Julian Assange auf dem #30C3: Wenn Hackerträume und feministische Hypes kollidieren

CC-BY-SA 2.0: New Media Days: Peter Erichsen

Derzeit gibt es eine sehr heiße Auseinandersetzung um den Video-Talk des Wikileaks-Gründers Julian Assange auf dem 30. Congress des CCC am Ende dieses Jahres in Hamburg. Die Auseinandersetzung dreht sich im Wesentlichen um die Frage: Ist Assange ein Vergewaltiger? Darf man einen Vergewaltiger auf einem Congress reden lassen, ihm eine Bühne erteilen?

Zwei stereotype Antworten lassen sich auf diese Frage identifizieren:

  • Natürlich ist er ein Vergewaltiger, denn er hat ja selbst Dinge zugegeben, seine Verteidigung hat Dinge zugegeben, die ich/wir als Vergewaltigung klassifizieren. Also besteht keine Frage und wer so einen einlädt ist einfach nur ekelhaft, misoygyn und antifeministisch. (so in etwa die Argumentation von Leuten, die einen feministischen Hype anzetteln.*).
  • Natürlich ist er kein Vergewaltiger solange er nicht verurteilt ist! In dubio pro Reo! Ihr blöden Feminazis könnt ja eure Creeper-Cards mitbringen und heulen. (so der Chor der aufgestachelten Hacker, die sich in einen Heiligen Krieg für die Freiheit und die Bürgerrechte stürzen, oder so)

Sollte es jetzt so wirken, als käme eine der beiden Argumentationen besser hier weg, als die andere – tut mir leid! Das war nicht meine Absicht, denn ich finde beide denkbar … ungenügend. Setzen: Sechs.

Ich bin Feministin. Und einige meiner Freunde sind Hacker. Und ich behaupte mal, dass ich ganz gut beide Welten sehen kann – und außerdem noch klar denken. Deswegen versuche ich mich an einer Standort-Bestimmung jenseits von Hype und Heiligem Krieg.

Was ist Vergwaltigung?

Vergewaltigung ist ein mit Gewalt oder Drohung erzwungener Geschlechtsverkehr – und zwar hier wie auch in Schweden. Die Gesetze in Schweden sind da überhaupt nicht anders. Das können noch so viele Blogger und Assange-Fanboys behaupten, es wird dadurch nicht wahrer. Könnte der Grund sein, warum man in Schweden den Vorwurf der Vergewaltigung hat fallen lassen. Denn – ach lest selbst:

„The appellant’s physical advances were initially welcomed but then it felt awkward since he was ‚rough and impatient‘ … AA was lying on her back and Assange was on top of her … AA felt that Assange wanted to insert his penis into her vagina directly, which she did not want since he was not wearing a condom … she did not articulate this. Instead she therefore tried to turn her hips and squeeze her legs together in order to avoid a penetration …

„AA tried several times to reach for a condom which Assange had stopped her from doing by holding her arms and bending her legs open and try to penetrate her with his penis without using a condom. AA says that she felt about to cry since she was held down and could not reach a condom and felt this could end badly.“

(Quelle: The Guardian)

Dies ist ein Fall im klassischen Graubereich*** – irgendwo zwischen Vergewaltigung und Sex – aber es ist keine Vergewaltigung. Wenn sich ein Typ so verhält, dann ist das für eine Frau erniedrigend, demütigend und das Verhalten kann man nichts anderes als ekelhaft und den Typen nicht anders als Arschloch nennen. Aber das ist keine Vergewaltigung und das wird es auch nicht dadurch, dass man diese Behauptung immer wieder und wieder wiederholt.

Die Sache geht noch weiter: Eine andere Frau hat mit Assange auch die Erfahrung nicht-konsensualen Sexes gemacht. Und es wird nicht einfacher, zu entscheiden. Schon gar nicht, wenn man nur irgend eine Bloggess ohne Jura-Studium ist, keine Richterin und keine Anwältin. Was Assange danach nämlich tat ist noch etwas weiter im Graubereich, als bislang:

They fell asleep and she woke up by his penetrating her. She immediately asked if he was wearing anything. He answered: „You.“ She said: „You better not have HIV.“ He said: „Of course not.“ She may have been upset, but she clearly consented to its [the sexual encounter’s] continuation and that is a central consideration.

(Quelle: The Guardian)

Eine feministische Lesart der Geschichte ist, dass der Sex während die Frau schläft natürlich und total klar Vergewaltigung sei. Aber auch hier möchte ich Einspruch erheben. Ich bin Feministin, aber ich hatte durchaus schon sexuelle Beziehungen, in denen das eben nicht der Fall war. Da wäre es angesichts aller Rahmenbedingungen, Vertrauen, auf Augenhöhe sein, eine rauschhafte Nacht erleben und und und… durchaus denkbar gewesen, dass so etwas konsenuell passieren konnte. Es ist absolut falsch zu behaupten, es sei ja völlig klar, dass so eine Handlung generell Vergewaltigung sei. Es kommt auf die Rahmenbedingungen an und auf die Beziehung.

Die Aussagen der betroffenen Frau legen nahe, dass es hier keinen Konsens gab. Dass es gegen ihren Willen geschah und dass es genau die Demütigung für sie war, von der ich oben sprach. Ich habe selbst schon so eine Demütigung erlebt und ich schleppe diese Erfahrung bis heute mit mir herum, auch wenn sie schon über zehn Jahre zurückliegt. Das ist eine Erfahrung, die keiner der Hacker je machen wird, je nachvollziehen können wird oder auch nur in Betracht ziehen wird, wenn er im Heiligen Krieg für die Freiheit den Feministinnen eins überbrät. Und dass sollte ihnen bewusst sein. Die Erfahrungen von nicht-konsensualem Sex wird in den meisten Fällen von Frauen gemacht und es ist ein Einschnitt in ihre Seele. Es begleitet sie in jeder folgenden sexuellen Beziehung und es verhindert, sich in ein sexuelles Abenteuer einfach unbefangen hineinstürzen zu können. Es legt einen Keuschheitsgürtel um die innere Lust, einfach aus der Angst heraus, je wieder so mies behandelt zu werden. Und so etwas sollte euch Hackern nicht egal sein – denn auch ihr könnt einer Frau begegnen, der so etwas passier ist. Denn es passiert viel zu oft.

Der Graubereich im Rechtssystem

Rechtlich ist dieser Graubereich genau das, was schon der Name sagt: Ein uneindeutiges Gebiet, auf dem es verdammt schwer ist, irgendwelche Urteile zu fällen. Würde Julian Assange sich der Anklage stellen – die keinesfalls wegen Vergewaltigung gegen ihn läuft, diese wurde wie gesagt eingestellt, es geht um sexuelle Nötigung und sexuelle Belästigung, wurde also deutlich abgeschwächt – wäre der Ausgang völlig offen. Es stünden Aussage gegen Aussage. Denn – und das unterschlagen vergessen meine feministischen Freundinnen zu gern: Die Aussage der betroffenen Frau steht gegen die Aussage Assanges (lest euch die Texte im Guardian einfach komplett durch). Und damit haben die Hacker leider recht: Hier ist noch kein Urteil gefällt, in dubio pro reo. Und es wird verdammt schwer zu beweisen sein, dass Assange das Arschloch ist, für das wir ihn alle halten. Rechtlich gesehen – und dieses Recht impliziert dann auch eine Ethik – ist die Sache also immer noch offen.

Wenn Hackerträume eigentlich platzen sollten

was ist so geil an Assange, dass alle Beteiligten, die jetzt im Heiligen Krieg sind, so abgehen? Eigentlich ist es ganz einfach und ich bitte alle Feministinnen und Allies derselben, wenigstens zu versuchen nachzuvollziehen, was der große Traum ist, den Assange verkörpert.
Dabei brauchen wir drei Basislegungen:

  1. Wir beenden ein Jahr, in dem wir mit einer unendlichen Ohnmacht konfrontiert wurden. Und als nichts anderes kann man die netzpolitische Lage nach Snowden bezeichnen. Auch und gerade wie unsere Bundesregierung in diesem Krieg agiert, nämlich sich an die Seite der USA stellend, macht nicht gerade optimistisch. Wir leben gerade eine Dystopie und auch wenn die meisten Feministinnen die ich kenne diesen Zustand noch nicht als solchen realisieren: Die Hacker-Community beschäftigt sich seit Äonen damit. Die Verschwörungstheorien, die sie hegten, ihre kleine Paranoia – alles hat sich als wahr herausgestellt! (ich übertreibe und überspitze, aber nur, weil es mir wichtig ist, dass ihr diesen Punkt mitschneidet!)
  2. Julian Assange ist der gelebte Widerstand gegen eine Welt, die sich in Regierungen, Geheimdiensten, Kriegen (deren Führung oftmals jenseits der Menschenrechtkonventionen liegt, aber das hält man gemeinsam geheim), Gemauschel hinter den Kulissen und Bündnissen jenseits von Demokratie abspielt. Assange hat mit Wikileaks den Mächtigen dieser Welt das Fürchten beigebracht. Er hat ihnen gezeigt, dass nur einer daherkommen muss, der keine Skrupel hat – schon wackelt die ganze Welt ein bisschen. Was Wikileaks damals auslöste ist ein Orkan, wie er heute an den Küsten dieses Landes herumfegt – aber der Wikileaks-Orkan fegte um die ganze Welt.
  3. Es ist der 30. Kongress, ein Jubiläum.

Okay, die letzte Basislegung mag banal klingen. Aber das ist sie nicht, denn Jubiläen erfordern immer etwas, das über dem „typischen“, dem „bekannten“ liegt. An einem 30. Jubiläum muss etwas ganz besonderes passieren. Da kommen Basislegung eins und zwei zusammen: Wir leben die Dystopie und realisieren, dass da ein Krieg stattfindet, für den wir bislang noch keinen Namen haben (und verschont mich mit „Cyberwar“ – was für ein seltendümmlicher Begriff). Zu dieser Dystopie brauchen wir – Frank Rieger brachte es voll auf den Punkt – einen HELDEN (gern auch eine Heldin, aber welche?), der (die) Hoffnung gibt. Und wenn man einigermaßen frisch denken kann, alle anderen Einwände einmal kurz beiseite lässt und sich auf die Suche begibt, eine_n Held_in zu finden, einen Widerstand zur Dystopie: Es gibt nur diesen einen. Es ist Assange. Es ist Wikileaks.

Und jetzt muss ich leider Einspruch erheben: Es ist nicht Wikileaks. Der Traum ist eine Blase und eigentlich sollte man diese Blase platzen lassen. Nicht aus feministischen Gründen. In der Geschichte der Menschheit gab es viele Helden, die Arschlöcher waren und vielleicht auch Vergewaltiger. Helden schnappen schnell über und meine Meinung über Assange ist, dass er übergeschnappt ist und dass er deswegen Frauen scheiße behandelte. Da gibt es vielleicht des öfteren eine Verbindung. Dennoch möchte man auf die Taten dieser Helden nicht verzichten und es ist wichtig, dass sie darüber sprechen. Das mag jetzt scheiße klingen, aber angesichts von weltweiten Problemen kann es wichtiger sein, einem Arschloch zuzuhören, politisch wichtiger, als auf die moralische Umsetzung von feministischen Grundsätzen zu pochen**.

Aber Wikileaks ist mehr als problematisch. Es klebt Blut an den Händen Assanges. Das lässt sich nicht wegleugnen. Ich halte Wikileaks wirklich nicht für die Lösung. Seine Whistleblower mögen die eine Seite der Sache sein. Eine andere Seite ist, wie ich aus einer Quelle im Europaparlament erfuhr, dass man davon ausgehen kann, dass in beispielsweise Syrien unzählige Menschen getötet wurden, weil man ihre Namen in Leaks fand, die einen Zusammenhang mit den USA herstellten. Damit waren sie für das Assad-Regime Verräter. Auch im Libanon hat Wikileaks zu einer Destabilisierung der Lage geführt und das kostet immer Menschenleben. So etwas ist Assange egal. Ich habe damals ein längeres Gespräch mit Herfried Münkler über Wikileaks geführt, der damals sehr stark dagegen anschrieb (zum Beispiel in der Süddeutschen) und dessen Meinung ich zu Anfang des Gesprächs nicht teilte. Aber: Er hat Recht in einer ganz wichtigen Sache: Wikileaks übernimmt null Verantwortung. Es pustet Informationen in die Welt, ungeachtet der Konsequenzen, die diese Informationen haben. Konsequenzen, die Menschenleben sein können. Hunderte, tausende, hunderttausende.

Was man meiner Meinung nach hätte tun sollen – und damit will ich auch zum Schluss kommen, ich freue mich für alles Weitere einfach auf eine rege Diskussion, die ich aber streng moderieren werde:

Den Guardian und Snowden lobpreisen

Der CCC sollte anstatt sich hinter Assange zu stellen, den Guardian und Snwoden gebührend huldigen. In meinen Augen ist das, was dort dieses Jahr gelaufen ist, Whistleblowing at its best. Wir haben einen Journalismus, der sich nicht erpressen lässt, der einem Menschen den nötigen Platz einräumt und der gleichzeitig auch die Verantwortung für die Informationen trägt (IMHO der Grund, warum die Infos so stückchenweise aus dem Guardian kommen, und nicht wie bei Wikileaks alles auf einmal rausgeballert wird). Und wir haben einen Edward Snowden, der ein perfekter Held ist. Keine Ahnung, wie die realen Chancen stünden, ihn für einen Video-Talk zu bekommen. Aber irgend jemanden aus diesem Umfeld könnte man sicher bekommen, oder den Chefredakteur des Guardian. Oder gar eine Frau, die Snowden monatelang begleitete: die Wikileaks-Journalistin Sarah Harrison. Hier liegt für mich so viel mehr Hoffnung, als in einem Assange, an dessen Händen Blut klebt.

Ich kann mir vorstellen, wie verdammt schwer das für euch ist. Aber lasst Assange los. Er ist nicht der Held, den diese dystopischen Zeiten brauchen. Ihm fehlen entscheidende Heldenqualitäten und ich persönlich vermute die Ursache liegt in seinem Ego.

* Was ein Hype ist, erklären Marco Herack und ich in einem Vortrag auf der Open Mind 2012.
** dies ist eine gute Gelegenheit, den Hackern das „Yes means Yes“-Blog ans Herz zu legen

*** vor einigen Jahren wurde auf jetzt.de die Debatte über diesen Graubereich durch eine Userin ausgelöst, die über ihre Erfahrungen schrieb. Das SZ-Magazin griff die Debatte auf und sprach dazu mit einem Sexualpädagogen. Beides ist als Zusatzlektüre lesenswert – und hilft hoffentlich ein bisschen zu verstehen, was ich mit Graubereich meine.

Zusatz: bitte denken Sie daran, dass ich hier mit „die Hacker“ nicht den CCC oder die Orga meine. Nach meinen Kenntnissen ist in diesen Kreisen Assange nicht gerade beliebt.

2. Zusatz: Ich konstruiere hier mit „die Hacker“ und „die Feministinnen“ so eine Art Webersche Idealtypen-Gegenüberstellung. Das hat den einfachen Grund, dass ich einen Punkt damit klarmachen will. Es dient einfach der Zuspitzung. Dabei nehme ich wissend in Kauf, dass sich diese beide Idealtypen auch je einem Geschlecht zuordnen – im Text. Auch wenn das in der Realität natürlich nicht so ist. Es gibt sowohl weibliche Hackerinnen als auch männliche Feministen und die Argumentationslinien dieser können durchaus von dem hier dargestellten Idealtypus abweichen. Mein Anliegen ist es nicht, Stereotype festzuschreiben. Mein Anliegen ist es, die Botschaft des Textes herauszustreichen, plastischer zu machen. Ich wurde mehrmals darauf hingewiesen, dass dies negativ ankommt. Das tut mir leid und ist nicht meine Absicht.

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3. Generation Ost, Daniela Dahn und viel Feminismus – Podcastaktivitäten auf einen Blick

Liebe Blogaudienz,

viele von euch bekommen es auf anderen Kanälen mit, aber bestimmt nicht alle: Während hier ein bisschen die Milch sauer wird vor lauter rumstehen und nicht angerührt werden, tobe ich mich nicht nur in den Stützen der Gesellschaft aus, sondern auch in diversen Podcasts, von denen ich hier noch nicht erzählt habe. Also möchte ich euch einen kleinen Überblick über die Episoden der vergangenen drei Monate geben und bitte um höfliche Zurkenntnisnahme. Debattieren könnt ihr die Folgen in den entsprechendenen Blogs.

  • In LILA004 – Haben Männer Humor? sprechen Susanne Klingner und ich über lustige Frauen. “Feminism has never been so funny” – schreibt der Guardian über junge feministische Frauen, die Comedy-Preise abstauben. Aber stimmt das? War Feminismus vorher nie lustig? Quatsch!
  • LILA005 – I’m too sexy for your ear handelt von der Allgegenwärtigkeit von Sexyness. Frauen sollen sexy sein, aber bloß keine Schlampen. Und das ist ein Problem. In dieser Folge nähern wir uns der zweischneidigen Angelegenheit “Sexyness”.
  • Auch die Wostkinder haben im Oktober gepodcastet: Im Gespräch mit Adriana Lettrari lernen wir die Dritte Generation Ost kennen und sinnieren über Transformationskompetenz und die Zukunft Europas. Welche Kompetenzen hat diese Generation gebildet? Welcher politische und gesellschaftliche Anspruch ergibt sich daraus und mit welchem Selbstverständnis werden diese Dinge betrachtet?
  • Eine besondere Ehre war das Gespräch mit der Schriftstellerin Daniela Dahn “Ich wollte immer in der Demokratie leben, aber nie im Kapitalismus”. “Wer nicht versucht hat, sich einzumischen, soll nicht behaupten, es ginge nicht. Sich schreibend einzumischen, heißt stören. Wer zufrieden ist, schreibt nicht. Schreiben heißt abweichen und rebellieren, attackieren und ironisieren. Schriftsteller sind nicht dazu da, Harmoniebedürfnisse zu erfüllen.
  • Und ganz frisch von heute (na gut, aufgenommen haben wir schon am Montag, aber er wurde gerade publiziert): LILA006 – Wenn die Frau mit dem Klemmbrett ins Bordell kommt Die täglich neuen Nachrichten aus den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU sind ein guter Anlass für uns, die politische Lage und die politischen Debatten zu beleuchten. Ein großes Thema ist außerdem die Debatte zur Prostitution.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Hören.

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Feminismus auf und um die Ohren

Wer es noch nicht über einen der üblichen verdächtigen Kanäle mitbekommen haben sollte: Susanne Klingner und ich haben den Lila Podcast gestartet. Wann immer wir die Zeit finden, werden wir uns ab jetzt gemeinsam über aktuelle Debatten aus feministischer Perspektive unterhalten. Die erste Folge unter dem Titel „Feministischer Frühling“ bespricht ausgehend von verschiedenen Debatten in den Medien und im Netz die Kritk an Femen, die Kritik an „Neofeministinnen“ – und wir fragen uns, warum hier derart Welten aufeinander prallen. Wir sprechen über Nacktheit. Wie steht es gerade um den Feminismus im Netz – war früher alles besser oder hat sich doch einiges getan?
Hört doch einfach mal rein.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch der Blogpost bei Che, der den Spiegel-Artikel aufgreift und sich darüber ärgert, dass hier in der medialen Verkürzung und Klischee-Huberei:

Plattheiten wie der Frage, wer sich die Achselhaare rasiert oder auch nicht haben nun wirklich nichts mit einer Debatte über Inhalte zu tun; das ist Bild-Niveau.

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Feminismus und der Abgrund der Freiheit

Hannah Arendt und das „wer“ in der Welt

Es ist die amerikanische Professorin für Gender Studies an der University of Chicago, Linda Zerilli, die als eine der ersten und eine der Wenigen die politische Theorie Hannah Arendts für den Feminismus nutzbar gemacht hat. Sie argumentiert ihr ihrem Werk „Feminismus und der Abgrund der Freiheit“, dass sich der Feminismus umorientieren müsse: Weg von einer Fokussierung auf die Subjektfrage, die unweigerlich mit einem Hyperfokus auf dem „Defizit“ der Kategorie „Frau“ im Raster der binären Geschlechterordnung einherginge. Hin zu einer Orientierung an der Welt, die bei Arendt immer ein politischer Ort ist – ein Ort der Freiheit, des Neuanfangens und des Urteilens.[1] Weiterlesen

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Normschön? Rassistisch?

Ich hadere in meiner letzten Kolumne mit neuer „innerfeministischer“ Kritik und frage mich, ab wann eine Frau als „weiß und normschön“ gilt. Und ob das ein Nachteil sein kann.

mein #609060 von heute morgen. und? normschön?

Es ist legitim, zu fragen, welche Menschen in einem Diskurs zu Wort kommen, und welche nicht. Doch wenn man Menschen aus Aussehen, Herkunft oder Alter einen Strick dreht, schwächt man unter Umständen ein Anliegen.

Wer feministisch agieren will und diese Haltung in seine Arbeit hinein trägt, begibt sich häufig allein deswegen auf glattes Eis, weil andere sich nicht widergespiegelt sehen. Aussehen, Alter, Herkunft und Bildung – das sind nur einige Kategorien, entlang derer sich ja auch wirklich einige Ausgrenzungen in der Gesellschaft abspielen. Es wird aber zu einem Dilemma, wenn man überall nur noch absichtliche Ausgrenzungen sieht. Ein Beispiel: In einem feministischen Popkulturmagazin, das sich immer wieder auch mit Mode befasst, werden Kleidungsstücke vorgestellt. Die Frauen, die man hierfür ablichtet sind keine Models, sondern vielleicht Freundinnen oder Bekannte der Blattmacherinnen, die man eben dazu überreden konnte. Es wird dann eventuell vorkommen, dass kritische LeserInnen des Magazins sich darüber beschweren, dass nur „normschöne“, weiße Frauen eines bestimmten Alters dargestellt würden. Das ist eine Art und Form der innerfeministischen Kritik, die momentan sehr in Mode ist.

Einfach „sein“

So zu lesen etwa in einem Vortrag über Intersektionale Perspektiven auf den Slutwalk: „Von weißen normschönen Heteras, die für ihr Recht sexy sein zu dürfen auf die Straße gingen“. Aber ab wann ist eine Frau eigentlich „normschön“? Muss ich mich selbst auch so einordnen und darf ich deswegen nicht mehr so präsent sein?  In den Augen mancher bin ich vielleicht eine „normschöne“ Feministin. So wie die jungen Frauen, die in meinem eingangs geschilderten Beispiel, in der Modestrecke im feministischen Magazin, auch „normschön“ waren. Aber magersüchtig bin weder ich, noch sie. Wir haben uns nicht operieren lassen, oder liften. Darf man noch „einfach sein“, also wie man ist?

Ob als Feministin, als Amateur-Model, als Politikerin, als Wissenschaftlerin, als Vegetarierin oder Veganerin in einem Online-Forum: Ist das in Ordnung? Oder muss man wirklich allein deswegen jetzt irgendwo fern bleiben, weil man jung, weiß und angeblich „normschön“ ist und damit wieder einmal dazu beigetragen hat, dass alle, die diesem Bild nicht entsprechen, unsichtbar gemacht werden?

Eine ähnliche Debatte erlebte ich jüngst im Zusammenhang mit dem fünften Geburtstag des feministischen Blogs Mädchenmannschaft. Auf der Veranstaltung, die ein Mix aus Workshops und Party war, gab es einen Workshop von einer der Autorinnen der Mädchenmannschaft, Hannah Wettig. Sie ist professionelle Journalistin und als solche regelmäßig in Nord-Afrika unterwegs. Die arabische Revolution hat sie vor Ort miterlebt und so bot sie einen Workshop zur Rolle der Frauen in den Arabischen Revolutionen an (in Analyse & Kritik hat sie dazu auch schon einen ausführlichen Artikel veröffentlicht). Im Nachhinein warf man ihr vor, dass eine Weiße hier über die (nicht anwesenden) arabischen Frauen geredet habe. Dies sei Rassismus.

Vielfalt als Wert an sich

Es sind Konflikte wie diese, die zeigen, dass man kein Umkehrargument daraus machen kann. Weder aus dem Aussehen, der Herkunft noch dem Alter oder dem Bildungsgrad sollte man denen, die sich engagieren – sei es nun feministisch, antirassistisch, für mehr soziale Gerechtigkeit und Bildungsgerechtigkeit – einen Strick drehen. Denn sie engagieren sich und wollen die Welt verändern. Darauf kommt es an. Das finden auch die Autorinnen eines weiteren Artikels aus der Analyse & Kritik, der sich kritisch mit dem Konzept der Critical Whiteness auseinandersetzt. „Ein Antirassismus, in dem nur diejenigen zu Wort kommen sollen, die als ‚Opfer‘ davon betroffen sind, reduziert den gesamten emanzipatorischen Inhalt eines solchen Projekts auf eine Art Interessenvertretung oder sogar Generalversammlung eines Mainstreams der Minderheiten.“ Finden die Autorinnen und setzen sich dagegen ein, dass Menschen nur, weil sie weiß seien, nicht an den Diskursen teilhaben dürften.

Natürlich ist und bleibt es ein Dilemma. Wenn wir Vielfalt und Diversität fördern wollen, dann müssen wir auch aktiv darauf achten, dass Menschen vertreten werden, die man gerne „übersieht“, denen man nicht aktiv eine Stimme in öffentlichen Diskursen einräumt. Dazu gehört es auch, an den entsprechenden Stellen, sei es in den Medien, auf Konferenzen oder in der Vernetzungsarbeit, aktiv daran zu arbeiten, dass nicht nur eine homogene Gruppe unter sich das Feld besetzt. Mehr Vielfalt und Diversität: Das bleibt ein Wert an sich.

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FSU Wien: Pragmatischer Feminismus und Critical Whiteness

Vom 19.-21.09.2012 war ich Gast bei der FrauenSommerUni in Wien, der #fsuwien, wie auf twitter der Hashtag hieß. Ich besuchte dabei sehr interessante Vorträge und Workshops, die man dank der tollen medialen Aufzeichnung und Dokumentation nun auch alle im Internet ansehen und anhören kann. Die FSU Wien war eine ganz tolle Bildungsveranstaltung. Ich habe viel gelernt, tolle Frauen kennen gelernt und ich wünsche mir, dass sich das Konzept der FrauenSommerUni ausbreitet. Warum nicht eine FrauenSommerUni Berlin? Oder Hamburg, Köln, München… Wer Lust darauf hat: Der Kontakt mit den Organisatorinnen kann gerne vermittelt werden.

Pragmatischer Feminismus

(c) Bettina Frenzel

Am Freitag Vormittag hielt ich selbst einen Vortrag. Unter dem Titel „Pragmatischer Feminismus – Zwischen Realität und Vision einen Weg bahnen“ blickte ich auf die philosophische Denkrichtung des Pragmatismus mit einem feministischen Blick und versuchte, die Ideen des Pragmatismus auch für den Feminismus nutzbar zu machen. Es entspann sich noch während des Vortrags eine kleine Diskussion über die Formulierung, der Pragmatismus würde „überflüssiges Theoretisieren“ ablehnen. Insgesamt sind nach dem Vortrag noch viele Fragen offen geblieben – ich selbst stehe noch relativ am Anfang mit der Idee, Feminismus pragmatisch aufzuziehen. So gesehen war der Vortrag eine Art Testballon – aber ich bleibe in der Sache auf jeden Fall am Ball.

Die Folien stelle ich euch pragmatischer Feminismus zur Verfügung. Die darin fehlende Charlene Haddock Seigfried sei hiermit nachgereicht – einen Überblick über ihre Werke könnt ihr nach dem Klick gewinnen. Ansonsten wurde einiges auch schon ins Deutsche übersetzt und kann im Buchhandel erworben und in Bibliotheken ausgeliehen werden. Den Vortrag könnt ihr euch nun jedenfalls auch ansehen:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=Nyg4jx3TOBo]

Feminismus und Critical Whiteness

Am Tag davor hatte ich einen Vortrag von Stefanie Mayer angehört, den ich hier gerne empfehlen möchte. Sein Titel lautete: „Politik der Differenzen. Anti-/Rassismus im weißen Feminismus in Wien“ und Stefanie Mayer schilderte darin ein Dilemma, das kurz darauf an ganz anderer Stelle sehr stark ausbrach: Manchmal stehen internationale Frauensolidarität und antirassistische Einstellungen (momentan auch stark im Rahmen der Critical Whiteness debattiert) einander diametral entgegen. Das ganze wurde am Beispiel eines Eklats auf einer österreichischen feministischen Mailingliste verdeutlicht und führte dann in eine recht angeregte Diskussion. Was mir gefallen hat war die ehrliche Antwort von Stefanie Mayer, auf das Problem einfach keine Antwort zu haben und noch daran zu knabbern. Wenn ihr mögt, schaut selbst noch einmal rein:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=rrgmrR2GpUE]

Alle weiteren Filme und Vorträge findet ihr auf den Seiten FSU in Wort und Bild. Ich selbst habe vor allem auch aus dem Vortrag von Hilde Schmölzer „Revolte der Frauen. Porträts aus 200 Jahren Emanzipation“ sehr viel neues Wissen mitgenommen.

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Are you man enough to be a feminist?

Der Vortrag von Michael Kimmel, den er bei der Heinrich-Böll-Stiftung am 12.09. hielt, ist nun online zu sehen. Kimmel ist Co-Autor des Buches „Guy’s Guide to Feminism“, welches ich schon in meiner Kolumne besprach. Was er einfach sehr gut kann – das kommt auch bei dem Buch rüber – ist Menschen Feminismus auf eine Art näher zu bringen, die anknüpfbar ist. Nicht selten wird während seines Vortrags gelacht.

Danke für den Link an den Podcast #wmr49 von mspro und 343max – den ich zwar noch nicht in Gänze gehört habe, wohl aber den Teil über Feminimus, wo über das Video gesprochen wurde.

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Die Erklärbären

Feminismus ist überaus kompliziert. Das kommt nicht nur, weil es X feministische Strömungen und Ansichten gibt (die einander teilweise ergänzen, teilweise widersprechen). Sondern bereits der gemeinsame Nenner dieser Strömungen wird ausufernd. Denn was FeministInnen antreibt umfasst nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche. Manchmal ist das schwer zu vermitteln.

Foto: (CC BY-ND 2.0) von Tambako the Jaguar via Flickr

Der gemeine Mensch aber sehnt sich nach Komplexitätsreduktion. Das Gehirn ist so konstruiert, dass es in einer überkomplexen Welt nicht permanent reizüberflutet und überfordert ist: Es schafft sich Schubladen und reduziert die Komplexität damit so, dass das Leben möglichst einfach und die Dinge möglichst schnell erfasst sind. Schubladendenken hat also einen Sinn. Es bring aber auch einen Nachteil mit sich: stereotypes Denken. Und davon können FeministInnen wahrlich ein Lied singen.

Die Vorurteile gegen Feminismus kennen keine Grenzen. Manche finden das so mühsam, dass sie nach jahrelanger aufreibender Arbeit aufgeben und den Begriff fallen lassen. Sie finden es einfacher so. Die meisten aber glauben: Feminismus ist ein international bekannter und damit verbindender Begriff mit einer langen Tradition und Geschichte. Diesen Begriff aufzugeben wäre ein zu schmerzhafter Verlust. Daher machen sie die Erklärbären. In Deutschland taten dies zum Beispiel die Autorinnen Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl, die im Jahr 2008 das Buch „Wir Alphamädchen – Warum Feminismus das Leben schöner macht“ herausgaben. Es war locker geschrieben, in der „Wir“-Form – aber: Es sprach vor allem junge (heterosexuelle) Frauen an.

Michael Kimmel, Michael Kaufmann und ein Blogger namens „Leptos“ legen jetzt nach: Feminismus für Männer erklärt – von Grund auf. Bislang leider nur auf Englisch, aber schauen wir es uns einmal an:

Da gibt es zum einen den „Guys Guide to Feminism“. Die beiden Autoren Michael Kimmel und Michael Kaufman haben sichtlich Spaß daran, die Erklärbären zu machen. Sie sagen klar: Egal, was andere unter dem Label verstehen, Feminismus ist relevant und zwar für Männer. Es sei ein Mythos, dass FeministInnen in Männern ihre Feinde sähen, nein: FeministInnen mögen Männer! Denn, so Kaufman/Kimmel: „Frauen, die vom Feminismus angesteckt sind, erwarten nicht nur von Männern, dass sie sich anständig benehmen, sie haben gleichzeitig ein tiefes Vertrauen in unsere Fähigkeit, dies zu tun.“ Das klingt nett, aber das Buch ist nicht nur nett und heititei. Einerseits ist es berührend, wenn sie darlegen: „Feminismus ermuntert Frauen, durchsetzungsfähiger und selbstbewusster zu sein. Und Feminismus ermuntert Männer, mehr Gefühle zuzulassen und auszudrücken. Und je selbstsicherer Frauen werden, und je mehr Männer ihre Gefühle ausdrücken, tja – umso gleicher werden Männer und Frauen werden. Und umso fähiger werden sie, echte Freunde zu sein.“ Doch sie schweben nicht auf rosa Wölkchen durch den Feminismus, nein, sie beziehen z.B. klar Stellung zu häuslicher Gewalt: „In Studien sehen wir: Wenn man breit auslegbar nach Gewalt fragt – wurden sie jemals von einem Partner geschlagen geschubst etc… – dann sind die Zahlen etwa gleich hoch bei beiden Geschlechtern. Aber wenn man fragt, ob die Gewalt dazu führte, dass die Person zu einem Arzt musste, oder auf Arbeit fehlte, oder physischen Schaden nahm, dann gibt es in überwältigender Weise viel mehr Gewalt von Männern gegen Frauen.“ Sie thematisieren Rassismus, Intersektionalität, Pornografie, Sex, Biologismen. Sie entzaubern auch das Testosteron: „Nehmen wir zwei Typen mit unterschiedlichen T-Levels [Testosteron] (alle anderen Merkmale sind gleich). Der mit dem höheren T-Level wird den anderen im Wettkampf schlagen. Aber nimm zwei Kerle, die gleiche T-Prüfmaße haben und dann einen Wettkampf führen: Der T-Level des Siegers wird hoch gehen und der des Verlierers runter.“ Kaufman/Kimmel bestätigen die Vermutung, dass bei den Hormonen der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bislang von den meisten Biologen nicht wirklich genau untersucht wurde.

Bei den beiden Erklärbären mit den gleichen Initialen (die sich im Buch deswegen häufig MK² nennen) ist Respekt der Rote Faden. „Hört respektvoll zu, aber erwartet auch Respekt für eure eigene Integrität und eure Ideen.“ Mit dem „Guy’s Guide to Feminism“ haben sie einen kleinen Meilenstein gelegt: Liebevoll, Rücksichtsvoll und humorvoll machen sie die Erklärbären.

Nicht konsequent respektvoll

Der Blogbeitrag „Feminism for Dudes (from a dude)“ von „Leptos“ in seinem Blog „Player vs. Frustration“ begeisterte viele FeministInnen auf Anhieb und fand recht große Verbreitung zum Beispiel auf Twitter. Sinngemäß geht der Text in etwa so: „Jeder Junge, der sich für Feminismus interessiert geht ungefähr durch den gleichen Prozess der Erkenntnis und stellt auf jeder Stufe dabei Fragen, die FeministInnen nerven. Und weil wirklich JEDER nette Junge, der sich für Feminismus interessiert, diese Stufen durchmacht, habe ich sie mal hier aufgeschrieben und bitte euch, vorher nachzudenken, bevor ihr fragt.“ Dann zählt er die Stufen auf:

Erstens lerne jeder der Jungs, dass es Privilegien gäbe und dann dächten sie: Privilegien sind doch nicht wirklich der Punkt. Frauen haben doch auch Vorteile. Seine Antwort: Privilegien spielen eine große Rolle und das muss man akzeptieren. Zweitens würden Jungs dann irgendwann akzeptieren, dass es zwar Privilegien gibt und sie eine Rolle spielen, würden dann aber ihre Wirkungskraft herunterspielen. Oder relativieren. Dazu sagt er klar: Akzeptiert, dass es weiterhin ein sehr großes Problem ist und noch viel daran gearbeitet werden muss. Die dritte Stufe sei dann, die Frage nach den Männern zu stellen und ob der Feminismus diese nicht benachteiligen wolle. Oder unter Generalverdacht stelle. Dazu sagt er: Wenn Frauen kritisieren, was viele Männer tun – dann bitte sag dir immer wieder: ES GEHT HIER NICHT UM DICH. Viertens sei der Feminismus nicht dazu da, Männer happy zu machen. Sich nicht immer wohlzufühlen, wenn FeministInnen Sexismen ansprächen, sei normal. Das müsse man akzeptieren. Zum Schluss spricht er das „Tone Argument“ an. Also das Kritisieren eines rauen oder angreifenden Tons von FeministInnen. Wieder erklärt er: „ES GEHT NICHT UM DICH“ und besteht darauf, dass zwar manchmal ein diplomatischer Ton besser sei, doch dass es nicht den Jungs zustünde für die FeministInnen zu entscheiden, wann diese Zeit sei.

Je weiter er schreibt, desto weniger respektvoll bleibt er gegenüber den Jungs, die gerade mit Feminismus einsteigen wollen. Problematisch ist zum Beispiel die Aussage: „Wenn ihre Wut dazu führt, dass du dich unwohl fühlst, frag dich selbst: Fühlst du dich unwohl, weil du denkst: worüber sie redet, das gibt es gar nicht. Oder weil du denkst: sie spricht über dich und ärgert sich über dich? Wenn es das erste ist, liegst du vermutlich falsch. Wenn es das zweite ist, dann hör auf, das zu tun, was du getan hast und was sie kritisiert!“ Potentiell wird damit Kritik unmöglich. Außerdem ist es so verallgemeinernd formuliert, dass es FeminstInnen wirklich auf ein Podest der Weisheit stellt, das kaum zulässt, kritisiert oder hinterfragt zu werden. Das kann schlimmstenfalls eher abschreckend als einladend wirken. Schade eigentlich, denn die Idee ist ja prima. Kaufman/Kimmel sind mit ihrem Respekt konsequenter und das ist der große Gewinn am Guy’s Guide. Als Einstieg oder Weiterbildung für Männer daher ohne Abstriche zu empfehlen. Oder Moment: Ein kleines Manko hat es vielleicht: Man(n) erfährt hier überhaupt nichts über innerfeministische Spaltungen und Differenzen. Es geht um das Große Ganze und die gemeinsame Basis von allen. Aber ehrlich: Das ist eigentlich kein Manko – sondern nur ein weiteres großes tolles Plus an diesem Buch.

Links:

http://guysguidetofeminism.com/

http://wissen.dradio.de/gleichberechtigung-maenner-fuer-den-feminismus.33.de.html?dram:article_id=206020

http://maedchenmannschaft.net/leseprobe-wir-alphamaedchen/

http://playerversusfrustration.wordpress.com/2012/01/12/completely-unrelated-to-world-of-warcraft-feminism-for-dudes-from-a-dude/

http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/das-f-wort

Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de

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