Moralische Entwertung – Debatte tot

Warum man auch mit vermeintlichen „Feinden“ reden muss und mit Leuten, deren Meinung man in bestimmten Punkten nicht teilt. Warum es kritisch wird für den Pluralismus, die Grundlage der Demokratie, wenn inhaltliche Diskurse auf die moralische Schiene gelegt werden. – Überlegungen Chantal Mouffes in Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion. (Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007).

(Bild: Andrew Becraft über flickr)

Eines der zentralen Kennzeichen von Post-Politik sei, so Chantal Mouffe, dass Politik zunehmend im Register der Moral ausgetragen werde. Die Konstruktion von Gegnerschaft werde nicht mehr politisch vorgenommen, sondern auf moralischer Ebene.
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Ab heute am Kiosk: EMMA

Liebe Leute,
ab heute ist die neue EMMA am Kiosk und ich möchte allen ans Herz legen, zu lesen wie Alice Schwarzer, zwei EMMAs, zwei Missys und ich miteinander gequatscht haben.
Nach all den Jahren in denen durch die Medien der „alte Feminismus“ und der „neue Feminismus“ gegeneinander ausgespielt wurden, saßen wir an einem Tisch und haben geschaut, was uns eigentlich trennt. Dabei kam heraus, dass uns viel mehr verbindet, als wir eigentlich dachten. So manches Vorurteil wurde als solches entlarvt. Es wurde viel gelacht aber auch ernsthaft gegrübelt: Wie kann es sein, dass das Rad der Geschichte den Feminismus immer wieder an Punkte bringt, an denen er schon am Anfang stand?


(Foto: Bettina Flitner)

Auszug aus dem Gespräch:

Alice (EMMA) Katrin, du bist schuld, dass wir hier sitzen. Denn du hast mir diese Mail geschrieben, über die ich mich sehr gefreut habe.

Katrin (FrauLila) Ja, ich hatte in deinem Blog deinen Brief an Kristina Schröder gelesen. Darin kam das Wort „Alphamädchen“ vor, da dachte ich: Es ist schade, dass wir immer so viel übereinander reden, anstatt miteinander zu reden.

Alice Das sehen wir genauso! Mit Missy hatten wir ja schon vor dem Erscheinen des ersten Heftes einen Briefwechsel.

Stefanie (Missy) Ja, wir waren interessiert euch kennen zu lernen und wollten uns auch ein paar Tipps abholen.
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Das Y-Chromosomen hat nicht die Hosen an

(Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf Freitag.de)

Der Sohn unser Kolumnistin hat sich einen Rock ausgesucht. Als Feministin sollte sie das freuen. Aber so einfach ist das nicht mit der geschlechtersensiblen Erziehung

Tatsächlich wächst Leo seit eh und je zumindest von unserer Seite ohne geschlechtsspezifische soziale Vorgaben auf. Ich kenne viele Menschen, die fest glauben, dass Jungen von Natur aus am liebsten mit Autos spielen, aggressiver sind und nicht so gerne malen, wohingegen Mädchen sich gerne kümmern, sozialer sind und rosa brauchen. „Alles in den Genen.“ Für mich sind das Märchen.

Deswegen lasse ich beiden Kindern ihre Freiräume, in denen sie sich einfach entwickeln können, wie es ihnen passt. Das Gute ist, dass ich mit einem Jungen und einem Mädchen gesegnet bin. „Du und dein kleines Gender-Experiment“, sagt mein Mann immer schmunzelnd, wenn ich mich darüber freue, weil ich so an den beiden ausprobieren kann, ob und wie geschlechtersensible oder „-neutrale“ Erziehung funktioniert. Weiterlesen

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Let’s talk about McSex

Der Konsum von “Fast Sex” im Internet schlägt auf die Psyche, gerade so wie Fast Food sich auf den Körper auswirkt. Was wir brauchen, ist eine neue sexuelle Befreiung.

(c) Frl. Zucker

Internet-Sex ist ungesund! – Diese These klingt in der sogenannten modernen Welt absurd und abwegig. Ein Mensch, der Pornos im Internet schaut, gilt als normal. Dabei ist es unerheblich, welches Ausmaß der Konsum annimmt. Oder welche Praktiken in den Filmen dargestellt werden. Pornografie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Pornografie-Kritik gilt als gestrig. Diese Sichtweise basiert auf zwei grundsätzlichen Annahmen:

  • Der Mensch ist ein Triebwesen, er “braucht” das einfach. Und es ist eine große Befreiung, das endlich in allen Facetten ausleben zu können.
  • Das sogenannte “Appetitmachen” in der Cyberwelt steht in keiner Beziehung zum “Zuhauseessen”. Pornokonsum und gelebte sexuelle Beziehung haben keine Verbindung miteinander, sie sind sauber getrennt.

Oder?

Für die britische Feministin Natasha Walter ist diese Bagatellisierung und Normalisierung des Konsums von Internetpornografie eine Gefahr – ein Angriff auf die Würde der Frauen und ein Angriff auf tatsächliche Intimität in sexuellen Beziehungen. Laut ihrer Einschätzung “ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der übermäßige Konsum von Pornographie tatsächlich viele erotische Beziehungen bedroht”. Überdramatisierung? Hysterie? Zwei Vokabeln, die schnell zur Hand sind, wenn jemand die Harmlosigkeit von Internet-Sex infrage stellt. Und dann auch noch eine Feministin!

Die therapeutische Praxis

Erotische Beziehungen sind das Spezialgebiet von Hannie van Rijsingen. Die Sexualtherapeutin behandelt seit dem Erscheinen ihres Buches Seks, alles of niets (erschienen auf Niederländisch) viele Paare, in denen Männer ein zweites Sexualleben im Internet begonnen haben. Die Männer kommen freiwillig in ihre Praxis, oder werden von ihren Frauen “geschickt” – van Rijsingen gilt als Expertin auf diesem sehr delikaten Gebiet. Dabei wollte sie ursprünglich etwas ganz anderes wissen: Ihr Verlag hatte sie gebeten, ein Buch über Männer zu schreiben, die keine Lust mehr auf ihre Partnerin haben.

Sie fand schnell heraus, dass ein Großteil dieser Männer nur auf diese spezielle Partnerin keine Lust mehr hatten – im Geheimen aber ein Sexleben führten: mit dem Computer. Van Rijsingen fiel es wie Schuppen von den Augen: “Das hatte ich früher nicht gesehen!”, sagt sie heute. “Das kommt häufig vor.” Dabei ist van Rijsingen weit entfernt davon, die Männer an den Pranger zu stellen. Ihr geht es um Veränderung und um Hilfe. Unter ihrer Leitung trifft sich eine Gruppe Männer, um in einem geschützten Raum ihre Erfahrungen auszutauschen. Alle sind internetsexsüchtig.

Van Rijsingen hat aus ihren Gesprächen zwei wesentliche Erkenntnisse mitgenommen:

  • Jeder der Männer, die übermäßig häufig Pornografie im Internet konsumieren (also in der Regel täglich mehrere Stunden), tat dies als Flucht. Sie alle flohen vor Schwierigkeiten und Stress am Arbeitsplatz oder in der Beziehung.
  • Jeder dieser Männer trug die Bilder, die sich in seinem Kopf festsetzten, in die Sexualbeziehung mit der Partnerin hinein. Rief sie ab, wenn er “leisten” sollte – brauchte sie, um leisten zu können. “Der Kontakt mit der Partnerin geht verloren”, stellt die Therapeutin fest, “denn man hat nun Kontakt mit den Bildern. Zwei Personen sind damit beschäftigt, einen Orgasmus zu erreichen, aber der Kontakt zwischen ihnen fehlt.” Der Sex wird zum Stress-Ventil. Um ein erfülltes körperliches erleben mit der Partnerin geht es kaum noch. Die Männer versuchen ein emotionales Loch zu füllen.


Liebevolle Sexualität statt McSex

Myrthe Hilkens ist eine junge und bekannte Musikjournalistin. Sie schrieb mit McSex – Die Pornofizierung unserer Gesellschaft eine Streitschrift gegen die Kontaklosigkeit, die Macht der Bilder und den bulimischen Konsum von Pornografie im Internet. Sie hat Männer interviewt, die ihr erzählten: “Seit ich 14 bin, kann ich mir nicht mehr ohne Porno einen runterholen.” Oder: “Wenn ich zu Pornos masturbiere, hat das nichts mit Leidenschaft zu tun oder mit sexuellem Verlangen.” Ähnlich wie die Männer in van Rijsingens Praxis bemerken sie, dass etwas nicht stimmt. Es fühlt sich verkehrt an. Sie spüren eine Leere.

Hilkens betrachtet aber nicht nur die Männer. Einer von drei Besuchern von Sex-Websites ist heute eine Frau. In sexuell angehauchten Sex-Chatrooms sind zweimal mehr Frauen als Männer; 17 Prozent der Frauen sind pornografiesüchtig; und 13 Prozent der 9,4 Millionen Frauen, die Sex-Websites besuchen, tun dies während ihrer Arbeitszeit (Hilkens zitiert hier die Pornography Statistics). In Internetforen tauschen sich jetzt bereits Männer unter dem Betreff “Hilfe, meine Frau schaut Pornos” aus.

Die Autorin geht noch einen Schritt weiter: sie wünscht sich mehr “gute Pornos”. “Unvollkommenheiten, wahre Gefühle und echte Menschen” sind davon ein genauso wichtiger Bestandteil wie “Hängebrüste, Fettröllchen, Kondome, sogar Liebe”. Solche Filme erleben eine Renaissance. Doch davon sind 99 Prozent der kostenlosen und schnell erklickten Angebote im Internet weit entfernt. Im Gegenteil: In der Welt, in der es “nichts nicht gibt”, sind Schamhaare schon zur Rarität geworden.

Wir brauchen eine neue Sexuelle Befreiung!

Walter, van Rijsingen und Hilkens sind vielleicht die Sex-positivsten Menschen, die man lesen kann. Weder sind sie prüde noch hysterisch. Sie beschreiben eine gesellschaftliche Realität, die aus Sexualität eine Ware, ein Stress-Ventil gemacht hat, welche von Bildern dominiert ist – nicht von Kontakt, Liebe und Intimität. Was als Befreiung und Ermächtigung verkauft wird, ist nichts anderes als neue Fesseln. Fesseln, die mit der gegenseitigen Entfremdung der Menschen in ihren Paarbeziehungen einhergehen. So lautet denn der letzte Satz in Hilkens Buch: “Es ist, kurz gesagt, Zeit für eine neue sexuelle Revolution.” Fangen wir an!

Literatur:

 

ANZEIGE:
Die Bücher über den jeweiligen Link zu bestellen, unterstützt die Mädchenmannschaft.

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(Dieser Artikel erschien als Kolumne auf freitag.de)

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„This film grabbed my heart!“: Women Without Men

Worum geht es:
Der Film der Regisseurin Shirin Neshat spielt in Iran, 50er Jahre. Er ist ein düsterer Film, der vier Frauen betrachtet: Eine lebt mit ihrem Bruder zusammen, der sie gegen ihren Willen endlich verheiraten will. Die andere ist in ebendiesen Bruder verliebt – aber ohne Chance. Die Dritte ist eine Prostituierte – ein Beruf, der gerade in Teheran besonders am Rande der Gesellschaft steht. Die Vierte ist eine gutgestellte angesehene Gattin. Alle vier haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind auf unterschiedliche Arten und Weisen gefangen. Unter dem Hintergrundgeschehen des Putsches von 1953 in Teheran, finden drei von ihnen zueinander.

Worum geht es wirklich:
Es geht um ein wichtiges und zentrales humanistisches Thema: das Thema Freiheit. Der Film macht fühlbar, was es bedeutet, systematisch der Freiheit beraubt zu sein – aufgrund von Geschlecht, Herkunft und gesellschaftlicher Stellung.

Der Trailer:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=0CGxQlcrlYw]

Der Film wühlt auf. Packt. Macht wütend.
Auch wenn er sehr beklemmend ist; auch wenn es wirklich weh tut, ihn zu sehen – dieser Film ist sehenswert und sei euch hiermit ans Herz gelegt.

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Let’s talk about McSex

Dieser Artikel erschien als Kolumne auf Freitag.de

Der Konsum von „Fast Sex“ im Internet schlägt auf die Psyche, gerade so wie Fast Food sich auf den Körper auswirkt. Was wir brauchen, ist eine neue sexuelle Befreiung

Internet-Sex ist ungesund! – Diese These klingt in der sogenannten modernen Welt absurd und abwegig. Ein Mensch, der Pornos im Internet schaut, gilt als normal. Dabei ist es unerheblich, welches Ausmaß der Konsum annimmt. Oder welche Praktiken in den Filmen dargestellt werden. Pornografie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Pornografie-Kritik gilt als gestrig. Diese Sichtweise basiert auf zwei grundsätzlichen Annahmen:

1. Der Mensch ist ein Triebwesen, er „braucht“ das einfach. Und es ist eine große Befreiung, das endlich in allen Facetten ausleben zu können.

2. Das sogenannte „Appetitmachen“ in der Cyberwelt steht in keiner Beziehung zum „Zuhauseessen“. Pornokonsum und gelebte sexuelle Beziehung haben keine Verbindung miteinander, sie sind sauber getrennt.

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Fukushima: Pietät und Verarbeitung.

Die Emotio
Ich schätze campact wirklich. Sie organisieren politische Kampagnen zu Themen, die mir am Herzen liegen.
Doch wie sie angesichts der Katastrophe in Japan Parolen ausgraben und verbreiten, das missfällt mir, wie ich auch auf Twitter ausdrückte:

„ja: es ist verlockend, #fukushima für campaigning gegen akws zu nutzen. aber nein: es fühlt sich nicht „korrekt“ an. @campact

Dabei ist für völlig klar: Natürlich will ich den Ausstieg. Natürlich reagierten Merkel und Röttgen daneben. Natürlich hatten alle in der Anti-AKW-Bewegung recht, warnten zurecht vor den Gefahren. Aber ist es wirklich die Stunde, Rechthabereien und Parolen auszupacken? Weiterlesen

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Fukushima: Pietät und Verarbeitung.

Die Emotio
Ich schätze campact wirklich. Sie organisieren politische Kampagnen zu Themen, die mir am Herzen liegen.
Doch wie sie angesichts der Katastrophe in Japan Parolen ausgraben und verbreiten, das missfällt mir, wie ich auch auf Twitter ausdrückte:

„ja: es ist verlockend, #fukushima für campaigning gegen akws zu nutzen. aber nein: es fühlt sich nicht „korrekt“ an. @campact

Dabei ist für völlig klar: Natürlich will ich den Ausstieg. Natürlich reagierten Merkel und Röttgen daneben. Natürlich hatten alle in der Anti-AKW-Bewegung recht, warnten zurecht vor den Gefahren. Aber ist es wirklich die Stunde, Rechthabereien und Parolen auszupacken?

Spontan trafen sich am Samstag Abend einige Menschen zu einer Demo. Berichten von Freunden zufolge war diese „Demo“ eher ein Schweigemarsch. Andere nannten das angemessen. Das Schweigen. Finde ich auch. Mein Gefühl wehrt sich dagegen, zur Tagesordnung überzugehen, die da heißt: Klare Fronten bilden, Parolen entwerfen, Kampagnen fahren etc… beide Seiten gehen zu dieser Tagesordnung über. Merkel genauso wie campact. Und diese zwei stehen ja nur für jeweils eine ganze Horde von Menschen, die sich eben entweder hier oder dort einordnen.

Andere bleiben still. Ekin Deligöz twitterte:

„Rede auf Veranstaltung Alevitischer Verein Berlin. Fällt schwer nach den Nachrichten aus Japan zum polit. Alltag zu finden“

Es sind genau solche Aussagen von PolitikerInnen, die mir fehlen. Leute die einfach mal sagen, dass sie fassungslos sind. Sprachlos. Geschockt.

Die Ratio
Natürlich regen sich Stimmen, die erklären, man lasse sich nicht den Mund verbieten – die Katastrophe sei der beste Grund, gegen AKWs zu mobilisieren. Ich kann das rational nachvollziehen. Natürlich liegt es nahe. Zudem liegt es mir wirklich fern, anderen den Mund zu verbieten. Erst recht FreundInnen. MitstreiterInnen. Es soll auch nicht als Angriff angesehen werden, wenn ich wie oben twittere, was ich fühle. Vielleicht hat einfach auch jedeR seine/ihre eigene Art, mit solchen wirklich markerschütternden Ereignissen umzugehen. Wahrscheinlich. Also lasst es gut sein. Und macht vor allen Dingen das, was ihr für richtig haltet. Aber lasst mir auch meine widerstrebenden Gefühle.

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Stereotype, Sichtbarkeit und Wettkampf. Diversity in der digitalen Gesellschaft

Das wird der Titel meines Vortrags, den ich auf der kommenden re:publica halten werde.
Ich freue mich sehr, dass mein Angebot vom Orgateam der re:publica angenommen wurde – so wie auch alle anderen Angebote, die von der Mädchenmannschaft kamen.

Yay! It’s SHE:publica, Baby.


(Bild von Jason Bran-Cinaed via Flickr)

Auch die ersten vorsichtigen Schätzungen belegen einen deutlich höheren Frauenanteil, als noch vor zwei Jahren. Vermutlich wird der Frauenanteil größer, als beim großen Medien-Kongress von taz und der Freitag.

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