Applaus für: Sarah Stierch!

Wie ich soeben freudig der Wikipedia-Gender-Gap-Liste entnehme, ist Sarah Stierch die erste Community Fellow der Wikimedia Community. Gratulation :)

Sarah tritt sehr durch ihr internationales Engagement in Sachen „Closing the Gender Gap on Wikipedia“ hervor. Durch die Wahl zum Fellow wird ausdrücklich eine Person ernannt, die diese „Mission“ weiter voranbringen soll. Dafür bekommt sie finanziellen und ideellen Support durch die Wikimedia Foundation.

Ihr erstes Projekt soll sich um neue EditorInnen drehen – eine Art Supporter-Programm für neue EditorInnen – wobei Sarah mit Sicherheit vor allem auch auf eine Geschlechterdemokratie fokussieren wird. Eine der größten Herausforderungen der Wikimedia liegt darin, neue Leute zum Mitschreiben zu animieren – gerade auch solche, die bislang unterrepräsentiert sind.

Es ist im Sinne einer sich immer weiter entwickelnden Offenheit von Wissen, dass nicht nur dasjenige Wissen einer ganz bestimmten sozialen Gruppe Verbreitung findet. Wie viel Wissen liegt noch im Verborgenen, weil die TrägerInnen – aus welchen Gründen auch immer – keinen Zugang zur Wikipedia finden? Frauen sind gut 50% der Weltbevölkerung, doch nur um die 10% der Wikipedia-EditorInnen. Dass sie so unterrepräsentiert dieses freie Wissen mitgestalten ist dabei nur der offensichtlichste Problempunkt.

Sarah Stierch hat die Komplikationen, die dem Thema „Frauen und Wikipedia“ zugrunde liegen analysiert und viele hilfreiche Anknüpfungspunkte gerade auch für die deutsche Wikimedia geliefert. Denn Wikimedia e.V. – der Verein zur Förderung der deutschsprachigen Wikipedia – hat es sich ebenfalls zum Ziel gemacht, den Frauenanteil von 9% auf 18% zu verdoppeln – und das schon im Jahr 2012.

Während in den USA und weltweit ein reger Austausch über die Gender Gap stattfindet, ist es in Deutschland noch ein bisschen ruhiger. Die Portaldiskussion:Frauen und das Wiki-Projekt:Frauen sind ein wichtiger Anfang. Die Wikipedia-Userin Kunani, die in beiden aktiv ist, arbeitet emsig an den Biografien von Frauen. Wie aber können diese einzelnen Baustellen zusammengeführt, wie der Diskurs erweitert werden? Hättet zum Beispiel ihr, liebe LeserInnen, Lust auf eine Mailing-Liste für den Deutschsprachigen Raum, oder interessiert ihr euch für Mentoring- und Editoring-Programme? Alle Ideen sind willkommen – und ein paar werden wir sicherlich von der tollen Sarah Stierch abgucken. :)

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Sie alle befreien Wissen und haben gewonnen

Die Gewinner des Wikimedia-WissensWert-Preises stehen nun fest. Herzlichen Glückwunsch an die Projekte

Open-Access-Medienimporter für Wikimedia Commons
Zeitreise in OpenStreetMap – oder: OSM in der 4. Dimension
CC PLAY – Spiel die Commons
Open (Citizen) Science durch mehr öffentlich verfügbare Genotypisierungen
Barrierefreie YouTube OER-Videos

Letzte Woche traf ich mich zusammen mit einer sehr heterogenen und klugen Jury und wir diskutierten vier Stunden über die insgesamt über 30 Projekte, die sich für den Wissenswert-Preis beworben hatten.

Wie viel Spaß es uns als Jury gemacht hat, und wie bereichernd es für alle Anwesenden war, über die unterschiedlichen Themen, Ideen und Herangehensweisen zu debattieren, hat Delphine Ménard, Schatzmeisterin von Wikimedia, aufgeschrieben: Der Wert des Austauschs.

Die genaue Punkteverteilung durch Jury und Publikum kann in der Auswertung nachgelesen werden.

Besonders spannend finde ich das Projekt „Open (Citizen) Science durch mehr öffentlich verfügbare Genotypisierungen“ , dessen Auswahlbegründung ich sodenn auch schrieb:

„Die Humangenetik steht noch am Anfang ihres Wissens: Die Zusammenhänge zwischen Merkmalen von Menschen (Phänotyp), darunter auch Krankheiten, und dem genetischen Programm der jeweiligen Menschen (Genotyp) sind nur zu einem minimalen Teil aufgeklärt. Da viele Gen-Kombinationen zur Ausprägung eines Merkmals führen können, ist es wichtig, eine große Anzahl von Menschen mit zum Beispiel einer bestimmten Krankheit vergleichen zu können. Das Wichtigste für die Entschlüsselung der Gene ist also: Eine große Datensammlung über Genotypen und Phänotypen von Menschen.

Das Projekt hat es sich zum Ziel gesetzt, hier mit wissenschaftlichem Crowdsourcing zu arbeiten. Das Projekt OpenSNP existiert bereits: Knapp 90 Menschen haben dort ihre Genotype und Phänotype hochgeladen und eingegeben. Und diese können von allen Menschen auf der Welt für die Forschung genutzt werden. Der Wikimedia WissensWert-Preis steht für die Befreiung von unfreiem Wissen – Citizen Science ist eine radikale und umfassende Befreiung von bislang ausschließlich bei den Genotypsierungs-Firmen gehortetem Wissen. Die Wikimedia unterstützt daher das Projekt OpenSNP, indem es die Genotypisierungen – also die Entschlüsselung der DNA-Sequenzen – von Menschen finanziert, die gerne bei dem Projekt mitmachen möchten.

Als Ex-Biologie-Studentin freue ich mich besonders, dass dieses Projekt mit dem WissenWert-Preis gefördert wird. Die Biowissenschaften liegen allzu oft allein in den Händen von Profit-Unternehmen und sind der Mehrheit der Menschheit unverständlich und nicht zugänglich. Projekte wie dieses rütteln daran – sie machen Wissenschaft zu einer Angelegenheit aller.“

Vielen Dank an die Wikimedia, für die Einladung, all diese vielfältigen Ideen und Interessen kennen zu lernen. Viel Erfolg an alle GewinnerInnen, die Chance zu nutzen, in den kommenden sechs Monaten Wissen zu befreien.

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Bildungsstandards als universelles Instrument: Grenzen, Konflikte und Herausforderungen am Beispiel VERA in Deutschland

Vorweg: Dieser Artikel muss noch überarbeitet werden. Inhaltsverzeichnis soll mit Ankern versehen werden, ebenso die Fußnoten (die bisherigen importierten Anker funktionieren noch nicht).

Bachelorarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Bachelor of Arts (B.A.) im Fach Erziehungswissenschaften

Eingereicht am 15.09.2011. Erster Gutachter: Prof. Dr. Marcelo Caruso; 2. Gutachter: Prof. Dr. Jürgen Henze

Humboldt-Universität zu Berlin; Philosophische Fakultät IV; Institut für Erziehungswissenschaften

Inhalt

I. Einleitung

  1. Aufbau der Arbeit
  2. Zentrale Fragestellungen der Arbeit

 

II. Bildungsstandards als „universelle“ und globale Idee

  1. Der Begriff „Bildung“, der Begriff „Standard“
  2. (Ideen-)Geschichte und Hintergrund
  3. Ökonomische Komponenten
  4. Kritik

 

III. (Jüngere) Geschichte der Bildungsstandards in Deutschland

  1.  Die deutsche Debatte seit PISA – Eckpfeiler
  2. IQB: Entstehung, Struktur und Aufgaben

 

IV. Zielsetzung und Durchführung in Deutschland am Beispiel Bildungsstandards und der VERA-Evaluation im Fach Mathematik

  1. Entwicklung des Konzepts
  2. Aufgabenentwicklung und Leitideen
  3. Reaktionen auf VERA
  4. Umsetzung der Evaluationsergebnisse

 

V. Grenzen und Probleme

  1. Kulturanthropologische Bedenken zur Legitimität von Standardisierung im Spannungsfeld von Heterogenität
  2. Komplikationen aufgrund des deutschen Föderalismus‘
  3. Probleme bei der Durchführung von Tests sowie ihrer Interpretation
  4. Spannungsfeld: Systemvielfalt, Segregation und Standardisierung
  5. Welcher Bildungsbegriff ?

 

VI. Diskussion und Ausblick

Literaturverzeichnis

(Die Arbeit als PDF: Roenicke_BA_PDF_Online)

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Troll oder Sexismus?

Im Netz können alle (un)möglichen Menschen ihren Senf zu allem beisteuern. Das kann tierisch nerven, vor allem, wenn man nicht weiß, wes Geistes Kind die Urheber sind

Sascha Lobo machte es sich IMHO etwas zu einfach in seinem diesjährigen Vortrag auf der re:publica. Dort redete er über Trollologie, was ein bisschen wie spontan zusammengeschustert wirkte und zwar entertainerisch Spaß machte, aber inhaltlich – naja. Der zentrale Punkt in seinem Vortrag lautete: Trollerei ist Störkommunikation. Und: JedeR von uns könne ein Troll sein – je nach Kontext, Set und Setting. Als ein Jahr zuvor User, die sich alle Bernd nannten, den re:publica-Livestream des Panels über „Sexismus im Netz“ zuschütteten mit ihrem sexistischen Müll, weshalb für mich, die daheim geblieben war, der Stream irgendwann komplett kollabierte, begann die Diskussion: Was ist Sexismus, und was ist ein Troll? Die Bernds aus dem Livestream-Chat seien Trolle, hieß es da schnell. Und wer sich über Trolle aufrege, sei doof.

Die Wikipedia erklärt mir: „Nach Judith Donath ist das Trollen für den Autor ein Spiel, in welchem das einzige Ziel das Erregen von möglichst erbosten und unsachlichen Antworten ist.“ Das klingt durchaus logisch. Ein ähnliches Spiel kenne ich aus der Schule: Während des Erdkunde-Unterrichts gab es einen Wettbewerb, wer innerhalb einer Schulstunde die meisten Umrundungen des Klassenzimmers schaffte. Diese Spielanalogie hilft: Denn die meiste Empörung und Unsachlichkeit werde ich da erregen, wo sensible Themen angesprochen werden. Rassismus, Feminismus und vielleicht in einer digitalen jüdischen Community.

Sexismus ist normal

„Das Netz“ ist in meinen Augen ein Ort, an dem Sexismus an der Tagesordnung ist. Immer wenn ich das sage, wird mir unterstellt, diese Sichtweise könne ich bloß deshalb haben, weil ich mich in feministischen Kreisen herumtreibe – anderswo sei das alles nicht so schlimm. Abgesehen davon, dass die schlimmsten Frauenhasser sich im Heise-Forum herumtreiben – einem explizit nicht mit Feminismus befassten Ort – ist das Netz jenseits von feministischen Diskussionen sexistisch, wie ein einfacher Blick in seine meistgenutzte Suchmaschine zeigt, die quasi den Mainstream offenbart. Gebe ich dort den Suchbegriff Frauen ein, sind die ersten beiden Treffer „Private Erotik-Kontakte – Sie sucht ihn zum Fremdgehen“ und „Frauen auf Partnersuche | Frauen.Partnersuche.de“. Die Bilder, die mir als nächstes zu Frauen angeboten werden, sind sich lasziv auf einem Auto räkelnde halbangezogene Frauen und ähnliche Playboy-hafte Fotos. Und wenn ich den Link „Frau – Stupipedia“ anklicke (trigger-Warnung!), immerhin das sechste Suchergebnis, wird mir schlecht.

Dass Antje Schrupp und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf meiner ersten Trefferseite auftauchen – beide eingebettet zwischen Frauen aus Polen, Russland und der Frau, die 70 Orgasmen am Tag hat – dürfte der Personalisierung zu verdanken sein, die meine Suchmaschine mir mittlerweile in kleinen Dosen angedeihen lässt, wenn ich etwas suche. Das Ganze mit dem Suchbegriff Männer durchzuspielen überlasse ich Euch und Ihnen – es ist anders (der Wikipedia-Eintrag steht an der ersten Stelle und nicht hinter zwei Sex- und Partnerbörsen erst an dritter), aber nicht unbedingt besser. Kurz: Sexismus ist irgendwie normal. In dieser Gesellschaft. Und damit in diesem Netz.

Hass organisiert sich

So wundert es also auch nicht, dass sich Menschen mit Sexismus auch in der direkten Kommunikation herumschlagen müssen. Ich verlinke mit Sicherheit nicht auf eines der bekannteren Maskulisten-Foren, aber ein Blick dahin zeigt: Auch der Hass, die Misogynie und der Sexismus haben sich Orte im Netz geschaffen, wo sie sich austauschen, vernetzen und gegenseitig befeuern können. Dort werden dann Gespräche geführt, die nicht selten nach dem folgenden Schema ablaufen: Eine irgendwie emanzipatorische Person wurde im Netz gefunden (Text, Bild oder Video) – wird zur Schau gestellt (eine Art Pranger) – alle finden etwas Ekelhaftes dazu zu sagen und wünschen der Person die Pest an den Hals – abschließend wird die Person für unfickbar erklärt. Oder untervögelt. Oder beides.

Den Grund dafür habe ich bereits vor einem guten Jahr im Radio erklärt bekommen: „Männer, die sich in irgend einer Weise in ihrer Männlichkeit herabgesetzt fühlen, reagieren darauf in einer sexualisierten Weise.“ Sagte damals Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke. Doch das ist auch schon alles, was einen ob der geballten Ladung Hass schmunzeln lässt, wie sie seit diesem Jahr auf hatr.org dokumentiert ist. Diese Leute beginnen mittlerweile gezielt, Kommentar-Diskussionen bei den etablierten Medien zu besetzen. Somit tauchen Kommentare wie „Als die Unterwerfung der Frau (unter den Mann) noch als normal galt, war der Fortbestand ‚der Gesellschaft‘ – richtiger: des Volkes – gesichert“ nun überall auf. Auch im englischsprachigen Raum setzen sich Frauen zunehmend mit der Problematik der direkten Misogynie auseinander. Bloggerinnen rufen laut Guardian zum Stopp des Hass-Trollens auf. Eine breite Debatte um die Anonymität wird damit wieder aufgemacht – wie sie auch hiesige Konservative führen, vermeintlich um Opfer von Mobbing und Stalking zu schützen.

Dabei wird verkannt: Sexismus ist kein Trollen. Und Trollen ist selten wirklich misogyn. Und nicht jeder Kommentar, der mir nicht passt, ist automatisch ein Troll. Nur: Die Unterschiede zu erkennen ist manchmal sehr schwer. Da hilft dann oftmals nur noch: Rechner aus und meditieren gehen. Am nächsten Tag sieht man manchmal klarer.

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