auf twitter will ich nur reinen Stoff

gut. ich bin geladen. vielleicht liegts an Weihnachten. oder an anderen Dingen, jedenfalls: Ja, ich bin unausgeglichen und aufgekratzt und leicht reizbar. Aber:

Geht’s noch sektuöser?!?
Als ich twitter den Rücken kehrte, war einer der Hauptgründe die Denunziationskultur dort und die Art, wie manche mit Leuten umgingen, die eine um 2 Prozent abweichende Meinung von der eigenen haben. Ich ging, weil ich das Gefühl hatte, dass nicht nur alles, was man sagt uminterpretiert wird, sondern dass dort in solch einem Maß social-medialer Druck erzeugt werden kann, dass sensiblere Gemüter die Schnauze halten. twitter aktiv zu nutzen hat meinen Gedanken Ketten angelegt…

aber das ist hier eigentlich egal. Die Emanzipation ist mir ja geglückt, um mich geht es nicht mehr. Ich hätte nur wahrlich nicht gedacht, dass mein etwas überempfindliches Sensorium über twitter derart deutlich untermauert und bewiesen werden könnte, wie es gestern geschehen ist.

Maike von Wegen ist eine taffe Frau. im Podcast Erscheinungsraum habe ich lange mit ihr über ihre Erfahrungen, ihre Lebenseinstellung und ihre politischen Ansichten debattiert und wenn man eines über sie sagen kann, dann dass sie mutig, unbequem und gerechtigkeitsorientiert denkt und handelt. Ja – handelt! denn im Gegensatz zu so manch anderen Gestalten schafft es Maike, ihren “Aktivismus” über eine ständige Empörorgie auf twitter hinaus zu gestalten. Das ist ja heutzutage nicht mehr selbstverständlich.

gut. nun gibt es also aber eben diese Empöria und die sucht sich immer neue Betätigungsfelder und Methoden, um maximaler Beschämung und Denunziation zum Zwecke des eigenen besserwohl-Fühlens ausüben zu können. Legendär wurden vor exakt einem Jahr die sogenannten Creeper Cards auf dem 29C3. Und dieses Jahr sollen wir nicht ohne ein Weihnachtsgeschenk aus dieser Ecke ausgehen: Man richtete nun einen Account auf twitter ein, der einander “empfiehlt”, bestimmte Leute auf twitter “präventiv” zu blocken, bevor diese mit schlimmen, pöhsen und – worst case! – der eigenen Ansicht widersprechenden tweets in Timeline oder gar Mention-Spalte auftauchen.

We perfectionized our denunziation tools! Yay!

und dieser sympathische Account empfiehlt nun also, Maike von Wegen zu blocken. Weil diese sich dafùr einsetzte, dass man für eine politisch zweifelhafte Petition NICHT zuallererst auf den Betreibern des Petitionsdienstes herumhackt. Das ganze kann in der Debatte um folgenden tweet nachvollzogen werden:

https://mobile.twitter.com/blockempfehlung/status/416213620536520704

es geht also um saubere Timelines für Leute, deren Leben sich derart auf twitter eingeschossen und zentriert hat, dass man es scheinbar nicht mehr aushält, in diesem öffentlichen Kommunikationsmedium mit Andersdenkenden konfrontiert zu werden.

Mein Punkt ist: ja, dieser Account namens Blockempfehlung ist grotesk lächerlich. Was müssen das für traurige Gestalten sein, die ihre eigene Bedeutungslosigkeit mit solchen Maßnahmen aufpimpen müssen. Mich erinnert das an meinen Nachbarn, der nie Gesellschaft – also Freunde zu Besuch hat – und der mir für die vor meiner Wohnungstüre stehenden Stiefel droht. Das sollte man in der Regel alles – wie sagt man so schön: Nicht mal ignorieren.

Nein – das Problem sind nicht die einzelnen Nachbarn, im Treppenhaus oder im Stream der Belanglosigkeiten. Das Problem ist diese Weltlosigkeit, die ich als um sich greifendes Phänomen jenseits von Einzelfällen wahrnehme. Weltlosigkeit – ein Begriff von Hannah Arendt und ich habe einen Draft in diesem Blog begonnen, in dem ich diesen Begriff ausführlicher beleuchten will. Das kommt noch, wird nachgeliefert. Aber ich will es trotzdem kurz erklären: bei Hannah Arendts Weltbegriff geht es um die gemeinsam von Menschen geteilte öffentliche Welt. Da geht es um Austausch und Pluralismus. Um das Miteinander im Denken und im Handeln. Es ist eine Art große Agora, wie die Griechen sie kannten. Und wozu ist sie gut? Sie ist ein politischer Raum, der dazu da sein sollte, ein Miteinander von Menschen zu ermöglichen. Dafür braucht es Kommunikation und Diskurs. Weltlosigkeit ist eine Verweigerung. Sie ist ein Statement gegen die gemeinsame Welt und für Arendt die Wurzel des Totalitären. Ein Abschotten. Und ich reagiere mittlerweile extrem empfindlich darauf, denn sie scheint angesichts der – verständlicherweise – überfordernden Komplexität sehr verlockend. Ansteckend.

Sie zeigt sich immer dann, wenn eine Person daherkommt und ganze zusammenhänge implodieren. Es ist nie nur die Schuld dieser einzelnen Person. Es ist das Phänomen der Ansteckung anderer, die plötzlich überall den Feind sehen. Es ist der Spirit des gegenseitigen Misstrauens, der Denunziation. Man beäugt die anderen nicht mehr als Teil der eigenen Welt, in der man sich wie die anderen als Menschen unter Menschen sieht, sondern nur noch auf mögliche Verfehlungen hin. die sofort angeprangert gehören. Man will in seinem Feminismus dann keine Leute mehr, die Critical Whiteness hinterfragen. Man will die “reine Lehre”. Man will seinen Stoff gefälligst ohne die störenden Sandpartikel im Getriebe. Auch wenn man ansonsten Sand im Getriebe total geil findet – aber nur, wenn man es selbst sein darf. und nur, wenn das widerspruchsfrei bleibt.

Weltlosigkeit ist keine Lappalie, sie ist der Anfang von Extremen und hat zerstörerische Kräfte. und deswegen weiß ich einfach nicht, ob ignorieren als Umgang damit wirklich noch reicht. Vielleicht könnten wir das mal debattieren.

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Adorno sei widersprochen!

Eine schwimmende Utopie: die Lovis

Eine schwimmende Utopie: die Lovis

Ich habe mich immer schon gegen den Satz “es gibt kein richtiges Leben im Falschen” gesträubt, weil ich das nicht glauben will. Für die Wostkinder habe ich aufgeschrieben, warum ich denke, dass gerade im Osten sehr viel Raum ist für ein “richtiges Leben im Falschen” und Beispiele gefunden, die es bereits praktizieren. Ein Artikel, der von Herzen kommt ♥

Lesen: Das richtige Leben im Falschen

kurz: Utopien brauchen einen Raum, um gelebt werden zu können. Alle Räume der Welt scheinen schon erobert, wohin also? Im Osten können verlassene Orte neu erobert und mit “richtigem” Leben gefüllt werden.

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Solidarität und Entpolitisierung: Amina und die Empörten

Bei den Ausrufern schreibt der Ed2Murrow einen sehr lesenswerten Beitrag über die Debatte des Falls Amina Sboui, die im Netz Bilder ihres nackten Oberkörpers gepostet hatte und nun in Tunesien im Gefängnis sitzt. Ein Urteil von vier Monaten Haft für drei Femen-Frauen hängt derzeit wie ein schlechtes Omen über Aminas Schicksal.

Nacktheit ist interessanter Weise etwas, das derzeit die Gesellschaft spaltet – und zwar auch und gerade hier in Europa, wenn über die Ereignisse in Tunesien oder die Haltung von Femen debattiert wird. Der Umgang mit Femen ist erstaunlich. Das findet auch Ed2Murrow. In Deutschland sei eine Meinung zu all dem sehr häufig und in verschiedenen Zeitungen zu lesen gewesen: „Die radikalen und einseitigen Ansichten von Femen unterscheiden sich nicht besonders von der Einstellung jener, die Aminas Bestrafung forderten.“ Es ist so einfach, sich zu empören und Femen als rassistische Krawalltruppe darzustellen. Das ist eine Einstellung die auch und gerade in feministischen Kreisen sehr populär geworden ist. Hinterfragt man diese Einstellung gilt man schnell selbst als rassistisch oder sonstwie “istisch”

Ed2Murrow machte sich hingegen die Mühe, einen Aufsatz ins Deutsche zu übersetzen, der in der französischen Le Monde abgedruckt war, geschrieben von Hélé Béji. Als eine der wenigen schreibt sie mit großer Sorge über die Allianzen, die sich über die Lager hinweg durch “die stille Macht der Wohlanständigkeit” bildeten.

Die Mehrheit verurteilt ihre Taten, um die eigene instinktive Grenze von Normalität zu schützen, die die alten Bräuche gezogen haben; andere erleben sie als Gewissenskonflikt einer Philosophie, die zwar die Pflicht zum Gehorsam eingerissen hat, nicht aber die traditionellen Tabus, die zu überschreiten nun eine unerschrockene junge Frau die Kühnheit besitzt, indem sie alleine den schrecklichen Weg geht, all die Folgen auf sich zu nehmen, die sich aus dem Verstoß gegen gute Sitten und moralische Ordnung ergeben.

Béji ist in Frankreich schon durch eine sehr eigenwillige Einmischung in die Burka-Debatte aufgefallen. Sie vertrat hier eine Position, die ich nur unterstützen kann, die sich aber zwischen alle Stühle setzt:

„Gesetze gegen die Burka? Sie und sie alleine zu verbieten in einer umfänglich gewährenden Gesellschaft, die mit Blasiertheit jede Ausuferung beäugt? Mit welcher Berechtigung will man da die eine Übertretung ahnden und nicht auch die andere?“

Bitte lest selbst drüben bei den Ausrufern: Ed2Murrow sei überschwänglich gedankt, sich die Mühe gemacht zu haben, einen Text zu übersetzen, den man sonst so in der deutschen Debatte sicherlich nicht zu lesen bekommen würde. Denn “die auch in Deutschland um sich greifende Bigotterie” (Ed2Murrow) in Zusammenhang mit dem Nacktprotest scheint eine Debatte derzeit erfolgreich zu blockieren, die über den Horizont einer knienden Ameise hinaus nach den Interessen und Konsequenzen fragt, die hinter all diesen Debatten stecken.

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Erscheinungsraum – mein eigener Podcast


Nachdem ich im letzten Sommer Blut geleckt hatte und in Sachen Podcasting ein paar Gast-Auftritte hinter mir, die allesamt toll waren, fand ich es an der Zeit, einen eigenen Podcast zu machen. Und so soll es auch sein.

Der Titel lautet Erscheinungsraum. Und wer ein bisschen mit Hannah Arendt vertraut ist, erkennt vielleicht: Der Begriff stammt von ihr.

Die Idee dahinter ist, Menschen und Geschichten, Perspektiven und Unsichtbares hörbar zu machen. Im Gespräch. Die ersten beiden Folgen sind aufgenommen und weitere werden folgen. In Folge eins sprach ich mit Marco Herack über die Wahrnehmung von Menschen im Netz und die Schwierigkeit von Freundschaften in diesem Raum. In Folge zwei lassen Maike Weißpflug und ich Hannah Arendt erscheinen – die auch nicht immer nur beliebt war, eigensinnig und nach Freunden verlangte, mit denen man streiten kann.

Die Seite zum Podcast ist hier: Erscheinungsraum.de.

Den Podcast kann man  als mp4 abbonnieren oder als mp3 abonnieren. (Oder als Ogg Vorbis). Den Podcast gibt es außerdem bei iTunes.

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Feminismus und der Abgrund der Freiheit

Hannah Arendt und das „wer“ in der Welt

Es ist die amerikanische Professorin für Gender Studies an der University of Chicago, Linda Zerilli, die als eine der ersten und eine der Wenigen die politische Theorie Hannah Arendts für den Feminismus nutzbar gemacht hat. Sie argumentiert ihr ihrem Werk „Feminismus und der Abgrund der Freiheit“, dass sich der Feminismus umorientieren müsse: Weg von einer Fokussierung auf die Subjektfrage, die unweigerlich mit einem Hyperfokus auf dem „Defizit“ der Kategorie „Frau“ im Raster der binären Geschlechterordnung einherginge. Hin zu einer Orientierung an der Welt, die bei Arendt immer ein politischer Ort ist – ein Ort der Freiheit, des Neuanfangens und des Urteilens.[1] Continue reading

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Staatsbürgerkunde #SBK016 über Geschlechterrollen


Martin Fischer vom Podcast Staatsbürgerkunde hat mich eingeladen, mit ihm über Geschlechterrollen und Kindheiten in DDR und BRD zu sprechen. Es sind fast zwei Stunden daraus geworden. Auf geht’s zum anhören.

Bitte gerne in Martins Podcast-Blog mitdiskutieren und Erfahrungen teilen, das geht auch per Audio-Kommentar.

Der Staatsbürgerkunde Podcast ist auch jenseits dieser Folge mehr als empfehlenswert und ich höre ihn schon eine ganze Weile. Martin ist ebenfalls ein Wostkind und spricht (in der Regel mit seinen Eltern) über viele kleine und große Phänomene aus DDR-Alltag, DDR-Kultur und wie damals die Gesellschaft aufgebaut und strukturiert war. Im Sendungsarchiv könnt ihr alle bisherigen Themen auf einen Blick sehen und anhören.

Vielen Dank noch einmal an Martin für die Einladung und das offene und angenehme Gespräch. Wieder einmal hat das Podcasten sehr viel Spaß gemacht! <3

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Russland schränkt Rechte indigener Völker ein

(Dies ist eine Pressemitteilung der Hannoveraner Organisation JANUN e.V., die seit vielen Jahren in ihrer Umweltschutzarbeit auch immer einen engen Austausch mit indigen Menschen aus der ganzen Welt pflegen. Während meines FÖJ in Verden lernte ich JANUN kennen und mögen.)

Die russische Regierung hat die Dachorganisation der indigenen Völker Nordrusslands Raipon verboten.

… mit der wir von JANUN e.V. selber im Rahmen unseres Sibirienprojektes in Kontakt stehen und die uns beim Aufbau unseres Projektes unterstützt hat.

Nun braucht Raipon unsere Solidarität. Greenpeace hat eine Protestaktion gestartet, an der sich jedeR schnell und einfach beteiligen kann.

Siehe der link unter dem Text.

Worum es geht:
Die russische Regierung begründet Ihre Entscheidung mit angeblichen Widersprüchen in der Satzung der Organisation – ungeachtet der Tatsache, dass RAIPON auf Basis dieser Satzung seit 22 Jahren ohne Beanstandungen arbeitet. Seit ihrer Gründung 1990 hat die Organisation die Rechte der 41 Gruppen indigener Völker des russischen Nordens vertreten. Sie vereinte rund 300.000 Menschen, die oft keine Stimme in der politischen Arena haben.

Im August dieses Jahres hat sich RAIPON, zusammen mit anderen Vertretern indigener Völker Russlands, auf einer von Greenpeace organisierten Konferenz klar gegen Ölbohrungen in der russischen Arktis ausgesprochen. Die jetzige Kaltstellung der Organisation scheint ein dürftig verschleierter Versuch der russischen Regierung zu sein, die kritischen Stimmen auszuschalten.

mehr Informationen bei Greenpeace.de

Mitmachen und weiter verbreiten!

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Amanda Todd: Bullying bis in den Tod

Amanda Todd war 15 Jahre alt, als sie sich umbrachte. Sie wurde im Internet gemobbt und daraufhin auch im richtigen Leben. Ein Foto ihrer Brüste wurde auf Facebook gepostet und an alle ihre Freunde geschickt. Das ist der Beginn ihrer Geschichte, die sie selbst in einem Youtube-Video aufgeschrieben auf Karteikarten erzählt. Mehrmals wechselte sie die Schule, doch ihre Peiniger verfolgten sie gnadenlos und schüchterten sie immer weiter ein.

Nun spricht die ganze Welt über Amanda Todd und die Debatte über den Umgang mit Bullying bekommt neues Feuer. Es ist gut, dass es eine Debatte darüber gibt, was man tun kann. Das Video von Downtownpatrol ist ein gute Beispiel für Empowernment. Ihr Youtube-Channel gehört zu einem der coolsten Cheering-up-and-empower Channels, die ich kenne:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=u8etV1VaTZU]

Für die Angestellten des Bundes-Familienministeriums und Angehörige der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag möchte ich noch einmal festhalten: Bullying ist keine Angelegenheit, die im Internet erfunden oder durch dieses entstanden ist. Bullying ist eine uralte und lange gekannte Methode, andere einzuschüchtern. Auch als es das Internet noch nicht in dieser Form gab, wurden Mädchen in ihren Klassen gehänselt und systematisch ausgegrenzt. Auch als weder Facebook, noch E-Mail oder youtube dazu genutzt werden konnten, Bilder oder Verleumdungen über Menschen in die Welt zu setzen, wurde Kinder und Jugendliche durch Bilder und Verleumdungen in den (versuchten) Suizid getrieben. So etwas fand auch in meiner Schulklasse statt – und da hatten längst nicht alle Zugang zum Internet. Zwei Mädchen versuchten, sich umzubringen.

Es gibt kein schrecklicheres Gefühl, als das, alleine zu sein. Alleine gegen eine Front an Hatern, die alle in einen Sturm der Verleumdung und des Hasses ganz groß und ganz stark sind.

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Crozier / Friedberg: Die Zwänge kollektiven Handelns. Über Macht und Organisation.

Diese Ausarbeitung eines Textes von Friedberg und Crozier kam mit neulich wieder in den Sinn, als ich über unintendierte Effekte sinnierte. Ich schrieb sie am 14.09.2008, als Abschluss meines Proseminars “Macht und Herrschaft” bei Dr. Jürgen Mackert. Macht damit, was ihr wollt – ich hoffe, es ist irgendwie eine Anregung.

Das Ziel der beiden Autoren, Michel Crozier und Erhard Friedberg, ist es, Organisationen und organisiertes Handeln von Menschen zu analysieren. Damit haben sie zugleich eine eigene Organisationssoziologie entworfen, die bis heute in den Bereichen Management und BWL viel Beachtung erhalten und von zahlreichen Autoren als Grundstein weiterentwickelt wurden. Im Zentrum der Betrachtungen der beiden Autoren stehen der Akteur und das System/die Organisation, sowie ihre wechselseitige Beziehung und Beeinflussung. In der Analyse dieser Wechselbeziehung gehen die Autoren wie folgt vor:

1. Grundannahmen über die Beziehung von Akteur und System
2. die Rolle des Spiels in dieser Beziehung;
3. Theorie über die Zwänge kollektiven Handelns
4. die Rolle der Macht in den Spielen
5. Theorie über den sozialen Wandel im System aufgrund von Macht
6. Organisation als Problem
7. Strategisches Vorgehen von
8. Quellen von Macht in Organisationen.
Diese acht Punkte werde ich nun ausführlicher erläutern.


1. Grundannahmen zu Akteur und System/Organisation:

Als Ausgangspunkt für die Analyse betrachten die Autoren das strategische Denken auf der einen und das systemische Denken auf der anderen Seite. Diese beiden Denkschulen sind weder dem Akteur, noch dem System selbst zuzuschreiben, sondern beziehen sich dabei auf die allgemeine analytische Betrachtung, die Methodik, die ein Wissenschaftler anwendet, wenn er System und Akteur zu beschreiben versucht.
Das strategische Denken fokussiert die konkreten Erfahrungen des Akteurs sowie sein Erleben; das systemische Denken basiert auf den Kohärenzgesetzen und hierarchischen Zielsetzungen, die in einem System inhärent sind. Somit ergeben sich auch unterschiedliche Ziele: das Ziel des Strategischen Denkens ist es, das irrationale Verhalten von Akteuren durch spezifische Zwänge des Systems zu erklären; das systemische Denken hingegen versucht, die kontingenten, willkürlichen und nicht-natürlichen Dimensionen der konstruierten Ordnung des Systems wiederzufinden. Aus den unterschiedlichen Ausgangspunkten und unterschiedlichen Zielen ergeben sich damit automatisch auch zwei verschiedene Vorgehensweisen: während das strategische Denken heuristisch vorgeht, und auf diese Weise nach den realen Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen der Akteure im System sucht, wendet das systemische Denken eine neue, eine geradezu „systemische“ Kausalität an, welche sowohl die Ursachen, als auch die Wirkungen jeglichen Geschehens als voneinander abhängig und dem System inne liegend betrachtet.
Die Autoren sagen: „Beide Vorgehensweisen sind widersprüchlich und komplementär zugleich“. Sie versuchen also, beide Denkweisen miteinander zu verknüpfen.

2. Das Spiel

Eine wichtige Rolle im Ansatz von Crozier und Friedberg spielt das sogenannte „Spiel“: Darunter verstehen die Autoren einen sozialen Interaktionsmechanismus, der indirekt zwischen den relativ autonomen Akteuren abläuft und sich in oft widersprüchlichen und divergierenden Verhaltensweisen ausdrückt. Das Spiel ist ein Instrument kollektiven Handelns und – was bedeutsam ist – es wurde von Menschen „erfunden“, gleich, ob diese Erfindung bewusst oder unbewusst getätigt wurde. Der Sinn und die Aufgabe dieses Instruments ist es, jegliche Zusammenarbeit dahingehend zu regeln, dass Abhängigkeits- und Machtverhältnisse klar strukturiert werden. Das ist wichtig, da nach der Theorie Friedbergs und Croziers in jeder Art der Zusammenarbeit und Interaktion auch Machtverhältnisse entstehen. Das Spiel macht es einfacher, diese zu verstehen und sich ihnen zu fügen – oder auch nicht. Denn das ist entscheidend: Dem einzelnen Akteur bleiben trotz einiger fester Regeln, die er vorfindet, eigene Freiräume offen, er behält in einem bestimmten Rahmen Optionen zur freien Entscheidung für sich – eine davon kann es zum Beispiel sein, sich dem Spiel nicht anzuschließen und nach einem geregelten Mechanismus daraus auszusteigen – aber dazu im Kapitel „Macht und Spiele“ mehr.

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So, you didn’t know that Wikipedia has a porn problem?

Ich crossposte hier einen Input in eine Debatte, in die ich mich einmal kurz selbst eingeschaltet hatte (und schnell wieder raus geschaltet) und die ich für hoffnungslos hielt. Aber vielleicht gibt es ja doch eine Möglichkeit, einzuwirken und an vermeintlich nichtdiskutierbaren Punkten zu diskutieren… From Larry Sanger’s blog:

—o0o—

I want to start a conversation.

I. Problem? What problem?

So, you didn’t know that Wikipedia has a porn problem?

Let me say what I do not mean by “Wikipedia’s porn problem.” I do not mean simply that Wikipedia has a lot of porn. That’s part of the problem, but it’s not even the main problem. I’m 100% OK with porn sites. I defend the right of people to host and view porn online. I don’t even especially mind that Wikipedia has porn. There could be legitimate reasons why an encyclopedia might want to have some “adult content.”

No, the real problem begins when Wikipedia features some of the most disgusting sorts of porn you can imagine, while being heavily used by children. But it’s even more complicated than that, as I’ll explain.

(Note, the following was co-written by me and several other people. I particularly needed their help finding the links.)

Here is the short version:

Wikipedia and other websites of the Wikimedia Foundation (WMF) host a great deal of pornographic content, as well as other content not appropriate for children. Yet, the Wikimedia Foundation encourages children to use these resources. Google, Facebook, YouTube, Flickr, and many other high-profile sites have installed optional filters to block adult content from view. I believe the WMF sites should at a minimum install an optional, opt-in filter, as the WMF Board agreed to do in 2011. I understand that the WMF has recently stopped work on the filter and, after a period of community reaction, some Board members have made it clear that they do not expect this filter to be finished and installed. Wikipedians, both managers and rank-and-file, apparently do not have enough internal motivation to do the responsible thing for their broad readership.

But even that is too brief. If you really want to appreciate Wikipedia’s porn problem, I’m afraid you’re going to have to read the following.

larrysanger.org/2012/05/what-should-we-do-about-wikipedias-porn-problem/

Feel free to repost!

—o0o—

Diesen Input bekam ich über die Gendergap-Mailingliste. Bitte lest den ganzen Text, er hat viele Beispiele aufgelistet, wo Probleme bestehen. Und es gibt viele viele Probleme. Zum Beispiel, wenn problematische Bilder in Artikeln auftauchen und nicht entfernt werden, obwohl es klar passieren müsste. Wie im “Upskirt”-Artikel der englischsprachigen Wikipedia (ich sprach es dort auch in der Diskussionsseite an).

Es muss irgendwo zwischen dem Zensur-Vorwurf und dem hysterischen Sperren-Rufen einen Weg geben, der mit Verantwortung zusammenhängt. Wie er genau geht weiß ich selbst auch überhaupt nicht. Nur wird man ihn nicht finden, indem man Verantwortung einfach mit dem Zensur-Argument von sich weist. Niemand will Zensur. Aber Porno-Seiten gibt es im Netz zuhauf. Muss eine Enzyklopädie Pornografische Bilder republizieren? Wäre es vielleicht eine erste gangbare Lösung, im gesamten Pornografie-Projekt auf Bilder zu Verzichten und es bei den Texten und Links zu belassen? Ist das nicht auch im Sinne der Wikipedia-Idee selbst, bei der es um freies Wissen geht – nicht um freies Pornobildchen-Sharing. Wo war noch einmal die Idee des Anspruchs auf Qualität? Warum gibt es keine Relevanz-Diskussionen darüber?

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