Im Faust waren auch keine Fußnoten

Alexander VI. tat und sann nichts anderes, als die Menschen zu hintergehen, und er fand auch immer Objekte, die sich hintergehen ließen. Es gab noch nie einen Menschen, der seine Beteuerungen wirkungsvoller vorgebracht, seine Versprechungen feierlicher beschworen und weniger gehalten hätte. Trotzdem gelangen ihm seine Betrügereien stets nach Wunsch; so gut kannte er die schwache Seite der Menschen.

(Machiavelli: Il Principe; Kapitel 18)

Nur ein Genie beherrscht das Chaos – sagt man das nicht so? Mein Leben ist so unglaublich vielfältig, dass es bisweilen in Chaos ausartet – das ich immer, wirklich immer wieder unter Kontrolle bekommen habe. Ja. Mein Vertrauen in mein Können ist in dieser Hinsicht groß, auch wenn sicherlich selbst mir manches Mal Fehler unterlaufen können.

Ich habe also über eine ziemlich lange Zeit hinweg unglaublich chaotisch so etwas wie eine schlüssige Arbeit zu einem Thema zu schreiben versucht. Mit Copy und Paste habe ich interessante Textteile zusammengetragen und ‚meine‘ Kapitel auf einzelne Disketten verteilt.

Weil ich immer unglaublich gestresst bin, da Job, Politik und Familie mich gleichzeitig herausfordern, merkte ich nicht, wie mir die Sache eigentlich entglitt – das ist der einzige Fehler, den ich an mir erkennen kann. Außerdem passt es überhaupt nicht zu meinem Selbstbild, so etwas nicht zu schaffen.

Schon während meiner Schulzeit war ich den anderen Kindern in meiner Klasse um Längen voraus. Bereits damals war mir klar, dass ich für Größeres bestimmt war, das liegt bei mir in der Familie. In meinem Kopf ist genug drin, und was nicht dort drin ist, delegiere ich an andere – Hauptsache ich kann die Fäden ziehen. Andere, die all den Kleinscheiß machen, für den mir immer die Nerven fehlen, habe ich doch genug. Von Kindesbeinen an konnte ich so meine Gehirnkapazitäten auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben konzentrieren, und wenn mein Kinderzimmer unordentlich war, hat doch eh das Hausmädchen Clara alles wieder aufgeräumt. Ihren lieben kleinen Karli nannte sie mich dabei immer. Sie machte meinen Mist weg und liebte mich dabei – ich war also was besonderes. Ist doch logisch, dass ich zunächst nicht auf die Idee kam, dass diese Text-Stückwert-Sauerei nicht auch irgendwie bereinigt werden könnte.

Es war ja auch immer so: Meine Lehrer und Professoren, durch die Bank, die kannten ja meinen Vater. Die wussten ja: auf den Sohnemann kann man sich verlassen, da muss man sich keine Sorgen machen. Sie sahen doch immer über so manches hinweg. Immer. Zu Recht: Denn nur so konnte ich mein ganzes positives Potential entfalten – nicht auszudenken, wo ich geendet hätte, wenn sie meine Fehler genauso kritisch auseinander genommen hätten, wie die der ganzen Arbeiterkinder, die da immer so rumkämpften. Sie wussten eben auch: Der ist für Größeres bestimmt, den wollen wir mal nicht mit unserer Korinthenkackerei behindern.

Naja, gut: Ich war wirklich ein bisschen erschrocken, als ich am Ende vor diesem Stückwerk saß. Aber seien wir doch mal ehrlich: Dieses wissenschaftliche Arbeiten ist einfach total schrecklich! Leider hätte man mich in diesem Land ohne wissenschaftliche Karriere gar nicht akzeptiert – völlig zu Recht: irgend eine Möglichkeit muss es ja geben, die Guten ins Kröpfchen und die schlechten ins Töpfchen zu stecken, nicht wahr? Je weiter nach Oben ich mich arbeitete, in meiner akademischen Laufbahn, desto dünner wurde die Luft für sogenannte „Aufsteiger“, die aus den unteren Schichten kamen. Das funktioniert also sehr gut, das muss ich ja auch anerkennen!

Natürlich war ich dabei völlig naiv: Ich dachte immer, ich kann es mir ja kaufen. Im Zweifel kann ich es doch immer kaufen. So wie diese lästigen Hausarbeiten am Ende von jedem Semester. Die konnte ich doch auch kaufen. Das war immer eine wunderbare Win-Win-Situation: Die verdienten sich ihren Lebensunterhalt (und das war ja sogar zu ihrem Thema, das ist ja noch viel besser, als zu kellnern oder Taxi zu fahren, da lernten die ja gleich noch was dabei!) und ich konnte mich auf die wichtigen Dinge in meinem Leben konzentrieren. Ehrlich mal: das war doch alles nur ne Alibi-Veranstaltung. Darum ging es doch nie. Mir war doch immer ein ganz anderes Schicksal bestimmt gewesen. Weder wollte ich Wissenschaftler werden, noch in diesem Beruf arbeiten. Politik, ein Land leiten, es in der gesamten Welt präsentieren – ich wusste einfach: das ist genau mein Ding. Ich will mich jetzt nicht erdreisten, mich mit Jesus zu vergleichen. Aber so von der Bestimmung her, da war einfach immer klar: Ich muss was besonderes sein.

Nun saß ich also ein paar Wochen vor der Abgabe da mit diesem Chaos. Also schickte ich es Susanne, die kann das so gut, mit so Texten: die macht die Rund und flüssig zu lesen. Nen Hunni ließ ich ihr schon springen. Das mit den Quellen war mir eigentlich schon damals klar. Also, dass das nun total dumm gelaufen war, dass das eigentlich nicht geht. Aber mal ehrlich: ich hatte mir wirklich Mühe gegeben, ich hatte schon einiges an Zeit aufgewendet, hab es immer irgendwie versucht, mitzudenken. Nur ist mir diese Frickelarbeit echt zu blöd. Also wirklich: Das ist doch furchtbar nervend, dass man seinen Redefluss ständig unterbricht, weil man Quellen und Fußnoten setzen muss. Ich hatte doch alle wichtigen Passagen entdeckt! Was braucht man denn noch? Das war doch ne Eigenleistung! Ich hatte also noch ein paar Wochen übrig und war mir aus meiner Erfahrung und Position heraus sicher: Es wird schon gut gehen. Es ging doch immer alles gut. Und sagte man nicht: In ein paar Jahren fragt niemand mehr danach? Mein Doktorvater war ja auch schon so begeistert von mir, wie alle eben. Ich war mir sicher, er würde ein Auge zudrücken. Und danach verschwände das Ding im Nirvana.

Da war nur die Sache mit dieser FAZ-Autorin: Also, dass die das Ding einmal lesen würde, das war ja wirklich die größte Gefahr für mich. Ich bin ja klug und vorausschauend – das wusste ich natürlich! Jetzt hatte ich also diese Wahl: die ganze Diss hinschmeißen, wegen dieser FAZ-Frau, oder darauf hoffen, dass die Frau genauso funktionierte, wie alle anderen Menschen, die bislang mein Leben kreuzten: wohlwollend, verstehend, beeindruckt. Die Frau kannte ja nur ihre eigene Stelle, da würde ich mich einfach in aller Höflichkeit entschuldigen und Sie als Entschädigung auf mein Gut einladen. Das hat bislang noch alle überzeugt. Ich ging noch einmal alle anderen Quellen durch: nee, außer ihr würde niemand etwas bemerken. Dieses Risiko war total händelbar, wirklich.

Das mit diesem Internet konnte ich ja nicht wissen. Also wirklich: Dass das so einfach funktioniert. Das gab es ja damals noch nicht, ich war ja der erste. Bei Jesus war das ja ähnlich: je besser jemand ist, je größer seine Bestimmung, desto mehr Menschen versuchen, ihm ein Bein zu stellen. Heute landet ja zum Glück keiner mehr am Kreuz! Aber solche Hetzjagden – dafür sind die Menschen noch zu haben. Dabei geht es in meinem Leben überhaupt nicht um Wissenschaftlichkeit. Es geht um das große Ganze. Natürlich werden die Menschen das im Nachhinein einsehen müssen. Ich bin aber überzeugt, dass wir in der Moderne leben, um die Geschichte schon während wir leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Es ist doch nur zum Wohle aller, wenn jemand wie ich seiner eigentlichen Bestimmung nachgeht. Die meisten Menschen haben das verstanden. Die meisten verhalten sich ja auch intuitiv richtig, sie wollen überhaupt nicht auf dieser Lapalie herumhacken – immer und immer wieder. Die wollen sehen, wie ich Politik mache, ihr Land repräsentiere, in Afghanistan.

Aus Niklas Luhmann: Legitimität durch Verfahren

Die lieben mich für das wirklich Wichtige: für meine Ausstrahlung und meine Bestimmung. Ich will diese Menschen nicht enttäuschen und verlieren, für ein paar hyperkritische Neider. Meine Frau, meine Eltern, meine Lehrer und Professoren sollen stolz auf mich sein können, sollen wissen, dass sie sich nicht in mir getäuscht haben. Hier geht es um etwas Größeres!

Im Faust waren schließlich auch keine Fußnoten.

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Die Hysterie-Maschine

Der Film „In guten Händen“ zeichnet die Erfindung des Vibrators im 19. Jahrhundert nach. Eine aufschlussreiche Geschichte.
 
Die Geschichte des Blicks von Medizin und Psychoanalyse auf die Sexualität der Frau ist eine Geschichte der Pathologisierung von Lust und Unlust. Befassen wir uns damit – und lernen wir daraus. Im Dezember, pünktlich zur Weihnachtszeit, kommt ein interessanter Film in die Kinos: In guten Händen, Originaltitel Hysteria. Der Film setzt sich auf eine humorvolle Art und Weise mit einem Phänomen des 19. Jahrhunderts auseinander: der weiblichen Hysterie, damals offiziell eine Krankheit. Die mögliche Ursache wurde schon in der Antike besprochen:
 

„In den antiken Beschreibungen der Hysterie in altägyptischen Papyri wie bei Platon und Hippocrates wird die Ursache der Krankheit in der Gebärmutter gesehen. Konzeptionell ging man davon aus, dass die Gebärmutter, wenn sie nicht regelmäßig mit Samen gefüttert werde, im Körper suchend umherschweife und sich dann am Gehirn festbeiße. Dies führe dann zum typischen ‚hysterischen‘ Verhalten.“

(Quelle: Wikipedia)
 
Ärzte diskutierten darüber bis in die viktorianische Zeit des 19. Jahrhunderts. Diese Diskussion wird durch In guten Händen erstmals auf die Leinwand gebracht. Der Film zeigt auch, wie man damals noch der festen Überzeugung war, eine Frau könne beim Sex keine Lust empfinden, geschweige denn: einen Orgasmus haben. Aus der heutigen Perspektive eine nahezu wahnwitzige Einstellung. Es muss ja viele Frauen gegeben haben, die Orgasmen hatten. Nur konnten die Höhepunkte ob der mangelnden kulturellen und theoretischen Basis wahrscheinlich einfach nicht „eingeordnet“ werden. Also schuf man ein Krankheitsbild, machte etwas Anormales daraus.
 
Eine heilende Krise
 
Hysterische Frauen wurden ergo in die Hände von Ärzten gegeben. Mit speziellen Massagetechniken sollten sie „geheilt“ werden, wobei die Massage direkt an ihrer Vulva durchgeführt und dadurch eine „hysterische Krise“ hervorgerufen wurde, die als lösend galt (und nichts anderes war als: ein Orgasmus). Daneben wusste man aus Erfahrung, dass Vibrationen etwas mit Frauen „anstellten“. So war der Weg von der manuellen Behandlung der Hysterie in Arztpraxen in einer Zeit, in der die Menschen vernarrt in die Idee waren, für alles eine kleine Maschine zu bauen, hin zu einem (zunächst dampfbetriebenen) Massagegerät, der Hysterie-Maschine, nicht weit. In guten Händen gilt so der Mainstream-Presse als lustiger Film, der mit einer wunderbaren Maggie Gyllenhaal in der Hauptrolle, die Erfindung des Vibrators nachzeichnet. Doch eigentlich sollte uns der Film nachdenklich stimmen. Gyllenhaal sagte bei der Premiere in den USA:

„Man sieht eine Vielzahl von Frauen dabei, wie sie Orgasmen haben – und das ist in unserer Gesellschaft nach wie vor wesentlich schockierender als die Darstellung von Sex.“

(Missy Magazine04/11)
 
Es geht also um mehr, als nur ein paar Lacher. Es geht um Aufklärung. Gyllenhaal, bekannt unter anderem aus dem Film Secretary, sieht es als spannend an, mit ihrer schauspielerischen Arbeit Tabus zu brechen und verschiedene Charaktere mit verschiedenen Sexleben zu verkörpern. Tanya Wexler, Regisseurin von Hysteria sagt: „Es gibt immer noch viele Frauen, die nicht wissen, wie sie sich selbst befriedigen sollen.“ Zu viele wahrscheinlich. Unsere Geschichte spielt dabei eine Rolle.
 
Die Erfindung der Frigidität
 
Ein weiterer Arzt, der mit einer weiteren Diagnose das sexuelle Verhalten der Frauen pathologisierte, war Sigmund Freud, Erfinder der Frigidität. Eine direkte Umkehrung der Erwartungen an Frauen – nun wird es anormal, keinen Orgasmus, keine Freude an Sex zu haben. Oder wie es Margarete Mitscherlich bereits 1977 in der Emma schrieb:
 

„Die Frigidität der viktorianischen Frau war nichts, dessen sie sich schämen musste, sie entsprach wie die gesellschaftliche Ungleichheit der Frau den tradierten Werten. Heute ist die Zahl der frigiden Frauen nicht kleiner, aber die Frau fühlt sich dadurch jetzt in ihrem Wertgefühl zutiefst beeinträchtigt, denn Gebot der Stunde ist nun die Orgasmusfähigkeit.“

 
Die Mär von der Frigidität hat sich in der Tat bis heute gehalten. Besser gesagt: Die Mär davon, dass sexuelle Unlust per Se irgendwie „falsch“ sei. Dass man da etwas nehmen muss, oder sonstwie herumdoktern. Natürlich kann sie behandlungsbedürftig sein. Aber als solche wird sie oft viel zu schnell angesehen. „Es gibt keine gefährlichere Krankheit, als die Diagnose“, mit Manfred Lütz gesprochen. Oder wie Mitscherlich in Bezug auf den gedrehten Wind in der Geschichte der weiblichen Sexualität in der Wahrnehmung männlicher Ärzte zusammenfasst:
 

„Vor dem ersten Weltkrieg wurde der Frau als Zeichen ihrer Weiblichkeit sexuelle Unempfindlichkeit abverlangt, heute ist es das Gegenteil: nun ist es die Fähigkeit zum vaginalen Orgasmus, an der die weibliche Reife gemessen wird.“

 
Noch immer befinden sich viele Frauen auf der Suche nach dem „normalen“ Maß an Sex, Lust und Unlust. Auch die selbstbewusste Plakation „Wir sind alle frigide. Wir sind alle hysterisch. Wir sind alle neurotisch“ des MLF (Mouvement de liberation des femmes) in Frankreich, könnte heute wieder auf einer feministischen Demo hochgehalten werden.

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Dicker Engel: Mit PiratInnen über Feminismus reden

Es war kein einfaches Gespräch. Es war eine Herausforderung. Zweieinhalb Stunden habe ich mich im Dicken Engel, einem Internet-Diskussionsformat der Piraten NRW, der Kritik am Feminismus gestellt – wie PiratInnen sie üben. Dabei ging es mal wieder viel um Sozialisation, Stereotype, die Quote, die Idee von Post-Gender, ein bisschen um Zeitbudget und Neurobiologie – sowie meine Erfahrungen als „Quotenfrau“ bei der Grünen Jugend.

Der mh hat das Gespräch dankenswerter Weise aufgenommen und in seinem Blog veröffentlicht. Viel Spaß dabei.

Und bitte auch die von ihm moderierte Diskussion zwischen Fabio Reinhard und Matthias Schrade anhören. Aus (aktuellen) Gründen!

Vielen Dank an Kyra für die freundliche Einladung und für die angenehme Moderation (auch an Gormulus).

Mumble ist nun bei mir installiert und vielleicht sieht man sich einmal wieder, im Dicken Engel. Cooles Format – Chapeau!

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Zu den Vorwürfen von Julia Seeliger

Das wirkt jetzt vielleicht ein bisschen strange, dass ich diese Dinge nicht direkt mit Julia persönlich kläre, sondern gleich öffentlich. Ursprünglich war dies nicht mein Ansinnen. Ich hätte mich gerne mit Julia auf ein abendliches Bier getroffen und geredet. Aber das war nicht möglich. Seitdem verweigere ich eigentlich die direkte Kommunikation mit ihr. Ich könnte sie auch ignorieren, wenn sie nicht permanent öffentlich ihren persönlichen Zwist mit mir führen wollen würde. Es stehen mir gerade zu viele Dinge unkommentiert im Raum. Damit fühle ich mich unwohl. Deswegen eine Klarstellung. Wer keinen Bock auf „ein dummer Kindergartenstreit zwischen zwei belanglosen Bloggerinnen“ hat, der soll hier einfach zu lesen aufhören und bitte auch nicht kommentieren.

Alice Schwarzer

Julias Streit mit mir begann, als ich im März „bei Alice Schwarzer“ war. Als sie nur davon hörte und nichts weiter darüber wusste, außer DASS ich dort war, ging es los. Das dürfe man keinesfalls tun! Das stärke die Seite Schwarzers. Ihren Blogbeitrag dazu schrieb sie, bevor sie das Gespräch auch nur gelesen hatte. Die Kritik begann also weit vor der Auseinandersetzung mit der Sache an sich.
Nun wirft sie mir vor, dass ich Alice Schwarzer kritiklos toll fände. Einerseits habe ich bereits vor Jahren einen ausführlichen Begründungsbrief an die EMMA und an Alice geschrieben, warum ich mein Abo kündigte. Auch komme also aus einer durchaus kritischen Richtung, die sich auch mit dem Streit um das Buch „Wir Alphamädchen“ zuerst noch verschärft hatte.
Andererseits: ja, im persönlichen Gespräch und sie kennen lernend stellte ich fest: Alice Schwarzer ist ne coole Sau. Einfach als Mensch. Interessant, lustig, gebildet, mit dem Herzen dabei. Außerdem war es ein erstes Kennenlerntreffen. Es diente nicht dazu, alle Kritik und möglichen Spaltungspunkte auf den Tisch zu knallen, sondern entgegen dem medialen Spaltungsdiskurs offen zu schauen, wer wir eigentlich sind. Meine Haltung in Bezug auf Alice würde ich somit als „offen, aber wachsam“ beschreiben.

Somit war das Gespräch für die eine Seite gefühlt kritiklos. Für andere, nämlich die EMMA-LeserInnen, im Durchschnitt 35 Jahre alt, war es ein wichtiger Schritt, in einen Diskurs zu kommen und zu schauen, was es auch an jungen feministischen Aktivitäten gibt. Es war ein Anfang. Wo es hinführt steht noch komplett offen. Und ich wehre mich einfach dagegen, mich festlegen zu sollen, Alice abzulehnen. Dazu weiß ich bislang zu wenig. Ich habe viel von ihr gelesen und verstehe sie oft ganz anders, als sie üblicherweise in den Medien rezipiert wird. Und ich behalte mir das Recht vor, eigenständig abzuklopfen, welche Wahrnehmung „richtiger“ ist. Meine Meinung steht da noch nicht fest. Aber z.B. habe ich im Gegensatz zu den meisten anderen ihre Kachelmann-Berichte nicht aus Sekundärquellen rezipiert, sondern selbst gelesen. Daher weiß ich, dass Artikel in spiegel, zeit und co, die von der Vorverurteilung Kachelmanns durch Schwarzer sprachen, eine Lüge sind. Primärquellen sind aber nicht jedermenschs Sache, wie ich allzu oft feststelle. Lieber legt man eine altbekannte Meinung, ein altbekanntes Schema auf und hängt sich faul an die Welle der Empörung dran. Dann ist der Beifall auch sicherer. Und mit dem Strom schwimmt es sich auch leichter. Wer war nochmal kritiklos?

Offene Fragen zwischen Schwarzer und mir bleiben: die Sache mit der BILD-Werbung (nicht die Kolumne! da gab es bereits ne Erklärung, die ich akzeptieren kann, die aber off the record stattfand und ich respektiere das, und gebe das nicht weiter). Ob ich ihr Buch „die große Verschleierung richtig interpretiere (sprich: es geht nicht darum, islamfeindlich zu sein, sondern um Wachsamkeit… siehe auch mein Text „Respekt ist eine Zweibahnstraße„). Und das mit der Pornografie ist zwar geklärt, aber wie Schwarzer zu BDSM und Co. steht, weiß ich auch nicht, das wäre mal noch interessant.

Also: natürlich konnte längst nicht alles geklärt werden. Aber das war auch nicht der Sinn des Gesprächs. Ich behaupte, EMMA und mich – und viele andere – verbindet mehr, als uns trennt. Das Gegenteil müsste erst bewiesen werden, und nicht umgekehrt.Das heißt aber auch, dass ich offen dafür bleibe, dass man mir das Gegenteil beweist. Ich bin ja weder der einen, noch der anderen Seite verpflichtet, sondern allein mir.

Stereotype

Der zweite Zwist-Faktor sind die von mir immer wieder diskutierten Stereotype. Ich habe den Eindruck, dass Julia denkt, ich würde Frauen und Männer als Gruppen denken. So Pinker-Style. Frauen können nicht gut einparken. Männer nicht zuhören. Oder so. Ich hasse die Pinker. Sie greift vorhandene Phänomene auf – statistische „Wahrheiten“ – und onthologisiert sie. Statistische „Wahrheiten“ greife ich auch auf, wenn ich sage „Männer nutzen Technik, Computer und Internet anders, als Frauen“ – nämlich nach dem Motto „fix it and master it“. Frauen hingegen benutzen sie als „tool“, um Dinge zu erledigen. So wurde es einmal in einer repräsentativen US-Studie ausgedrückt. In meinem kurzen Vorstellungsvortrag von Netzfeminismus beim netzpolitischen Abend der Digiges greife ich das auf und versuche es mit der Analogie „Männer frickeln gern mit Linux, Frauen benutzen das praktische iPad“ überspitzt zu bebildern. Mir geht es aber nicht um eine Affirmation dieser Rollenstereotype. Ich nenne sie, weil es sie gibt, weil sie ein bestehendes Phänomen sind – das ich aufbrechen will. Denn diese stereotyp unterschiedliche Herangehensweise an Technik hat folgen. Z.B. dass Nerdetten im einstelligen Prozentbereich rangieren. Dass Frauen im Internet weniger sichtbar sind etc… das kann alles lang und breit anderswo nachgelesen werden, dazu habe ich bereits viel geschrieben.

Julia wirft mir nun vor, ich würde solche Klischees affirmieren. Warum kann ich nicht nachvollziehen. Wie soll man etwas ändern, wenn man es nicht benennen darf? Das verstehe ich nicht.

Mit Lotterleben möchte ich gerne auf dem 28C3 einen Workshop anbieten, der die gesellschaftspolitische und die technische Dimension von Netzfeminismus zusammenbringt. Ich will Nerdetten und Feministinnen zusammen denken. Nach dem Vorbild der mir von Anne Roth näher gebrachten Genderchangers Stereotype aufbrechen. Deswegen thematisieren andere und ich auch immer wieder frauenlose Podien, die Gender-Gap in der Wikipedia, die Blogosphäre der Alphamännchen (sorry guys, ich mein das nicht als Vorwurf, sondern als Hinweis auf eine Unbalance – auf eine To-Do-Liste) etc etc…

Sex

Zum Schluss diese ganze Sex-Diskussion… Da poste ich auf netzfeminismus.org das Video zum re:publica-Vortrag von Jaclyn Friedman, der den Titel „How online feminist Activism is like the clitoris“ trägt und bekomme ernsthaft von Julia Tweets, ich wöllte damit wieder den Streit zwischen klitoralem und vaginalem Orgasmus aufmachen. Hallo? Sie hat sich das Video offensichtlich nichtmal angesehen, wenn sie so reagiert. Dann wüsste sie, dass es nicht um Sex geht, sondern nur eine Metapher benutzt wird.

Und zum Schluss eine Frage an euch – ganz offen und ehrlich: habt ihr den Eindruck, ich und die Frauen hinter Netzfeminismus und bei Frau Lila machen einen Feminismus gegen und ohne Männer?

wirklich?

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Feminismus ist Bildung

Für eine Veränderung der Gesellschaft bedarf es eines gesellschaftlichen Handelns auf Augenhöhe und mit wechselseitiger Beeinflussung.

Dieser Artikel erschien ursprünglich mit dem Titel „Rendezvous in der Mitte“ auf freitag.de

Zunächst möchte ich nachholen, diese und meine letzte Kolumne in einen Zusammenhang zu stellen: Meine Kolumne „Wo sind die Heldinnen“ entstand inspiriert durch einen Blogbeitrag von Antje Schrupp, der meine Gedanken Anstoß, dem ich so nicht zustimmen mochte. Da ihr Beitrag Sonntag und meiner Montag erschien, war klar, dass meine Überlegungen noch nicht ganz gar sind, was auch in den Kommentaren angemerkt wurde. Doch das Andenken und das Einholen von Diskursinput rechtfertigt IMHO auch mal einen ungaren Text. Zumal Antje in meinem Blog tatsächlich antwortete, was abermals den Anstoß zu weiteren Gedanken gab – die ich hiermit teile.

Trivialisierung des Männlichen?

In ihrem Kommentar sagt Antje, dass das Handeln von Frauen schon immer die Basis unserer Zivilisation gewesen sei. Es werde eben trivialisiert und marginalisiert. Im ersten Punkt wird mein Widerspruch ansetzen. Beim zweiten gehen wir völlig d’accord. Was Antje schlussfolgernd und angelehnt an Ina Praetorius fordert: Eine Trivialisierung des Männlichen. Sie schließt damit an die Intention ihres ursprünglichen Textes an:

„Viele Frauen (mehr Frauen als Männer) stehen einfach einer Repräsentationslogik […] skeptisch gegenüber: Diesem Prinzip von „Einer übernimmt ein Amt und spricht dann im Namen der Vielen“. Das […] ist ein Einfallstor für Macht und Hierarchien, also für Un-Politik. Die Politik der Frauen basiert auf anderen Regeln; auf dem Sprechen in erster Person, dem Von sich selbst ausgehen.“

Was sie bevorzugt.
Um die Bauchschmerzen, die ich mit solchen Forderungen habe, zu bebildern, möchte ich einen kurzen Abstecher in die allgemeine Pädagogik machen. Warum? Weil ich glaube, dass wir, wenn wir alle schwurbeligen Fachbegriffe destillisieren und die Kernfrage in den Mund nehmen, übrig behalten: Was ist mehr wert? Das „Männliche“, oder das „Weibliche“ – und wer sollte sich eigentlich wem anpassen und unterordnen? Es geht also um eine Hierarchie. Selbst die Position, die von sich behauptet, sie wende sich gegen Hierarchien, und sich als „das Weibliche“ kennzeichnet, kämpft darum, in der gesellschaftlichen Hierarchie aufzusteigen. Das ist das Paradoxon herrschaftskritischer Feministinnen. Statt der Hierarchisierung der hier dichotom (also in genau zwei Welten eingeteilten) Handlungsweisen, möchte ich gerne eine Wechselwirkung zu denken beginnen. Das ist der Kernpunkt meiner Herangehensweise – und damit ist sie pädagogisch. Denn eine Wechselwirkung menschlichen Handelns mit etwas anderem hat nahezu immer mit Bildung zu tun.

Die Praxen sind gleich viel wert

Dietrich Benner, Allgemeinpädagoge an der Humboldt-Universität zu Berlin, zieht mit folgenden zwei Paradigemen die Orientierungslinie einer von ihm – und auch von mir – favorisierten Bildungstheorie:
1. Sie muss die verschiedenen gesellschaftlichen Praxen in einem nicht-hierarchischem Verhältnis denken. Dabei geht es im Kern darum, anzuerkennen, dass wir eine Vielzahl gesellschaftlicher Praxen haben, Politik, und Wirtschaft und Religion und Pädagogik etc. pp., die alle gleichermaßen notwendig sind, diese Gesellschaft am Laufen zu halten und den in ihr Lebenden Individuen zugute zu kommen. Sie voranzubringen. Wichtig ist nun, dass von all diesen Praxen keine „mehr wert“ ist, als alle anderen. Oder dass die eine – zum Beispiel die Bildung und Erziehung – nur existiert, um die andere – zum Beispiel die Wirtschaft – zu bedienen. Was wir aber momentan vorfinden, und wie wir momentan leben, ist eine Hierarchizität, die dadurch entstanden ist, dass Männer über die Jahrtausende bestimmt haben, was „wertvoll“ ist. Indem sie Kultur gestaltet und geprägt haben. Worum es daher gehen muss: Diese Hierarchie zwischen den „weiblichen“ und den „männlichen“ Praxen muss aufgebrochen werden.
Dass dieses Aufbrechen zwangsläufig mit einer Trivialisierung, also Abwertung, des sogenannten „Männlichen“ einhergehen muss, ist in meinen Augen ein Denkfehler. Wie kann ich zwei Konzepte auf Augenhöhe stellen, wenn ich das eine von beiden erst einmal Abwerte? Das geht nicht.
Es ist vielmehr notwendig, die gesellschaftlichen Praxen, die sich in vielen Bereichen immer noch in „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ unterteilen und damit eher auf- oder eher abgewertet sind, zu „queeren“. Damit meine ich weniger die im Deutschen gebräuchliche Verwendung von „queer“ als Synonym für schwul oder lesbisch, sondern vielmehr die politische Dimension, wie sie im angloamerikanischem Raun deutlich an Verbreitung gewinnt: Das Aufbrechen von Geschlechternormen; das Infragestellen dessen, was – bestimmt über die Kategorie Geschlecht – „normal“ und was nicht „normal“ ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter und hoffe, man verzeiht es mir: Anstatt nur die Körperlichkeit in den Focus zu nehmen, finde ich, dass man auch Handeln queeren muss. Ein Mann in einer Kita, ein Vater, der den Haushalt schmeißt – „normal“ ist das in unserer Gesellschaft längst noch nicht. Mit den alten Stereotypen muss gebrochen werden: Politik und Wirtschaft sind weiterhin „männlich“ konnotiert, Erziehung und Soziales „weiblich“.

Den Kreis der Wirksamkeit erweitern

Meine naiv-optimistische Hoffnung ist, dass sich dabei die verschiedenen gesellschaftlichen Praxen verändern. Durch eine geschlechtliche Durchmischung derselben ziehen ganz neue Kulturen in bislang streng geregelte Bereiche ein. Ich stelle mir das immer wie einen interessanten und unvorhersagbaren Domino-Effekt vor – der in manchen Studien über den Gewinn von Diversity langsam Berücksichtung findet. Und hier kommt das zweite Bennersche Paradigma ins Spiel:
2. Die unbestimmte Bildsamkeit des Menschen, die Humboldt sehr treffend beschreibt:

„Daher entspringt sein [des Menschen] Streben, den Kreis seiner Erkenntnis und seiner Wirksamkeit zu erweitern, und ohne dass er sich selbst deutlich dessen bewusst ist, liegt es ihm nicht eigentlich an dem, was er von jener erwirbt, […]. Rein und in seiner Endabsicht betrachtet, ist […] seine ganze äussre Geschäftigkeit überhaupt aber nur ein Streben, nicht in sich müssig zu bleiben.“

Es ist also ganz natürlich, wenn viele Frauen und viele Männer sich eigentlich für all jene „Welten“ interessieren, die eher außerhalb dessen liegt, was ihnen gesellschaftlich als „normal“ angeboten wird. Auf meinem Weg habe ich sehr viele Frauen getroffen, die Spaß an Machtkämpfen, an Politik und an Maschinenbau oder Informatik hatten. Und einige Männer, die ihre Erfüllung im sozialen Bereich suchen, oder auch in der Grundschule (die ja stark dahin tendiert, ein weiblicher Raum zu werden). Überall, wo die Menschen sich um ein dichotomes, stereotypes Geschlechterdenken einen feuchten Kehricht scherten, wo sie einfach mitmachten und mit der ihnen eher nicht zugeschriebenen Fähigkeit, in Bereichen die eigentlich dem anderen Geschlecht „gehörten“ Verantwortung zu übernehmen und zu wachsen, traf ich bislang die bei weitem interessantesten Menschen – und die hoffnungsvollsten Debatten.
Es kann nicht darum gehen, jene Frauen, die ins Militär gehen oder Bock drauf haben, sich in der Wirtschaft mit den Platzhirschen zu messen – die Wettkampf lieben gelernt haben und die sich selbstbewusst und laut zu Wort melden – zu diffamieren, indem man solche Praxen an sich abwertet. Statt der Abwertung möchte ich die Chance der Umgestaltung, der Veränderung durch Partizipation in den Mittelpunkt der Debatte rücken. „Soll heißen: Eine feministische Reaktion auf Sexismus gegen Frauen, kann nicht Sexismus gegen Männer sein.“

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Respect by Default

in diesem artikel von mh wird sehr gut geschildert, welches problem mit dem sogenannten #weldinggate an die oberfläche trat, warum es eine sollbruchstelle war und wieso es wichtig ist, das ernst zu nehmen. bezeichnend sind auch die kommentare derjenigen, die zugeben, sich aus gründen (die alle sehr gut zusammengefasst werden) vom jungen feminismus oder von frauenthemen insgesamt abgewendet zu haben.
 
ich würde mir sehr wünschen, dass diese debatte nicht darauf reduziert wird, dass die genannten argumente einzig und allein darauf abzielten, dass rassismus klein geredet werden soll – das ist mitnichten der fall.
ich würde mir auch wünschen, dass dem wunsch nach mehr respekt und weniger abgrenzung vielleicht mal ein öhrchen geschenkt wird.
dass nicht nur abgeblockt wird.
weil ich fürchte, dass sich sonst immer mehr menschen aus dem feministischen diskurs zurückziehen werden, die den diskurs bereichnern würden.
die angesprochenen ausgrenzungen und die oft auftretende aggression sind ein bärendienst (grinsel) am feministischen diskurs. sie werfen denjenigen unnötig steine in den weg, die einen offeneren feminismus leben.
es wäre zudem auch wirklich toll, wenn die offenen nicht als „die, die mit dem feind schlafen“ abgewatscht würden.
 
es steht ja nicht zur debatte, dass ein exklusiver raum für nicht-mainstream-feministinnen notwendig und richtig ist. manche leute sind in den intersektionalitätsdebatten und der rassismusforschung eben weiter. denken viel mehr über privilegien nach und sind sensibilisierter.
aber: der respekt gegenüber leuten, die diesen habitus nicht antrainiert haben, die nicht alle die dazugehörigen akademischen diskurse gefressen haben, die offen, aber ahnungslos, naiv und nicht so verbittert sind; das ernstnehmen all jener menschen, die lernen wollen, diskutieren wollen und auch mal „dumme“ fragen stellen – die dürfen darunter nicht leiden.
 
RESPECT BY DEFAULT

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