Manchmal muss man loslassen

Es war einmal eine gute Idee. Die wurde geboren, als eine kluge und erfahrene Frau fand, dass es nicht nur ein netzpolitisches Bier geben sollte, sondern auch ein Biertrinken und regelmäßiges Treffen all jener, die sich im Netz feministisch engagierten. Und diese Idee war wirklich gut und das netzfeministische Bier lief – ich glaube anderthalb Jahre oder so – wirklich entspannt und schön in Berlin und auch andernorts über die Bühne. Man traf sich, lernte sich kennen, tauschte sich aus, debattierte. Da war dieses Treffen in Berlin, bei dem plötzlich irre viele Piraten aufschlugen und das zu Diskussionen führte, ob man überhaupt Männer dabei haben wollte. Und da war dieses Treffen in der Turnhalle, wo alle an einer langen Tafel saßen, was schrecklich unkommunikativ war, aber aus der zeitlichen Ferne ist es lustig.

Dann kamen diese ganzen Verwerfungen. Leute stiegen aus der Mädchenmannschaft aus, Leute stritten sich um Diskursmacht und andere Mächte, Leute redeten hinter den Rücken von anderen schlecht übereinander oder benahmen sich ganz öffentlich auf twitter daneben und Leute hatten verschiedene Ansichten über so manche Streitpunkte. Egal. Es ist eben alles anders verlaufen, als gedacht. Eigentlich no big deal: Eine loser Zusammenhang mehrheitlich linker Menschen hat sich zerstritten, sowas gab es ja noch nie, oder?!?

Wie dem auch sei. Manche von uns mögen manch andere von uns nun ein bisschen weniger, als früher mal. Wer wen genau noch mag und wer wen genau grade doof findet im deutschsprachigen Netzfeminismus? – Keine Ahnung. Das ist für mich auch nicht mehr interessant und ich glaube auch nicht mehr an die Idee, die eigentlich vielleicht doch keine gute war, Leute einfach nur aufgrund eines gemeinsamen Labels zueinander zu bringen. Jede_r definiert Feminismus komplett anders und jede_r verfolgt andere Ziele. Susanne, Barbara und ich machen unseren Podcast und sind so, zu dritt, sehr glücklich damit. Es funktioniert, weil wir uns seit sieben Jahren kennen, seit sieben Jahren zusammen arbeiten und dadurch Vertrauen und Verbindlichkeit geschaffen haben, die bei einem lose zusammengewürfelten Haufen von sich ansonsten unbekannten Twitterern eben einfach fehlt. Es gab keine gemeinsame Basis, außer vielleicht das Wort “Feminismus”. Und selbst dieses Wort ist für manche vielleicht heute vergleichsweise belastet, damals war es eben hip.

Vielleicht liegt es auch an mir und ich bin zu störrisch und zu Meme-unfähig, um an einem Netzfeminismus teilzunehmen und twittter-Kampagnen zu fahren. Mich nervt ja schon, dass momentan alle alles mit Käse überbacken wollen. Die ersten drei Tweets fand ich noch lustig, aber nach dem zwanzigsten fing ich an genervt “deine Mutter überbackt alles mit Käse, du Genie” zu denken. Ich bin halt eine doofe Spalterin. ¯\_(ツ)_/¯

Na jedenfalls, lange Rede, heißer Brei: Ich habe das netzfeminismus-Blog gerade gelöscht und werde auch die Domain kündigen. Manchmal muss man eben auch loslassen. Klar, wenn ich unausgeglichen bin, dann schaue ich auch immer mal wieder auf die Twitterstreams von Feministinnen, die ich nicht mehr leiden kann, ich beichtete es ja letztes Mal schon. Das mache ich wie andere Frustfressen. Und weil ich schon auch traurig bin, dass alles so gekommen ist, dass Leute sich heute so verachten, die früher einmal Verbündete waren. Ist doch traurig. Und wenn ich eh schon traurig bin, dann zieh ich mir diese Tatsache eben in Form von Twitterstreams rein, dann sinke ich noch ein bisschen tiefer in die Melancholie und suhle mich ein bisschen. Kommt aber immer seltener vor, Ehrenwort!

Ich hatte diese Woche ja wieder meine zwei Podcasts und alles ist gut. :)

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Die Sache mit dem Buch

Es war eine Arbeit, die ich bereits im Januar 2014 begann und die bis exakt zum heutigen Abend dauerte: Buch schreiben, Buch zum ersten Mal abgeben, Buch zum zweiten Mal abgeben, nochmal neu strukturiert, klarer mit einem roten Faden. Dann wieder hier und da gemeinsam mit meiner Lektorin an Stellen feilen. Zum Schluss noch einmal ordentlich mit Quellen versehen und gerade eben habe ich all das abgeschickt und gerade eben habe ich mir ein Bier aufgemacht.

Es ist schon ein bisschen so, wie wenn man sehr lange über ein Wort nachdenkt und zwar so lange, bis es irgendwie völlig lächerlich dasteht. Das kann einem im Übrigen auch mit Menschen passieren, aber das ist eine andere, eine dramatischere Geschichte. Nun hoffe ich, dass auch wieder Zeiten kommen, in denen ich mich nicht so seltsam entfremdet von meiner Arbeit fühle.

Jedenfalls: Von meiner Seite ist das Ei nun gelegt, also kann ich ja auch mal anfangen, darüber zu sprechen.

Auch mit dem Cover war es so eine Sache. Ein Hin und Her, ein ja, nee, vielleicht besser nicht so, lieber anders, Rumprobieren. Am Ende ist es so, wie ich es mir irgendwie immer gewünscht habe, ohne aber zu wissen, dass ich genau so etwas will. Wie ein guter Freund, den man erst seit kurzem kennt und erst seitdem weiß man, dass man immer so einen Freund haben wollte.

Also:

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Das ist das Cover, so wird es aussehen und es erscheint beim Metrolit Verlag. Voraussichtlich am 18. Mai. Nicht wundern – noch ist bei Amazon ein anderer Titel und ein anderes Cover zu sehen (das mit Barbie und einem unfeinen Ausdruck). Das hier ist noch sehr frisch.

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Mutti, ich war im Fernsehen!

Als ich gestern im Flieger nach Köln saß, da war ich noch mittendrin im ersten Band von “Fifty Shades of Grey”, einem der Gesprächsthemen von “west.art Talk” am gestrigen Sonntag. Und ausgerechnet wenn ich so ein Buch lese, sitze ich neben einem meiner größten Vorbilder: Die Frau, wegen der ich überhaupt auf die Idee kam, Erziehungswissenschaften zu studieren! Die Frau, die ich schon immer so sehr respektiere und bewundere, dass ich damals, als es darum ging, ein Studienfach zu finden, das mir *wirklich* liegt, nachschaute “was hat die eigentlichs studiert?”. Ich klappte das Buch so weit es ging auf, damit diese kluge und weise Frau den Einband nicht sehen sollte.

In der Sendung waren ziemlich tolle Gäste: Feridun Zaimoglu, dessen Roman “Isabel” ich gerade lese und sehr mag, weil er sowohl sprachlich als auch was das aufgreifen sozialer Konflikte zwischen Frauen und Männern angeht, sehr bohrend wirkt, was ich mag. Er geht dahin, wo es weh tut. Sandra Henke, eine der erfolgreichsten Erotik-Autorinnen des Landes. Silke Niggemeier, Paartherapeutin UND Mitglied im Vorstand von SMart Rain-Ruhr e.V.. Und Tobias Ruhland, der als Paar- und Sexualtherapeut von der “Front” berichten konnte. Am Ende hätten wir alle gern nochmal genauso lang weiter miteinander gesprochen, so konstruktiv, respektvoll und gewinnbringend war das.

Und weil es so schön war, teile ich das nur zu gerne mit euch, denn man kann es in der WDR-Mediathek noch eine Weile ansehen.

Zu Fifty Shades selbst habe ich ein sehr ambivalentes Verhältnis. Ich schäme mich nach der Lektüre einerseits ein bisschen dafür, wie arrogant ich bislang, ohne es zu kennen, all jene abgeurteilt habe, die den Hype mitmachten. Andererseits hätte ich große Probleme damit, wenn eine Generation Mädchen oder junger Frauen nun die doch sehr klischeehaften Rollen und Verhaltensweisen zu irgend einem Ideal erheben würden. Schön wäre, wenn diese Geschichte neben vielen anderen Geschichten (lest Katherine Angel: “Ungebändigt”, lest Caitlin Moran “How to build a girl”!) Frauen auf Gedanken bringt…

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Social Freezing? Yay or Nay? – sowohl als auch!

Die Debatte um Social Freezing ebbt nicht so recht ab. Irgendwie ist es ein vertracktes Thema, bei dem verschiedene Vorstellungen und Ideale aufeinandertreffen. Ich hatte bei den Wostkindern am Wochenende dazu einen kleinen Text, der meine Meinung zu der Debatte anschneidet. Aber natürlich nicht abschließend beantwortet. Nein: Mir ging es in meinem Text auch weniger um ein moralisches Urteil, als um einen Vergleich von Ost-West-Disparitäten. Was ich aber sagen kann, ist dass ich die Nachricht, Apple und Facebook würden ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren der Eizellen und sogar Leihmutterschaft zahlen, für einen schlechten Witz hielt. Aber dazu gleich mehr.

Vorgestern lief mir auf twitter Judith Lieres Beitrag über den Weg, in dem sie sich ärgert, wie die Debatte geführt werde. Sie tritt klar für die Möglichkeit des Social Freezing als Möglichkeit der Selbstbestimmung der Frau ein. Ihr zentraler Satz ist vielleicht:

Ich verstehe nicht, was daran so verwerflich sein soll, wenn man sich mit eingefrorenen Eizellen eine kleine zusätzliche Chance sichern möchte, einmal Mutter werden zu können, auch wenn das Leben nicht ganz so schnell und gradlinig verläuft, wie man sich das vielleicht einmal vorgestellt hat.

Wer hat recht? Ist Social Freezing, wie es von den Silicon-Valley-Unternehmen in den USA nun finanziell gefördert werden soll, ein Problem? Oder ist es die Lösung eines Problems?

Es ist wie so oft: Sowohl als auch. Und zwar je nach Kontext. Wenn mein Arbeitgeber Social Freezing der Mitarbeiterinnen unterstützt, damit sie erst später in Babypause gehen müssen, dann hat das andere Implikationen, als wenn ich als Frau mich entscheide, meine Eizellen einfrieren zu lassen, weil ich – wie 90 Prozent der anderen Frauen, die gerade keine Kinder bekommen wollen – gerade keinen passenden Mann habe oder aus sonstigen Gründen. Es sind zwei verschiedene Debatten und der Kontext ist entscheidend. Es ist eine Geschichte, die in das Private hineingehört. Eine Entscheidung, die dort stattfinden sollte. Was hat denn mein Arbeitgeber mit meiner Kinderplanung zu tun? Es ist doch die Debatte um die Arbeitswelt, die hier neben der Debatte um die Selbstbestimmung der Frau steht und ich würde davor warnen, das zu vermischen.

Holgi merkte auf twitter an:

Ich finde die Idee, auf Firmenkosten Eizellen einzufrieren, sehr problematisch – für diejenigen Frauen, die das nicht machen wollen.

und genau *das* ist der Punkt.


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Freitag der 25.

Gestern war plötzlich so viel los, das euch vielleicht auch interessiert:

Die Pinkstinks haben mich zum Role Model des Monats April ernannt. Ehrfürchtig reihe ich mich ein in eine Gruppe toller Frauen, die jeden Monat bei den Pinkstinks mit diesem Titel gekürt werden. Danke! Ich freue mich wirklich sehr.

Dann gab es wieder eine neue Folge des Lila Podcast, und dieses Mal sprachen Susanne und ich über das Phänomen des “Selfies” in allen seinen Facetten – vom Duckface bis zum Sex-Selfie.

Und als krönenden Tagesabschluss sprach ich mit Holgi, der mich dankenswerter Weise in seine Sendung Blue Moon bei Radio Fritz eingeladen hatte, fast zwei Stunden über Feminismus. Auch das kann als Podcast nachgehört werden.

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Brecht und der Frauentag

Internationaler Frauentag 1953Die Werke von Brecht mochte ich immer schon gern. Die Aufführung der Dreigroschenoper war für mich die Beste, die ich damals im Würzburger Theater sah. Und Herr K ist Inspiration für den eigenen Umgang mit den Menschlichkeiten und Unmenschlichkeiten um mich herum. Deswegen war es wirklich interessant zu lesen, wie dieser Bertolt Brecht in der Aufbauphase der DDR lebte, wirkte und Inszenierte. Wie er sich mit dem Regime auseinandersetzte und arrangierte – ein neues Buch von Werner Hecht half bei dieser Einordnung. Und darüber bloggte ich auch bei den Wostkindern.

Und dann ist da noch der Internationale Frauentag – übermorgen – am 08. März. Traditionell ist immer sehr viel los bei diesem Jubiläum, in Berlin kann man ab 13 Uhr am Gesundbrunnen demonstrieren – ich selbst aber werde in Köln sein und habe auch kommende Woche unendlich viele Termine, zu denen ich euch kurz einladen möchte: Continue reading

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“Sisterhood is Powerful. It kills. Mostly sisters.”

Dieser Satz ist der feministischen Aktivistin Ti-Grace Atkinson zuzuschreiben. Er betrifft die Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre. Heute allerdings könnte sich die Geschichte wiederholen.

Das Thema ist in diesem Blog hier schon öfters angesprochen worden: Feministinnen gegen Feministinnen. Ausschlüsse. Das Versagen von Respekt. Das Austragen von Konflikten auf einer persönlichen Ebene – statt auf einer politischen.

Jill Filipovic hat im Guardian letzten Mai eine Auseinandersetzung mit dem Thema verfasst:

“Trashing each other and exclusion have been hallmarks since the movement began, and each generation of feminist activists seems to suffer the same in-fighting.”

und die aktuelle Ausgabe des Magazins “The Nation” hat den internen Kampf im Feminismus als Titelthema. In einem fünf Seiten langem Text analysiert die Autorin, wie derzeit eine Gruppe von Menschen und dem Argument der Intersektionalität versucht, andere zum Schweigen zu bringen und/oder in eine Ecke zu stellen: weiß, rassistisch, privilegiert, cis-hetero oder sonst etwas. Jedenfalls: Schlechte Menschen. Diese Aktionen nennen sich “Trashing”.

“Though Mukhopadhyay continues to believe in the empowering potential of online feminism, she sees that much of it is becoming dysfunctional, even unhealthy. “Everyone is so scared to speak right now,” she says.”

Im aktuellen Lila Podcast haben Susanne und ich versucht, das schwierige Thema aufzugreifen. Unser Eindruck: Wir müssen darüber reden, wir müssen Wege suchen, die da raus führen. Denn sonst “überleben” im Feminismus immer nur die ganz hartgesottenen Haudegen. Alle anderen werden im feminist burnout demoralisiert.

Darüber hinaus sprechen wir über sexistische Werbung, über den Steuerfall Alice Schwarzer, über Chick Lit, die feministischer werden sollte, über Vorbilder wie die Philosophin Agnes Heller und vieles mehr. Also hört doch mal rein. Und gerne: Diskutiert mit. Aber bitte dort.

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Julian Assange auf dem #30C3: Wenn Hackerträume und feministische Hypes kollidieren

CC-BY-SA 2.0: New Media Days: Peter Erichsen

Derzeit gibt es eine sehr heiße Auseinandersetzung um den Video-Talk des Wikileaks-Gründers Julian Assange auf dem 30. Congress des CCC am Ende dieses Jahres in Hamburg. Die Auseinandersetzung dreht sich im Wesentlichen um die Frage: Ist Assange ein Vergewaltiger? Darf man einen Vergewaltiger auf einem Congress reden lassen, ihm eine Bühne erteilen?

Zwei stereotype Antworten lassen sich auf diese Frage identifizieren:

  • Natürlich ist er ein Vergewaltiger, denn er hat ja selbst Dinge zugegeben, seine Verteidigung hat Dinge zugegeben, die ich/wir als Vergewaltigung klassifizieren. Also besteht keine Frage und wer so einen einlädt ist einfach nur ekelhaft, misoygyn und antifeministisch. (so in etwa die Argumentation von Leuten, die einen feministischen Hype anzetteln.*).
  • Natürlich ist er kein Vergewaltiger solange er nicht verurteilt ist! In dubio pro Reo! Ihr blöden Feminazis könnt ja eure Creeper-Cards mitbringen und heulen. (so der Chor der aufgestachelten Hacker, die sich in einen Heiligen Krieg für die Freiheit und die Bürgerrechte stürzen, oder so)

Sollte es jetzt so wirken, als käme eine der beiden Argumentationen besser hier weg, als die andere – tut mir leid! Das war nicht meine Absicht, denn ich finde beide denkbar … ungenügend. Setzen: Sechs.

Ich bin Feministin. Und einige meiner Freunde sind Hacker. Und ich behaupte mal, dass ich ganz gut beide Welten sehen kann – und außerdem noch klar denken. Deswegen versuche ich mich an einer Standort-Bestimmung jenseits von Hype und Heiligem Krieg.

Was ist Vergwaltigung?

Vergewaltigung ist ein mit Gewalt oder Drohung erzwungener Geschlechtsverkehr – und zwar hier wie auch in Schweden. Die Gesetze in Schweden sind da überhaupt nicht anders. Das können noch so viele Blogger und Assange-Fanboys behaupten, es wird dadurch nicht wahrer. Könnte der Grund sein, warum man in Schweden den Vorwurf der Vergewaltigung hat fallen lassen. Denn – ach lest selbst:

“The appellant’s physical advances were initially welcomed but then it felt awkward since he was ‘rough and impatient’ … AA was lying on her back and Assange was on top of her … AA felt that Assange wanted to insert his penis into her vagina directly, which she did not want since he was not wearing a condom … she did not articulate this. Instead she therefore tried to turn her hips and squeeze her legs together in order to avoid a penetration …

“AA tried several times to reach for a condom which Assange had stopped her from doing by holding her arms and bending her legs open and try to penetrate her with his penis without using a condom. AA says that she felt about to cry since she was held down and could not reach a condom and felt this could end badly.”

(Quelle: The Guardian)

Dies ist ein Fall im klassischen Graubereich*** – irgendwo zwischen Vergewaltigung und Sex – aber es ist keine Vergewaltigung. Wenn sich ein Typ so verhält, dann ist das für eine Frau erniedrigend, demütigend und das Verhalten kann man nichts anderes als ekelhaft und den Typen nicht anders als Arschloch nennen. Aber das ist keine Vergewaltigung und das wird es auch nicht dadurch, dass man diese Behauptung immer wieder und wieder wiederholt.

Die Sache geht noch weiter: Eine andere Frau hat mit Assange auch die Erfahrung nicht-konsensualen Sexes gemacht. Und es wird nicht einfacher, zu entscheiden. Schon gar nicht, wenn man nur irgend eine Bloggess ohne Jura-Studium ist, keine Richterin und keine Anwältin. Was Assange danach nämlich tat ist noch etwas weiter im Graubereich, als bislang:

They fell asleep and she woke up by his penetrating her. She immediately asked if he was wearing anything. He answered: “You.” She said: “You better not have HIV.” He said: “Of course not.” She may have been upset, but she clearly consented to its [the sexual encounter’s] continuation and that is a central consideration.

(Quelle: The Guardian)

Eine feministische Lesart der Geschichte ist, dass der Sex während die Frau schläft natürlich und total klar Vergewaltigung sei. Aber auch hier möchte ich Einspruch erheben. Ich bin Feministin, aber ich hatte durchaus schon sexuelle Beziehungen, in denen das eben nicht der Fall war. Da wäre es angesichts aller Rahmenbedingungen, Vertrauen, auf Augenhöhe sein, eine rauschhafte Nacht erleben und und und… durchaus denkbar gewesen, dass so etwas konsenuell passieren konnte. Es ist absolut falsch zu behaupten, es sei ja völlig klar, dass so eine Handlung generell Vergewaltigung sei. Es kommt auf die Rahmenbedingungen an und auf die Beziehung.

Die Aussagen der betroffenen Frau legen nahe, dass es hier keinen Konsens gab. Dass es gegen ihren Willen geschah und dass es genau die Demütigung für sie war, von der ich oben sprach. Ich habe selbst schon so eine Demütigung erlebt und ich schleppe diese Erfahrung bis heute mit mir herum, auch wenn sie schon über zehn Jahre zurückliegt. Das ist eine Erfahrung, die keiner der Hacker je machen wird, je nachvollziehen können wird oder auch nur in Betracht ziehen wird, wenn er im Heiligen Krieg für die Freiheit den Feministinnen eins überbrät. Und dass sollte ihnen bewusst sein. Die Erfahrungen von nicht-konsensualem Sex wird in den meisten Fällen von Frauen gemacht und es ist ein Einschnitt in ihre Seele. Es begleitet sie in jeder folgenden sexuellen Beziehung und es verhindert, sich in ein sexuelles Abenteuer einfach unbefangen hineinstürzen zu können. Es legt einen Keuschheitsgürtel um die innere Lust, einfach aus der Angst heraus, je wieder so mies behandelt zu werden. Und so etwas sollte euch Hackern nicht egal sein – denn auch ihr könnt einer Frau begegnen, der so etwas passier ist. Denn es passiert viel zu oft.

Der Graubereich im Rechtssystem

Rechtlich ist dieser Graubereich genau das, was schon der Name sagt: Ein uneindeutiges Gebiet, auf dem es verdammt schwer ist, irgendwelche Urteile zu fällen. Würde Julian Assange sich der Anklage stellen – die keinesfalls wegen Vergewaltigung gegen ihn läuft, diese wurde wie gesagt eingestellt, es geht um sexuelle Nötigung und sexuelle Belästigung, wurde also deutlich abgeschwächt – wäre der Ausgang völlig offen. Es stünden Aussage gegen Aussage. Denn – und das unterschlagen vergessen meine feministischen Freundinnen zu gern: Die Aussage der betroffenen Frau steht gegen die Aussage Assanges (lest euch die Texte im Guardian einfach komplett durch). Und damit haben die Hacker leider recht: Hier ist noch kein Urteil gefällt, in dubio pro reo. Und es wird verdammt schwer zu beweisen sein, dass Assange das Arschloch ist, für das wir ihn alle halten. Rechtlich gesehen – und dieses Recht impliziert dann auch eine Ethik – ist die Sache also immer noch offen.

Wenn Hackerträume eigentlich platzen sollten

was ist so geil an Assange, dass alle Beteiligten, die jetzt im Heiligen Krieg sind, so abgehen? Eigentlich ist es ganz einfach und ich bitte alle Feministinnen und Allies derselben, wenigstens zu versuchen nachzuvollziehen, was der große Traum ist, den Assange verkörpert.
Dabei brauchen wir drei Basislegungen:

  1. Wir beenden ein Jahr, in dem wir mit einer unendlichen Ohnmacht konfrontiert wurden. Und als nichts anderes kann man die netzpolitische Lage nach Snowden bezeichnen. Auch und gerade wie unsere Bundesregierung in diesem Krieg agiert, nämlich sich an die Seite der USA stellend, macht nicht gerade optimistisch. Wir leben gerade eine Dystopie und auch wenn die meisten Feministinnen die ich kenne diesen Zustand noch nicht als solchen realisieren: Die Hacker-Community beschäftigt sich seit Äonen damit. Die Verschwörungstheorien, die sie hegten, ihre kleine Paranoia – alles hat sich als wahr herausgestellt! (ich übertreibe und überspitze, aber nur, weil es mir wichtig ist, dass ihr diesen Punkt mitschneidet!)
  2. Julian Assange ist der gelebte Widerstand gegen eine Welt, die sich in Regierungen, Geheimdiensten, Kriegen (deren Führung oftmals jenseits der Menschenrechtkonventionen liegt, aber das hält man gemeinsam geheim), Gemauschel hinter den Kulissen und Bündnissen jenseits von Demokratie abspielt. Assange hat mit Wikileaks den Mächtigen dieser Welt das Fürchten beigebracht. Er hat ihnen gezeigt, dass nur einer daherkommen muss, der keine Skrupel hat – schon wackelt die ganze Welt ein bisschen. Was Wikileaks damals auslöste ist ein Orkan, wie er heute an den Küsten dieses Landes herumfegt – aber der Wikileaks-Orkan fegte um die ganze Welt.
  3. Es ist der 30. Kongress, ein Jubiläum.

Okay, die letzte Basislegung mag banal klingen. Aber das ist sie nicht, denn Jubiläen erfordern immer etwas, das über dem “typischen”, dem “bekannten” liegt. An einem 30. Jubiläum muss etwas ganz besonderes passieren. Da kommen Basislegung eins und zwei zusammen: Wir leben die Dystopie und realisieren, dass da ein Krieg stattfindet, für den wir bislang noch keinen Namen haben (und verschont mich mit “Cyberwar” – was für ein seltendümmlicher Begriff). Zu dieser Dystopie brauchen wir – Frank Rieger brachte es voll auf den Punkt – einen HELDEN (gern auch eine Heldin, aber welche?), der (die) Hoffnung gibt. Und wenn man einigermaßen frisch denken kann, alle anderen Einwände einmal kurz beiseite lässt und sich auf die Suche begibt, eine_n Held_in zu finden, einen Widerstand zur Dystopie: Es gibt nur diesen einen. Es ist Assange. Es ist Wikileaks.

Und jetzt muss ich leider Einspruch erheben: Es ist nicht Wikileaks. Der Traum ist eine Blase und eigentlich sollte man diese Blase platzen lassen. Nicht aus feministischen Gründen. In der Geschichte der Menschheit gab es viele Helden, die Arschlöcher waren und vielleicht auch Vergewaltiger. Helden schnappen schnell über und meine Meinung über Assange ist, dass er übergeschnappt ist und dass er deswegen Frauen scheiße behandelte. Da gibt es vielleicht des öfteren eine Verbindung. Dennoch möchte man auf die Taten dieser Helden nicht verzichten und es ist wichtig, dass sie darüber sprechen. Das mag jetzt scheiße klingen, aber angesichts von weltweiten Problemen kann es wichtiger sein, einem Arschloch zuzuhören, politisch wichtiger, als auf die moralische Umsetzung von feministischen Grundsätzen zu pochen**.

Aber Wikileaks ist mehr als problematisch. Es klebt Blut an den Händen Assanges. Das lässt sich nicht wegleugnen. Ich halte Wikileaks wirklich nicht für die Lösung. Seine Whistleblower mögen die eine Seite der Sache sein. Eine andere Seite ist, wie ich aus einer Quelle im Europaparlament erfuhr, dass man davon ausgehen kann, dass in beispielsweise Syrien unzählige Menschen getötet wurden, weil man ihre Namen in Leaks fand, die einen Zusammenhang mit den USA herstellten. Damit waren sie für das Assad-Regime Verräter. Auch im Libanon hat Wikileaks zu einer Destabilisierung der Lage geführt und das kostet immer Menschenleben. So etwas ist Assange egal. Ich habe damals ein längeres Gespräch mit Herfried Münkler über Wikileaks geführt, der damals sehr stark dagegen anschrieb (zum Beispiel in der Süddeutschen) und dessen Meinung ich zu Anfang des Gesprächs nicht teilte. Aber: Er hat Recht in einer ganz wichtigen Sache: Wikileaks übernimmt null Verantwortung. Es pustet Informationen in die Welt, ungeachtet der Konsequenzen, die diese Informationen haben. Konsequenzen, die Menschenleben sein können. Hunderte, tausende, hunderttausende.

Was man meiner Meinung nach hätte tun sollen – und damit will ich auch zum Schluss kommen, ich freue mich für alles Weitere einfach auf eine rege Diskussion, die ich aber streng moderieren werde:

Den Guardian und Snowden lobpreisen

Der CCC sollte anstatt sich hinter Assange zu stellen, den Guardian und Snwoden gebührend huldigen. In meinen Augen ist das, was dort dieses Jahr gelaufen ist, Whistleblowing at its best. Wir haben einen Journalismus, der sich nicht erpressen lässt, der einem Menschen den nötigen Platz einräumt und der gleichzeitig auch die Verantwortung für die Informationen trägt (IMHO der Grund, warum die Infos so stückchenweise aus dem Guardian kommen, und nicht wie bei Wikileaks alles auf einmal rausgeballert wird). Und wir haben einen Edward Snowden, der ein perfekter Held ist. Keine Ahnung, wie die realen Chancen stünden, ihn für einen Video-Talk zu bekommen. Aber irgend jemanden aus diesem Umfeld könnte man sicher bekommen, oder den Chefredakteur des Guardian. Oder gar eine Frau, die Snowden monatelang begleitete: die Wikileaks-Journalistin Sarah Harrison. Hier liegt für mich so viel mehr Hoffnung, als in einem Assange, an dessen Händen Blut klebt.

Ich kann mir vorstellen, wie verdammt schwer das für euch ist. Aber lasst Assange los. Er ist nicht der Held, den diese dystopischen Zeiten brauchen. Ihm fehlen entscheidende Heldenqualitäten und ich persönlich vermute die Ursache liegt in seinem Ego.

* Was ein Hype ist, erklären Marco Herack und ich in einem Vortrag auf der Open Mind 2012.
** dies ist eine gute Gelegenheit, den Hackern das “Yes means Yes”-Blog ans Herz zu legen

*** vor einigen Jahren wurde auf jetzt.de die Debatte über diesen Graubereich durch eine Userin ausgelöst, die über ihre Erfahrungen schrieb. Das SZ-Magazin griff die Debatte auf und sprach dazu mit einem Sexualpädagogen. Beides ist als Zusatzlektüre lesenswert – und hilft hoffentlich ein bisschen zu verstehen, was ich mit Graubereich meine.

Zusatz: bitte denken Sie daran, dass ich hier mit “die Hacker” nicht den CCC oder die Orga meine. Nach meinen Kenntnissen ist in diesen Kreisen Assange nicht gerade beliebt.

2. Zusatz: Ich konstruiere hier mit “die Hacker” und “die Feministinnen” so eine Art Webersche Idealtypen-Gegenüberstellung. Das hat den einfachen Grund, dass ich einen Punkt damit klarmachen will. Es dient einfach der Zuspitzung. Dabei nehme ich wissend in Kauf, dass sich diese beide Idealtypen auch je einem Geschlecht zuordnen – im Text. Auch wenn das in der Realität natürlich nicht so ist. Es gibt sowohl weibliche Hackerinnen als auch männliche Feministen und die Argumentationslinien dieser können durchaus von dem hier dargestellten Idealtypus abweichen. Mein Anliegen ist es nicht, Stereotype festzuschreiben. Mein Anliegen ist es, die Botschaft des Textes herauszustreichen, plastischer zu machen. Ich wurde mehrmals darauf hingewiesen, dass dies negativ ankommt. Das tut mir leid und ist nicht meine Absicht.

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