Jugendarbeit und Jugendhilfe in privater Hand

Kicker

Der entscheidende Satz ist:

„Et jibt Bereiche, da sollte sich die öffentliche Hand nich rausziehen.“

Gesagt hat ihn die Leiterin des Edi, einem Jugendclub in Rehberge, den ich für BerlinABC besucht habe. Dieser Jugendclub soll im Frühsommer auch privatisiert werden, wie überall die Jugendarbeit privatisiert worden ist. Die Leute im Edi sind sich einig, dass diese Politik dazu führt, dass die Einrichtungen für Jugendliche unattraktiver werden. Dass sie im Endeffekt eingehen.

„Es gab früher mal viele Einrichtungen vom Bezirk, richtich coole Einrichtungen. Die wurden alle übertragen und die sind nun alle den Bach runter. Wahnsinn!“

sagt Stefan dazu, der auch im Edi arbeitet.

Noch gravierender sind die Privatisierungen im ganzen Bereich Jugendhilfe. Sehr bedrückend und wirklich nichts für zarte Gemüter ist dazu die ADR-Doku Die Story im Ersten: Mit Kindern Kasse machen, die ihr noch etwa ein Jahr in der Mediathek anschauen könnt. Sie zeigt, wie Kinder und Jugendliche von ihren Familien getrennt werden, aus Angst vor dem nächsten Todesfall. Aber die Jugendämter sind überfordert und haben das Krisenmanagement „outgesourced“. Die freien Träger, die nun einspringen, wollen schwarze Zahlen schreiben und brauchen deswegen Kinder und Jugendliche. Denen geht es oft richtig scheiße. Kontrollen gibt es keine. Ein paar Verfahren laufen.

Wie gesagt: Es gibt Bereiche, da sollte sich die öffentliche Hand nicht rausziehen.

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Social Freezing? Yay or Nay? – sowohl als auch!

Die Debatte um Social Freezing ebbt nicht so recht ab. Irgendwie ist es ein vertracktes Thema, bei dem verschiedene Vorstellungen und Ideale aufeinandertreffen. Ich hatte bei den Wostkindern am Wochenende dazu einen kleinen Text, der meine Meinung zu der Debatte anschneidet. Aber natürlich nicht abschließend beantwortet. Nein: Mir ging es in meinem Text auch weniger um ein moralisches Urteil, als um einen Vergleich von Ost-West-Disparitäten. Was ich aber sagen kann, ist dass ich die Nachricht, Apple und Facebook würden ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren der Eizellen und sogar Leihmutterschaft zahlen, für einen schlechten Witz hielt. Aber dazu gleich mehr.

Vorgestern lief mir auf twitter Judith Lieres Beitrag über den Weg, in dem sie sich ärgert, wie die Debatte geführt werde. Sie tritt klar für die Möglichkeit des Social Freezing als Möglichkeit der Selbstbestimmung der Frau ein. Ihr zentraler Satz ist vielleicht:

Ich verstehe nicht, was daran so verwerflich sein soll, wenn man sich mit eingefrorenen Eizellen eine kleine zusätzliche Chance sichern möchte, einmal Mutter werden zu können, auch wenn das Leben nicht ganz so schnell und gradlinig verläuft, wie man sich das vielleicht einmal vorgestellt hat.

Wer hat recht? Ist Social Freezing, wie es von den Silicon-Valley-Unternehmen in den USA nun finanziell gefördert werden soll, ein Problem? Oder ist es die Lösung eines Problems?

Es ist wie so oft: Sowohl als auch. Und zwar je nach Kontext. Wenn mein Arbeitgeber Social Freezing der Mitarbeiterinnen unterstützt, damit sie erst später in Babypause gehen müssen, dann hat das andere Implikationen, als wenn ich als Frau mich entscheide, meine Eizellen einfrieren zu lassen, weil ich – wie 90 Prozent der anderen Frauen, die gerade keine Kinder bekommen wollen – gerade keinen passenden Mann habe oder aus sonstigen Gründen. Es sind zwei verschiedene Debatten und der Kontext ist entscheidend. Es ist eine Geschichte, die in das Private hineingehört. Eine Entscheidung, die dort stattfinden sollte. Was hat denn mein Arbeitgeber mit meiner Kinderplanung zu tun? Es ist doch die Debatte um die Arbeitswelt, die hier neben der Debatte um die Selbstbestimmung der Frau steht und ich würde davor warnen, das zu vermischen.

Holgi merkte auf twitter an:

Ich finde die Idee, auf Firmenkosten Eizellen einzufrieren, sehr problematisch – für diejenigen Frauen, die das nicht machen wollen.

und genau *das* ist der Punkt.


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Wenn für alles Geld da ist, nur bei den Kindern wird gekürzt…

… ja dann sind wir wieder in Berlin!

Das Thema Schule ist in Berlin eine sehr schwierige Kiste: Nicht nur, dass hier die PISA-Ergebnisse miserabel sind, die ehemaligen Schulgebäude erst verkauft wurden und jetzt dringend benötigt würden. Nein: Wir kommen auch nicht umhin, dass im Zuge von großen Ausgaben in anderen Haushaltstöpfen die Bildungssenatorin meint, wegen einer fehlenden Million an mehreren Schulen die Sozialarbeiter zu streichen. Was die Schulleitungen dann aus der Presse erfahren dürfen.

Mich selbst, die ich aus dem Süden komme, macht so etwas irgendwie fertig. So kenne ich das nicht. Schule – das ist wichtig, da investiert man in die Zukunft und da wird nicht gespart. Ob es anderen Süddeutschen in Berlin ähnlich geht, wenn sie ihre Kinder hier zur Schule schicken? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass meine heutige Gastschreiberei bei den Stützen der Gesellschaft auch für euch interessant sein dürfte, also lest doch einmal rein. Und diskutiert mit.

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Ich las „Lotta Wundertüte“ von Sandra Roth

Sandra Roth hat vor anderthalb Jahren einen langen Beitrag im ZEIT Magazin veröffentlicht, in dem sie sehr persönlich über ihr Leben mit ihrer Tochter Lotta sprach, die durch eine Malformation der Vena Galeni in ihrem Kopf behindert* ist. Dieser Artikel hat mich sehr tief berührt, schon dieser Artikel warf die ganz großen Fragen auf:

  • ab wann ist ein Leben eigentlich „lebenswert“ und wer entscheidet das für wen?
  • warum ist es für viele so „normal“, dass man eventuell behinderte Kinder noch im Mutterleib „wegmacht“?
  • wer hat wann und wie eigentlich das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden?
  • Warum tun sich die meisten Menschen so extrem schwer, Inklusion zu leben?

und vieles mehr. Nun hat Sandra Roth ein ganzes Buch darüber geschrieben. Das Kind um das es geht heißt im Buch Lotta, der Name ist geändert. Sie hat einen großen Bruder, der Ben genannt wird. Das Buch beginnt mit dem 9. Monat der Schwangerschaft der Autorin, wo sie erfährt, dass im Kopf ihrer ungeborenen Tochter zu viel Blut am Gehirn vorbeigeht. Sie erfährt nicht, was das genau für das Leben mit diesem Kind bedeutet. Sie erfährt, dass sie es „wegmachen“ lassen könnte, wenn sie droht, sich sonst vom Dach der Klinik zu stürzen. Doch: „Lotta ist schon Lotta, sie ist schon eine kleine Schwester, eine Tochter. Sie tritt, sie strampelt, sie kämpft. Sie gehört zu uns. Wie können sie nicht töten. Oder?“

Paris – London – Duisburg. Die Experten für Lottas Kopf sitzen in diesen drei Städten.

Lotta kommt zur Welt und in den ersten drei Jahren bringt sie in Duisburg sieben Operationen hinter sich, die jede mit dem Tod enden könnte. Was bedeutet das für Eltern? „Ich las „Lotta Wundertüte“ von Sandra Roth“ weiterlesen

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Kinderbetreuung: Paradigmenwechsel bitte!

In dieser Woche war wieder einmal ich mit dem bloggen für unser FAZ-Blog „Wostkinder“ dran. Das war nicht einfach. Seit ein paar Wochen, oder Monaten dreht sich bei mir vieles um die Betreuung meiner Kinder. Die leider etwas … naja. Schlechter geworden ist. Ich möchte da jetzt gar nicht ins Detail gehen. Meine private Situation wird in Krisensitzungen und Elternabenden derzeit genügend besprochen. Aber ich bekomme das Thema seither nicht mehr aus dem Kopf.

Passender Weise sollte ich vor einigen Wochen einen Beitrag zum Thema Vorschulpolitik abliefern. Ein Thema, das mich ja selbst betrifft und bei dem ich wirklich stark meine Meinung geändert habe. Ja: Auch ich habe gejubelt, als Ursula von der Leyen den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz durchgesetzt hat. Aber ich frage mich mittlerweile, wie das eigentlich gehen soll, wenn eh schon Erzieher_innen-Mangel an der Tagesordnung ist. Dass wir nicht mehr meinen, „das Beste für das Kind ist die Mutter“ war ein wichtiger notwendiger Paradigmenwechsel. Aber der darf jetzt nicht alles sein, was uns zum Thema Kinderbetreuung einfällt.

Jesper Juul fragt in seinem aktuellen Essay, der beim BELTZ Verlag erschienen ist: „Wem gehören unsere Kinder?“ – dem Staat, den Eltern oder sich?

Sich natürlich! Aber das ist in vielen Kindertagesstätten und Krippen, in Schulen übrigens ebenso, nicht wirklich möglich. Sie sollen möglichst ganztags betreut sein und da spricht zunächst einmal gar nichts dagegen. Es muss aber ein weiterer Paradigmenwechsel hinzukommen und der lautet: „Krippenplätze für alle wären ja schön – aber bitte nur, wenn sie kindgerecht sind!“ Und darunter mag ja jede_r was anderes verstehen. Schon klar. Darüber sollten wir dann halt streiten. Ich denke, dass jetzt unbedingt und dringend über die Qualität gesprochen werden muss – der Aktionismus in Sachen Quantität ist bereits in voller Fahrt. Die Auswirkung des ersten Paradigmenwechsels ist, dass ich eigentlich nur noch Eltern kenne, die sagen „klar will ich einen Platz für mein Kind“ und wir alle in wahnsinniger und geradezu irrer Konkurrenz miteinander stehen. Aber wenn man mal schaut, was einem an Einrichtungen tatsächlich qualitativ und pädagogisch zusagt, dann muss man feststellen, dass man leider keine wirkliche Chance hat, da reinzukommen. Und das ist bitter.

Warum aber sind nicht längst alle Kitas so, wie es die tollen Kinderläden vormachen? Weil der Paradigmenwechsel in der Pädagogik ausgeblieben ist. In der Familienpolitik hat einer stattgefunden – aber der hat nicht die Kinder im Zentrum. Dem geht es um die Erwerbstätigkeit der Mütter.

Ach ja: Was das alles mit meiner Ost-West-Sozialisation zu tun hat, das kann gerne nebenan im FAZ-Blog nachgelesen werden. Und glaubt es mir: Ich finde es selbst frappierend, dass ich davon Abstand nehme, auf Kristina Schröder rumzuhacken ;)

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Habemus FAZ-Blog

Neues Jahr, neues Projekt. Dieses Projekt ist ein FAZ-Blog. Es heißt „Wir Wostkinder“ und ich schreibe es zusammen mit Marco Herack.

 


Grenzgänger zwischen Pittiplatsch und Klassenfeind. (Bild: FAZ)

 

In unserem Blog gehen wir von unserer eigenen Geschichte aus: Wir sind beide, ich noch vor, er nach der Wende, vom Osten in den Westen gegangen. Wir haben beide einen nicht unwichtigen Teil unserer Kindheit, der uns sehr geprägt hat, in der DDR verbracht, in einem System, das wir als Kinder nur schemenhaft und auf einer Gefühlsebene wahrgenommen haben. Es hat uns sehr unterschiedlich stark beeinflusst. Während in meinem Kindergarten kaum Indoktrination passierte, hat Marco die ganze Härte des DDR-Schulsystems zu spüren bekommen. Bei mir war es eher die Trennung von meinem Vater, der 1987 in den Westen gegangen war, die schmerzlich fühlen ließ, dass Freiheit fehlte.

Dann die Krise, in ein gänzlich anderes System, eine gänzlich andere Kultur geworfen zu sein: Baden-Württemberg. Neue Werte und Normen, völlig fremde Ideale und all das erfoderte eine hohe Anpassungsfähigkeit – die wir mal mehr, mal weniger gut bieten konnten. Und irgendwie, so stellten wir beide fest, standen wir bald zwischen den Stühlen. Wir begannen uns für den Osten und die Menschen dort – unsere Familien! – zu schämen und gleichzeitig wurden wir mit der neuen Umgebung nicht gerade leicht warm. Bei mir hat es sieben Jahre gedauert, bis ich mich selbst in all dem Chaos gefunden hatte. Dass in diesen sieben Jahren auch noch eine nicht gerade einfache Pubertät lag, das hat es nicht viel besser gemacht.

In unserem Blog wollen wir verschiedenen Fragen auf den Grund gehen, die uns in der Beschäftigung mit unserer eigenen Geschichte kommen. Wir holen nach, was wir als Kinder noch nicht verstehen konnten: Wie funktionierte das System DDR? Was hat diese Reise aus uns gemacht? Wie erlebten andere Menschen diese Welten? Dabei wollen wir verschiedene Menschen kennen lernen und mit ihnen zusammen ein Mosaik aus Geschichten und Gesprächen, Bildern und Literatur schaffen, bei dem wir an dem jetzigen Punkt selbst noch nicht wissen, was am Ende als Ganzes herauskommen wird.

Ich bin sehr aufgeregt und gespannt und freue mich auf die Arbeit an diesem Projekt. Bitte überfrachtet es nicht gleich mit Erwartungen. Für uns ist das auch irgendwie Neuland und wir werden uns aus unseren Fragen heraus entwickeln – wir sind keine Expert_innen. Wir sind nur wir. Wir haben eine Geschichte. Und mit dieser fangen wir an. Wir freuen uns, wenn ihr uns auf dieser Reise begleitet. Und wir haben einen twitter-Account, der euch über aktuelle Beiträge in unserem Blog auf dem Laufenden halten wird. Heute gibt es jedenfalls unseren ersten Beitrag mit dem Titel „Nicht Fisch und nicht Fleisch“.

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Kinder: Allmachtsphantasien und Flausen im Kopf

Beim Märchenstunde-Podcast, zu dem mich @343Max und @bjoerngrau eingeladen haben, plauderten wir immer mal wieder über Kinder und wenn man vielleicht vermuten mag, dass da in mir vor allem die Mutter hervorkam (was sie natürlich auch tat), so doch auch immer die Erziehungswissenschaftlerin.

Ein paar Gedanken möchte ich an dieser Stelle noch einmal vertiefen, weil sie mir seitdem noch im Kopf herumdrehten.

Allmachtsphantasien

Zum Thema Allmachtsphantasien habe ich ja viel gesagt. Das ist ja ein zentrales Motiv, das mit dem Märchen „Sechse kommen durch die ganze Welt“, das Björn im Podcast vorlas, stark bespielt wird. Wie ich bereits andeutete hatte ich das Märchen auch deswegen ausgesucht und gefiel es mir deswegen auch sehr gut.

Welche Bedeutung diese für Kinder haben, deutete ich ebenfalls an und zitierte Sibylle Berg mit „Kinder muss man sorgfältig behandeln, sie sind so grauenhaft ausgeliefert.“ Das sagte diese in einem Interview mit der FAZ (das auch ansonsten sehr großartig ist).
Wer Kinder hat kennt bestimmt die Phase, in der sie permanent Rollenspiele spielen. Gerne sind sie dabei Löwen und fürchterlich gefährlich. In einer Ausgabe des Berliner Elternbriefs des Arbeitskreises Neue Erziehung e.V. stand dazu, dass es sehr wichtig für Kinder sei, dass diese Phantasien von den Eltern nicht zerstört, sondern auch unterstützt würden. Denn Kinder seien in ihrem eigenen Erleben sehr oft hilflos, schwach und abhängig – und es sei deswegen für sie und ihre Psyche nicht unerheblich, wenigstens im Spiel eine andere Rolle annehmen zu können.

CC BY-ND 2.0 von gematrium via Flickr

 

Wer diese Allmachtsphantasien von Kindern sehr toll aufgegriffen und umgesetzt hat, ist bekannt: Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf ist pädagogisch gesehen gerade deswegen so wertvoll und gerade deswegen auch schwer wegzudenken. Doch diese Wünsche nach Macht und Stärke der Kinder zu tolerieren – zu fördern gar – finden nicht alle Menschen gut. Lindgrens Geschichten sprengten allzu oft das für viele Erwachsene Ertragbare. Während sie immer Partei für die Kinder ergriff, und die Welt stets mit Kinderaugen zu beschreiben suchte, widersprach sie einer Doktrin, dass man den Willen der Kinder brechen müsse. Eine Doktrin, die noch bis heute bei vielen Menschen tief verankert ist. Die sich in scheinbar gutmeinender Manier äußert, wenn Leute Bücher schreiben, die uns klarmachen sollen, warum aus unseren Kindern „Tyrannen“ werden.

Flausen im Kopf

„Nichts als Fissimatitten im Kopf, dieser Michel!“ – so lautet ein Spruch der Magd Lina, die in den Geschichten über „Michel aus Lönneberga“ die Rolle derjenigen einnimmt, die mit den Flausen und Streichen von Kindern nichts anfangen kann. Michel meint es aber nie böse, das weiß jedes Kind. Im Grunde ist er sehr hilfsbereit und hat ein gutes Herz – doch er treibt ein ganzes Dorf in den Wahnsinn.

Zwei weitere Figuren mit nicht gerade wenig Flausen im Kopf sind Lotta und Karlosson vom Dach. Mit ihrem Buch „Lotta zieht aus“ hat Astrid Lindgren auf eine sehr radikale und unglaublich einfühlsame Art und Weise die Sichtweise eines Kindes widergegeben. Lotta wacht morgens auf und meint, dass ihre Geschwister ihren Teddy gehauen hätten. Doch das hatte sie nur geträumt. Aber sie hat so schlechte Laune, dass sie ihre Mutter sehr ungerecht behandelt und einen selbstgestrickten Wollpullover zerschneidet. Alle anderen sind daran schuld – findet sie und sich selbst empfindet sie als Leidtragende. Weil sie so wütend ist, beschließt sie auszuziehen. Auch hier gab es, wie ich in der Lindgren-Biografie „Jenseit von Bullerbü“ nachlesen konnte, einen kleinen Aufschrei. Das Kind sei schließlich komplett ungezogen – wie könne es da sein, dass es nahezu ungestraft machen könne, was es wolle?

Lottas Eltern sind (in den Augen Astrids Lindgrens – in meinen beinahe auch) ideale Eltern. Sie reagieren immer konstruktiv und liebvoll, haben die Geduld gepachtet und selbst wenn sie einmal streng werden, so lenken sie doch immer ein und nie wird Lotta erniedrigt, selten bestraft und meistens einfach nur mit Liebe überschüttet. Das entspricht zutiefst Astrid Lindgrens Grundsatz, den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe zu schenken – dann kämen die Manieren von ganz allein. Astrid bricht damit ein Tabu: Sie bricht mit der Überzeugung, dass Kinder immer und überall einen Machtkampf spielten.

Es gibt im realen Leben sicherlich keine Eltern, die so sind. Doch genau darum sind die Geschichten Astrid Lindgrens für viele Kinder so wichtig. Denn sie greift stets eine Sehnsucht auf – und damit zeigt sie den Kindern auf eine wunderbare Art, dass diese Sehnsüchte nicht „falsch“ oder „ungezogen“ sind, sondern ganz natürlich und legitim. Seien es die perfekten Eltern, seien es die Superkräfte einer Pippi Langstrumpf, die „Erlaubnis“ ständig ungezogen und völlig frech zu sein, wie Karlsson vom Dach oder eben die Erkenntnis, dass auch andere Kinder in ihren kleinen Herzen und Bäuchen manchmal eine Trauer und eine Wut haben, die für Erwachsene nicht nachvollziehbar ist – die aber ganz genau so in einer Geschichte auch zu finden ist.

Trotzige Eltern

Eine ganz ähnliche Haltung wie Lindgren nimmt der Familientherapeut Jesper Juul ein. Nach seiner Überzeugung sind im „Trotzalter“ weniger die Kinder trotzig, als vielmehr die Eltern. Das schreibt er in seinem Bestseller „Dein kompetentes Kind“. Und ich halte das nicht einmal für sonderlich falsch. Aber ich möchte nicht weiter darauf eingehen – sonst artet der Artikel aus. Wer das gerne nachlesen möchte – was ich empfehle – findet im „kompetenten Kind“ alles (eine kleine Kostprobe ist dieses Interview in der taz).

Was wichtig ist, gerade im „Trotzalter“ und im Vorschulalter, das erlebe ich an meinen eigenen Kindern: Wenn Grenzen setzen, dann immer nur die eigenen. „Man macht das nicht“ ist kein gutes Argument. Viel besser, so rät Jesper Juul, sei ein „ich will nicht“ oder „ich will“ (eine Art zu kommunizieren, die man uns als wir klein waren streng abgewöhnt hat – die aber direkt und persönlich ist). Wenn mein Sohn sehr laut ist und ich davon Kopfschmerzen bekomme, dann sage ich ihm genau das: Ich will nicht, dass du so laut bist. Davon tut mir mein Kopf weh. Das versteht er und er ist nicht so bloßgestellt wie ein Kind, das in der gleichen Situation von seinen Eltern zu hören bekommt: „Warum schreist du immer so rum? Habe ich dir nicht schon tausend Mal gesagt, dass ich davon Kopfschmerzen bekomme?!? Warum kannst du nie auf mich hören?!“ – am besten selbst schon schreiend.

Eltern sind dann trotzig, wenn sie auf ein Bedürfnis des Kindes – egal, ob es erfüllt werden kann, soll oder eben nicht – nicht mehr konstruktiv reagieren können, sondern destruktiv. Ein Klassiker ist das Anziehen einer Zweijährigen: Wenn Kinder nicht mitmachen, fangen viele Eltern das schimpfen an oder machen es mit Gewalt. Sie gehen nicht auf das Bedürfnis des Kindes ein (zum Beispiel selbst anziehen oder die Sachen selbst aussuchen (egal wie unpassend das dann wird)) und anstatt kurz die eigene Grenze zu setzen (ich habe keine Zeit, bitte mach mit!) fangen sie „warum… immer… nie..?!?“-Monologe an. Ich meine mich da durchaus mit. Denn klar: Das kann sehr nervenaufreibend sein und nicht immer ist Sommer, nicht immer besteht die Möglichkeit, ein Kind ohne seine Kleidung in die Kita zu bringen. (Ich habe das diesen Sommer einmal gemacht. Da wurde ihr ein bisschen kalt und die Sache war damit aus der Welt. Es hat mir nicht weh getan, ihr nicht und sie wurde davon nicht krank. Aber eine andere Mutter fragte besorgt, wie denn da „die Leute“ reagiert hätten…)

Damit will ich es auch erst einmal bewenden lassen. Zum Schluss sei die provozierende These in den Raum gestellt, ob nicht vielmehr die Kinder die Allmachtsphantasien der Erwachsenen – die sich bei unglaublich vielen Menschen in einem nahezu immer unerkanntem Kontrollzwang äußern – komplett aus der Bahn bringen…? ;)

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Der Latte-Macchiato-Vater

„Wenn es um die Kindererziehung geht, ist die ewige Frage nach der Verteilung von Klugheit und Dummheit auf die Geschlechter deutlich entschieden – zu Ungunsten der Männer selbstverständlich.“ Tillmann Bendikowski hat es trotzdem gewagt und vom Tupperabend bis zur Beckenbodengymnastik nichts ausgelassen.

Das ist Opa, nicht Papa – aber ich fand das Bild so ansprechend. Quelle: CC BY-ND 2.0 von vionaleews via Flickr

Tillmann Bendikowski hat ein Buch geschrieben, das vermutlich vielen nicht gefallen wird. Es rüttelt an allzufesten Überzeugungen, die in diesem Land vielleicht so manifest sind, wie nirgendwo sonst: am Bild der Mutter. Der Mutter an und für sich. Denn Tilmann Bendikowski wurde genau das: eine Mutter.

Seine Mutterwerdung schildert er gleich zu Beginn von Allein unter Müttern, einem Buch, das bisweilen bitterböse ist, aber stets mit einem zwinkerndem Auge und nie ohne den nötigen Respekt für das Allzumenschliche. Zum Beispiel im Massagekurs für Babys, der Ort, an dem Mütterlichkeit regiert. Unhinterfragt.  Konkurrenzlos. Bendikowski drang ein in diese durch und durch weibliche Sphäre und als sein Kind aus nachvollziehbaren Gründen anfing zu brüllen, passierte es: Die Kursleiterin wollte das Kommando übernehmen. Mit den gebieterischen Worten „DAS KIND BRAUCHT EINE MUTTER!“ (sich selbst meinend) schubste sie den jungen Vater dahin, wo er von nun an und für den Rest des Buches sein würde: Seine Antwort lautete „Ich bin die Mutter!“ Er rettete sich und seinen Sohn aus dem Kurs nach Hause. Dort kuschelten Mutter und Kind für den Rest des Tages und mieden fortan solche Kurse, die es für Babys en Masse gibt.

Frauen führen hier das Regiment

Dass Bendikowski sich fortan als „Mutter“ bezeichnet ist vermutlich ein Affront – gegenüber Müttern wie Konservativen gleichermaßen. Wer sich hieran stört, wird das Buch insgesamt als eine Frechheit betrachten. Es spart nicht mit Hohn und Spott. Es ist ein Einblick in eine Welt, die bislang nur der einen Hälfte der Bevölkerung theoretisch offensteht: Die Welt der Alltagsorganisation rund um Kinder und Familie. Eine Welt, in der Frauen das Regiment führen, in der man Männer für das dumme Geschlecht hält. Eine Welt, die bislang fast ausnahmslos von Müttern selbst betrachtet wurde. In der Literatur, im Fernsehen, im Film – immer sahen wir durch die Augen einer Frau.

Mit Bendikowski aber sehen wir mit den Augen einer „männlichen Mutter“. Wir erleben Kinderschuh-Käufe, bei denen sich die Verkäuferin qua Geschlecht über die Kompetenz der männlichen Mutter erhebt. Nur eine von vielen übergriffigen Aktionen gegen sie. Wir erkunden, warum und wie Frauen über Frauen und Mütter über Mütter herziehen. Wie sich mittels Impfdebatte und Bio-Laden gegeneinander abgegrenzt wird. Und wie „normal“ das Ritual des Sich-Abgrenzens mittlerweile ist – so beliebt sogar, dass Buzzwords wie „Latte Macchiato-Mutter“ und „Feigheit der Frauen“ Bücher und Talkshows füllen. Bendikowski verschont niemanden, dennoch solidarisiert er sich mit Müttern. Er ist ja eine von ihnen.

Dass Geschlecht schon von den ersten Tagen an „gemacht“ wird, regt ihn ebenso auf, wie die moderne Erziehungshysterie und die Inszenierung von glücklicher Kindheit beim Kindergeburtstag (den man, was ich gar nicht wusste, von Menschen schon so organisieren lassen kann, wie eine Hochzeit von einem Wedding Planner). Bendikowski hat mich während des Lesens oft zum Lachen gebracht. Nahezu auf jeder Seite. Der Humor ist seine Waffe gegen alle festgefahrenen Gesetze der Mutterschaft. Und davon gibt es viele: Angefangen bei der Reinlichkeit im Haushalt, über die Frage „Kekse oder Kuchen“, bis hin zur gesunden Ernährung – Mütter haben strenge Verhaltenskodizes entworfen. Sich ihnen zu widersetzen, kommt einer moralischen Bankrotterklärung gleich.

Das kommt nicht von ungefähr: Der Druck der Gesellschaft lastet schwer auf ihren Schultern. Sie tragen nahezu allein die Verantwortung über das Wohl und Wehe der lieben Kleinen. Sie sind im Zweifel schuld. Schuldgefühle – der Autor hat ein feines Gespür für diese subtile aber wirkungsvolle Waffe, die wie ein Damoklesschwert ständiger Begleiter einer Mutter ist.

Was der Autor schafft, ist, durch die Beschreibung dieser Kodizes, durch ihre Überspitzung und das zwinkernde Auge einen Raum zu eröffnen, in dem man darüber lachen darf. Indem man es in Frage stellen darf. Und damit: Es selbstbewusst auch einmal anders machen. In Bendikowski fand ich einen Verbündeten. Einen der es genauso fragwürdig findet, Söhne ausnahmslos zum Fußballtraining schicken zu müssen. Der als einer von ganz wenigen den Instrumente-Zwang und die Unhinterfragbarkeit musikalischer Früherziehung skeptisch beäugt.

Eine kleine Hoffnung

Man muss nicht fragen, ob es einen Mann brauchte, diese Dinge in Frage zu stellen. Das brauchte es sicherlich nicht – viele Mütter vor ihm haben diese Fragen schon gestellt. Konnten darüber lachen. Doch genau wie er, waren auch sie oft ein bisschen die Außenseiterinnen – auf Spielplätzen, bei Elternabenden, im Kiez. Wer gewisse „Trends“ und „Sitten“ nicht mitmacht, ist oftmals ein kleiner Alien. Ob Mutter oder Vater. Was aber nach der Lektüre des Buches als Hoffnungsschimmer für uns Außenseiter-Mütter bleibt: Die Chance, dass ein Mehr an männlichen Müttern ein Weniger an Verhaltenskodizes mit sich bringen könnte. Eine schwache kleine Hoffnung.

Am Ende hat Bendikowski ein echtes Mutmachbuch geschrieben. Ein Lustmachbuch auf das „Abenteuer Familie“, das allen Überspitzungen zum Trotz, eingebettet in die ganz alltägliche Absurdität des Menschlichen, als ein lohnenswertes Unterfangen geschildert wird. Ein Unterfangen, dass vielleicht noch ein bisschen spaßiger werden könnte, wenn mehr männlich-mütterliche Gelassenheit Einzug hielte in das Reich der heiligen Brüste.

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Wunsch an die nachfolgende Generation

Wenn ich meinem Sohm etwas von mir mitgeben will – was wäre das?

Vieles.

Zum Beispiel:

„Hey
wenn du einmal das Gefühl hast, jemand möchte mit dir schmusen, jemand sucht deine Nähe

und sagen wir mal, du findest diesen Menschen nicht komplett abstoßend. Sagen wir mal, du magst ihn. Vielleicht nur heimlich. Aber du magst diesen Menschen.

Lieber Sohn. Wenn du irgendwie kannst. Tu mir den gefallen:

Lass die Nähe zu.

Nimm diesen Menschen in den Arm. Oder halte seine Hand.“

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Lies das mal richtig!

Der Umgang mit Kinderbüchern und Filmen, die nicht politisch korrekt sind, ist schwierig – es braucht aber nicht andere Figuren, sondern Eltern, die sie einordnen können.

Bild: CC-BY-ND 2.0 by allthecolor via flickr.com

Inspiriert durch den Podcast Märchenstunde, von Björn Grau und Max Winde über Aschenputtel, geht es diesmal um die Frage: Wie sollen wir Erwachsenen damit umgehen, dass Kinderbücher voller Stereotype und fragwürdiger, etwa diskriminierender Botschaften sind?

Angefangen bei den alten Märchen kann sicherlich gesagt werden: Vorsicht vor den Jahrhunderte alten Gender-Stereotypen. Die Auswüchse können schlimm sein: In der Geschichte Rumpelstilzchen, die es unter anderem auch als kleines Pixi-Büchlein gibt, kommt es quasi zu einer Vergewaltigung der Müllerstochter durch den König. Das habe ich einmal nichtsahnend vorgelesen – danach ist es sofort in den Müll gewandert. Natürlich spielen die Märchen zu einer völlig anderen Zeit. Die Gepflogenheiten und die Rollen waren noch viel fester, starrer und für uns heute kaum nachvollziehbar. Gewalt fand in einem gänzlich größerem Ausmaß statt. So gesehen sind Märchen vielleicht ohnehin besser geeignet für ältere Kinder und Jugendliche. Wann auch immer diese eben dazu in der Lage sind, durch unsere Hilfe zu kontextualisieren.

Es einordnen und die „anderen Zeiten“ berücksichtigen, in denen ein Werk entstanden ist, das ist eine recht wichtige Methode im Umgang mit Geschichten, die man heute so nicht mehr erfinden oder erzählen würde (oder leider oftmals doch noch). Ein recht bekanntes und pikantes, emotional aufgeladenes Beispiel ist in diesem Zusammenhang der Streit über die Verwendung des Wortes Neger in den Pippi-Langstrumpf-Geschichten. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie der beste Umgang damit wäre  Dabei hat er zuerst beim Vorlesen selbst interveniert und aus der Negerprinzessin eine Südseeprinzessin gemacht. Pragmatisch und zielführend. Wie aber geht man verantwortungsvoll mit der Fernsehserie um?

Sie nicht schauen, weil die Bücher ausreichend sind, ist eine Methode. Doch wenn einem die Serie ans Herz gewachsen ist und man die filmische Umsetzung auch an seine Kinder weitergeben will? Anatol Stefanowitsch würde antworten: Schicken wir Pippi doch in den Ruhestand. Sie sei so voller Diskriminierungen, dass es keine gute Methode gebe, sie Grundschul – oder gar Kindergartenkindern zu zeigen. Das Problem ist: Spätestens bei dieser Forderung steigen ganz viele VorleserInnen und Erwachsene aus der Diskussion aus. Pippi von Bord gehen zu lassen – das bringen wir nicht übers Herz.

„Barbamama“ ist Hausfrau

Wo wir gerade bei den Fernsehserien sind: Eine Zeichentrickserie, die gerade ein kleines Revival erlebt, sind die Barbapapas. Das sind bunte Wesen, die sich in alles verwandeln können, was sie wollen. Viele Kinder lieben diese Familie. Aber: Der Held ist fast immer „Barbapapa“, er rettet viele Menschen. Seine Frau, „Barbamama“, ist eine Hausfrau. Die Serie ist in den Siebzigern entstanden. Dass hier heteronormativ die Kleinfamilie abgebildet wird war damals fast die Regel. Doch die Stereotype in Barbapapa sind heute schmerzhaft. Die Kinder sind klar entlang von Mädchen- und Jungen-Rollen konstruiert. Was also tun?

Hier ist es wichtig, den Fokus nicht zu sehr auf eine einzelne Geschichte zu legen, sondern eine Vogelperspektive darauf zu werfen, womit man die Kinder „beschallt“. Ist das ein buntes Angebot mit vielfältigen Geschlechterrollen und Familienbildern? Dann sehe ich an Barbapapa nichts dramatisches. Als ein Angebot, eine Geschichte von vielen, ist es nicht mehr so schlimm. Andere und weniger normative Rollenbilder sind vorhanden.

Nicht geschlechtslos

Willi Wiberg zum Beispiel hat einen Papa, keine Mama. Sein Papa ist sehr fürsorglich und liebevoll. Zusammen erleben sie ganz alltägliche Mini-Dramen, die viel Spaß machen und ein positives Menschenbild vermitteln. Ein weiteres schönes Rollenbild ist Die kleine Hexe von Lieve Baeten. Sie ist zwar ein Mädchen, eine Hexe eben, aber sie ist ein Kind, mit dem sich alle Kinder identifizieren können. Das vergessen übrigens wir Erwachsenen gerne, wenn wir Kinderbücher kritisch hinterfragen: Dass Identifikationsfiguren für alle Kinder nicht geschlechtslos sein müssen (wie dies oft in Tiergeschichten versucht wird), sondern dass sie sich so verhalten müssen. Kinder denken oft viel freier und weniger eng und kategorisiert, als Erwachsene. Da kann sich auch ein Junge mit Pippi Langstrumpf identifizieren. Ein Mädchen fühlt sich als Seppel (einer der beiden Hauptfiguren in Otfried Preußlers Räuber Hotzenplotz). Das ist für Kinder häufig noch keine Frage von Belang. Im Gegenteil: Wir Erwachsenen sollten bei unserer Überaufmerksamkeit die Vorstellungskraft der Kinder nicht unterschätzen und sie schlimmstenfalls durch unsere Sorgen einschränken, indem wir laut Dinge sagen wie „Aber der Seppel ist doch ein Junge – wie schade, dass es bei Otfried Preußler keine Mädchen gibt, die den Räuber zur Rechenschaft ziehen.“ Im Gegenteil: Unsere Aufgabe ist es, sie zu bestärken, sich mit allem zu identifizieren, womit sie wollen – jenseits von unseren eigenen Normen in Bezug auf Geschlecht.

Sei wie du bist, Kind

Und auch für diskriminierungsfreies Denken sind Kinder offener. Auch hier kann ihre Fähigkeit, sich mit allem möglichen zu identifizieren, genutzt werden. In Ganz toll! von Trish Cooke hat die Hauptrolle ein schwarzes Kind und es wird eine Atmosphäre durch das Erzählen geschaffen, in die sich alle Kinder hineinfühlen und hineinfantasieren. Ähnlich die Geschichte Das kleine Ich bin Ich von Mira Lobe. Es ist bunt und sieht aus wie kein anderes Tier auf der bunten Blumenwiese und in den Gewässern. Zuerst ist es deswegen traurig, aber dann lernt es, sich so zu akzeptieren, wie es ist. Sei wie du bist, Kind – so heißt die durchgehende Botschaft Astrid Lindgrens und die vieler anderer AutorInnen, etwas Kirsten Boie. In dieser Haltung sehe ich die entscheidende Brücke, zwischen Political Correctness (Ich benutze den Begriff hier nicht abwertend! Im Gegenteil) und dem Wunsch, Geschichten-Schätze nicht zu vergraben, sondern weiter zu geben. Wir Erwachsenen müssen es in unserer Haltung gegenüber Kindern schaffen, ihnen als Grundwert und Rüstzeug mit auf den Weg zu geben, dass alle Menschen das gleiche Recht auf ihre Würde haben. Dazu müssen unsere Kinder am eigenen Leibe die Erfahrung machen können, sein zu dürfen, wie sie sind. Das ist der erste und wichtigste Schritt im Sinne einer diskriminierungsfreien Pädagogik. Wenn sie das an sich selbst nachspüren können, werden sie besser in der Lage sein, auch andere so zu behandeln.

Über Geschichten sprechen

Es kommt also weniger auf die Politische Korrektheit der Geschichten an, als auf all jene, die Vorlesen und mit daran beteiligt sind, Kindern Werte vorzuleben. Es kommt weniger auf die Inhalte von Büchern an, als auf unsere Art zu lesen und mit den Kindern über die Geschichten zu sprechen. Man muss nicht alles wegschmeißen: Man kann es umschreiben und in einen größeren Bezugsrahmen einbetten. Wir haben nämlich immer noch auch selbst in der Hand, wie unsere Kinder mit Geschichten umgehen – wir sind nicht bloß ausgeliefert und fremdbestimmt. Genauso wenig wie unsere Kinder – zumindest im Idealfall.

Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf freitag.de

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