LehrerInnen können grausam sein

Oder: warum Bildung ein permanentes Glücksspiel sein kann.

Schule vor über 100 Jahren
Schule vor über 100 Jahren

(Bild: (cc)Robert of Fairfax, via Flickr)

1989, noch vor der Wende, zog ich mit meiner Mutter aus Sachsen-Anhalt in das beschauliche Dörfchen Igersheim in Baden-Württemberg, wo mein „fahnenflüchtiger“ Vater bereits zweieinhalb Jahre lebte. Nur wenige Wochen nach unserer Ankunft wurde ich eingeschult. Gutes Timing. Es war jedoch nicht so einfach für mich, als „die aus der DDR“.

Doch ich hatte größtes Glück: Als Klassenlehrer wurde mir Herr Neumann zugeteilt. Mit subtilen Methoden, quasi hinter meinem Rücken, war ich (auch) dank ihm binnen zwei Jahren integriert (bin vermutlich auch recht anpassungsfähig). Alles, was ich weiß ist, dass dass er ein sehr gutes pädagogisches Gespür hatte und dass er ein guter Beobachter war, der sich in kleine Kinder gut hineinversetzen konnte. Die Sache mit meinem Selbstgefühl – und damit mit meinem ganzen Leben – hätte damals auch eine komplett andere Richtung nehmen können.

Oft läuft es leider anders. Meine Erfahrung, die viele Menschen um mich teilen, ist: Lehrerinnen und Lehrer können grausam sein! „LehrerInnen können grausam sein“ weiterlesen

Flattr this!

Macht doch einfach Koitus interruptus

Helge Timmerberg in der aktuellen Neon auf die Frage: „Darf ich das Verhütungsmittel bestimmen?“:

„[…]Man muss sich einigen. Ich zum Beispiel mag keine Kondome, aber habe mit dem Koitus interruptus eigentlich keine Probleme. Das „eigentlich“ bezieht sich auf die Anbetung eines Ideals. Denn natürlich ist das Schönste beim Sex der gemeinsame Orgasmus. Aber wer hat den schon?“

(Neon, Juni 2011, S. 58)

wtf?

Flattr this!

Professoren-Problemchen, Traumlehrer, DSK

Siviu schreibt auf der Mädchenmannschaft über den Fall Dominique Strauss-Kahn. Inge sagt zum Thema Macht daraufhin etwas scheinbar Einfaches und IMHO sehr Wichtiges:

zum Thema “Macht”: das ist erst einmal ein neutraler Begriff – also Macht ist nichts schlechtes – hat mit Kompetenz und Verantwortung zu tun. Dass Macht korumpiert, ist an sich schon falsch herum gedacht. Es ist immer der Mensch, der mit Macht nicht verantwortlich umgeht.

„Professoren-Problemchen, Traumlehrer, DSK“ weiterlesen

Flattr this!

„lesbisches Kontinuum“ – Frauen vor, Männer zum Sex – oder so

Hab sehr viel um die Ohren grade. Aber dieser Kommentar ist toll! Er stammt von Antje Schrupp (mal wieder, aber so ist das eben – Gutes setzt sich durch!). Sie steuerte ihn dem heiß-kommentierten Text von Nadine in der Mädchenmannschaft mit dem Po-pieksendem Titel „Warum es manchmal okay ist, Heteros doof zu finden“ bei:

In der 70er Jahre Frauenbewegung gab es ja auch noch die so genannten “Bewegungslesben”, also Frauen, die sich bewusst bzw. aus politischen Gründen für lesbisches Leben entschieden haben. Ich fand das – als überwiegend Hetera – immer eine ganz befreiende Perspektive. Ich habe nämlich meine lesbischen Freundinnen immer etwas beneidet, weil sie, hm, die Verhältnisse immer schon durch ihr ganz normales Leben herausgefordert haben, während man mich wegen der Männerbeziehungen immer für “normal” hielt, was ich ja um Himmels Willen nicht sein wollte (was natürlich auch etwas albern war).
Und dann gibt es ja noch die Idee von einem “lesbischen Kontinuum”, ich glaube, von Adrienne Rich, und wir haben heftig darüber diskutiert, ob eine Frau, auch wenn sie mit Männern Sex hat oder sogar Liebesbeziehungen, trotzdem eine Lesbe sein kann, in dem Sinne, dass sie trotzdem den (politischen, freundschaftlichen) Beziehungen zu anderen Frauen Vorrang gibt.
Lange Rede, kurzer Sinn: Die Frage nach dem Verhältnis von lesbisch/hetera ist vieldimensional, denn man hat ja nie nur Beziehungen zu einem Menschen und die Frage ist auch, welche Bedeutung “die eine” Beziehung im Verhältnis zu all den anderen Beziehungen hat.
Aber das führt jetzt vielleicht auch etwas ab vom Thema.

ich finde das so schön! Da gibt es mal wieder ein echtes Konzept für einen Traum, den ich in meiner Jugend meinte selbst erfunden zu haben. Als ich 18 war, wollte ich mit meiner damaligen besten Freundin ganz genau so leben: Wir sind uns bis an unser Lebensende treu und „halten“ uns nebenher Männer für den Sex. Bis heute träume ich manchmal davon. #hach – aber sagt das nicht meinem Mann!

Flattr this!

Warum eigentlich noch DARÜBER sprechen?

Unter der feministischen Flagge zu segeln kann echt ätzend sein. Warum es sich trotzdem lohnt.

(Bild: (cc) von orse via Flickr)

Oh Gott – Schon wieder dieser Feminismus! Hilfe! – solche Reaktionen sind mein täglich Brot geworden. Als ich und andere auf der re:publica feministische Haltungen in unseren Panels einnahmen, florierten die Hasstiraden, die Häme und die Genervtheit auf twitter, in den Blogs und auch in den persönlichen Gesprächen auf dem Gang. Antje Schrupp brachte die Reaktionen auf die feministischen Panels bei der re:publica in einem Satz gut auf den Punkt: „Simone de Beauvoir war auch eine vom Männermainstream anerkannte Philosophin. Bis sie ein Buch DARÜBER geschrieben hat.“ Die Reaktionen auf Leute, die über Feminismus, die Rolle der Frau etc. sprechen sind ätzend! Ich kann es trotzdem nicht lassen und fange immer wieder damit an. Laut. Und öffentlich. Als sei dieses laut und öffentlich DARÜBER Sprechen an sich eine Provokation, gibt es bei kaum einer anderen politischen Haltung diese heftigen Abwehrreaktionen. Warum auch immer, das soll uns hier nicht weiter befassen. „Warum eigentlich noch DARÜBER sprechen?“ weiterlesen

Flattr this!

Netz-Machos, Action-Heldin, Osama und Obama

Eine Kommentarsammlung der vergangenen Woche kann nicht ohne einen Kommentar zu Obama/Osama auskommen. Ich muss sagen: Dazu einen klugen zu finden, war unglaublich schwer! Die meisten verhedderten sich einfach unsäglich in hoch-emotionalisiertem Bashing und moralischer Entwertung. Ich aber suchte einen politischen und differenzierten – weil nicht so einfachen – Kommentar. Und fand ihn bei Ingo Neumayers klasse Vreitagsvers auf Spreeblick (lesen!) von Netzartiger:

Verschwörungstheorien hin und her. Der Mann war sicher gefährlich und das die Amis Blutrache nehmen ist nach amerikanischen Gesichtspunkten in Ordnung. Befragt die Amis sind mehr dafür als dagegen und so muss sich Obama auch in erster Linie verhalten – wie SEIN Volk das erwartet.

Dessen ungeachtet, wenn ich teil der Spezialeinheit gewesen wäre, und gewusst hätte, hinter der nächsten Tür ist Osama… hätte ich vielleicht auch einen unruhigen Zeigefinger gehabt.

Über Obama herzufallen ist genauso falsch wie ihm dafür einen Orden zu geben.

„Netz-Machos, Action-Heldin, Osama und Obama“ weiterlesen

Flattr this!

Scham?, Liebe, Spackeria-Selbstkritik

Julia Schramm schreibt sich selbst eine Kritik – eine gute Kritik – denn sonst hat es ja keiner hinbekommen! Alles muss frau selbst machen. mspro nimmt ihre Gedanken auf und denkt sie weiter. Alles spannend, ein bisschen elfenbeinturmig – aber doch: #revolutionär!

mspro Says:
Hmm, hier gäbe es viel zu sagen. Ich beschränke mich nur auf einen Absatz:

“Privatsphäre bedeutet die ìnstitutionalisierte Sphäre des Ichs, meine Welt, die so unabhängig und unbeeinflusst sein sollen darf wie möglich.”

Im Grunde ist das, recht gut auf den Punkt gebracht, der eigentliche Kern der abendländischen Pivatsphärenerzählung. Ich nenne das eine Metaphysik der Innerlichkeit. Es wird angenommen, dass es einen, von aller Umwelt, sozialem und Technik unaffizierten Kern des Menschliches gibt, der sowas wie der Kern des Indiviuums und seiner Identität ausmacht. Um diesem Kern Raum zu geben, sich zu entfalten, braucht es den unbeobachteten Raum.

Ich halte das für sehr ideologisch aber in allen Köpfen tief eingebaut und für den Postprivacydiskurs ist es die schwierigste Nuß, die es zu knacken gilt. Da hängt ja noch ne ganze Menge dran: der ganze traditionelle Humanismus, könnte man sagen.

Soweit ich weiß versucht @Plom dem entgegenzutreten, indem er diese Vorstellung aus dem Christentum herleitet und so weltanschuerisch diskreditiert. Das mag stimmen, aber es wird nicht reichen. Hier muss richtige Dekonstruktion geleistet werden. Die Widersprüche müssen aufgezeigt und das Konzept gegen sich selbst gewendet werden. Ich bin mir sicher- glaube sogar, dass Derrida da bestimmt schon was geleistet hat – komm aber auch nicht drauf.

Dazu müsste man dann eine Erklärung finden, die ganz ohne diesen Kern auskommt, was aber nicht allzuschwierig sein muss, denn soweit ich das überblicke, ist er eigentlich für nichts eine besonders wichtiger Erklärungsansatz. Der Mensch bildet seinen Individualismus über seine soziale Umwelt aus. Das sehe ich gar keinen Widerspruch.

Ansonsten, schöner Text. Und Kopf hoch. Du machst das großartig!

„Scham?, Liebe, Spackeria-Selbstkritik“ weiterlesen

Flattr this!

Schäm dich!

Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf freitag.de.
Schämen sich Frauen mehr als Männer? Eine kleine Retrospektive der weiblichen Scham


Bild: Roberta R. / wererabbit via Flickr

Wenn ich diesen Begriff schreibe, dann fällt zuallererst ins Auge, dass „die weibliche Scham“ zwei unterschiedliche Bedeutungen annimmt. Einerseits verweist das Substantiv von „sich schämen“ auf einen Zustand – ein Gefühl. Andererseits verweist es auf eine Körperregion: Den sogenannten „Schambereich“. Hallo? Das ist unsere VULVA! Was hat denn das mit Scham zu tun? Bei Männern heißt das Gebamsel untenrum übrigens einfach „Genitalbereich“ – während selbst in etablierten Lexika, genauso wie in der freien Online-Enzyklopädie bei Frauen von der „Scham“ die Rede ist. Denken Sie mal darüber nach.
„Schäm dich!“ weiterlesen

Flattr this!