sowie die 12 Jahre zuvor war die PDS ein vornehmlich ostdeutschen „Parteienphänomen“, das es so im Westen nicht gab. Mit der aktuellen Wahl zum Deutschen Bundestag vom 27. September 2009 sieht die Parteienlandschaftskarte jedoch anders aus: Die heutige Linkspartei hat festen Fuß in Westdeutschland gefasst. Mehr noch: Es besteht die Möglichkeit, dass sie in ihrem ersten westdeutschen Landesparlament, im Saarland, sogar Regierungsverantwortung übernehmen könnte.

Es fühlen sich heute also nicht nur mehr Ostdeutsche durch die ehemalige PDS, heute Linkspartei vertreten, immer mehr Westdeutsche wandern vor allem von der sich mehr und mehr spaltenden SPD zur Linkspartei.
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Öffentliche Empörung bringt Klicks – geil!

Hi,

es sollte einmal ein kleines (offenes) Geheimnis ausgesprochen werden: Wenn ich mich über bestimmte Personen in diesem Blog empörte, brachte es mir meistens gute Klickzahlen. Kritik wird gern gelesen. Vor allem dann, wenn es in den anderen vielleicht auch schon brodelt, es sich aber noch niemand „getraut“ hat, es auszusprechen. Das Brodeln der Anderen ist dabei ein sehr problematisches Phänomen. Letztendlich ist es genau der Punkt, der die vielen Klicks generiert. Es zu nutzen (also aktiv) stellt daher immer ein zu hinterfragendes Problem dar. Es sollte nicht der Hauptgrund sein, eine Kritik aufzuschreiben.

Warum ich das schreibe? Nun: Ich schreibe es, weil ich im Internet durch diese selbst gemachte Erfahrung und Beobachtung immer sehr gut nachvollziehen kann, wenn mit dem Brodeln der anderen sozusagen „gespielt“ wird. Das ist in politischen Fragen auch völlig legitim. Wenn aber nicht eine Sache oder ein Inhalt, sondern eine Person zum Zielpunkt wird, dann geht es los mit dem Bereich, den ich schwierig finde. Wir alle kennen doch diese Texte (oder Podcasts, oder Youtube-Videos): Person X wird anvisiert, man hackt einfach ein bisschen auf sie ein, stellt sie als lächerlich dar und lasst kein gutes Haar an ihr – Klicks – Klicks – Klicks! Ne ziemlich „sichere Sache“. Es gibt Menschen, die haben sich darauf spezialisiert, sich an Leuten abzuarbeiten und damit Aufmerksamkeit zu generieren.

Meine These: Wenn es bestimmten Personen nicht gut geht, dann ist es eben ein sehr günstiges Mittel, andere auszuwählen, über die man sich qua
– politischer
– historischer
– intelligenzquotientaler
– moralischer
– [setzt doch ein, was ihr wollt]
Überlegenheit dann wieder groß, besser, stärker fühlen kann.

Menschlich, dieses Bedürfnis. Kenn ich ausm Kindergarten, aus der Grundschule und aus meiner Pubertät – hab ich oft genug hingehalten für. Im Kindergarten und in der Schule spricht man von Mobbing oder Bullying. Wenn Erwachsene das im Netz tun, dann schaffen sie es aber meistens ganz gut, es so zu verschleiern, dass sie scheinbare Legitimität generieren: Argumentiert wird meistens mit der öffentlichkeit der Person, die zur Zielscheibe gemacht wird. Diese habe doch eine sehr weite Reichweite. Wenn die Person etwas öffentlich sage, müsse sie doch damit rechnen, dass es Kritik gäbe. Wenn die Person sich eventuell auch noch in einer politischen Partei auf was für einem Posten auch immer engagiere, sei man quasi in der Pflicht, sie „auseinanderzunehmen“. Das mache man doch in dieser Demokratie mit allen parteipolitischen Personen.

Ja. Mancherorts ist das üblich. Kampagnen gegen Personen gibt es meistens in der BILD und ihren niveaugleichen Regionaläquivalenten. Es ist eine Methode, die sich neben dieser besonderen Ecke der Journaille im Internet vor allem sogenannte Maskulisten in ihren Foren angeeignet haben. Sie arbeiten sich mit Vorliebe an Texten von Feministinnen ab. Sinnentstellung, Verkürzung von Aussagen und andere Arten des unfairen Diskutierens können hier in meisterhafter Perfektion nachvollzogen werden. Maskulisten führen eine personenzentrierte Auseinandersetzung mit dem Feminismus. Sie ergötzen sich dann an Textteilen und heizen sich gegenseitig auf, bestätigen sich dadurch letztendlich in einem Fort, um sich dann groß und stark – und männlich zu fühlen.

Wie macht man es besser?

Ein Versuch, ein paar „Anstandsregeln“ zu entwerfen: Wenn ich einmal wirklich wütend war, während ich Kritik formulierte, schickte ich Relaitivierungen und Rechtfertigungen voraus. Den eigenen Standpunkt relativieren kann ein Mittels sein – andererseits sehe ich darin zwei Probleme: Eigentlich sollte man keine Kritik formulieren und Personen damit adressieren, wenn man wirklich wütend ist. Außerdem sollte man den eigenen Standpunkt nicht relativieren – er ist doch wichtig. Andererseits muss die Aktualität und der Bezug zur *inhaltlichen* Debatte noch gegeben sein. Denn klar: Manchmal geht es nicht, dass man das, was öffentliche Personen so schreiben, sagen, tun – und dafür noch Applaus ernten – so stehen lässt. Der eigene inhaltliche und politische Standpunkt ist wichtig. Der eigene Standpunkt sollte das zentrale Anliegen sein – nicht das Niedermachen des anderen Standpunkts. Hier sollte man abwägen. Muss der Text wirklich jetzt sofort sein, oder lasse ich ihn noch eine Nach „liegen“ und arbeite dann noch einmal entschärfend daran? Wenn es wirklich sofort sein muss, dann sollte man darauf achten, dass die Inhalte zentral sind – nicht das bashing der Person. Natürlich sind die Grenzen verschwimmend, man kann nie ganz genau sagen, was jetzt genau der Sinn ist. Was die Intention. Außerdem sind manchmal die emotionalen Texte die besten – keine Frage. Aber:

1. Dosiert eure personenzentrierten Rants bitte wohl.

2. Nehmt es euch nicht zu sehr zu Herzen, wenn ihr gerantet werden. Schaut euch die Ranter-Seite an: Vermutlich seid ihr nicht die einzigen, die es dort trifft. Und wenn ja: Okay – vielleicht mal über die Inhalte nachdenken. Und dann auch wieder loslassen.

3. Offline mehr nutzen! – wenn ihr negative Gefühle habt, die allzumenschlich sind, dann schreibt sie doch in euer Tagebuch. Und wenn euch digital jemand anpupst, geht offline und knuddelt reale Menschen.

Und für twitter: Vergesst Twitter-Rants. Das Gemotze, das Gemecker, jeder kleinste Frustpups – alles landet dort. Immer wieder mal ausschalten und Pause machen und eine „Timeline-Psychohygiene“-Strategie entwickeln.

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Beschneidungsdebatte Meta

Ich gehe mit der Ambivalenz hausieren

Die Aufmerksamkeit, die meinem Blog heute zuteil wird, könnte ich nutzen, um in der Debatte um das Thema Beschneidung einen sehr polemischen Beitrag zu platzieren und meine Zugriffe damit vermutlich ins unermessliche zu steigern. So wie viele andere das im Moment scheinbar gerne tun.

Aber ich möchte gerne die nachdenklichen Töne anstimmen, nicht die kreischenden. Für mich stellen sich in der Debatte vier entscheidende Fragen, deren Antworten einander widersprechen. Sich widersprechende Antworten sind für mich oft ein Hinweis darauf, besser erstmal die Klappe zu halten. Wenn es etwas widersprüchlich und ambivalent wird, schlagen aber gerade die, die mit den einfachen Antworten hausieren gehen, besonders gerne zu. Also versuche ich es mal mit der Ambivalenz.

Frage 1: Welche Rechte muss ein Staat denjenigen garantieren und sie für sie auch durchsetzen, die sich noch nicht selbst verteidigen können?

Frage 2: Ist die Beschneidung eines Babyjungen ein Eingriff in seine körperliche Unversehrtheit?

Frage 3: Wie viel Freiheit beinhaltet die Religionsfreiheit und wessen Grenzen müssen ihr Gegenüber gewahrt werden? Wer muss diese Grenzen setzen?

Frage 4: Welche Konsequenzen hat eigentlich das Urteil vom 07.05.12 und wollen wir so die Dinge miteinander verhandeln in dieser Gesellschaft?

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Unter Verdacht

Manchmal beobachte ich einfach die Welt um mich herum. Sie hat sich in viele unterschiedliche Pole aufgeladen. Wir haben reiche Menschen, arme Menschen, gut gebildete und solche, die wir in den Medien als „bildungsfern“ bezeichnen. Wir haben Menschen, die hier geboren wurden, Menschen, die hier her kamen, Menschen die weiß sind, schwarze, Menschen, die asiatisch aussehen.

Doch eine Kategorie, die all die Pole noch ein letztes Mal, dafür aber auch am gründlichsten dividiert ist: das Geschlecht. Meist schon auf den ersten Blick unterscheiden wir in Männer und Frauen. Was dazwischen liegt, das beginnen wir gerade jetzt erst zu benennen und sichtbar zu machen. Intersexuelle, Transmenschen, queere Menschen. Wir erkennen so jeden Tag aufs Neue und ziemlich schnell, dass um uns herum viele anders sind. Und seien wir ehrlich: Wir haben auch den Überblick verloren. Wir interessieren uns oft für „das Andere“ nicht und wir verstehen es auch nicht.

Je homogener hingegen eine Gruppe ist, desto besser verstehen wir die anderen. Und werden selbst verstanden. Diese größeren Chancen, zu verstehen und verstanden zu werden, geben uns ein Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit. Wir können uns eher fallen lassen, können einfach besser die sein, die wir sind. Auch und vor allem entlang unseres Geschlechts. Es gibt Frauenräume und Männergruppen, es gibt in Toronto eigene Bathhouses für Frauen und Transmenschen; Queere und Intersexuelle Menschen haben sich Räume geschaffen, wo sie unter sich sind, wo sie verstanden werden, auch im Netz. Dabei wollen wir, ich unterstelle das zumindest, eine Gesellschaft, in der das biologische Geschlecht keine Auswirkungen mehr auf unsere politischen Einflussmöglichkeiten, unser ökonomisches Fortkommen und unsere soziale Teilhabe mehr hat.

Zum Mann erst gemacht

Dass wir auf dem Weg zur Vision getrennte Räume schaffen, ist dabei kein Widerspruch. Die Realität ist nämlich eine knallhart andere. Nach wie vor haben Frauen signifikant weniger Einfluss in der Politik; signifikant weniger Teil am Vermögen der Welt, signifikant höhere Verantwortung für die sozialen Aufgaben der Gesellschaft. Lesben, Schwule, Transmenschen und Intersexuelle stehen viel zu oft noch am Rand der Gesellschaft, werden einfach nicht mitgedacht. Gelten immer noch nicht als „normal“.

Eine Frau stellt tagtäglich fest: Männer sind anders. Das ist aber keine Gegebenheit qua Biologie. Nein. Das „Anderssein“ der Männer ist gemacht – so wie es Simone de Beauvoir einmal über die Frauen schrieb, werden sie nicht als solche geboren. Es ist mein Sohn, der mir diese Tatsache immer wieder vor Augen führt. Er ist zwar ein Junge, aber ich verstehe ihn, sehe ihn, empfinde ihn überhaupt nicht als so signifikant anders, als ich selbst es mit fünf Jahren war.

Mehr und mehr Frauen meiner Generation finden dieses gegenseitige Verständnis auch in Männern. Doch es bleibt immer so ein kleines Quäntchen Unsicherheit und Misstrauen. Denn die Dinge liegen, wie sie liegen und ich erspare es mir, alle Statistik zum Stand der Emanzipation 2012 herauszuholen. Der Gleichstellungsbericht, der 2011 von der Bundesregierung herausgegeben wurde, hält bis ins Detail fest, wie lang der Weg noch ist, der vor uns liegt. Wenngleich wir also im Privaten vielleicht Männer gefunden haben, denen wir zutrauen, gemeinsam mit uns diese Emanzipation zu machen – gesamtgesellschaftlich sehen wir nach wie vor die „verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“, wie sie Ulrich Beck schon vor über 20 Jahren deutschen Vätern bescheinigte.

Vertrauen? Wozu?

Männern als der Hälfte der Gesellschaft zu vertrauen, fällt angesichts der Lage gerade vielen bewegten Frauen irre schwer. Feministinnen haben einen Begriff für ihr Misstrauen geprägt: Das Patriarchat. Eine Herrschafts-Diagnose. Unterdrückung von Frauen und auch Gewalt – das seien die allgegenwärtigen Symptome. Sexuelle Gewalt und auch häusliche Gewalt gehen zu einem großen Teil von Männern aus. Ein weiterer Begriff: „Rape Culture“, der aussagt, unsere Gesellschaft sei tendenziell dabei, Vergewaltigungen als Problem zu verharmlosen, oder gar den Opfern die Schuld zuzuschreiben. Drittens:Hegemoniale Männlichkeit – sie ist für Frauen eine permanente potenzielle Bedrohung.

Wer einmal die Geschlechterbrille aufgesetzt hat und mit offenen Augen die Welt betrachtet – ein bisschen wie im Film Matrix: Wer einmal die rote Pille geschluckt hat – kann die Welt nicht mehr mit anderen Augen sehen. Wie soll man da „einfach vertrauen“?? Das ist häufig schlichtweg nicht möglich. Vorauseilender Ungehorsam – damit fahren viele Frauen gefühlt sicherer. Das Problem ist: Die eben genannten Begriffe haben mit Sicherheit ihre Legitimation, sie beschreiben reale Probleme. Aber sie beinhalten einen Generalverdacht gegen Männer.

Bild: CC BY-ND 2.0 von red.dahlia via Flickr.com http://www.flickr.com/photos/reddahliaphotos/4211136119/

Warum vertrauen? Wozu? Weil wir nur, wenn wir wenigstens ein bisschen vertrauen, auch die Verantwortung aus der Hand geben können. Natürlich müssen die Parameter dafür stimmen. Wir können nur denjenigen Menschen vertrauen, die auch Verantwortungübernehmen. Auf der Mikroebene bedeutet das, dass wir die stereotype Rollenaufteilung qua Geschlecht absichtlich thematisieren und gemeinsam anders handeln müssen.

Dazu müssen wir es schaffen, uns davon zu lösen, einander weiterhin als „die anderen“ zu sehen. Wir müssen beginnen, einander zu vertrauen. Nur wenn auch Männer anfangen, die Verantwortung für die Entwicklung der Geschlechterdemokratie zu übernehmen, wird sie wirklich gelingen. JedeR muss sie selbst leben. Wir Frauen können es den Männern nicht abnehmen, es selbst zu tun. Und wir müssen sie es selbst tun lassen. Das Gemeine daran: Sie müssen es auf ihre Weise tun. Und wir müssen irgendwoher das Vertrauen nehmen, dass ihre Weise auch okay ist. Dass es irgendwo einen gemeinsamen Weg gibt. Dass wir am Ende an einem Strang ziehen.

Das Problem ist deutlich: Je „mächtiger“ eine Gruppe ist oder wird, desto schwerer ist es, ihr zu vertrauen. Weil es so schwer ist, in einer durch und durch gegenderten Gesellschaft noch Vertrauen zu haben, ist es ratsam, klein anzufangen: Legt die Verantwortung auf den Tisch. Da, lieber Mann, liebe Frau, da liegt sie. Nimm sie, ich lass sie dir auch. Ich hol sie mir nicht mehr zurück. Denn ich weiß: Du wirst jetzt mitmachen und wir teilen uns diese Welt jetzt friedlicher, auf Augenhöhe, respektvoll. Dass alle Menschen, unabhängig vom Geschlecht, diese Verantwortung tragen, das ist die Mindestvoraussetzung, das muss default sein. Das impliziert natürlich auch, dass wir all jene, die sie nicht wahrnehmen, zur Rechenschaft ziehen.

Offen und wachsam

Persönlich fahre ich seit langem in allen möglichen Bereichen diese „Politik“: Größtmögliche Offenheit gegenüber anderen, trotzdemwachsam bleibend.

Momentan liegt die Verantwortung für die Emanzipation vor allem bei den Frauen – und daran sind nicht nur die Männer schuld. Wir Frauen wollen gerne die Kontrolle darüber haben, dass es auch wirklich „richtig“ läuft. Mit dem Argument, dass Männer privilegiert sind, grenzen wir sie tendenziell davon aus, aktiv mitzugestalten, wie die Sache laufen könnte. Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der man Frauen und Männer nicht nur biologisch, sondern auch an ihrem Handeln unterscheiden kann. Sie alle tun ihr Geschlecht. Permanent. Sie unterscheiden sich in diesem tun massiv. Das Paradoxe ist, dass wir diese Differenz erst thematisieren, dann auch „aushalten“ können müssen, um in der Inklusion des „Anders-Tuns“ in die Reihe legitimer Handlungen einander mehr und mehr auf Augenhöhe begegnen zu können.

Dies ist ein Drahtseilakt, angesichts der Tatsache, dass diese Gesellschaft entlang von Geschlechtergrenzen hierarchisiert ist.

 

Nachtrag: Unter dem Titel „Geschlechterdemokratie als Männlichkeitskritik“ hat Peter Döge in der bpb kurz erläutert, was Hegemoniale Männlichkeit ist, was etwas besser passt, als die Definition des GWI.

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Ist eine starke Rolle der „Neuen Sozialen Bewegungen“ in Ostdeutschland ohne das „Feindbild DDR“ noch denkbar?

Eine Auseinandersetzung mit dem Text: „Die Bedeutung der Neuen Sozialen Bewegungen in Ostdeutschland“ von Joachim Badelt (1999) – Essay vom 11.05.2009

Fragestellung der vorliegenden Arbeit

In seinem Text „Die Bedeutung der Neuen Sozialen Bewegungen in Ostdeutschland“, erschienen 1999 in „Politik in Ostdeutschland – Lehrbuch zur Transformation und Innovation“ (Hrsg. Waschkuhn/Thumfart), geht Joachim Badelt der Bedeutung der Neuen Sozialen Bewegungen in Ostdeutschland nach. Diese Analyse betrachtet vor allem drei wesentliche Aspekte: a) Wie die Neuen Sozialen Bewegungen in der DDR entstanden sind, b) welche Rolle sie bei der friedlichen Revolution in der DDR hatten und c) welche mögliche Zukunft und Chancen sie nun nach der Wende haben. Angelehnt an diesen Text möchte ich in meinem Essay der Frage nachgehen, inwieweit die Neuen Sozialen Bewegungen Ostdeutschlands heute noch relevant sein können, wenn doch das frühere „Feindbild“ DDR nicht mehr existiert.

Die Entwicklung der NSB in der DDR

Der Text beginnt mit einer Auseinandersetzung über die Frage, in wie weit man in Ostdeutschland überhaupt von der Existenz sogenannter Neuer Sozialer Bewegungen (NSB) sprechen könne. Um diese Frage zu beantworten, versucht Badelt, zu betrachten, was in der wissenschaftlichen Literatur alles unter NSB verstanden wird (und was nicht). Denn von der jeweiligen Definition hänge schließlich ab, ob auch in Ostdeutschland davon gesprochen werden könne, oder nicht. Einige Autoren lehnten die Anwendung des Begriffs für ostdeutsche oppositionelle Gruppen in all ihrer Heterogenität ab, da das dortige System so eklatant verschieden sei, von dem der Bundesrepublik Deutschland, dass ein Vergleich mit den dortigen NSB, wie der Friedens- und Umweltbewegung, die seit 1968 eine große Relevanz hatten, nicht möglich sei. Eine weitere kritische Frage betrifft die Rolle rechter Strömungen in Ostdeutschland und inwiefern diese auch den NSB zuzurechnen seien. Viele Autoren sträubten sich dagegen, so Badelt, da in den Bewegungen stets Toleranz und Vielfalt zu den obersten Prinzipien gehörten und keine von ihnen nach einer wie auch immer gearteten Führerschaft strebe, wie dies bei den rechten Gruppen der Fall sei. Hier finden wir eine sehr stark normative Aufladung des Begriffs der NSB, die sich auch darin manifestiert, dass in der wissenschaftlichen Literatur die Inhalte

  • Politische Partizipation
  • Soziale Emanzipation
  • Transformation der Gesellschaft

als nahezu unabdingbar gelten. Damit könne der Begriff nicht auf rechtsextreme Strömungen ausgedehnt werden. Im Gegenteil: die NSB seien vielmehr ein politisch-ethischer Gegenpol, eine „Streitkraft“ gegen ebendiese. Zusammenfassend kommt Badelt zu dem Schluss, dass der Begriff Neue Soziale Bewegungen sehr wohl als Erklärungsmodell für DDR-Oppositionsgruppen, Protestgruppen, Widerstandsgruppen, sozialethisch orientierten Gruppen und Initiativen, sowie deren heterogenen Konfliktlagen dienen könne. Auch die rechten Strömungen will er aus diesem Begriff nicht endgültig ausschließen. Die Analyse seines Textes befasst sich daraufhin ausführlich mit der Betrachtung der Entstehung der NSB und wie sie zunächst „im Stillen“ und im „Kleinen“ arbeiteten, in einer Art Nischengesellschaft. In der nächsten Etappe wächst plötzlich ihre Relevanz und sie sollen eine zentrale Rolle im Kristallisationspunkt 1989 spielen, wenn es schließlich darum geht, die Massenproteste zu mobilisieren. Danach kommt es zum Umbruch der äußeren gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, was natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die NSB bleiben kann. Irritationen und Unsicherheiten, eine Art „Überrollt-werden“ durch teilweise externe (bundesrepublikanische) Akteure und Strategien, ohne eine eigene gefestigt zu haben und dadurch letztendlich eine Marginalisierung, die bis heute das Schicksal der NSB im Osten Deutschlands sind, trüben die einst so aussichtsreiche Zukunft der einstigen Protest- und Oppositionsgruppen der DDR. Badelt behandelt diese Entwicklungen ausführlich, um seine Analyse optimistisch zu beenden. Ich jedoch möchte behaupten, dass das Bild, das er entwirft, ein wenig zu romantisch und zu wenig realistisch ist: Er betont ausdrücklich die guten Chancen der NSB Ostdeutschlands, die Menschen in einem Identitätsfindungsprozess zu einen und sie wieder gegen ungerechte Politik und mangelnde demokratische Mitbestimmung auf die Straße bringen zu können. Anhand von vier Themenfeldern möchte ich beleuchten, ob und inwiefern diese Einschätzung Badelts realistisch sein kann.

Spielten die NSB jemals eine große Rolle?

Als erste Frage sollte gestellt werden, ob die NSB in Ostdeutschland tatsächlich und jemals eine wirklich große Rolle innehatten. Waren sie ein kleines Rinnsal, das selbst zum reißenden Strom wurde? Ja, würde Badelt sagen. Doch er zitiert auch Pollack, der der Meinung war, das Rinnsal sei einfach von einem Dammbruch bei Partei, Staatssicherheit und Polizei, mitgerissen worden und gar nicht selbst zum Strom geworden. Vielmehr habe im gesamten System längst ein Überdruck geherrscht, welcher sich irgendwo Raum schaffen musste. Dieser Überdruck habe in den Fälschungen bei den Kommunalwahlen 1989, in der allgemeinen Erosion der Legitimität der Staatsführung, den Ausreisewellen und last but not least in einem „Hunger“ nach Wohlstand, wirtschaftlicher Teilhabe und „ökonomischen Wohltaten“, wie sie in der BRD winkten, bestanden. All das hätte wahrscheinlich alleine auch genug Aktionspotential in der Bevölkerung bewirken können, wenn überhaupt, dann waren die NSB vielleicht höchstens eine Art Katalysator. Dafür spricht auch, dass die Ziele der NSB nie die der Masse waren. Die Bewegungen wollten zum Beispiel eine Reform der DDR. Die Masse wollte die Vereinigung mit der BRD. So wurde auch bald aus dem Slogan „Wir sind das Volk“, den man auf den Montagsdemos hören konnte, ein „Wir sind ein Volk!“ Selbstkritisch äußerte Erhard Neubert bei unserem gemeinsamen Gespräch am 05.05. zudem, dass in den NSB nie eine besonders große ökonomische Kompetenz vertreten gewesen sei. Eigentlich wollte man dort auch am Sozialismus festhalten. Irgendwie. Das Volk aber, so könnte man rückwirkend behaupten, war sehr an den Gütern und am Konsum interessiert, beides Verlockungen, mit denen ihnen der Kapitalismus winkte.
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Kickt und inszeniert euch, Frauen!

Alle sind im Rausch – dem des Männerfußballs. Wer denkt da noch an die Frauen-WM 2011? Was der Frauenfußball braucht, um an seinen Glanz vom vergangenen Jahr anzuknüpfen.

Dieser Text erschien zuerst in meiner Kolumne auf freitag.de.

Wenn Deutschland gegen Italien spielt, werden viele Menschen vor dem Fernseher sitzen, von denen ich weiß, dass sie Fußball eigentlich uninteressant finden. Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass der Hype sehr sehr groß ist:  Während des Spiels wird es vermutlich wieder Feuerwerk über meiner Stadt geben. Vuvuzelas werden erklingen (und das Wort „Vuvuzela“ wird nicht einmal von meiner Rechtschreibkorrektur moniert – im Gegensatz zu „Hype“). Die Menschen über meiner Wohnung werden wieder laut aufspringen und brüllen. Menschen, die ich sonst nur durch Klavierspielen höre. Alle schauen Fußball. Männerfußball. Selbst ich habe mir drei Spiele angesehen, obwohl ich eigentlich keine bin, die Sport gerne im Fernsehen schaut.

Was mich aber interessiert, ist die Gender-Frage hinter diesem Phänomen. Denn Feminismus, wie er in der Encyclopedia Britannica definiert wird, ist: „the belief in the social, economic, and political equality of the sexes“, also „der Glaube an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter“. Ungleicher als beim Fußball geht nur schwer.

Davo leben kann keine

Foto: CC BY-NC 2.0 via http://www.flickr.com/people/curoninja/ 黒忍者

Ökonomisch ist der Frauenfußball jenseits der WM kaum interessant, während die Kassen nicht nur zur „Männer-EM“ klingeln, klingeln, klingeln. Sportpolitisch wird in Sachen Frauenfußball kein dringender Handlungsbedarf formuliert – obwohl er besteht. Zudem gibt es einen eklatanten Geschlechter-Bias in der Frage der Inszenierung. Was ich dieser Tage beobachte ist ein stark männlich orientiertes Fan-Verhalten. Knallen, saufen, gröhlen. Ist nicht böse gemeint Jungs: Aber ich kenne nicht wenige Frauen, die beim Stadion-Besuch während der Frauen-WM 2011 irre überrascht waren – und zwar im positiven Sinn – wie angenehm und zivilisiert dort gefeiert wurde. Eben anders.

Nach der WM ist vor der WM – zumindest im Frauenfußball, wie der Film Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, den die Band Maiden Monsters für das Gunda-Werner-Institut gedreht hat, zeigt.
Dort berichten Frauen, wie schwierig es für „Bundesliga-Profis“ ist, Fußball und Leben zu vereinen. Denn davon leben kann eigentlich keine. Am besten vergleichen sich die Damen erst gar nicht mit ihren männlichen Kollegen – denn das würde wohl extrem verbittern. Kaum auszudenken, was für einen Fußball die spielen könnten, wenn sie nur das tun bräuchten!

Die Misere des Frauenfußballs verläuft auf drei verschiedenen Ebenen: Erstens fördern die Sportvereine, wie zum Beispiel der Dortmunder Bundesliga-Meister, den Frauenfußball so gut wie gar nicht. Das ist den deutschen Medien aber keinen Skandal wert. Womit wir bei Problem Nummer zwei wären: Es hapert deutlich an der Inszenierung. 2011 ist diese wunderbar geglückt. Alle haben mitgemacht und an einem Strang gezogen.

Denn man roch das winkende Geld – und die Investitionen haben sich auch tatsächlich gelohnt. Die Quoten waren ein Traum: 17,01 Millionen Zuschauer hingen beim Spiel gegen Japan vor der Glotze. Das Eröffnungsspiel gegen Kanada erreichte mit 60,1 Prozent den höchsten Marktwert – unglaublich! Von solch einer gelungenen Inszenierung hängt viel ab. Sie fortzusetzen wäre unabdingbar für einen Fortschritt im Frauenfußball.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=gOiJiCdBK1w]

Männliche Hegemonie

Doch wer inszeniert denn so einen Sport? Es ist ein Vielklang aus DFB, Medien, teilweise auch Politik und letztendlich auch der  Wirtschaft mit ihrem Marketing. Dass es beispielsweise während der WM 2011 ein Panini-Album gab war das erste Mal bei einer Frauen-Meisterschaft und darf in seiner Auswirkung und Kraft nicht unterschätzt werden. Ein gelungener Hype setzt nämlich im Gehirn der Menschen, höchstwahrscheinlich im Belohnungszentrum an: Je mehr kleine Belohnungsmomente rund um das Event geschaffen werden (und auch wenn es lächerlich klingt, aber Sammelerfolg ist ein großer Belohnungsmoment), desto größer wird der Hype.

Aber jetzt, ein Jahr später, sind wir leider im gleichen Schneckentempo angekommen, das wir schon zuvor hatten. Da stellt sich für mich eigentlich nur die Frage: Na und? Warum sollten wir Frauen, wir FeministInnen, wir GesellschaftskritikerInnen, Fußball wichtig nehmen? Wir könnten doch einfach ganz verächtlich schauen – Gründe werden uns dieser Tage doch genug geliefert: Man führt uns zum wiederholten Male die männliche Hegemonie vor. Die Politik nutzt das Event, um sich gesund zu stoßen. Immer wieder tauchen Skandale um Wetten auf. Unkritische Betrachtungen und Berichte sind die Regel – inklusive des Outing-Verbots für schwule Spieler. Muss man sich dieses „System Fußball“ wirklich antun? Kommerz, Heteronormativität, Krawall und Intrigen?

Ich finde: Ja – aber dabei muss man ja nicht unkritisch werden, wie verschiedene Einwürfe zur WM 2011 gezeigt haben. Professor Dr. Claudia Kugelmann ist Sportpädagogin und leidenschaftliche Befürworterin des Ernstnehmens des Frauenfußballs als Chance: Sichtbarkeit. Macht. Teilhabe. Das sind die drei zentralen Gewinne, die ihrer Ansicht nach hier zu holen sind. Für mich ein Déjà-Vu: Das sind ja die gleichen Gründe, aus denen ich dafür plädiere, dass Frauen sich diese Digitale Gesellschaft zur Heimat machen sollen!

Eingerostete Akteure

Oder Frauen in diese ekelhafte Politik – die gleichen Gründe! Was aber tun? Wie soll das gehen? – Vorbilder! Sagt Kugelmann und ja genau: Das sage ich ja auch immer. Denn letztendlich liegt der politische, der ökonomische und auch der soziale Hund beim Frauenfußball genau da begraben, wo er immer liegt: Bei  schrecklichen Stereotypen.  Das Ringen um Anerkennung gelingt durch Vorbilder. Wir haben Jahrzehnte lang eingeübt, als „richtigen, echten Fußball, wie er sich gehört“ den Männerfußball zu sehen. „Es rührt sich einiges in Deutschland,“ hört man. Und erste Vorbilder erscheinen am Horizont, zum Beispiel Steffi Jones. Doch ich bleibe bei meiner eher verhaltenen Diagnose von vor einem Jahr: Die  Akteure die wir brauchen sind noch zu starr und eingerostet, als dass sich wirklich, und nachhaltig, auf absehbare Zeit etwas ändern könnte. Ich lasse mich natürlich gerne vom Gegenteil überraschen.

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