Kluge Menschen vorgestellt: Stephan Lessenich

Die Neuerfindung des Sozialen

Stephan Lessenich, den Namen habe ich mir notiert. Rot und dick eingekringelt. Weil er wirklich kluge Sachen gesagt hat. Auf so einer Veranstalung linker Grüner, bei der er geredet hat. Letzten Herbst war das. Ich habe mir sein Buch gekauft und auch angefangen zu lesen. Ach, aber eigentlich ist er am besten, wenn man ihm zuhören kann (wie das mit klugen Menschen immer ist). Deswegen hier ein kurzes Interview mit ihm, zu sehen bei Youtube.
[youtube http://www.youtube.com/watch?v=xjMS3C2z7as&w=560&h=349]

Bewusstmachung von Underclass-Bashing

Zum ersten Mal fiel mir Lessenich auf, als er im Freitag einen Artikel über sein Thema „Underclass-Bashing“ schrieb und auf den Punkt brachte:

Es ist wieder chic, gegen Gleichheit zu sein – und darüber zu reden.

Treffer versenkt!
Also: lest, hört und seht Stephan Lessenich. Es lohnt sich. Weil er entlarvend ist, wie hier:

Es geht den handelnden Personen um die Freiheit der gesellschaftlichen Eliten, ihre materielle Position kulturell zur Geltung zu bringen. Es geht um die Freiheit, nach den eigenen Maßstäben – jenen des ökonomisch gesicherten Bürgertums – zu leben und diesen Maßstäben allgemeine Anerkennung zu bewahren beziehungsweise wieder zu verschaffen. Um die Freiheit, die Lebensformen und Lebensführungsmuster der gehobenen Stände zur Norm der Verhaltenssteuerung und Umerziehung nicht-bürgerlicher Milieus zu machen. Es geht um eine groß angelegte gesellschaftliche Programmatik der Normierung und Normalisierung.

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Die Burka nicht überziehen

Volker Beck begrüßt in einer Pressemitteilung das Verbot der Burka in der hessischen Verwaltung mit den Worten:

„Die Burka hat im Öffentlichen Dienst grundsätzlich nichts verloren, weshalb das Burka-Verbot in der hessischen Verwaltung nur zu begrüßen ist. Sie ist ein Symbol der Unterdrückung, das sich der Staat nicht überziehen darf.“

Für ein generelles Burka-Verbot ist Beck jedoch nicht. Er möchte mit einer Debatte darüber nicht unnötig Wind in die Mühlen von Islamfeinden, Springer-Verlag und Sarrazins liefern. Wohl wahr. Vor allem, weil Beck zurecht darauf hinweist, dass Frauen sich bereits bei bestehender Gesetzeslage gegen das aufgezwungene Tragen einer Burka wehren können:

„Frauen, die zum Burka-tragen gezwungen werden, können sich bereits heute gegen ihre Unterdrücker wehren. Das erfüllt den Tatbestand der Nötigung und ich rufe alle betroffenen Frauen dazu auf, von ihren Rechten auch Gebrauch zu machen. In diesem Kontext fordere ich von der Bundesregierung ein eigenes Opferschutzprogramm, damit Frauen, die sich gegen ihre Unterdrücker wehren, nicht allein gelassen werden.“

Ein kleiner Baustein in der Argumentation fehlt mir allerdings noch: Nicht alle unterdrückten Frauen schaffen es, sich gegen ihre Unterdrückung zu wehren. Denn es ist ja genau der primäre Effekt von Unterdrückung, dass man den Opfer die Möglichkeit nimmt, sich zu wehren und eine aktive Rolle einzunehmen. Dieser wunde Punkt in der Mitte eines Rechtsstaates, der die Würde jedes Menschen als oberstes Prinzip und als unantastbar benennt, ist und bleibt ein schwer auflösbares Dilemma.

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Wie unmännlich! – Jungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Dieses Bild ist ein Flohmarktfund, der mir sehr gut gefallen hat:

Weiß und unbedruckt

Das Bild zeigt „unsere Kronprinzessin“ mit ihren Söhnen. Besagte Söhne tragen weiße Kleidchen und stünde nicht auf der Karte, dass es Söhne sind – nicht Töchter – wer käme heute schon auf die Idee, dass dies Jungen sind.
Auf eine sehr anschauliche Weise zeigt uns dieses Bild, dass die heute unglaublich starren Kleider-Codierungen für Jungen und Mädchen, die schon in der Babyzeit einsetzen und sich mit jedem weiteren Jahr der Kindheit verschlimmern, eine junge Entwicklung sind. Sind Kinder heute strikt in rosa und hellblau (Babys), beziehungsweise in Pferdchen/Prinzessin und Hubschrauber/Dinosaurier getrennt, so waren sie früher einfach weiß und unbedruckt.

Während alle Welt feiert, dass sich die Ungleichheiten der Geschlechter doch längst aufzuheben begännen, dass wir in einer Welt lebten, in der Jungen und Mädchen gleichermaßen alle Türen offenstünden, so zeigt sich an diesem Bild: Auch wenn Frauen um die Jahrhundertwende 1900 mit wesenlich weniger Rechten und Möglichkeiten ausgestattet waren, als Frauen es heute sind, so bleiben die Grenzen zwischen den Geschlechtern erhalten. Fallen die Alten weg, werden Neue konstruiert. Mittels sogenannter „Softskills“ zum Beispiel, denn Frauen sind ja viel gefühlvoller und emotionaler, als Männer. Oder eben durch die Kleidung. Eine Anmerkung, die im Kontext eines Muttiblog-Beitrags von Adele in der Mädchenmannschaft alles gut auf einen Punkt brachte, kam von Hannah:

Die Mädchenklamotten musst Du ständig waschen und Dich arg zusammen reißen, Deiner Tochter neben der farblichen Konditionierung nicht auch noch eine Mach-Dich-nicht-schmutzig-Erziehung anzugedeien. Die Jungsklamotten sind hingegen hochgradig gefährlich im Straßenverkehr, auch schon auf Radwegen. So bleibt alles wie es ist: Mädchen lernen sich gesittet zu benehmen und Jungs leben gefährlich.

Denn es wäre naiv, zu denken, dass das bisschen verschiedene Kleidung keinen Effekt auf die psychosoziale Geschlechtsentwicklung hätte.

Ganz zu schweigen von der Sozialauslese, die hier betrieben wird: Schöne Unisex-Kleidung für Kinder findet sich nicht bei den Discountern. Die bezahlbare Kinder-Kleidung ist stets codiert, und seien es nur die Puff-Ärmelchen, die einem sonst unauffälligem Shirt noch aufgezwungen wurden. Somit wird gerade jene Klasse der Gesellschaft, die auf bezahlbare Kleidung besonders angewiesen ist, in besonderem Maße von den Discountern, der Werbeindustrie und der Eltern-Medien-Landschaft in die rosa-hellblau-Falle gelockt. Wieder einmal bleibt festzuhalten: Geschlechterdemokratie muss man sich leisten können.

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