Bloggen für Flüchtlinge

#BloggerfuerFluechtlinge sammelt Geld und verteilt es an jene, die vor Ort unermüdlich für die Flüchtlinge aktiv sind.

Was kann ich tun? Was hilft? Was hilft nicht? Bestimmt stellen sich viele Leute momentan diese Frage.

Foto: CC BY-SA 2.0 von takver via Flickr
Foto: CC BY-SA 2.0 von takver via Flickr

Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Es gibt viele Organisationen, ehrenamtliche Helfer, Privatpersonen, engagierte Lehrer und und und, die helfen, die sich kümmern und die das aufzufangen versuchen, was in meinen Augen der Staat momentan komplett verkackt: Logistik, Essen, Dach überm Kopf, was zum Anziehen, Wasser. Es klingt eigentlich so banal, aber nicht nur vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin knicken die Behörden vor dem Strom ein, geben sie sich hilflos, machtlos und scheinen keine Verantwortung tragen zu wollen, wenn es mal ein bisschen mehr wird, als der alltägliche Beamtenalltag sonst erfordert. Überall in Deutschland kommen Zustände auf, die mit der Würde des Menschen nicht mehr viel zu tun haben und wo am Ende geflüchtete Menschen berichten, dass sie vor fast den gleichen Zuständen ja eigentlich geflüchtet sind – und da meine ich noch nicht einmal die brennenden Unterkünfte! Sondern die ganz basale Versorgung, die der Staat Deutschland, der im vergangenen halben Jahr einen Überschuss erwirtschaftet hat, nicht auf die Reihe kriegt.

Well. Es kommt also auf jede_n von uns an und es gibt ja dieses „jede_r kann was tun“-Dings, aber dann steht man da und weiß nicht was. So ähnlich geht es mir auch, zumal ich ständig unterwegs bin und dazwischen arbeite und Kinder und und und… Also wenn einem eh schon alles über den Kopf wächst, und wenn man keine Zeit hat, eigentlich nie – dann lässt einen dieses „aber es kann ja jede_r was tun“ manchmal etwas alleine. Aber genau deswegen schreibe ich das hier, denn auch ich und ihr und alle können was tun: Denen helfen, die direkt vor Ort aktiv sind. Und ja, wenn ihr keine Zeit und keinen Kopf dafür habt, wie zum Beispiel Mareice Kaiser selbst ne Lagerhalle voll zu machen mit Dingen, die Menschen abgeben und die anderen Menschen helfen (ich bewundere sehr, was Mareice da tut!), dann schreibt halt einen Blogtext und macht bei der Aktion #BloggerfuerFluechtlinge mit. Nutzt wenigstens eure Reichweite – sprecht in euren Podcasts drüber, bloggt, twittert – was immer euch zur Verfügung steht. Die bauen genau darauf: Dass Leute mit Reichweite von der Aktion erzählen, dass sie auf die eine Seite verweisen, auf der in Zusammenarbeit mit Betterplace spenden gesammelt und an jene verteilt werden, die vor Ort aktiv sind und für euch, für mich, für uns etwas tun.

Blogger für Flüchtlinge ist eine Initiative von Nico LummaStevan PaulKarla Paul und Paul Huizing. Sie rufen euch alle auf:

Wenn du aktiv helfen möchtest, gibt es viele Möglichkeiten!

Und vor allem kannst du aktiv dazu beitragen, dass Flüchtlinge in der Mitte unserer Gesellschaft akzeptiert werden.

Also. So sieht es aus, dieses jede_r kann etwas tun. Machen wir dieses Deutschland zu einem besseren Ort für diejenigen, die unsere Menschlichkeit gerade dringend brauchen.

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Jugendarbeit und Jugendhilfe in privater Hand

Kicker

Der entscheidende Satz ist:

„Et jibt Bereiche, da sollte sich die öffentliche Hand nich rausziehen.“

Gesagt hat ihn die Leiterin des Edi, einem Jugendclub in Rehberge, den ich für BerlinABC besucht habe. Dieser Jugendclub soll im Frühsommer auch privatisiert werden, wie überall die Jugendarbeit privatisiert worden ist. Die Leute im Edi sind sich einig, dass diese Politik dazu führt, dass die Einrichtungen für Jugendliche unattraktiver werden. Dass sie im Endeffekt eingehen.

„Es gab früher mal viele Einrichtungen vom Bezirk, richtich coole Einrichtungen. Die wurden alle übertragen und die sind nun alle den Bach runter. Wahnsinn!“

sagt Stefan dazu, der auch im Edi arbeitet.

Noch gravierender sind die Privatisierungen im ganzen Bereich Jugendhilfe. Sehr bedrückend und wirklich nichts für zarte Gemüter ist dazu die ADR-Doku Die Story im Ersten: Mit Kindern Kasse machen, die ihr noch etwa ein Jahr in der Mediathek anschauen könnt. Sie zeigt, wie Kinder und Jugendliche von ihren Familien getrennt werden, aus Angst vor dem nächsten Todesfall. Aber die Jugendämter sind überfordert und haben das Krisenmanagement „outgesourced“. Die freien Träger, die nun einspringen, wollen schwarze Zahlen schreiben und brauchen deswegen Kinder und Jugendliche. Denen geht es oft richtig scheiße. Kontrollen gibt es keine. Ein paar Verfahren laufen.

Wie gesagt: Es gibt Bereiche, da sollte sich die öffentliche Hand nicht rausziehen.

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Patreon, Erscheinungsraum, Wostkinder – this and that

Liebe Bloglesende,

es gibt ein paar Dinge, die ich einfach einmal loswerden möchte. Da wäre ein dickes, fettes

DANKE

an alle, die meinem Patreon-Spenden-Aufruf gefolgt sind. Es sind tatsächlich schon 100$ pro Monat zusammengekommen. Geil! Das freut mich sehr und das trägt stark dazu bei, dass ich mit dem Erscheinungsraum Ost, dem Erscheinungsraum und dem Lila Podcast so weitermachen kann, wie Ende November begonnen: Alles schön regelmäßig und oft und mit Rückenwind. Das tut gut. Leben kann ich davon freilich noch nicht, aber das muss ich auch gar nicht.

Der Erscheinungsraum Ost macht mir sehr viel Spaß und ich bin nach jeder Aufzeichnung richtig euphorisch, weil ich das Gefühl habe, immer mehr zu verstehen. Mit jeder einzelnen Folge kommt ein Mosaiksteinchen hinzu und das Bild von Osteuropa wächst und wächst.

Natürlich gucken gerade alle nach Ukraine und Russland. Mir aber ist es wichtig, den Blick auf den Rest Osteuropas zu erweitern, weil ich überzeugt bin, dass in den kommenden Jahrzehnten hier die Zukunft Europas als Kontinent, als Projekt, als Gemeinschaft und Institution zu einem wesentlichen Teil mitentschieden wird. Weil ich zu verstehen beginne, dass die dort lauernden Probleme und Konflikte, die oft noch viel mit der Post-Sovjet-Zeit zu tun haben, uns alle angehen, weil sie die gesamte internationale Politik betreffen. Sehr schön hat dies Silviu Mihai in der Folge über die Richtungswahl in Moldau auf den Punkt gebracht.

Die Wostkinder werden auslaufen. Marco hat seinen Abschiedsbeitrag schon geschrieben. Ich selbst werde noch diesen Monat weiterbloggen und dann kommt, wenn alles gut geht (Daumen drücken!) ein neues Projekt. Aber ihr kennt ja meinen kleinen Aberglauben mit ungelgten Eiern.

Ab Ende Januar habe ich außerdem einen Brötchenjob, der meine finanziell angespannte Lage etwas entspannen wird. Ich versuche ja immer, nicht zu viel zu jammern. Aber in den letzten Monaten, seit mein Stipendium bei der Heinrich-Böll-Stiftung ausgelaufen war, ging ich schon so manches Mal auf dem Zahnfleisch. Dabei hatte ich gar nicht zu wenig zu tun. Ich saß hier teilweise 15 bis 20 Stunden in der Woche und nahm auf, schnitt, vershownotete etc… Mit dem Brötchenjob wird das dann etwas entspannter. Es ist nix Großes, nix Spektakuläres und ich werde nicht reich damit. Aber es ist beruhigend zu wissen, dass ich meine Miete und meine Versicherungen zahlen können werde.

Und dann kommt irgendwann auch noch dieses Buch. Aber dazu dann bei Gelegenheit mehr – das muss ich nun erst einmal beherzt fertig überarbeiten. Jedenfalls freue ich mich auf dieses Jahr! Es gibt viel zu tun, vieles ist neu – auch privat :) und alles fühlt sich bislang sehr sehr gut an. <3

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Gelesen: „Tussikratie“ von Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein

Tussikratie? Was soll das denn sein? Auf dem Einband des Buches steht es hinten drauf, was das sein soll. Verkürzt und etwas provokativ:

Foto 1

1. pseudofeministische, eigentlich aber sexistische Diskursherrschaft
2. Weltbild, in dem Männer a) das traurige Beiwerk oder b) übermächtige Gegner sind
3. Verschleierung von Klassendifferenzen als Frauenproblem

Was dem Buch wahrscheinlich am allermeisten schadet, ist das Feindbild, das die Autorinnen konstruiert haben. Es prangt vom Titel, der Teaser, vermutlich nicht von ihnen, lässt schlimmstes vermuten. Frau Dingens mutmaßte in ihrem Stern-Blog, die „Tussi“, das sei eben die Feministin. Das ist aber falsch, was sie hätte wissen können, hätte sie das Buch auch gelesen, über das sie schrieb.

Am Anfang tat ich mich selbst schwer mit dem Feindbild. Das Vorwort war für mich nicht leicht zu lesen, denn dort definieren sie dieses Feindbild genauer aus und ich bin eigentlich immer eher geneigt, in der Sache zu debattieren und nicht entlang eines Feindes – der in diesem Fall ja auch noch konstruiert ist.

Aber im Laufe des Lesens merkte ich, was damit bezweckt wird: Die „Tussi“ ist nur das Konstrastmittel, mit dem die Geschwüre in den Gedärmen der Gesellschaft sichtbar gemacht werden. Das wird deutlich, wenn sie im Laufe des Buches immer seltener auftaucht, weil die Autorinnen an der Sache diskutieren und die gesellschaftliche Lage beleuchten – aber eben doch immer wieder nötig um darauf hinzuweisen, dass die „Tussi“-Argumente, die ja real existieren, in der Debatte nicht zu der Lösung des Problems führen, sondern schlimmstenfalls nur neue Probleme eröffnen. Die „Tussi“ ist für mich daher eher so ein Weberscher Idealtypus, den es so natürlich in Reinform gar nicht gibt, der aber dazu führt, dass Verschwommenes differenziert werden, diskutierbar gemacht werden kann. „Gelesen: „Tussikratie“ von Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein“ weiterlesen

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Kinderbetreuung: Paradigmenwechsel bitte!

In dieser Woche war wieder einmal ich mit dem bloggen für unser FAZ-Blog „Wostkinder“ dran. Das war nicht einfach. Seit ein paar Wochen, oder Monaten dreht sich bei mir vieles um die Betreuung meiner Kinder. Die leider etwas … naja. Schlechter geworden ist. Ich möchte da jetzt gar nicht ins Detail gehen. Meine private Situation wird in Krisensitzungen und Elternabenden derzeit genügend besprochen. Aber ich bekomme das Thema seither nicht mehr aus dem Kopf.

Passender Weise sollte ich vor einigen Wochen einen Beitrag zum Thema Vorschulpolitik abliefern. Ein Thema, das mich ja selbst betrifft und bei dem ich wirklich stark meine Meinung geändert habe. Ja: Auch ich habe gejubelt, als Ursula von der Leyen den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz durchgesetzt hat. Aber ich frage mich mittlerweile, wie das eigentlich gehen soll, wenn eh schon Erzieher_innen-Mangel an der Tagesordnung ist. Dass wir nicht mehr meinen, „das Beste für das Kind ist die Mutter“ war ein wichtiger notwendiger Paradigmenwechsel. Aber der darf jetzt nicht alles sein, was uns zum Thema Kinderbetreuung einfällt.

Jesper Juul fragt in seinem aktuellen Essay, der beim BELTZ Verlag erschienen ist: „Wem gehören unsere Kinder?“ – dem Staat, den Eltern oder sich?

Sich natürlich! Aber das ist in vielen Kindertagesstätten und Krippen, in Schulen übrigens ebenso, nicht wirklich möglich. Sie sollen möglichst ganztags betreut sein und da spricht zunächst einmal gar nichts dagegen. Es muss aber ein weiterer Paradigmenwechsel hinzukommen und der lautet: „Krippenplätze für alle wären ja schön – aber bitte nur, wenn sie kindgerecht sind!“ Und darunter mag ja jede_r was anderes verstehen. Schon klar. Darüber sollten wir dann halt streiten. Ich denke, dass jetzt unbedingt und dringend über die Qualität gesprochen werden muss – der Aktionismus in Sachen Quantität ist bereits in voller Fahrt. Die Auswirkung des ersten Paradigmenwechsels ist, dass ich eigentlich nur noch Eltern kenne, die sagen „klar will ich einen Platz für mein Kind“ und wir alle in wahnsinniger und geradezu irrer Konkurrenz miteinander stehen. Aber wenn man mal schaut, was einem an Einrichtungen tatsächlich qualitativ und pädagogisch zusagt, dann muss man feststellen, dass man leider keine wirkliche Chance hat, da reinzukommen. Und das ist bitter.

Warum aber sind nicht längst alle Kitas so, wie es die tollen Kinderläden vormachen? Weil der Paradigmenwechsel in der Pädagogik ausgeblieben ist. In der Familienpolitik hat einer stattgefunden – aber der hat nicht die Kinder im Zentrum. Dem geht es um die Erwerbstätigkeit der Mütter.

Ach ja: Was das alles mit meiner Ost-West-Sozialisation zu tun hat, das kann gerne nebenan im FAZ-Blog nachgelesen werden. Und glaubt es mir: Ich finde es selbst frappierend, dass ich davon Abstand nehme, auf Kristina Schröder rumzuhacken ;)

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Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich!

Die Idee kommt in Gesprächen am Rande von verschiedenen Veranstaltungen rund um die übliche „Vereinbarkeitsfrage“ in letzter Zeit immer häufiger auf: Müsste nicht eigentlich die Arbeitszeit radikal verkürzt werden um wirklich zu erreichen, dass Männer und Frauen – und Kinder! – und überhaupt…?

Wir sprechen häufig über die 23 Prozent Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen – gerade auch an einem Tag wie dem 8. März. Wenn wir diese Lohnschere ansprechen, dann sind zwei Reaktionen mittlerweile absolut klassisch: 1. Ihr trefft halt die „falschen Entscheidungen“, ihr Frauen. Lernt die falschen Berufe, studiert die falschen Fächer. Selbst schuld!

und 2. ihr seid halt einfach zu faul, wer macht denn die ganzen Überstunden in diesem Land? Hmm? Wer reißt sich denn den Arsch auf? Genau – wir Männer!

Das sind Aussagen, die sich angeblich auf Fakten begründen. Und ja: Stimmt schon, dass klassische Frauenberufe schlechter bezahlt sind.

Aber warum eigentlich?

Und ja: Stimmt schon, dass man in Deutschland vor allem und manchmal nur dann Karriere machen kann, wenn man Überstunden macht und ständige Präsenz zeigt.

Aber warum eigentlich?

In einem offenen Brief fordern eine ganze Reihe von Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen nun erstmals laut, klar und deutlich eine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden. Bei vollem Lohnausgleich. Und ihre Argumente lesen sich gar nicht schlecht:

Die Massenarbeitslosigkeit ist die Ursache des ruinösen Wettbewerbs unter den Beschäftigten und fördert die Entstehung des Niedriglohnsektors und solcher diskriminierenden Arbeitsformen wie Leiharbeit und Werkverträge ohne gewerkschaftliche Interessenvertretung. Daher ist dringend eine Verknappung von Arbeit auf die 30-Stunden-Woche notwendig. Die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland beträgt gegenwärtig ohnehin schon ca. 30-Stunden je Woche, aber die Arbeit ist ungleich verteilt.

Ich finde dieses Anliegen unbedingt unterstützenswert. Allein schon rein egoistisch gedacht: Wie viele andere Menschen lebe ich allein und erziehe dabei Kinder. Im Gegensatz zu typischen Kleinfamilien werden meine Wohn- und Nebenkosten, Strom und Heizung, Internet und so weiter nicht durch zwei Menschen geteilt. Wir teilen uns zwar die Sorge um die Kinder – immerhin! – wir sind zusammenerziehend. Aber der Kostenfaktor ist enorm. Eine 40-Stunden-Woche ist in unserer Lage kaum denkbar. Und in dieser Konstellation ist es auch, dass ein größeres Armutsrisiko für all die Alleinerziehenden entsteht. Und wir werden ja nicht weniger, sondern mehr! Jede zweite deutsche Ehe wird heutzutage geschieden. Jedes vierte Kind wächst in einer Konstellation auf, die nicht der klassischen Kleinfamilie entspricht.

Es gibt also nicht nur gleichstellungspolitische Gründe, sich hinter eine solche Forderung zu stellen. Wie der Brief herausstreicht, sind es drängende soziale und ökonomische Probleme, die diese Forderung sinnvoll erscheinen lassen. Bislang sagen die meisten Menschen das noch leise, hinter vorgehaltener Hand mit diesem müsste eigentlich. Mit dieser klassischen Scheu vor revolutionären Forderungen. Denn genau das ist sie:

Eine revolutionäre Forderung.

Die Arbeitswelt trennt Menschen in Klassen und das entlang sozialer Herkunft, Geschlecht und Alter. Inklusion ist kaum möglich, denn die Anforderungen scheinen unaufhörlich zu steigen, Überarbeitung und Burnout werden „Normalität“ und die Konkurrenz schläft nicht! Ich hab darauf so keinen Bock mehr!

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Freundschaft und Internet

Heute morgen schrieb ich an dieser Stelle einen Text, der drei verschiedene Menschen, die mir in diesem Netz begegneten, kurz beschrieb. Dabei habe ich meine eigene Regel gebrochen: Ich habe vor der Veröffentlichung nicht noch einmal eine Nacht geschlafen. Eine Regel, die ich aus guten Gründen befolge. Mit dem Text habe ich einer der Personen vor den Kopf gestoßen. Deswegen habe ich den Text wieder offline genommen. Es war dumm von mir und falsch.

Worüber ich eigentlich schreiben wollte, als ich das „Phämomen Gertrud“ beschrieb, war die Schwierigkeit von Freundschaften in und neben dem Netz. Ich wollte einfach ein bisschen erzählen und nachgrübeln.

Von Freundschaften, die durch bestimmte Verhaltensweisen im Netz korrumpiert werden… Oder die deswegen enden. Weil mich das beschäftigt und mir auch ein bisschen Angst macht.

Aber im Moment bin ich vermutlich die Falsche, über dieses Thema zu schreiben. Ich hoffe einfach mal auf euch! und ich empfehle den Text von Kübra: EIN PLÄDOYER FÜR UNWISSENHEIT

 

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Kindheit in Ost und West in Bildern

Oben zu sehen ist das rostige Karussell auf dem kleinen Spielplatz in unserer Straße. Wir sind 1984 dort hin gezogen, ich war nicht ganz zwei Jahre alt.

Unten zu sehen bin ich 1988 auf meinem ersten Fahrrad, das ich vom Kindergarten geerbt habe. Ich bin sehr glücklich und fahre viel damit die Straßen rauf und runter.

Oben zu sehen bin ich am Tag meiner Einschulung. Nur wenige Monate nachdem ich im lieblichen Taubertal angekommen war. 1989.

Unten bin ich bei meiner ersten Fastnachtsveranstalung in Igersheim zu sehen. Eine von sehr vielen Prinzessinnen. 1990.

Für das Wostkinder-Blog habe ich diese Geschichte versucht aufzuschreiben.

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Du sollst deine Leser nicht beschämen

Bildungskolumne Ich schreibe nicht nur über Bildung, ich bilde mich auch ab und zu selbst. Diesmal las ich ein Buch über alltäglichen Rassismus in Deutschland.

Bildung funktioniert in meinen Augen immer sehr gut, wenn die Inhalte durch Geschichten transportiert werden können. Das findet auch Lena Gorelik, die mit ihrem Buch Sie können aber gut Deutsch! gegen Diskriminierungen und das Zuschreiben des Andersseins anschreibt. Goreliks Buch werde ich in meiner nächsten Kolumne besprechen, sozusagen als Kontrastfolie oder Ergänzung zu jenem Buch, das ich mir für diese Woche durchgelesen habe: Noah Sow hat es geschrieben. Deutschland Schwarz Weiß heißt es.

Mit ihrem bereits 2007 erschienen Buch, das den Untertitel „Der alltägliche Rassismus“ trägt, will Noah Sow aufklären. Denn, so die Autorin im Vorwort, sie halte Aufklärung „für eine notwendige Voraussetzung, um eine wirkliche gesellschaftliche Veränderung erreichen zu können“. Meine Neugierde trifft eine, die bilden will. Sow will die Geschichte der Beziehung zwischen Schwarzen und Deutschland erzählen.

Unterrichtsstunde im „Weißsein“

Gleich zu Beginn schafft sie es, am Beispiel ihrer eigenen Herkunft die Lesenden mitzunehmen (ich werde diesen AHA-Effekt nicht schmälern, indem ich es ausführlicher schildere – lesen Sie es ruhig selbst!). Das Buch gliedert sich daraufhin in sieben Kapitel, beginnend mit einer Unterrichtsstunde im „Weißsein“, international bekannt unter dem Namen „Critical Whiteness“. Fünf Jahre nach dem Buch gerät die Theorie, die 2007 wohl nahezu unbekannt war (zumindest außerhalb akademischer Diskurse), langsam in Kritik. Sows Ausführungen zeigen, warum diese Theorie so schwierig ist.

Sie ist schwierig, weil sie davon ausgeht, dass eigentlich alle Weißen nicht anders können, als Rassisten zu sein. Der Feind ist überall und dabei wird es schnell undifferenziert und einseitig. Um diese Haltung zu sichern, wird sich des Konzepts der „Definitionsmacht“ bedient, das vermeintlichen Opfern zuspricht, alleine darüber zu bestimmen, wann Handlungen als Gewalt und Diskriminierung zu benennen sind. Das nutzt Noah Sow, versagt damit aber den Lesenden den Respekt, wenn sie schreibt: „Das haben Sie jetzt alles gelesen und finden das wahrscheinlich ebenso schlimm wie ich. Sie wissen aber immer noch ganz genau, dass Sie kein Rassist sind. Woher? Weil Sie keiner sein wollen. Da habe ich leider eine schlechte Nachricht für Si e…“ und nun folgt eine Auflistung an Fakten des Alltagsrassismus in Deutschland (in dem wir ja zugegebenermaßen alle aufgewachsen sind), die unweigerlich dazu führten, dass weiße Deutsche per se privilegiert seien.

Das ist die betreffende Stelle, indem dem/der LeserIn erklärt wird, warum sie nicht kein RassistIn sein könne.

Und nun sei es eben so, dass Rassismus genau da anfange, wo sie ihre Privilegien nicht reflektierten und eingestünden. Sie sagt damit also (sinngemäß): Sie sind deutsch und sagen „ich bin kein Rassist“? – ha! – das ist der Beweis, dass Sie einer sind und sein müssen, denn hätten Sie ihre Privilegien reflektiert, dann wüssten Sie es ja besser.

Generalverdacht statt Respekt

Nein, Noah Sow kennt mich nicht. Ich bin weiß, aber Diskriminierungserfahrungen aufgrund meiner Herkunft habe ich auch gemacht, in meiner Kindheit. Ja, sorry: Ich denke immer noch, dass ich keine Rassistin bin. Da muss ich an das Vorwort denken, wo Sow mir schon ankündigte „auf den folgenden Seiten aber hin und wieder auch ganz schön hart angefasst“ zu werden. „Nehmen Sie’s als Erfahrung“, heißt es dazu nur. Alles klar. Erfahrung gemacht, auf Seite 63.

Ich fühlte mich dennoch nicht wohl. Ich wollte lernen und wurde wegen meiner Hautfarbe unter einen Generalverdacht gestellt. Dabei habe ich als Pädagogin eigentlich das Gegenteil verinnerlicht: Die wirklich guten LehrerInnen respektieren ihre SchülerInnen – das ist doch die Grundvoraussetzung für Lernen und eine gelungene Bildungsbeziehung!

Ich habe dennoch weitergelesen und es fast nicht bereut. Denn ich habe viel Neues gelernt oder vertieft, das bislang eher „gefühltes Wissen“ war. Zum Beispiel, dass es wissenschaftlich gesehen nicht korrekt ist, bei Menschen von „Rassen“ zu sprechen. Darauf folgt ein knapper, aber gehaltvoller Abriss der Kolonialgeschichte Deutschlands. Hier wird gezeigt, wie unglaublich demütigend und arrogant sich deutsche Wissenschaftler, Medien und Politiker gegenüber Schwarzen zwischen 1890 und 1945 verhalten haben. Viele Zitate, Bilder, Skulpturen aus der Zeit und „Forschungsarbeiten“ lassen einen erschauern. Darauf folgt eine Betrachtung zeitgenössischen Alltagsrassismus, sowie eine Stichprobenahme des Rassismus in den deutschen Massenmedien. Am besten gefallen hat mir neben dem anschaulichen Einstieg, der konkrete Zwölf-Punkte-Plan am Ende des Buches. Hier geht um konkrete Taten, die dazu beitragen können, den Rassismus abzubauen.

Dieser Definition von Rassismus (ein paar Seiten weiter) schließe ich mich vollumfänglich an.

Ein Bärendienst

Das Buch hat das Aufklärungs-Versprechen also wirklich eingelöst. Es könnte sehr stark sein, sollte mehr rezipiert werden. Noah Sow allerdings erweist ihrem Anliegen mit dem Kapitel zum „Weißsein“ einen Bärendienst. Ein Kapitel, das in ihrer aktuellen antirassistischen Arbeit offenbar noch mehr Platz einzunehmen begonnen hat, als im Buch. Ein Kapitel, das derzeit viele Diskussionen auslöst und die antirassistische Szene auf eine Art spaltet, wie es zuletzt der Israel-Palästina-Konflikt vermochte.

Das lässt viele ratlos zurück. Doch in dieser Ratlosigkeit wollen wir nicht verharren! In der kommenden Kolumne werde ich Lena Goreliks Ansichten auf das pluralistische Deutschland besprechen und damit einen Ansatz, dem es darum geht, eine Vision zu entwerfen. Wir leben längst in einer multi-ethnischen Gesellschaft, ist ihre Analyse. „Wir müssen nur dahin kommen, es als Stärke zu begreifen und davon zu profitieren.“

(Der Spruch „du sollst deine Schüler nicht beschämen“ gilt als die Grundregel der LehrerInnen in Finnland)

(Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de)

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Bildungsgutscheine und freie Schul-Wahl am Beispiel Chiles:

 

Oder: Wie wirkungsvoll ist das Instrument der ‚Vouchers’?

Hausarbeit vom 15.03.2011 zum Projektseminar: Theorien und Konzepte in der Vergleichenden Bildungsforschung (Wintersemester 2010/2011) bei Dr. Barbara Schulte

Einleitung

In der Vergleichenden Erziehungswissenschaft findet eine ausführliche kritische Betrachtung von Ideen und Instrumenten statt, die weltweit als Mittel gesehen werden, zum Ziel „Fortschritt“ und „Entwicklung“ zu kommen. Wobei allein schon über diese beiden Begriffe eine rege Debatte stattfindet. Da gibt es auf der einen Seite die VertreterInnen einer Idee von „Weltkultur“[1], für die Fortschritt und Gerechtigkeit klar definierte und universelle Werte auf der ganzen Welt sind. Andere theoretische Richtungen, etwa relativistische Theorien[2] oder Ansätze über multiple Modernisierung[3], gehen von kulturspezifischen Rezeptionen und Konzeptionen im Bildungsbereich aus.

In der wissenschaftlichen und politischen Diskussion um die Entwicklung von Bildungssystemen gelten die Instrumente und Ideen der Privatisierung, Dezentralisierung, Schulautonomie, Bildungsstandards und Bildungsgutscheine als beispielhaft für eine universalistische Herangehensweise. Auch ist es gerade in diesem Feld schwer, die politische Dimension von der wissenschaftlichen Arbeit sauber zu trennen: Internationale Organisationen wie OECD, Weltbank und McKinsey haben eigene wissenschaftliche Apparate und geben Studien und Einschätzungen heraus, die stets mit dem Anspruch der Verwirklichung einer bestimmten Politik Hand in Hand gehen. Auch die internationalen Vergleichsstudien wie PISA, IGLU und TIMSS haben die Idee, es gäbe eine universelle Lösung zur Verbesserung von Bildungsangeboten auf der ganzen Welt, weiter verbreitet.  Diese rein Output-orientierte Betrachtung der Bildungssysteme in anderen Ländern und Kulturen basiert gerade auf der Annahme von Standards, die für alle Gültigkeit haben müssten. Kulturelle Disparitäten kommen in dieser Betrachtungsweise nur am Rande vor.

In der vorliegenden Arbeit wird zunächst die Ideengeschichte des Instruments Bildungsgutschein (engl. Voucher) betrachtet, wie sie vom Ökonom Milton Friedman entworfen wurde, unterschiedliche Rezeptionen erfuhr und in der heutigen nationalen und internationalen Debatte stattfindet. Daraufhin wird am sogenannten Muster-Beispiel Chile untersucht, wie Bildungsgutscheine in ihrer konkreten Ausgestaltung konzipiert, umgesetzt und rezipiert werden können. In der abschließenden Diskussion dieser Ergebnisse soll ein möglicher Ausblick auf die weitere Entwicklung dieses bildungspolitischen Instruments gegeben werden. „Bildungsgutscheine und freie Schul-Wahl am Beispiel Chiles:“ weiterlesen

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