All Sexism sucks!

Ich habe ziemlich lange an einer für mich passenden Definition gearbeitet, die wiedergibt, was Sexismus für mich ist. Angefangen hat alles einmal damit, dass ich im Jahr 2010 für die Grüne Bundestagsfraktion zum Netzpolitischen Kongress den Leuten etwas über Sexismus im Netz erzählen sollte.

Die meiste Arbeit machte bei der Vorbereitung der Erklär-Teil: Was ist eigentlich Sexismus? Recht schnell merkte ich, dass es dazu überhaupt keine eindeutige Definition gab und ich sah, dass sich der Begriff über die Jahrzehnte hinweg steter Wandlung unterworfen hatte. Die Definition von Sexismus, das kann als erstes festgestellt werden, ist damit nie an einem Ende.

Das Männliche als Norm

Doch die Geschichte des Feminismus, der den Sexismus als solchen überhaupt erst thematisiert hat, ist dabei nicht unwichtig. Käthe Schirmacher sagte etwa: „Mit der dem Menschen eigenen Subjektivität hat der Mann sich, seine Vorzüge, Fehler und Leistungen als die Norm, das Normale, das „Seinsollende“, das Ideal gesetzt: das Männliche war, in der Sprache wie anderswo, das Massgebende. […]“ und trifft damit einen Kern dessen, woher der Begriff ursprünglich kommt, warum er notwendig geworden ist und warum es bis heute viele Menschen, gerade auch FeminstInnen, gibt, die meinen: Es gibt Sexismus nur gegen Frauen. Damit hadere haderte ich, da wollte ich nicht stehen bleiben. So kam es schlussendlich dazu, dass ich die Sexismus-Definition, die in der Studie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ der Universität Bielefeld verwendet wurde nahm, und einfach umschrieb in: „Sexismus betont die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Sinne einer Demonstration der Überlegenheit des einen Geschlechts über das andere und fixierter Rollenzuweisungen an beide.”

So definierte ich nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick in meinem Vortrag also Sexismus. Das war 2010 und das war einigermaßen naiv von mir. Denn ich habe es nicht für notwendig gehalten, zu rechtfertigen, wie ich dazu kam, es so abzuändern.

Bereits im Jahr 2007 schrieb ich eine Hausarbeit über Männerbildung und stellte mir die Frage, in wieweit sie dazu geeignet sein könnte, einen Beitrag zur Geschlechterdemokratie zu leisten. Männerbildung ist deswegen interessant, weil sie zu einem übergroßen Teil darauf ausgelegt ist, Männer (noch) professioneller zu machen und ihre (berufliche) Macht zu erweitern. An Familienbildung nahmen Männer zumindest damals in einem verschwindend geringen Umfang teil.

Zentrales Ergebnis meiner Arbeit war es, dass die Männerbildung genau deswegen ein Schattendasein in der Erwachsenenbildung führte, weil stereotypes Handeln und sehr stereotype Angebote (Kurse zu „weichen“ Themen richteten sich auch bildlich vor allem an Frauen etc…) dem im Weg standen. Die Geschlechter konnten in dieser Aufteilung in einer Art zwei-Säulen-Modell beschrieben werden: Menschen sind Wesen, die einerseits ein „Erwerbs- und Berufs-Ich“ haben und andererseits ein „Soziales Ich“. Die traditionelle Geschlechterrollen-Aufteilung hat aber dazu geführt und sich teilweise in absurder Weise darin „perfektioniert“, diese beiden „Ichs“ auf die beiden Geschlechter zu verteilen. Der „Erwerbs (Arbeits-)Mann“ und der „Macht-Mann“ stemmen dabei die eine Säule. Das wird von Peter Döge als „hegemoniale Männlichkeit“ bezeichnet. Die andere Säule ist die „Hausfrau und Mutter“, die aber darüber hinaus auch alle sozialen Kontakte der Ehe, Partnerschaft oder Familie „managed“. Diese lange tradierte Verteilung von Aufgaben wirkt, so die These von Feminismus, Pädagogik und Soziologie, bis heute nach. Auch wenn sich vieles bereits gelockert hat: Heterosexualität als Norm gerät ins Wanken, Frauen gehen arbeiten und Männer nehmen Elternzeit (die einen mehr, die anderen weniger). Und so weiter.

Jahrtausendealte Tradition

Doch aus der Vogelperspektive betrachtet bleiben Unterschiede bestehen, die stereotypen Rollenzuweisungen nehmen nur langsam ab. Die Soziologen nennen dies die Makro-Ebene. Änderungen auf der Marko-Ebene brauchen nicht selten mehrere Generationen, vor allem, wenn die Tradition, die sich ändern soll, Jahrtausende zum Wachsen hatte. Auf der einen Seite stehen die wirtschaftlichen Realitäten, die offenkundig auch im Jahr 2012 Frauen noch benachteiligen. Der Gender Pay Gap ist bekannt. Die geringe Frauenquote in Führungspositionen ist bekannt. Der große Frauenanteil in den Niedriglohnjobs ist bekannt. Seltener thematisiert: Die andere Seite. Das Göttinger Institut für Männerbildung und Persönlichkeitsentwicklung, ein Pionier auf diesem Gebiet, hat die Dokumentation einer Tagung zu Männerbildung veröffentlicht, die beschreibt, dass ein häufiges Problem von Männern sei, „nicht mit ihrem Innern verbunden“ zu sein.

Und auch die Neurobiologie und die Bildungsforschung weisen darauf hin, dass kleine Jungen von Anfang an anderen Herausforderungen unterliegen, als Mädchen. Jungen haben weniger Kinderbücher und Hörkassetten (CDs) und Eltern lesen Jungen weniger vor. Gerald Hüther wies darauf hin, dass Jungen aufgrund ihrer neurologischen Disposition bei der Geburt mehr Liebe und Halt-bietende Orientierungsangebote benötigten, als Mädchen. Genau das aber wird Jungen eher verwehrt als Mädchen. Er stellt gleichzeitig als einer der wenigen Neurobiologen die biologische Determiniertheit von Geschlecht geschickt und überaus klug in Frage, wenn er nachbohrt: „Wie wird aus dem, was ein Mann werden könnte, schließlich das, wofür sich der Betreffende aufgrund seines Geschlechts hält?“ Hüther hebt damit das soziale Umfeld der Kinder als starken Einflussfaktor hervor und dass dieses ausschlaggebend für die spätere Entwicklung des Gehirnes sei. Doch stereotypes Denken und Handeln stehen dem diametral entgegen – wer es nicht glaubt, werfe einen Blick in einen typischen Spielwarenladen.

 Diabolisierung des Anderen

Vor bereits vier Jahren, es war 2008, brachte Walter Hollstein eine lange und ausführliche rein männliche Sicht auf die Probleme mit den Geschlechterrollen-Stereotypen in einem Buch heraus, das ich damals auch rezensierte: Rückblickend betrachtet ist klar, warum es für mich in der Vorbereitung meines Vortrags über Sexismus im Netz keine Frage mehr sein konnte, die Definition auch auf Männer auszuweiten: Es ist auch hier genauso, wie mit dem *sehen* der Stereotype und der Abwertung gegenüber Frauen. Wenn man einmal diese „Brille“ aufgesetzt hat, kann man sie nicht mehr nicht sehen. Vor allem habe ich merklich folgenden Satz gefressen und werde ihn auch nie mehr los: „Die Idealisierung des eigenen Geschlechts und die Diabolisierung des je fremden […] verhindert den wahren Blick auf das Andere. Das gilt für Männer wie für Frauen.[…]“. Der Feminismus, wie ich ihn vertrete, setzt hier an.

Ein starker Schub für diesen Ansatz kommt jüngst aus den USA, wo im The Guys Guide to Feminism von Michael Kaufman und Michael Kimmel unter Sexismus frei übersetzt steht: „Wie alle anderen „Ismen“ ist Sexismus eine Sammlung von Einstellungen – es ist ein Set von Vermutungen die beinhalten, dass ein Geschlecht besser und übergeordnet über das andere ist.“

Die beiden fokussieren auf die starke Institutionalisierung von Sexismus, die sich in Rechten und unterschiedlichen Möglichkeiten manifestieren, welche aufgebrochen werden müssen und sagen dazu: „Diesen Teil können Frauen nicht tun (ebenso wie es Schwarze nicht in einer Weißen-dominierten Gesellschaft tun können).“ Aber an diesem Punkt bleiben die Autoren nicht stehen, sie gehen noch einen Schritt weiter: „Es gibt einen weiteren Teil von Sexismus, er besteht in Vorurteilen über das (andere) Geschlecht, die auf Stereotypen basieren – selbst wenn man nicht glaubt, dass das eine Geschlecht dem anderen überlegen ist. Und auch wenn geschichtlich diese Stereotype vor allem Frauen betroffen haben, sollten wir betonen: Wir sind keine Fans von Stereotypen gegen Männer – dass wir natürlicher Weise gewalttätig(er) seien, nur Sex wöllten und dass wir inkompetent sind, wenn wir auf Babies aufpassen sollen. (…) All sexism sucks.“

Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de.

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Nicht lesen!

Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de

Eine kleine Geschichte der Triggerwarnung

Triggerwarnungen sind momentan recht häufig zu beobachten, vor allem in diesen sozialen digitalen Medien. Menschen äußern sie und immer häufiger fordern Menschen sie von anderen ein. Thematisch ist die Bandbreite groß. Ursprünglich stammen sie aber aus Selbsthilfeforen für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Menschen, die zum Beispiel eine traumatische Erfahrung in ihrem Leben gemacht haben sollen durch Triggerwarnungen davor geschützt werden, Dinge zu lesen, die in ihnen Gefühle auslösen die sie wieder diese Erfahrung durchleben lassen. Denn in Selbsthilfeforen ist es einerseits nötig, dass die dort miteinander kommunizierenden Menschen offen über zum Beispiel Traumata reden können, andererseits ist es wichtig, die Menschen dort davor zu schützen mit den Geschichten anderer derart konfrontiert zu werden, dass es eine neuerliche Krise auslöst.

Foto: CC BY-NC-SA 2.0, http://www.flickr.com/photos/mysteryship/2656817729/sizes/m/in/photostream/ von mysteriship

Von solchen Triggerwarnungen soll im Weiteren nicht die Rede sein. Sie sind so nachvollziehbar und sinnvoll, wie die „Triggerwarnungen neuer Art“ in anderen Kontexten in meinen Augen problematisch sind (diese Differenzierung führte schon zu der Triggerwarnung über eine Triggerwarnung über eine Triggerwarnung). Als ich im April 2008 anfing in der Mädchenmannschaft zu bloggen, war die Triggerwarnung ein auf Selbsthilfeforen beschränktes Phänomen. Seit März 2011 bin ich nicht mehr Autorin in der Mädchenmannschaft und zufällig tauchte um diese Zeit herum zum ersten Mal das Wort „Triggerwarnung“ dort auf. Das Phänomen ist also in den neuen Kontexten gerade einmal ein gutes Jahr alt (anderswo mag es früher los gegangen sein. Das ändert aber nichts daran, dass es einmal nicht so selbstverständlich war, wie heute getan wird. Und damit bleibt die Aufgabe, es kritisch zu reflektieren).

Das Ziel einer Triggerwarnung ist es, Schmerz bei den Betroffenen zu vermeiden und alte Wunden nicht aufreißen zu lassen. Es geht also um die Schaffung eines Safe Spaces. Es sollte eigentlich keine Frage sein, dass es solche Räume geben sollte. Aber es sollte einmal darüber gesprochen werden, wie weit dieser Schutz zu gehen hat, wie weit er in die Öffentlichkeit reichen sollte, oder umgekehrt, wie subjektiv oder privat er bleiben soll. Denn mit Hannah Arendt gedacht ist Öffentlichkeit immer auch ein Ort, der politische Diskurse in Freiheit ermöglicht. Bei ihr geht damit immer auch die Möglichkeit des Scheiterns einher. Es wäre anmaßend, die in Vita Activa dargestellte Vision einer politischen Öffentlichkeit, wie Hannah Arendt sie dachte, hier in wenigen Sätzen zu verkürzen, aber was Kurt Sontheimer über das Werk schreibt könnte genügen, um den Punkt zu verdeutlichen, um den es mir geht: „Dem Menschen den notwendigen Raum für die Politik, das heißt für das freie Handeln offenzuhalten, dies war das wesentliche Ziel von Hannah Arendts politischer Theorie.“ Triggerwarnungen sind damit im Kern unpolitisch. Denn sie sollen Risiken jeder Art abschaffen und schränken damit freies Handeln ein.

Ein selbstversicherndes Ritual

Hinzu kommt, dass in Öffentlichen Räumen und in Diskussionen von moralischen und von politischen Anliegen unterschieden werden sollten. Triggerwarnungen wie sie jüngst in Erscheinung treten beinhalten eine stark moralische Komponente, in der Form, dass sie das, was als „triggernd“ bezeichnet wird, moralisch abwerten. Sie stellen eine vorweggenommene (heftige) Wertung dar, die hinter einer BeschützerInnen-Intention versteckt wird. Abgesehen davon, dass sie wohl kaum wirklich dazu dienen können, dass der Inhalt, über den die Warnung verhängt wird nicht gelesen wird (im Gegenteil: der Effekt ist wohl eher der gleiche wie bei der Aufforderung „denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“), kommen sie mit der Intention der Undiskutierbarkeit daher. Oder wie Tim Weber (@Scytale) auf twitter kommentierte:

Triggerwarnungen sind Glaubenssache.

@Scytale

Tim Weber

Ähnlich wie andere Glaubenssachen sind sie damit zu einem Ritual geworden. Rituale folgen immer nach bestimmten Regeln, sie sollen Struktur, Orientierung und auch Zusammenhalt einer Gruppe stiften. Es gibt die unterschiedlichsten Rituale. Angefangen beim hysterischen Kreischen von Teenagern in der Gegenwart von Stars, über die Taufe oder Hochzeit, bis hin zu solch profanen Alltagsriten wie einem gemeinsamen Frühstück in einer Familie. Rituale dienen immer auch der Selbstversicherung: Wir sind wir. Damit erzeugt ein Ritual auch immer Rahmen: Symbolisches Wissen, kulturelle Identifikation, räumliche Zugehörigkeit oder auch Normen und Werte werden definiert – es bilden sich Gruppen, die diese Teilen. Und damit entstehen auch Intergruppenbeziehungen (hinter diesem Link versteckt sich ein DOC). Denn mit Triggerwarnungen bildet sich ein WIR. Ein wir, das gekennzeichnet ist durch die Übereinkunft, jene, die sich nicht selbst schützen können, zu schützen; besonders aufmerksam zu sein und besonders befähigt, das potentielle Leid anderer zu partizipieren. Damit entsteht auch ein „die anderen“, alle jene, die keine Triggerwarnungen aussprechen. Warum die einen es tun, die anderen nicht wird dabei nicht thematisiert. Es nicht zu tun wird aber abgewertet. Eine weitere interessante Theorie gesellt sich zu den Erklärungsansätzen über dieses Phänomen: Die „Bedrohungtheorie“, wie sie in „The role of threat in intergroup relations“ beschrieben wird. Bedrohungen werden hiernach von Gruppen definiert und zwar entlang subjektiver Wahrnehmungslinien was diese Bedrohungen angeht. Daniel Geschke sagt dazu: „Weil es dem eigenen Selbstwert dienlich ist, wird versucht, positive Distinktheit der eigenen Gruppe herzustellen.“ (Daniel Geschke: Vorurteile, Differenzierung und Diskriminierung – sozialpsychologische Erklärungsansätze; In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte, 16. April 2012). Es ist der gleiche Mechanismus, der in unserer Gesellschaft zu Sexismus, Rassismus, Klassismus und vielen anderen Diskriminierungen und Vorurteilen führt.

Einen Schritt zurück

Wir sind alle Menschen und wir neigen alle dazu, uns in Gruppen zu begeben, die uns unser Selbst versichern und die uns gegen potentielle Bedrohungen absichern. Es ist, wie neue Forschungen zeigen, ein Mechanismus, der vermutlich sogar in unsere Gene eingeschrieben ist (nach innen „flauschen“, nach außen beißen – ForscherInnen aus Amsterdam weisen nach, dass Oxytocin dabei eine sehr ambivalente Rolle spielt). Umso wichtiger aber scheint es mir, dass gerade die, die sich gegen die genannten Diskriminierungsformen nach eigener Selbstbeschreibung einsetzen wollen, bewusst die Konstruktion neuer Sozialer Identitäten umgehen (einen kleinen Abriss über die Theorie der Sozialen Identität findet sich bei wiseGEEK und in der Wikipedia – entschuldigung, dass ich noch ein Fass aufmache, aber ich möchte das Thema gerne von verschiedenen Perspektiven ausleuchten. Die Links in diesem Text sind dazu ein Angebot des Weiterlesens – keinesfalls ein Muss). Denn ja: Es gibt viele Reale Probleme, die im öffentlichen Raum verhandelt werden sollten. Es gibt auch reale Traumata und psychische Erkrankungen. Menschen erleiden viel Schmerz. Menschen werden abgehängt und diskriminiert. Es muss möglich bleiben, diese Dinge zu differenzieren. In meinen Augen verwässert man die Ernsthaftigkeit hinter der Idee von Triggerwarnungen, indem man sie inflationär benutzt. Und gleichzeitig werden Ausgrenzungen erzeugt, die entlang moralischer statt politischer Kategorien geschehen. Beide Effekte können nach meinem Kenntnisstand nicht das Anliegen derjenigen sein, die heute zu diesem Mittel greifen. Es ist ja aber auch noch sehr jung. Denken wir darüber nach – und vielleicht finden wir andere Wege, Ärger und politische Meinungsverschiedenenheit auszudrücken.

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Nicht zum Studieren geboren

Uni-Seminare und Kind? Ideal ist diese Kombination nur, solange man finanziell abgesichert ist.

Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf freitag.de

In der aktuellen Ausgabe des Frauenmagazins Fräulein prangt es plakativ vom Titel: „Gleichzeitig Kinder zu bekommen und zu studieren kann ich nur empfehlen“. Ohne den dazu gehörigen Artikel gelesen zu haben muss ich sagen: Ganz schön naiv. Ich weiß das, denn ich mache das. Aber leisten kann ich es mir nur aufgrund eines Privilegs. Denn ich erfülle einen von drei entscheidenden Faktoren, dieses Projekt auch wirklich finanziell zu meistern. Ich bin Stipendiatin.

Diese Häkelbabies stammen von baghi - einer DYI-Bloggerin aus Savona: http://baghisblog.blogspot.com/ und wurden unter CC BY-ND 2.0 auf flickr.com veröffentlicht: http://www.flickr.com/photos/rainbowproject/3488893875/

Als ich mein erstes Kind bekam war das noch nicht so. Da stieg ich für ein Urlaubssemester aus Studium und Nebenjob aus. Leisten konnte ich mir das nur, weil ich dadurch Hartz-IV-berechtigt war und weil ich, die ja auch vorher gearbeitet hatte, Elterngeld bekam. Mit beiden Transferleistungen ausgestattet konnte das Baby samt Erstausstattung finanziert werden. Doch mit dem Wiedereinstieg fiel Hartz IV weg – denn wer studiert, der ist generell nicht berechtigt, die Sozialhilfe zu bekommen. Zwar wurde das Elterngeld weiter gezahlt, aber wer kann von 300 Euro im Monat wirklich leben? Da sind wir auch schon – bei der ersten Unabdingbarkeit für studierende Eltern: Sie müssen ständig rechnen, unglaubliches Wissen im Zusammenhang mit den Fördermöglichkeiten aufsaugen und anwenden, und vor allem: extrem sparsam leben.

Bald aus dem Gröbsten raus

Natürlich sieht das Studieren mit Kind auf den ersten naiven Blick toll und praktisch aus. Man ist flexibler. Wenn das Kind krank ist, gibt es Mittel und Wege, Dinge zu verschieben, auch mal ausfallen zu lassen und andere Prüfungsleistungen anzubieten. Die meisten Universitäten haben sich auf die Studierenden mit Kindern und deren Bedürfnisse einzustellen versucht. Manchmal hapert es noch an der tatsächlichen Umsetzung, denn diese wird nicht von den jeweiligen Referaten oder von der Leitung erbracht, sondern von den DozentInnen und ProfessorInnen. Von denen sind manche sehr verständnisvoll und andere nicht. Aber grundsätzlich ist der Druck auf Eltern während des Studiums auf eine angenehme Art und Weise geringer, als wenn sie im Erwerbsleben stehen und womöglich gerade darauf bedacht sind, eine Karriere zu starten. Ein krankes Baby kann jedes Projekt von einem Tag auf den anderen kollabieren lassen – eine Hausarbeit aber, die kann man in so einem Fall auch mal später abgeben.
Ich weiß von einigen Betrieben in denen, hinter vorgehaltener Hand, manche Mitarbeiter genervt über die plötzlich aus dem Meeting entschwindenden Eltern lästern. Befördert werden diese meistens nicht. Während meine Kinder am Ende meines Studiums „aus dem Gröbsten raus“ sind, wie man so schön sagt (mein Sohn geht dann in die Schule), fangen andere gerade nach dem Studium erst an mit der Familienplanung – und sehen dann die Nachteile, die es mit sich bringt.

Insofern kann ich der Aussage aus dem Fräulein-Magazin nur zustimmen. Es hat ganz eindeutige Vorteile, Studium und Baby zu verbinden und im Berufsleben später ein wenig mehr die Hände frei zu haben. Doch in meinen Augen muss dafür zumindest eines der folgenden drei Kriterien erfüllt sein:

1. Man hat eineN gut verdienenden PartnerIn
2. Man hat finanzielle Unterstützung durch die eigenen Eltern
3. Man hat ein Stipendium

Wer nur BAFöG, einen Studi-Job oder sonst eine quasi-prekäre Einnahmequelle hat, sollte sich besser warm anziehen. Denn Hartz IV gibt es wie gesagt für Studierende nicht. Und das BAFöG ist im Grunde ein Witz – zumindest mit Kind – für dieses gibt es 113 Euro mehr. Manche „HartzerInnen“ haben mehr Einkommen als Studierende, die ein Kind und ein Dach überm Kopf nur durch BAFöG finanzieren müssen. Ein Nebenverdienst ist im Grunde unausweichlich. Mit der alten Sozialhilfe war das einmal anders. Die war auch für Studierende verfügbar. Und das alte Erziehungsgeld von 300 Euro gab es für alle, die 30 Stunden oder weniger arbeiteten. Zwei Jahre lang. Die Zeiten haben sich geändert – im negativen Sinne für studierende Eltern.

Baut Netzwerke

Auch das Studium selbst war einmal wesentlich kinderfreundlicher organisiert. Mit dem Bachelor- und Master-Studium hat eine sehr rigide Effizienz-Logik Einzug in deutsche Hörsäle gehalten. Ein Druck, dem sich viele studierende Mütter kaum gewachsen fühlen. Wen das nicht zermürbt und wer keine der oben genannten Bedingungen erfüllt, braucht mindestens ein überdurchschnittlich gutes Improvisationstalent. Aber man kann es sich manchmal auch nicht aussuchen: Viele junge Frauen werden auch heute noch ungeplant schwanger, denn kein Verhütungsmittel bietet 100%igen Schutz. Und auch wenn ich aus feministischer Sicht pro Abtreibung bin, ich kann auch jede Frau verstehen, die eine Abtreibung nicht durchziehen kann und will – auch wenn es mehr Probleme mit sich bringt, als Lösungen angeboten werden.

Als junge studierende Mutter kann ich kaum optimistische Ratschläge geben – und das ist extrem frustrierend. Das einzige, was mir einfällt ist: Baut privat organisierte Netzwerke auf, unterstützt euch gegenseitig. Ich würde mir wünschen, dass Studierende mit Kind als Gruppe mit besonderem Unterstützungsbedarf von den Politikern wahrgenommen würden. Doch in der bürgerlichen Regierung dieses Landes scheint man sich keines Handlungsbedarfes bewusst. Dass es einer ganzen Reihe von Privilegien bedarf, um diese Doppelbelastung zu bewältigen, scheint völlig in Ordnung.

Ein Kind während des Studiums ist wirklich praktisch, ja. Wenn man es sich leisten kann.

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Treffen und hören: die Kadda auf der re:publica 12

Auch dieses Jahr werde ich mich wieder aktiv auf der re:publica einmischen. Und es ist mir eine besondere Freude, denn dieses Jahr darf ich das tolle Projekt Featurette von Frau Lila vorstellen. Vielleicht erinnern sich einige von euch noch an meinen letzten Vortrag auf der re:publica: Ich sprach über Stereotype, über Sichtbarkeit und Wettkampf – und wie das alles sich auf ein unausgeglichenes Macht- und Einflussverhältnis zwischen den Geschlechtern in der digitalen Gesellschaft auswirkt. Bei Blogger_innen im Gespräch (Link führt zum Video) mit Philipp Banse erklärte ich das alles auch noch einmal in Kurzform.

Das wirklich tolle ist, dass aus all den dort angestoßenen Ideen und Diskussionen wirklich weiterführende Projekte und Lösungsansätze erwachsen sind. So kann ich euch dieses Jahr das von Susanne Klingner, Barbara Streidl und mir (AKA Frau Lila) entworfene Webmagazin Featurette vorstellen, das genau am Problem der mangelnden Sichtbarkeit ansetzt und eine Lösung versucht. Die Featurette wird ein Portal, das gute Webinhalte stärker herausstreicht, indem es sie in einem Webmagazin präsentiert. Im Falle der Featurette sind das Inhalte von Bloggerinnen zu einer großen Themenbreite.

nullEin zweiter wichtiger Schritt ist unser Kontakt und Austausch mit Wikimedia e.V. zur Frage der Gender Gap in der Wikipedia. Auch hierzu wird es auf der re:publica eine Diskussionsrunde geben. Denn Wikimedia e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, den Frauenanteil in der Wikipedia zu verdoppeln (er liegt jetzt bei ca. 9 Prozent). International gibt es viele tolle Ansätze und die Vernetzung nimmt richtig Fahrt an. Diesen Vibe wollen wir auch für Deutschland nutzen und gemeinsam diskutieren, wo genau die Probleme liegen, welche Ideen innerhalb der Community existieren und welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen die Gender Gap hat. Es diskutieren:
Susanne Patzelt (Journalistin)
Andreas Kemper (Autor)
Anja Ebersbach (Präsidium Wikimedia Deutschland)
Dirk Franke (Präsidium Wikimedia Deutschland, Wikipedianer)
Stefanie Senger (Wikipedianerin)

ich habe die Ehre der Moderation.

Beide Veranstaltungen finden am Mittwoch, 02. Mai, statt.

Ich freue mich!

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Ein Rückblick mit Anti-Flausch-Komponente

Noch schnell vor Ostern und vor dem Umzugsstress eine kleine Linkschleuder, damit das einfach mal erwähnt ist, was in meinem Instapaper geduldig wartend herumliegt:

Giving Women the Access Code
>> Sehr guter Artikel über die verschiedenen Probleme im Bereich Frauen und Informatik. Mit dem tollen Schlusssatz einer, die es durchgezogen hat:

“If you’re constantly pushing yourself, and putting yourself in new environments, you’ll feel it over and over again,” she said. “So the only really important thing is not to let it stop you.”

es östert sehr. Bild (CC BY-NC-SA 2.0) von 30003019 via Flickr: http://www.flickr.com/photos/30003019/425477231/

Changing our culture of consumption
>> Oh ja – spannend, spannend! Wie färben sich Klasse und Kultur eigentlich auf unsere Einstellung zur Umwelt ab? In Salon spricht die Autorin von „True Wealth“ darüber, wie sich Konsum und Umweltschutz gegenseitig bedingen. Wie man am Konsum ansetzen muss, wenn man die Umwelt schützen will. Lang aber lesenswert.

Überlegungen zur repräsentativen Demokratie
>> Auch Antje Schrupp denkt über die repräsentative Demokratie nach und ist zuerst kurz überrascht, dass es doch auch ganz passabel damit läuft – auch wenn diese positive Überraschung nicht länger als einen Blogpost halten mag.

Presse und Freiheit
>> Julia Schramm ist Piratin. Und manchmal auch schnell auf 180. So wie viele PiratInnen. Impulskontrolle ist nicht immer deren beste Disziplin – aber das macht nichts. Das ist unterhaltsam. Nun schlägt Julia oftmals auch sehr nachdenkliche und politisch sinnierende Töne an. Besonders gut gefallen hat mir ihre Reflexion über die Presse, die bösen Schlagzeilen und wie damit umzugehen sei.

„Nur weil ich schwarz bin“
>> Kübra Gümüsay denkt in ihrem fremdwörterbuch ein wenig über die problematischen Implikationen nach, die eine häufige und manchmal unpassende Verwendung dieses Satzes haben kann. Sie denkt sich dabei zurück in ihre eigene Kindheit und holt die damals gemachten Erfahrungen hervor, um aktuelle Diskussionen zu reflektieren. Besonders schön fand ich die Aussage: „Doch wir sagten diesen Satz so oft, gebrauchten ihn so inflationär, dass er seine Wirkung verlor.“

Friedensnobelpreisträgerin verteidigt Homo-Verbot
>> die liberianische Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf hat in einem Interview das Verbot von Homosexualität in ihrem Land verteidigt. 2011 hatte sie für ihren Einsatz gegen die Vergewaltigung von Frauen den Friedensnobelpreis erhalten. queer.de berichtet.

Der erfundene Horror der chinesischen iPad-Fabriken
>> lest es bitte als eine Gegendarstellung einer früheren Meldung einer meiner Linkschleudern – und dankt der FAZ für eine Klärung. Und ich denke mal über das nach, was man einfach so glaubt, glauben muss, schlucken muss und wieviel davon vermutlich einfach nicht stimmt.
(via mh120480)

Chaos der Kulturen
>> So heißt das neue Buch von Necla Kelek, auf das ich mich sehr freue. Ich mag Necla Kelek eigentlich ziemlich gerne, teile ihre Art, an die Dinge heranzugehen bislang beinahe eins zu eins. Der Freitag hat sich hier sehr viel Mühe gemacht und liefert flankierende Artikel und Videos.

„Es gibt eine Menge afrikanischer Blogger, wir hören ihnen nur nicht zu“
>> sagt Ethan Zuckerman und als derjenige, der bereits umsetzt, was ich neulich als „neue“ Idee hatte liefert er einen sehr interessanten Einblick und neuen Standpunkt zu Fragen wie: Was ist eigentlich „Qualitätsjournalismus“? Warum verpasse ich so viel in meiner Filterbubble – und ist das schlimm? Wie überbrücken wir in der Zukunft die Sprachbarrieren, damit das Internet sein Kommunikations- und Informationspotential besser entfaltet. Großes *hach* – und lesen – husch!

Weniger Arbeit für alle!
>> und mit dieser Forderung sprechen die fuckermothers wohl nicht nur mir aus der Seele.

Amerikas unmoralischer Dronen-Krieg in Pakistan
>> ist Thema dieses Salon-Artikels. Eine Debatte, die uns ab jetzt wohl häufiger über den Weg laufen wird. Dronen sind die logische Konsequenz einer „postheroischen Gesellschaft“, sagt Herfried Münkler. Was aber bedeutet das für die Kriege, in denen sie eingesetzt werden? Für die Menschen, die angegriffen werden? Für die Bilder, die um die Welt gehen… 1.000 Fragen.

Feminismus für Fortgeschrittene
>> titelt die Zeit und betrachtet unter diesem Titel die britische Autorin Caitlin Moran und ihr Buch „How to be a woman“. Es ist unter sehr vielen verschiedenen Aspekten gesehen ein sehr interessanter Mensch, der hier schreibt. Aber lest selbst.

Die Entzauberung des Kuschelhormons Oxytocin
>> Solche Artikel mag ich aus Prinzip: Etwas, das Jahrzehntelang als völlig klar galt und fast schon jedem Schulkind bekannt war wird einfach dekonstruiert, weil man quasi das Gegenteil herausgefunden hat. Ja: Oxytocin macht uns irgendwie „flauschiger“ – hach FLAUSCH – aber je flauschiger wir sind, so die Ergebnisse, desto ausgrenzender werden wir. Desto intoleranter gegen das den Flausch störende. Das ist auf so vielen Ebenen spannend! Danke, du Forschung du – du bist eben doch besser, als dein Ruf!

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„We’re gonna stand up and fight!“

Was zu tun bleibt – Kleine Nachlese zum Frauentag
>> Um den Frauentag herum sind vielleicht die Denkfrequenzen mancher Frauen gleich geschaltet oder so?? Denn Antje Schrupp schrieb auf, was ich selbst auch vor einigen Tagen zerdachte (ich habe Zeugen, denn ich sprach es auch aus): Warum ich es nicht mag, von „männlich sozialisierten“ und „weiblich sozialisierten Menschen“ zu sprechen, anstatt Männer und Frauen zu sagen. Thanx!

Nina Turner ist großartig. Warum? Seht selbst

Visit msnbc.com for breaking news, world news, and news about the economy

>> „We’re gonna stand up and fight!“
(via Jessica Valenti)

Maike von Wegen ist auch großartig
>> und war bei einem spannenden Feature des Deutschlandfunks zum Alleinerziehen mit dabei. Fast jede zweite Ehe scheitert. Immer mehr Frauen ziehen ihre Kinder allein groß. Wie Maike von Wegen. Und Marie von Kuck (Namensähnlichkeit vermutlich zufällig). Dass die Männer in diesem Feature keine aktive Elternrolle einnehmen, kann man kritisieren. Sollte man sicher auch. Man kann sich auch ein Feature über das männliche Zusammen-Erziehend-Role-Model wünschen. Das macht dieses Feature aber nicht schlechter. Kein bisschen.
(via @mh120480)

Linux als Schulfach?
>> Als studierte Pädagogin bin ich tendentiell dagegen, aus allem, aus jedem Fitzelchen, von dem jemand meint, „die Jugend von heute“ sei auf diesem speziellen Gebiet unterbelichtet, ein Schulfach zu machen. Wenn ich diesen Heise-Artikel aber etwas entschärft lese, dann bleibt: Hey – es gibt jetzt ein Lernprogramm für Linux, das ziemlich cool für Schulkinder und Jugendliche geeignet ist. Thumbs up! (Egal ob Schulfach oder nicht. Right?)

Sei doch mal alleine – und cope with it!
>> Christiane Rösinger legt sich ja gerne an. Mit Verschiedenen. Meistens mit so Herzenskonventionen. Das ist oftmals völlig undifferenziert und gemein. Aber auch sehr wohltuend. Ich selbst war seit ich 15 bin ja nie wirklich solo. Das ist sicherlich eine Schwäche von mir :(
(via @ruhepuls)

Habt ihr gedacht, die Debatte um die Kinderlosenmaut sei vom Tisch?
>> Jens Spahn von der Dingens-Gruppe der Union (na ihr wisst schon: Diese gut situierten, vornehmlich Männer, die dank des Konservativseins noch ungestört mehr Kinder verlangen und haben können, die sie dann von einer Frau mit Herdprämie betreuen lassen) macht einen auf ‚tiefgründig‘, holt mächtig weit aus und behaupet stolz, dass er trotz allem kein Pessimist sei… – ich allerdings könnte glatt eine werden!
(via @zeitrafferin)

Feminism is still important in 2012!
>> Sagt die Federation of Young European Greens (FYEG) – und man kann da einfach nur zustimmend nicken. Ist es.

Is it finally time to leave Afghanistan?
>> Gute Frage. Zwischen einer riesigen Verantwortung und einer riesigen Machtlosigkeit in einem riesigen Trümmerhaufen stehend lässt sich diese Frage sicherlich nicht leicht beantworten. Aber es nützt auch niemandem, das alte Konzept nicht als komplett gescheitert anzusehen. Neue Überlegungen und vor allem politische Strategien sind notwendig.

Disclaimer: Die Hier verlinkten Texte und Videos spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung oder Denkrichtung der Autorin dieses Blogs wieder. Sie sind einfach nur „interessant“. Wenn sie explizit für „toll“, „großartig“ und „wow“ befunden werden, steht dies dabei. Auch laufen, wie erkenntlich sein dürfte, nicht alle Links unter der Gesamtüberschrift. Denkende Individuen fühlen sich durch diesen Disclaimer eventuell gestört. Dafür möchte sich die Autorin des hiesigen Blogs vorauseilend entschuldigen. Ja: Man kann sich das alles auch selber denken. Wenn man will.

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Von Schubladen und Schubladisierern

Dieser Beitrag erschien in abgeänderter Form als Kolumne auf freitag.de – diese hier ist aber die ursprüngliche (schnoddrigere) Version

Menschen in Schubladen

Es klang wie ein Witz:: Junge Unions-Fraktionäre wollten, dass Menschen ohne Kinder die Sozialsysteme und Bildung in diesem Land stärker finanzieren. Weil sie sonst ja quasi parasitär von jenen Menschen lebten, die sich in Familien und mit kleinen Kindern abrackerten. Dafür soll eine Kinderlosen-Steuer erhoben werden. Während Mitglieder der anti-Intelligentia aka FDP diese Idee als „sozialistisch“ anprangerten, hat inzwischen Kanzlerin Merkel ein Machtwort gesprochen und erklärt, dass es keinen Sinn mache, die Bevölkerung in Kinderlose und Menschen mit Kindern einzuteilen.

Dabei macht es aus Sicht einer politischen Klasse, die immer alle in verschiedene Schubladen sortiert, eigentlich sehr viel Sinn. Es entspricht sozusagen der Denke von Konservativen. Das geht mit dem Elterngeld los. Da unterscheiden wir doch jetzt auch zwischen Menschen mit Arbeit und Menschen, die von Hartz IV leben müssen. Diejenigen, die sowieso schon kaum Geld zum Leben haben, die bekommen nach dieser Logik jetzt noch weniger Geld. Weiter geht das Unterscheiden zwischen Haupt-, Real- und Gymnasial-SchülerInnen – die Guten ins Kröpfchen – oder wie war das? Wir unterscheiden zwischen Verheiratet und Unverheirateten; zwischen Menschen mit und Menschen ohne Staatsangehörigkeit; es gibt die Rechten – die wurden traditionell nicht groß problematisiert; es gibt die Linken – die stehen für Extremismus; – die Liste ist sehr lang. Fehlen darf bei allem natürlich nicht, dass wir sehr regide zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Das, liebe Konservative, das lassen wir uns niemals nehmen!

Angela Merkel allerdings war wohl einfach so weise zu erkennen, dass die konservative Praxis der Einteilung der Gesellschaft in verschiedene Klassen, Stände und Schichten schon sehr weit ausgeufert ist. Ihr war klar, dass man dieses Spielchen nicht auf die Spitze treiben darf, weil sonst die Klassifizierung, die Segregation, die Schubladisierung als Ganze am Ende in Frage stehen könnte. Man muss ja maßvoll bleiben, nicht wahr?

(CC BY 2.0; http://www.twitter.com/rvoegtli; http://www.flickr.com/photos/rvoegtli/)

 

Die finanzielle Realität des Sozialen und der Bildung Weiterlesen

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Endlich kommt die Featurette!

Frau Lila wird Herausgeberin. Wir planen ein Magazin, genauer ein Web-Magazin, die Featurette. Darin sollen die besten Texte der besten Bloggerinnen erscheinen, immer aktuell, zu allen Themen, die Frauen interessieren: Politik, Do-it-yourself, Technik, Liebe, Wirtschaft, Mode, Recht, Philosophie, Kinder, Internet, Alltag – und viele mehr.


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Leselinks der letzten Woche

Im Instapaper rumgekramt, habe ich dieses Mal folgende Links zum Schleudern parat:

Amerikanische Serien als anspruchsvoller Stresstest?
>> Serien seien die neue Herausforderung in Sachen Geduld, Konzentration und Glaube an das Gesamtwerkt – meint die FAZ. Nach zwei Staffeln Dead like me kann ich nur zustimmen. (Link via mh)

Dossier „Copyright“ auf Freitag.de
>> Es ist wohl nicht erst seit des aufsehenerregenden Artikels eines gewissen Hevelings bekannt, dass die Sache mit dem Urheberrecht einer der zentralen Kämpfe zwischen den BeschützerInnen des Freien Wissens und den BewahrerInnen des Wohlstands der Wenigen sein wird… der Freitag trägt dieser Brisanz mit einem eigenen, ständig fortgeführten Dossier Rechnung (kleine Bitte am Rande: Es wäre hilfreich, wenn man Dossiers abonnieren könnte)

In China, Human Costs Are Built Into an iPad
>> oder anders ausgedrückt: An unseren mobilen Devices klebt Blut. Natürlich nicht nur daran: Die meisten unserer Alltagsprodukte werden unter unmenschlichen Bedingungen produziert. Trotzdem: „“You can either manufacture in comfortable, worker-friendly factories, or you can reinvent the product every year, and make it better and faster and cheaper, which requires factories that seem harsh by American standards,” said a current Apple executive.“ – klingt hart. Ist aber Realität. Lesen – und vielleicht das näxte Mal nachdenken, ob es wirklich jedes Jahr der neueste Scheiß sein muss…

Read Between The Lines! – Media Education, Freedom of Expression and Youth Participation. CDN Seminar 2012
>> Das ist der Titel eines Seminars, dessen Ziel bereits im Titel zusammengefasst ist: Es geht um freie Meinungsäußerung, Medien-Bildung und Jugend-Partizipation. Das Seminar ist für junge Leute unter 35 Jahre und findet in der Türkei statt. Interesse – dann hinne.

Warum geht der Mensch aufs Eis?
>> Fragt Jörg Friedrich auf freitag.de und vermutet: Dahinter steckt die Sehnsucht nach einem Quäntchen Unvernunft. Könnte gut sein: Mutproben, so denke ich ja, stärken unser Selbstbewusstsein.

She called me a „manwhore“!
>> Kennt ihr Tracy Clark-Flory? nein? Großartige Autorin bei Salon.com. Hier ihre Antwort auf die eines Mannes, wie damit umzugehen sein, nunja, „manwhore“ genannt worden zu sein.

Das hier ist für die Philines unter euch: Unsere Romanhelden – Philine
>> die FAZ hat eine Serie, die heißt „unsere Romanhelden“. hier geht es um Philine aus „Wilhelm Meisters Lehrjahren“. Dazu ein Zitat: „Und dann gibt es die Figuren, die man liebt, weil es sie nie und nimmer geben kann, weil sie im Roman aber so erscheinen, als seien solche gelungenen, vollständigen, schönen, klugen, liebevollen Menschen ohne Arg und Falsch eben doch möglich, als könne man ihnen eben doch eines Tages begegnen, weil man ihnen im Roman gerade so glaubwürdig begegnet ist.“ – und genau das sei Philine.

Buch: Political Responsibility for a Globalised World – von Ernst Wolff
>> Falls ihr mir mal ein Buch schenken wollt. Denn diese Frage wälze ich ehrlich gesagt auch ständig: Wie soll das gehen mit der politischen Verantwortung? In so einer komplexen Welt? „The aim of this book is to reflect on the complex practice of responsibility within the context of a globalised world and contemporary means of action.“

ADHD Affects over 15 Million Chinese Children
>> wir haben in der vergangenen Woche viel über ADHS gelesen und diskutiert, und über Burnout. Dabei erzählte ich eine Anekdote meines EWi-Professors, der viel in China lebte, der einmal erklärte, so etwas wie Burnout gäbe es China einfach gar nicht. ADHS aber wohl schon.

Erster Teil der Reihe Erzählte Alltagsdramen: Meine Facebookfamilie und ich
>> Den ideefix vom Freitag habe ich euch schon vorgestellt. Seine Beschreibungen, wie das als Facebook-Abstinenzler mit einer Facebookfamilie und einem dort zur Legende gewordenen Hund so ist, dürft ihr euch nicht entgehen lassen ^^

Hartz IV-Möbel – ein interaktives DIY-Buchprojekt braucht eure Unterstützung
>> „Ein Do It Yourself-Handbuch von Le Van Bo und seiner Community. Mit dabei alle Bauanleitungen der Hartz IV Möbel. Perfekt für Laien! Außerdem: Mit Einrichtungstipps für kleine Wohnungen, Portraits von Menschen aus der DIY-Community. Besonderheit: Via Facebook kann jeder (d.h. die Crowd) den Inhalt des Buches mitbestimmen.“

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