Was uns nicht umbringt …

Kadda erinnert sich an die Mutproben ihrer Kindheit. Und fragt sich, warum wir als Erwachsene versuchen, um jeden Preis unangenehme Situationen zu vermeiden.
Mutproben for the win!

Mein Sohn ist vier Jahre alt und hat noch vor drei Tagen furchtbar geschrien, wenn ihm beim Baden aus Versehen ein paar Spritzer Wasser ins Gesicht gerieten. Gestern rannte er wie wild durch einen laufenden Rasensprenger, wobei das Wasser ins Gesicht und auf die Haaren – ja, sogar in die heilige Zone der Ohren! – spritzte. Er quiekte vor Vergnügen und strahlte vor Stolz. Angestachelt worden war er durch ältere Nachbarjungs, die, wie selbstverständlich, seit es warm ist mit dem Wasserschlauch die Gärten unsicher machten – und dabei nicht selten mit teilweise heftigen Wasserstrahlen einander ins Gesicht schossen. Quiekend. Glücklich. Stark.

waaaaahhhhhh!

(Bild: vom e_monk via flickr)

Wir Erwachsenen hingegen haben gelernt, anders zu leben: Die Unlustvermeidung ist für viele zu einem zentralen Streben geworden, wie schon Konrad Lorenz in Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit feststellte. „Damit verschwindet die Fähigkeit der Menschen, jene Freuden zu erleben, die nur durch herbe Anstrengung beim Überwinden von Hindernissen gewonnen werden kann. Der naturgewollte Wogengang der Kontraste von Freud und Leid verebbt in unmerklichen Oszillationen namenloser Langeweile.“ Sicherlich: Lorenz übertreibt, wenn er meint, dass der moderne Mensch generell und unweigerlich in einem, wie er es nennt „Wärmetod des Gefühls“ verfällt. Denn: Für viele Menschen ist Unlustvermeidung gar nicht möglich – soziale und ökonomische Zwänge gehören genauer untersucht, als Lorenz es tat –, hedonistischer Lifestyle ist eine Klassenfrage. Aber Lorenz traf einen wunden Punkt zivilisierter Menschen in seiner Analyse: Das idealisierte Bild von Leben beinhaltet selten die Schattenseiten. „Wir haben keinen Platz für Dinge, die uns hindern, für unerfüllte Träume, für die Fettröllchen des Lebens…“ (mh).

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Die Biedermeier-Aufklärung

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geht mir auf den Geist: Moralisierend, pauschalisierend, fast hysterisch – muss das wirklich so sein?

Rausch und Kontrollverlust - nicht immer nur böse

Rausch und Kontrollverlust – nicht immer nur böse

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) geht mir auf den Geist. Sie erinnert mich an eine Folge der Serie Michel aus Lönneberga. Ja, genau, dieser Astrid-Lindgren-Lausejunge. Michel isst aus Versehen alkoholisierte Kirschen und wird betrunken. Was seine Großmutter Krösa-Maja sofort in Lönneberga herumtratscht – es ist ein Skandal! Einen Tag später stehen sogenannte „Guttempler“ vor der Tür, die Michel dazu bringen, in einer öffentlichen Messe dem Alkohol abzuschwören. Dabei ist Michel weit entfernt von Alkoholismus! Diese christlich-moralistische Einstellung der Guttempler erinnert mich sehr an die BZgA.

Alkohol macht Männer zu Tätern

Zum ersten Mal wurde ich auf diese Einrichtung aufmerksam, als mir am Berliner U-Bahnhof Samariterstraße ihr Plakat zur Anti-Alkohol-Kampagne, „Kenn dein Limit“, ins Auge fiel. Darauf zwei Frauen und zwei Männer. „Coole, gediegene Partystimmung im Club“ – wie es heißt. Einer der Frauen wird unterstellt, „Sie lässt heute noch alle Hemmungen fallen“, und einem der Männer: „er stellt sie später nackt ins Netz“. Die Kampagne vermittelt unterschwellig die Botschaft, dass Frauen, wenn sie die Kontrolle verlieren, als Opfer enden und Männer zu Tätern werden. Diese Botschaft enthält ein Tabu von weiblichem Kontrollverlust. Zudem wohnt ihr, wie ich schon einmal an anderer Stelle im Freitag geschrieben habe, eine Selbst-Schuld-Suggestion inne, die zutiefst anti-emanzipatorisch ist.

Ja, wer zu viel Alkohol konsumiert, der schadet später vielleicht sich oder anderen. Alkohol macht mehr kaputt, als die meisten denken. So weit, so richtig. Aber ist der leicht puritanisch anmutende Ansatz der BZgA wirklich etwas, das in Zeiten von Flatrate-Partys und „Post-Privacy“ noch greift? Holt so eine Zeigefinger-Kampagne die anvisierte Zielgruppe da ab, wo sie steht? „Die Biedermeier-Aufklärung“ weiterlesen

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