Kritik und Leid

Wenn mich jemand kritisiert, dann ist mir das vor allem dann sehr unangenehm, wenn es ein Freund oder eine Freundin ist. Jemand, dessen Meinung mir wichtig ist. Eine Person, der ich vertraue. Wenn diese Menschen etwas sagen, wenn sie etwas anprangern und bemängeln, das ich getan habe und das sie nicht gut finden, dann passiert erst einmal folgendes:

Mir wird ganz warm. Diese Wärme kriecht den Hals zum Gesicht hoch. Ich spüre, wie meine Wangen zu glühen anfangen und meine Mundwinkel verziehen sich. Meistens versuche ich es in Richtung „Lächeln“ zu lenken, ein eher gequältes Lächeln, nehme ich an. Eine Art Lächeln.
Mir ist mein eigenes Glühen dann sehr unangenehm, deswegen würde ich mich gerne verstecken. Vielleicht nehme ich eine Hand vor meinen Mund um das seltsame Lächeln zu verstecken, vielleicht nicht. Vielleicht verstecke ich mich wirklich irgendwo (hinter einer Schulter, hinter einem Kissen, hinter einer Speisekarte), vielleicht nicht.
Richtig denken kann ich dann sekundenlang nicht. Könnten auch Minuten sein.
Es ist jedenfalls sehr unangenehm.

Und dennoch: Wenn ich zurückblicke, was ich schon alles gelernt habe, was ich schon alles ändern konnte, verbessern konnte und wiedergutmachen, weil Freunde mich auf Fehler und auf Blödes hingewiesen haben, dann bin ich doch sehr froh, dass ich irgendwann gelernt habe, Kritik auszuhalten und auch nicht so zu tun, als hätte es sie nicht gegeben. Wenn meine Freunde mich kritisieren, dann ist das in meinen Augen ein großer Vertrauensbeweis: Sie trauen mir zu, es auszuhalten. Sie vertrauen mir, dass ich mich nicht gegen sie wende. Und das größte Kompliment ist eigentlich, dass sie darin vertrauen, dass ich mit der Kritik etwas anfangen werde. Dass ich etwas ändere oder etwas zu lernen versuche. Kurz: Sie haben mich noch nicht aufgegeben.

Warum ich all das so aufschreibe?
Gerade heute dachte ich, dass frühere Freunde von mir, deren Verhalten ich kritisierte, vermutlich wesentlich weiter wären als sie es sind, wenn sie statt die Freundschaft zu kündigen diese Kritik irgendwie für so etwas wie „legitim“ oder wenigstens „überdenkenswert“ gehalten hätten und das, was ich meinte, überdacht hätten.
Haben sie aber nicht. Die Freundschaft ist nun hinüber. Was aber nie aufgehört hat, ist dass Leute genau auf diesen Fehlern rumreiten. Andere Leute. Natürlich mache ich das nicht. Das haben längst andere übernommen, andere, denen ebenso aufstößt, was mir aufstieß. Trotz Kündigung der Freundschaft also ist es nicht ruhiger für die Kritisierten geworden. Manchmal denke ich: Im Gegenteil. Es hat sich sogar verschärft. Und heute ist der Tag, an dem ich anfange, das lustig zu finden.

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Schoßgebete

Vor gut drei Jahren las die Freitag-Community das Buch „Schoßgebete“ von Charlotte Roche. Und ich las mit. Jetzt wurde nach „Feuchtgebiete“ auch der zweite Roman Charlotte Roches verfilmt und ich durfte ihn mir ansehen.

Im Buch gibt es gleich zu Beginn eine lange Szene, die ausführlichst schilderte, wie die Protagonistin Elisabeth Kiel ihrem Mann einen blies. Bis ins letzte Detail beschrieb Roche diesen Vorgang, all die Finessen und Tricks, die Elisabeth anwendete, um es ihrem Mann so gut es nur geht zu besorgen. All das wird im Film jedoch weggelassen. Sönke Wortmann, Regisseur und Drehbuchautor, hatte sich aus Gründen dagegen entschieden. Stattdessen startet der Film mit einer Sequenz, in der Elisabeth als Profikillerin in die Redaktion der „DRUCK“-Zeitung eindringt und alle Redakteure abknallt. Ein Traum. Einer, der sie aber tief befriedigen dürfte.

In Schoßgebete hat Charlotte Roche den tödlichen Unfall ihrer Brüder verarbeitet. Damals hatte die BILD-Zeitung Roche und ihre Familie bedrängt und Bilder des Unfallortes veröffentlicht. Schoßgebete darf ruhig als Abrechnung der Autorin mit der Zeitung angesehen werden.

Wie ich schon damals in der Besprechung beim Freitag herausstrich, ist das Thema Tod neben der Therapie ein zentrales Thema im Buch. Und ich Trottel hatte das vergessen. Ich konnte mich eigentlich schon vom Buch nicht abgrenzen, es hat mich mitgenommen, es hat weh getan und einige Passagen habe ich überblättern müssen, weil sie mir zu sehr unter die Haut gegangen waren. Nun saß ich in diesem Film, mit Weiterblättern is da nix und die Bilder dringen unbarmherzig über den Sehnerv ins Gehirn, man könnte höchstens die Augen schließen, wenn man denn daran denkt. Auch das habe ich vergessen. Die Darstellung des Unfalls und die Krankenhausszenen sind wirklich nichts für Zartbesaitete.

Irgendwo hat neulich jemand diesen Film als langatmig und langweilig bezeichnet. Das kann ich nicht verstehen! gut: Da ist weniger schmutziger Sex drin, als manche vielleicht erwartet haben. Wie auch im Buch sind Tod und Therapie die Leitmotive, Sex ist der einzige Bereich, in dem sich Elisabeth freimachen kann, vergessen kann, entspannen kann. Sie, die sonst besessen davon ist, alles unter Kontrolle zu haben. als Elisabeth mit ihrem Mann in den Puff geht, wird der Film nicht gleich zum Hardcore-Porno. Dafür bin ich durchaus dankbar, er hat mich schon genug gefordert und ich ging mit stark klopfendem Herzen aus dem Kino.

Die Besetzung mit Lavinia Wilson und Jürgen Vogel finde ich im Großen und Ganzen gelungen. Wenngleich es eine Fehlentscheidung gewesen sein könnte, dass Wilson wortwörtlich Passagen aus dem Buch aufsagt, denn so klingt es manchmal: wie aufgesagt, unnatürlich und etwas gestelzt.

tl;dr: Schoßgebete ist nichts für Sensible und das Gegenteil von langweilig. Wie das Buch geht auch der Film dahin, wo’s wehtut. Nur der Sex kommt etwas kürzer, als in der Romanvorlage.

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Überwachung und Datenklau als Alltag

2013-05-02 18.06

H., hat jetzt ein Smartphone und irgendwie wurde mir in einem Gespräch mit ihr erst so richtig klar, dass und wie „Normalsterbliche“ mit diesen Geräten eigentlich übers Ohr gehauen werden. Wenn man nicht wie viele meiner netzaktiven Bekannten und Freunde ständig im Diskurs aktiv mitmischt, nicht die Feuilleton- und Netzdebatten rezipiert und nachvollzieht, nicht an der re:publica teilnimmt und auch nicht zwischen den Jahren in Hamburg beim CCC eine Paranoia-Auffrischung vornimmt, dann steht man ziemlich alleine da. Erst Recht, wenn man wie H. ein Leben hat, das mehr als ausfüllend ist: Zwischen Job, Kita, Schule und das kleine bisschen Freizeit nicht noch mehr pressen kann – und sei es ein Aufholen einer Debatte, die seit Jahren auf nicht gerade niedrigem Niveau geführt wird.

Wenn H. Geburtstag hat, schenke ich ihr vielleicht „Ego“, denn sie liest gern und es wäre ganz vielleicht ein kleiner Wachrüttler. Bis dahin helfe ich ihr, threema auf ihrem Smartphone zu installieren. Und hoffe, dass die Politik sich endlich ihrer verdammten Verantwortung bewusst wird – wie ich es auch bei den Wostkindern im FAZ-Blog fordere.

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auf twitter will ich nur reinen Stoff

gut. ich bin geladen. vielleicht liegts an Weihnachten. oder an anderen Dingen, jedenfalls: Ja, ich bin unausgeglichen und aufgekratzt und leicht reizbar. Aber:

Geht’s noch sektuöser?!?
Als ich twitter den Rücken kehrte, war einer der Hauptgründe die Denunziationskultur dort und die Art, wie manche mit Leuten umgingen, die eine um 2 Prozent abweichende Meinung von der eigenen haben. Ich ging, weil ich das Gefühl hatte, dass nicht nur alles, was man sagt uminterpretiert wird, sondern dass dort in solch einem Maß social-medialer Druck erzeugt werden kann, dass sensiblere Gemüter die Schnauze halten. twitter aktiv zu nutzen hat meinen Gedanken Ketten angelegt…

aber das ist hier eigentlich egal. Die Emanzipation ist mir ja geglückt, um mich geht es nicht mehr. Ich hätte nur wahrlich nicht gedacht, dass mein etwas überempfindliches Sensorium über twitter derart deutlich untermauert und bewiesen werden könnte, wie es gestern geschehen ist.

Maike von Wegen ist eine taffe Frau. im Podcast Erscheinungsraum habe ich lange mit ihr über ihre Erfahrungen, ihre Lebenseinstellung und ihre politischen Ansichten debattiert und wenn man eines über sie sagen kann, dann dass sie mutig, unbequem und gerechtigkeitsorientiert denkt und handelt. Ja – handelt! denn im Gegensatz zu so manch anderen Gestalten schafft es Maike, ihren „Aktivismus“ über eine ständige Empörorgie auf twitter hinaus zu gestalten. Das ist ja heutzutage nicht mehr selbstverständlich.

gut. nun gibt es also aber eben diese Empöria und die sucht sich immer neue Betätigungsfelder und Methoden, um maximaler Beschämung und Denunziation zum Zwecke des eigenen besserwohl-Fühlens ausüben zu können. Legendär wurden vor exakt einem Jahr die sogenannten Creeper Cards auf dem 29C3. Und dieses Jahr sollen wir nicht ohne ein Weihnachtsgeschenk aus dieser Ecke ausgehen: Man richtete nun einen Account auf twitter ein, der einander „empfiehlt“, bestimmte Leute auf twitter „präventiv“ zu blocken, bevor diese mit schlimmen, pöhsen und – worst case! – der eigenen Ansicht widersprechenden tweets in Timeline oder gar Mention-Spalte auftauchen.

We perfectionized our denunziation tools! Yay!

und dieser sympathische Account empfiehlt nun also, Maike von Wegen zu blocken. Weil diese sich dafùr einsetzte, dass man für eine politisch zweifelhafte Petition NICHT zuallererst auf den Betreibern des Petitionsdienstes herumhackt. Das ganze kann in der Debatte um folgenden tweet nachvollzogen werden:

https://mobile.twitter.com/blockempfehlung/status/416213620536520704

es geht also um saubere Timelines für Leute, deren Leben sich derart auf twitter eingeschossen und zentriert hat, dass man es scheinbar nicht mehr aushält, in diesem öffentlichen Kommunikationsmedium mit Andersdenkenden konfrontiert zu werden.

Mein Punkt ist: ja, dieser Account namens Blockempfehlung ist grotesk lächerlich. Was müssen das für traurige Gestalten sein, die ihre eigene Bedeutungslosigkeit mit solchen Maßnahmen aufpimpen müssen. Mich erinnert das an meinen Nachbarn, der nie Gesellschaft – also Freunde zu Besuch hat – und der mir für die vor meiner Wohnungstüre stehenden Stiefel droht. Das sollte man in der Regel alles – wie sagt man so schön: Nicht mal ignorieren.

Nein – das Problem sind nicht die einzelnen Nachbarn, im Treppenhaus oder im Stream der Belanglosigkeiten. Das Problem ist diese Weltlosigkeit, die ich als um sich greifendes Phänomen jenseits von Einzelfällen wahrnehme. Weltlosigkeit – ein Begriff von Hannah Arendt und ich habe einen Draft in diesem Blog begonnen, in dem ich diesen Begriff ausführlicher beleuchten will. Das kommt noch, wird nachgeliefert. Aber ich will es trotzdem kurz erklären: bei Hannah Arendts Weltbegriff geht es um die gemeinsam von Menschen geteilte öffentliche Welt. Da geht es um Austausch und Pluralismus. Um das Miteinander im Denken und im Handeln. Es ist eine Art große Agora, wie die Griechen sie kannten. Und wozu ist sie gut? Sie ist ein politischer Raum, der dazu da sein sollte, ein Miteinander von Menschen zu ermöglichen. Dafür braucht es Kommunikation und Diskurs. Weltlosigkeit ist eine Verweigerung. Sie ist ein Statement gegen die gemeinsame Welt und für Arendt die Wurzel des Totalitären. Ein Abschotten. Und ich reagiere mittlerweile extrem empfindlich darauf, denn sie scheint angesichts der – verständlicherweise – überfordernden Komplexität sehr verlockend. Ansteckend.

Sie zeigt sich immer dann, wenn eine Person daherkommt und ganze zusammenhänge implodieren. Es ist nie nur die Schuld dieser einzelnen Person. Es ist das Phänomen der Ansteckung anderer, die plötzlich überall den Feind sehen. Es ist der Spirit des gegenseitigen Misstrauens, der Denunziation. Man beäugt die anderen nicht mehr als Teil der eigenen Welt, in der man sich wie die anderen als Menschen unter Menschen sieht, sondern nur noch auf mögliche Verfehlungen hin. die sofort angeprangert gehören. Man will in seinem Feminismus dann keine Leute mehr, die Critical Whiteness hinterfragen. Man will die „reine Lehre“. Man will seinen Stoff gefälligst ohne die störenden Sandpartikel im Getriebe. Auch wenn man ansonsten Sand im Getriebe total geil findet – aber nur, wenn man es selbst sein darf. und nur, wenn das widerspruchsfrei bleibt.

Weltlosigkeit ist keine Lappalie, sie ist der Anfang von Extremen und hat zerstörerische Kräfte. und deswegen weiß ich einfach nicht, ob ignorieren als Umgang damit wirklich noch reicht. Vielleicht könnten wir das mal debattieren.

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Julian Assange auf dem #30C3: Wenn Hackerträume und feministische Hypes kollidieren

CC-BY-SA 2.0: New Media Days: Peter Erichsen

Derzeit gibt es eine sehr heiße Auseinandersetzung um den Video-Talk des Wikileaks-Gründers Julian Assange auf dem 30. Congress des CCC am Ende dieses Jahres in Hamburg. Die Auseinandersetzung dreht sich im Wesentlichen um die Frage: Ist Assange ein Vergewaltiger? Darf man einen Vergewaltiger auf einem Congress reden lassen, ihm eine Bühne erteilen?

Zwei stereotype Antworten lassen sich auf diese Frage identifizieren:

  • Natürlich ist er ein Vergewaltiger, denn er hat ja selbst Dinge zugegeben, seine Verteidigung hat Dinge zugegeben, die ich/wir als Vergewaltigung klassifizieren. Also besteht keine Frage und wer so einen einlädt ist einfach nur ekelhaft, misoygyn und antifeministisch. (so in etwa die Argumentation von Leuten, die einen feministischen Hype anzetteln.*).
  • Natürlich ist er kein Vergewaltiger solange er nicht verurteilt ist! In dubio pro Reo! Ihr blöden Feminazis könnt ja eure Creeper-Cards mitbringen und heulen. (so der Chor der aufgestachelten Hacker, die sich in einen Heiligen Krieg für die Freiheit und die Bürgerrechte stürzen, oder so)

Sollte es jetzt so wirken, als käme eine der beiden Argumentationen besser hier weg, als die andere – tut mir leid! Das war nicht meine Absicht, denn ich finde beide denkbar … ungenügend. Setzen: Sechs.

Ich bin Feministin. Und einige meiner Freunde sind Hacker. Und ich behaupte mal, dass ich ganz gut beide Welten sehen kann – und außerdem noch klar denken. Deswegen versuche ich mich an einer Standort-Bestimmung jenseits von Hype und Heiligem Krieg.

Was ist Vergwaltigung?

Vergewaltigung ist ein mit Gewalt oder Drohung erzwungener Geschlechtsverkehr – und zwar hier wie auch in Schweden. Die Gesetze in Schweden sind da überhaupt nicht anders. Das können noch so viele Blogger und Assange-Fanboys behaupten, es wird dadurch nicht wahrer. Könnte der Grund sein, warum man in Schweden den Vorwurf der Vergewaltigung hat fallen lassen. Denn – ach lest selbst:

„The appellant’s physical advances were initially welcomed but then it felt awkward since he was ‚rough and impatient‘ … AA was lying on her back and Assange was on top of her … AA felt that Assange wanted to insert his penis into her vagina directly, which she did not want since he was not wearing a condom … she did not articulate this. Instead she therefore tried to turn her hips and squeeze her legs together in order to avoid a penetration …

„AA tried several times to reach for a condom which Assange had stopped her from doing by holding her arms and bending her legs open and try to penetrate her with his penis without using a condom. AA says that she felt about to cry since she was held down and could not reach a condom and felt this could end badly.“

(Quelle: The Guardian)

Dies ist ein Fall im klassischen Graubereich*** – irgendwo zwischen Vergewaltigung und Sex – aber es ist keine Vergewaltigung. Wenn sich ein Typ so verhält, dann ist das für eine Frau erniedrigend, demütigend und das Verhalten kann man nichts anderes als ekelhaft und den Typen nicht anders als Arschloch nennen. Aber das ist keine Vergewaltigung und das wird es auch nicht dadurch, dass man diese Behauptung immer wieder und wieder wiederholt.

Die Sache geht noch weiter: Eine andere Frau hat mit Assange auch die Erfahrung nicht-konsensualen Sexes gemacht. Und es wird nicht einfacher, zu entscheiden. Schon gar nicht, wenn man nur irgend eine Bloggess ohne Jura-Studium ist, keine Richterin und keine Anwältin. Was Assange danach nämlich tat ist noch etwas weiter im Graubereich, als bislang:

They fell asleep and she woke up by his penetrating her. She immediately asked if he was wearing anything. He answered: „You.“ She said: „You better not have HIV.“ He said: „Of course not.“ She may have been upset, but she clearly consented to its [the sexual encounter’s] continuation and that is a central consideration.

(Quelle: The Guardian)

Eine feministische Lesart der Geschichte ist, dass der Sex während die Frau schläft natürlich und total klar Vergewaltigung sei. Aber auch hier möchte ich Einspruch erheben. Ich bin Feministin, aber ich hatte durchaus schon sexuelle Beziehungen, in denen das eben nicht der Fall war. Da wäre es angesichts aller Rahmenbedingungen, Vertrauen, auf Augenhöhe sein, eine rauschhafte Nacht erleben und und und… durchaus denkbar gewesen, dass so etwas konsenuell passieren konnte. Es ist absolut falsch zu behaupten, es sei ja völlig klar, dass so eine Handlung generell Vergewaltigung sei. Es kommt auf die Rahmenbedingungen an und auf die Beziehung.

Die Aussagen der betroffenen Frau legen nahe, dass es hier keinen Konsens gab. Dass es gegen ihren Willen geschah und dass es genau die Demütigung für sie war, von der ich oben sprach. Ich habe selbst schon so eine Demütigung erlebt und ich schleppe diese Erfahrung bis heute mit mir herum, auch wenn sie schon über zehn Jahre zurückliegt. Das ist eine Erfahrung, die keiner der Hacker je machen wird, je nachvollziehen können wird oder auch nur in Betracht ziehen wird, wenn er im Heiligen Krieg für die Freiheit den Feministinnen eins überbrät. Und dass sollte ihnen bewusst sein. Die Erfahrungen von nicht-konsensualem Sex wird in den meisten Fällen von Frauen gemacht und es ist ein Einschnitt in ihre Seele. Es begleitet sie in jeder folgenden sexuellen Beziehung und es verhindert, sich in ein sexuelles Abenteuer einfach unbefangen hineinstürzen zu können. Es legt einen Keuschheitsgürtel um die innere Lust, einfach aus der Angst heraus, je wieder so mies behandelt zu werden. Und so etwas sollte euch Hackern nicht egal sein – denn auch ihr könnt einer Frau begegnen, der so etwas passier ist. Denn es passiert viel zu oft.

Der Graubereich im Rechtssystem

Rechtlich ist dieser Graubereich genau das, was schon der Name sagt: Ein uneindeutiges Gebiet, auf dem es verdammt schwer ist, irgendwelche Urteile zu fällen. Würde Julian Assange sich der Anklage stellen – die keinesfalls wegen Vergewaltigung gegen ihn läuft, diese wurde wie gesagt eingestellt, es geht um sexuelle Nötigung und sexuelle Belästigung, wurde also deutlich abgeschwächt – wäre der Ausgang völlig offen. Es stünden Aussage gegen Aussage. Denn – und das unterschlagen vergessen meine feministischen Freundinnen zu gern: Die Aussage der betroffenen Frau steht gegen die Aussage Assanges (lest euch die Texte im Guardian einfach komplett durch). Und damit haben die Hacker leider recht: Hier ist noch kein Urteil gefällt, in dubio pro reo. Und es wird verdammt schwer zu beweisen sein, dass Assange das Arschloch ist, für das wir ihn alle halten. Rechtlich gesehen – und dieses Recht impliziert dann auch eine Ethik – ist die Sache also immer noch offen.

Wenn Hackerträume eigentlich platzen sollten

was ist so geil an Assange, dass alle Beteiligten, die jetzt im Heiligen Krieg sind, so abgehen? Eigentlich ist es ganz einfach und ich bitte alle Feministinnen und Allies derselben, wenigstens zu versuchen nachzuvollziehen, was der große Traum ist, den Assange verkörpert.
Dabei brauchen wir drei Basislegungen:

  1. Wir beenden ein Jahr, in dem wir mit einer unendlichen Ohnmacht konfrontiert wurden. Und als nichts anderes kann man die netzpolitische Lage nach Snowden bezeichnen. Auch und gerade wie unsere Bundesregierung in diesem Krieg agiert, nämlich sich an die Seite der USA stellend, macht nicht gerade optimistisch. Wir leben gerade eine Dystopie und auch wenn die meisten Feministinnen die ich kenne diesen Zustand noch nicht als solchen realisieren: Die Hacker-Community beschäftigt sich seit Äonen damit. Die Verschwörungstheorien, die sie hegten, ihre kleine Paranoia – alles hat sich als wahr herausgestellt! (ich übertreibe und überspitze, aber nur, weil es mir wichtig ist, dass ihr diesen Punkt mitschneidet!)
  2. Julian Assange ist der gelebte Widerstand gegen eine Welt, die sich in Regierungen, Geheimdiensten, Kriegen (deren Führung oftmals jenseits der Menschenrechtkonventionen liegt, aber das hält man gemeinsam geheim), Gemauschel hinter den Kulissen und Bündnissen jenseits von Demokratie abspielt. Assange hat mit Wikileaks den Mächtigen dieser Welt das Fürchten beigebracht. Er hat ihnen gezeigt, dass nur einer daherkommen muss, der keine Skrupel hat – schon wackelt die ganze Welt ein bisschen. Was Wikileaks damals auslöste ist ein Orkan, wie er heute an den Küsten dieses Landes herumfegt – aber der Wikileaks-Orkan fegte um die ganze Welt.
  3. Es ist der 30. Kongress, ein Jubiläum.

Okay, die letzte Basislegung mag banal klingen. Aber das ist sie nicht, denn Jubiläen erfordern immer etwas, das über dem „typischen“, dem „bekannten“ liegt. An einem 30. Jubiläum muss etwas ganz besonderes passieren. Da kommen Basislegung eins und zwei zusammen: Wir leben die Dystopie und realisieren, dass da ein Krieg stattfindet, für den wir bislang noch keinen Namen haben (und verschont mich mit „Cyberwar“ – was für ein seltendümmlicher Begriff). Zu dieser Dystopie brauchen wir – Frank Rieger brachte es voll auf den Punkt – einen HELDEN (gern auch eine Heldin, aber welche?), der (die) Hoffnung gibt. Und wenn man einigermaßen frisch denken kann, alle anderen Einwände einmal kurz beiseite lässt und sich auf die Suche begibt, eine_n Held_in zu finden, einen Widerstand zur Dystopie: Es gibt nur diesen einen. Es ist Assange. Es ist Wikileaks.

Und jetzt muss ich leider Einspruch erheben: Es ist nicht Wikileaks. Der Traum ist eine Blase und eigentlich sollte man diese Blase platzen lassen. Nicht aus feministischen Gründen. In der Geschichte der Menschheit gab es viele Helden, die Arschlöcher waren und vielleicht auch Vergewaltiger. Helden schnappen schnell über und meine Meinung über Assange ist, dass er übergeschnappt ist und dass er deswegen Frauen scheiße behandelte. Da gibt es vielleicht des öfteren eine Verbindung. Dennoch möchte man auf die Taten dieser Helden nicht verzichten und es ist wichtig, dass sie darüber sprechen. Das mag jetzt scheiße klingen, aber angesichts von weltweiten Problemen kann es wichtiger sein, einem Arschloch zuzuhören, politisch wichtiger, als auf die moralische Umsetzung von feministischen Grundsätzen zu pochen**.

Aber Wikileaks ist mehr als problematisch. Es klebt Blut an den Händen Assanges. Das lässt sich nicht wegleugnen. Ich halte Wikileaks wirklich nicht für die Lösung. Seine Whistleblower mögen die eine Seite der Sache sein. Eine andere Seite ist, wie ich aus einer Quelle im Europaparlament erfuhr, dass man davon ausgehen kann, dass in beispielsweise Syrien unzählige Menschen getötet wurden, weil man ihre Namen in Leaks fand, die einen Zusammenhang mit den USA herstellten. Damit waren sie für das Assad-Regime Verräter. Auch im Libanon hat Wikileaks zu einer Destabilisierung der Lage geführt und das kostet immer Menschenleben. So etwas ist Assange egal. Ich habe damals ein längeres Gespräch mit Herfried Münkler über Wikileaks geführt, der damals sehr stark dagegen anschrieb (zum Beispiel in der Süddeutschen) und dessen Meinung ich zu Anfang des Gesprächs nicht teilte. Aber: Er hat Recht in einer ganz wichtigen Sache: Wikileaks übernimmt null Verantwortung. Es pustet Informationen in die Welt, ungeachtet der Konsequenzen, die diese Informationen haben. Konsequenzen, die Menschenleben sein können. Hunderte, tausende, hunderttausende.

Was man meiner Meinung nach hätte tun sollen – und damit will ich auch zum Schluss kommen, ich freue mich für alles Weitere einfach auf eine rege Diskussion, die ich aber streng moderieren werde:

Den Guardian und Snowden lobpreisen

Der CCC sollte anstatt sich hinter Assange zu stellen, den Guardian und Snwoden gebührend huldigen. In meinen Augen ist das, was dort dieses Jahr gelaufen ist, Whistleblowing at its best. Wir haben einen Journalismus, der sich nicht erpressen lässt, der einem Menschen den nötigen Platz einräumt und der gleichzeitig auch die Verantwortung für die Informationen trägt (IMHO der Grund, warum die Infos so stückchenweise aus dem Guardian kommen, und nicht wie bei Wikileaks alles auf einmal rausgeballert wird). Und wir haben einen Edward Snowden, der ein perfekter Held ist. Keine Ahnung, wie die realen Chancen stünden, ihn für einen Video-Talk zu bekommen. Aber irgend jemanden aus diesem Umfeld könnte man sicher bekommen, oder den Chefredakteur des Guardian. Oder gar eine Frau, die Snowden monatelang begleitete: die Wikileaks-Journalistin Sarah Harrison. Hier liegt für mich so viel mehr Hoffnung, als in einem Assange, an dessen Händen Blut klebt.

Ich kann mir vorstellen, wie verdammt schwer das für euch ist. Aber lasst Assange los. Er ist nicht der Held, den diese dystopischen Zeiten brauchen. Ihm fehlen entscheidende Heldenqualitäten und ich persönlich vermute die Ursache liegt in seinem Ego.

* Was ein Hype ist, erklären Marco Herack und ich in einem Vortrag auf der Open Mind 2012.
** dies ist eine gute Gelegenheit, den Hackern das „Yes means Yes“-Blog ans Herz zu legen

*** vor einigen Jahren wurde auf jetzt.de die Debatte über diesen Graubereich durch eine Userin ausgelöst, die über ihre Erfahrungen schrieb. Das SZ-Magazin griff die Debatte auf und sprach dazu mit einem Sexualpädagogen. Beides ist als Zusatzlektüre lesenswert – und hilft hoffentlich ein bisschen zu verstehen, was ich mit Graubereich meine.

Zusatz: bitte denken Sie daran, dass ich hier mit „die Hacker“ nicht den CCC oder die Orga meine. Nach meinen Kenntnissen ist in diesen Kreisen Assange nicht gerade beliebt.

2. Zusatz: Ich konstruiere hier mit „die Hacker“ und „die Feministinnen“ so eine Art Webersche Idealtypen-Gegenüberstellung. Das hat den einfachen Grund, dass ich einen Punkt damit klarmachen will. Es dient einfach der Zuspitzung. Dabei nehme ich wissend in Kauf, dass sich diese beide Idealtypen auch je einem Geschlecht zuordnen – im Text. Auch wenn das in der Realität natürlich nicht so ist. Es gibt sowohl weibliche Hackerinnen als auch männliche Feministen und die Argumentationslinien dieser können durchaus von dem hier dargestellten Idealtypus abweichen. Mein Anliegen ist es nicht, Stereotype festzuschreiben. Mein Anliegen ist es, die Botschaft des Textes herauszustreichen, plastischer zu machen. Ich wurde mehrmals darauf hingewiesen, dass dies negativ ankommt. Das tut mir leid und ist nicht meine Absicht.

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Das Internet vergisst nichts

Richtig – umso wichtiger ist es, dass wir lernen zu verzeihen.

Ich gelte als „manchmal nicht so diplomatisch“(und schlimmeres), weil ich (obgleich in der Regel recht respektvoll und fair agierend) wenn ich wirklich wütend bin, manchmal harte Worte finde. Das ist nicht häufig, aber vielleicht gerade deswegen erschreckend. Denn von mir erwartet man das scheinbar nicht. Und außerdem bin ich eine Frau. Frauen erledigen sowas hintenrum. Fand ich immer schon scheiße.

Andere Menschen sind sehr viel unverholener nicht diplomatisch. Die harten Worte sind ihr Handwerk. Täglich.

Wieder andere Menschen sind in der Regel wie ich, aber manchmal geht es mit ihnen durch und anstatt die Sache zu reflektieren und von mehreren Seiten zu beläuchten, platzt es aus ihnen raus. Undifferenziert wird in alle Richtungen geschlagen, alles kurz und klein – was gerade da ist.

Das Netz ist in solchen Situationen nicht unser Freund. Es vergisst niemals und wenn wir in drei Jahren zu einem Thema etwas zu sagen haben, kann es gut sein, dass jemand unsere Sünden von heute heraussucht. All das kennen wir schon aus dem analogen Leben, den Grünen fliegen gerade Fehler von vor dreißig Jahren um die Ohren. Während man bei der CDU/CSU sehr schnell verzeihen kann. Und das ist vielleicht ihre Stärke. „Das Internet vergisst nichts“ weiterlesen

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„Ich glaube nicht an Glück als Zustand“

Juli Zeh im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit
Sie sprechen über Bosnien, Verantwortung, Parteien und Politikverdrossenheit, können wir uns noch in Gruppen hineindenken? Was ist mit den Millenials? Ist Ich-Zentrierung ein Problem?

Juli Zeh hat ein Faible für die Freiheit. Das ist nicht neu. Aber wie kann man auf allen Ebenen die eigene Freiheit und gleichzeitig miteinander in Verantwortung leben? Interessanter Weise ein sehr konservatives Verständnis von Beziehung, das bei ihr herauskommt. Die eigene Individualität soll hinter der Sicherheit von Beziehungen zurücktreten?

„Fühl dich zuhause sicher, dann hast du draußen nicht so viel Angst!“

Wirklich sehr spannendes Gespräch. Empfehlenswert.

Ich halte es übrigens in Parteien auch nicht so ganz aus. Die Parteien haben einen Panzer – Daniel Cohn-Bendit bringt es auf den Punkt.

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Pelzig: Lügen mit Zahlen

Zahlendrehen, wertlose Zahlen, Statistiken als Politikum – Gerd Bosbach stellt sein Buch „Lügen mit Zahlen“ bei Erwin Pelzig vor. „Statistik ist für Politiker wie der Laternenpfahl für Betrunkene“. Schärft mal euren Blick und lasst euch nicht verarschen. Rürup, Miegel und Konsorten kriegen ihr Fett weg. Ganz große Klasse. Wie sowieso die meisten Pelzig-Shows.
(Dieses Video kommt mit besonderem Schmankerl namens „Henkel im Publikum“ :D )

[youtube http://www.youtube.com/watch?NR=1&v=-P-3Ck2mjXY]

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Die innere Kritikerin zum Schweigen bringen

Vielleicht habt ihr schon mitbekommen, dass ich ein kleines Fangirl von Laura Lejeune bin. Laura hat einen Youtube-Kanal zum Thema Selbsthilfe bei Depressionen und Selbstverletzung.
Eines der ersten Videos, das ich von ihr fand, war „Silencing your inner critic“, das sie letzten Oktober aufgenommen hat. Ich war durch die Recherche zum Fall von Amanda Todd auf sie gestoßen.
Hier also das Video:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=HSI6YiJ0Rb0]

Sie sagt, sie wollte ein leichtes Video zur Verfügung stellen. Ich finde es nicht so wirklich leicht. Denn mir stellen sich bis heute einige Fragen – dennoch komme ich nicht umhin einzusehen, dass etwas anderes an vielen Stellen nicht hilft. Oder?

Wer ist die innere Kritikerin?

„Die innere Kritikerin ist die Stimme, die deine Zuversicht sabotiert. […] Es ist diese Stimme, die dir erzählt, was du falsch gemacht hast, was du hättest tun sollen, was du sein solltest. […] Schritt Nummer eins ist akzeptieren, dass die Stimme von dir kommt“

Es ist ein bisschen schwierig, diese Stimme so nach innen zu verlagern. Was mich zum Beispiel umtreibt, ist die Frage nach der Grenze. Wo beginnt dieses Innen und wo endet das Außen. In der Kürze des Videos wird diese Frage überhaupt nicht geklärt. Diese Stimme kommt schließlich oft genug von außen. Ziemlich viele, sehr konkrete äußere Stimmen wissen ziemlich oft, was man so alles falsch gemacht hat. Stimmen, die nach innen wandern können. Und bin ich dann wirklich selbst verantwortlich? Im Grunde ist das eine Sicht, die alle Verantwortung zu denjenigen schiebt, die leiden. „Nicht deine Eltern, nicht deine Bullies, nicht deine Freunde – du bist es!“ sagt Laura. Immer wieder blieb ich beim Betrachten des Videos daran hängen. Für mich eine der deprimierendsten Stellen. Denn wer die Stimmen nach innen wandern lässt, hätte ja gerne, dass sie von außen verstummen, etwas anderes sagen. Die Eltern, die Bullies, die Freunde.

In der Welt in der wir leben, die eine schlechte ist, führt leider kein Weg daran vorbei, diese Stimmen nicht mit nach innen zu nehmen. Das ist die bittere Erkenntnis. Welche Stimmen innen drin sind, das bestimmen wir selbst. Die da draußen, die liegen außerhalb unseres Einflussbereichs und die müssen wir im Zweifelsfall loslassen. Das schwierige daran ist der Balanceakt zwischen „ich lasse es los und höre nicht mehr hin“ und „ich nehme ernst, was andere sagen, denn das haben sie verdient“. Oder besser: Es ist wahnsinnig schwierig, zu entscheiden, wann man welche Reaktion wählen soll. Muss ich das ernstnehmen oder kann das weg? Über dieses Problem könnte ich mir ewig den Kopf zerbrechen (und werde ich vermutlich auch). Tendentiell jedoch, das weiß ich und deswegen finde ich dieses Video hilfreich, muss ich mit meiner konkreten Disposition, lernen, Dinge abzuschütteln und nicht so nah an mich ranzulassen. Abgrenzung.

Rituale des Verzeihens und des Loslassens

„Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen. […]Du kannst nichts dagegen machen, du kannst es nicht mehr ändern.“

Hier denke ich: Nein. Zeit zurückdrehen natürlich nicht. Aber wenn ich an etwas zu knabbern habe, das in der Vergangenheit liegt – ist es dann wirklich sinnvoll, es einfach so ab zu tun?
Ich las vor einigen Wochen einen ähnlichen Tipp in meinem Entrümpelkalender. Der Kalender war nicht nur für meine Wohnung gedacht, sondern immer wieder gab er mir Tipps um Gedanken- und Gefühlsballast zu entrümpeln. Diese Idee scheint mir interessant. Zum Beispiel sollte ich, dem Kalender zufolge, Leuten verzeihen. Aufschreiben, wie sie mich verletzt oder wie sie mich wütend gemacht haben und in einem echten Ritual verzeihen. Mir kam das komisch vor. Aber ich habe es getan – ich habe aktiv verziehen. (Dummerweise hat das insofern nichts gebracht, als dass die Verletzung einfach wiederholt wurde… Aber warum nicht das Ritual zu gegebener Zeit auch wiederholen?). Aktives Verzeihen ist keine Hexenkunst, scheint es. Dennoch können die meisten Menschen das heute nicht mehr. Bringen wir es unseren Kindern eigentlich noch bei?
Der zweite Kalendertipp war, sich in einem ähnlichen Ritual seiner Stärken und seiner Schwächen bewusst zu werden und im Zusammenhang mit den Schwächen auszuloten, ob sie änderbar sind, ob man sie ändern will und wenn es nicht zu ändern ist: Sie loszulassen. Sich so sein lassen. Das eigene So-sein akzeptieren. Auch Laura empfiehlt, die negativen Gedanken über sich selbst aufzuschreiben und mit etwas Abstand, eine Woche oder mehr, darauf zurückzukommen, es zu lesen und zu schauen, ob es wirklich immer noch so dramatisch scheint. In der Hoffnung, dass es das dann nicht mehr tut.
Das heißt nicht, und kann nicht heißen, dass eine Geschichte aus der Vergangenheit einfach ausradiert wird. Gelöscht. Sie ist das. Sie ist ein Teil von uns. Vielleicht denken wir manchmal an sie und mit Sicherheit haben wir durch sie etwas gelernt.

Die innere Kritikerin – nicht nur die Böse

Im Großen und Ganzen hat Laura einen Punkt. Es liegt bei uns, wie wir mit unserer inneren Kritikerin umgehen. Aber sie zum schweigen bringen – in aller Radikalität – wird selten gelingen. Zudem scheint es mir nicht erstrebenswert. Ich mag meine innere Kritikerin auch ein bisschen. Sie erlaubt es mir, mich selbst in Frage zu stellen. Sie macht, dass meine Skepsis nicht vor mir selbst halt macht. Dass ich auch mich selbst skeptisch betrachten kann und mich frage, ob ich einen Fehler gemacht habe. Dass ich mich nicht nur an anderen abarbeite.
Sie hat für mich eine gute und eine schlechte Seite. Die schlechte Seite zeigt sich meistens abends, wenn sie wie in einer Willi Wiberg Geschichte als ein Ungeheuer abends unter meinem Bett liegt und zu Gedankenkreisen führt. Und verhindert, dass ich zu angemessener Zeit die Augen zumache. Sie zeigt sich aber auch von ihrer guten Seite, wenn ich durch das lange nächstliche Nachdenken am nächsten morgen vielleicht müde bin, aber dennoch ein bisschen mehr einschätzen kann und ein bisschen eine bessere Ahnung habe, wo meine Fehler wirklich liegen. Das Ungeheuer liegt ja nicht immer völlig grundlos unterm Bett. Manchmal bin ich ungezogen und manchmal bin ich nett. So wie alle Menschen.

Aber wenn die Stimmen von außen meinen Schlaf bestimmen, wenn sie so laut werden, dann führt genauso oft kein Weg daran vorbei, sie zum Schweigen zu bringen – zumindest was die eigene innere Resonanz darauf betrifft. I am the Master of my Mind.

„Du musst mit dem arbeiten, was du hast. […] Du musst diese Gedanken herausfordern. Sie sagen dir vielleicht, dass du hässlich bist, aber du bist niemals gut genug! Du bist never ever gut genug. Sie sagen dir, du seist minderwertig im Vergleich zu anderen Leuten. Dass du nicht gut genug bist. – DU BIST GUT GENUG!

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Die Grünen und die Bürgerlichkeit


Ich will Grüne Spitzenleute für ur-grüne Ideale kämpfen und eintreten sehen! Weg mit der Zaghaftigkeit! Weg mit dem bürgerlichen Image! Nicht nur, weil es mir nicht gefällt, sondern weil es ganz real Wähler_innenstimmen kosten wird.

Seit in Baden-Württemberg die Grünen regieren und das Ländle so herrlich zufrieden mit ihnen ist, verschließe ich relativ absichtlich meine Augen davor, dass die Grünen nun erwiesener Maßen eine bürgerliche Partei sind. Also mindestens dort unten im Süden. Denn dass ein Land, in dem ich selbst 13 Jahre lebte und in dem es bis zur letzten Wahl seit Kriegsende 1953 keine andere Regierung als eine CDU-geführte gegeben hat, nun grün ganz toll findet… womit hängt das wohl eher zusammen: a) damit dass die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes plötzlich einen Massen-Sinneswandel erlebten oder b) damit, dass die Grünen dort für die gleichen Leute plötzlich okay, weil angepasst sind. Denn seien wir ehrlich: Nach Fukushima und nach dem Stuttgarter Bahnhofsgau war in BaWü die Sehnsucht nach einer stärkeren Ausrichtung auf die Belange der Umwelt zwar wichtig. Aber gewisse Kröten schlucken Wähler_innen nur bis zu einem bestimmten Level.

Seit in Baden-Württemberg ein Grüner regiert erzählen mir immer wieder Menschen von der neuen grünen Bürgerlichkeit. Bislang wollte ich das nicht hören. Ich lebe dort nicht mehr. Und wenn die BaWüler_innen dort froh sind mit ihren bürgerlichen Grünen – was ist daran denn falsch? In Berlin möchte ich solche Grünen halt bitteschön nicht, die über Alkoholverbote an öffentlichen Plätzen nachdenken und andere Spießer_innen-Politik!

Doch dass BaWü nicht nur ein Land da unten im Süden ist, sondern ein bisschen in vielen Grünen die Sehnsucht nach dem Regieren, nach der Macht und damit nach einer Bürgerlichkeit blüht, die all das zu ermöglichen scheint, macht das Augen-verschließen schwer! Das merkten wir zum ersten Mal in Berlin vor einem Jahr, als die Überfliegergrünen mit Zugpferd Renate grandios gegen die Wand liefen. Warum? nun ja, sagen wir, die Renate hat sich leider ein bisschen zu bürgerlich gegeben. Ihre Äußerungen zum Umgang mit Cannabis seien hier nur Beispielhaft genannt. Die Leute rannten in Scharen zu den Piratinnen und ganz ehrlich: ich kann das total verstehen. Solche Grünen braucht das Land nicht!

Für Bürgerlichkeit und Betonköpfigkeit haben wir zwei andere Parteien, die das zuverlässig abdecken: Rot und Schwarz.

Ich bin seit zehn Jahren bei den Grünen, weil ich an die Visionen im Grundsatzprogramm (das im Jahr meines Eintritts verabschiedet wurde) glaube. Da steht sehr viel drin – nur leider scheinen einige Amtsinhaber_innen und Funktionär_innen darauf nicht viel zu geben. Ich schaue immer wieder da rein, es ist gut! Da steht zum Beispiel, dass die Grünen Cannabis legalisieren wollen und da steht auch, dass sie das Ehegattensplitting abschaffen wollen. Eine Forderung, die ich bislang für absoluten innergrünen Konsens gehalten hatte. Pustekuchen!

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Als ich am 22.09. beim Geschlechtergipfel der Grünen NRW mit Cem Özdemir auf dem Podium saß, dachte ich wirklich mich trifft der Schlag, als dieser anfing, die Abschaffung des Ehegattensplittings zu relativieren. Mit starkem Gegenwind müsse man da rechnen. Man dürfe nie vergessen, dass man die Menschen mitnehmen müsse, dass man sie nicht überfordern dürfe – relativier, relativier, relativier. (Das alles nur sinngemäß. es hieß eigentlich, es hätte eine Aufzeichnung des Podiums gegeben und das sei auf youtube anzusehen, aber von diesem Panel ist bislang nichts zu finden – wenn es da was gibt, gerne bitte melden!)

Ich bin wirklich wütend geworden. Diese Zaghaftigkeit sollten sich die Grünen bitte sparen – damit würden sie ihre Kernklientel verschrecken – sinngemäß so etwas sagte ich daraufhin. Ich erwarte – und auch das sagte ich wenn ich mich richtig erinnere sinngemäß – von den Grünen ein Einstehen für emanzipatorische Politik. Wenn nun sogar schon das Ehegattensplitting so relativiert wird, wo ist dann noch Politik für Geschlechterdemokratie zu erwarten? Das Ehegattensplitting geht vorbei an den 49% der Ehen, die geschieden werden (oft mit Kindern dazwischen), es geht vorbei an all jenen, die sich von vornherein gegen die Ehe entscheiden (nicht nur im im Osten steigen die Zahlen der ehelosen Partnerschaften – die Ehe verliert an Bedeutung!), es geht vorbei an all jenen, die Sozialmaßnahmen empfangen und keine Steuern zahlen, und es geht vorbei an all jenen, die in Regenbogen-Beziehungen und -Familien leben. Wer, wenn nicht all diese Menschen, sieht in den Grünen zuallererst ihre Interessensvertretung? Wer, wenn nicht die Grünen soll denn bitteschön für die Rechte all dieser Menschen eintreten? Die Piratinnen etwa? Hahahaha

Mir bleibt nur zu hoffen, dass Cem an diesem Tag irgendwie unausgeschlafen war und deswegen irgendwie Quatsch erzählt hat. Doch in der Gesamtkonstellation heißt es bei den Grünen nun: wachsam sein. Sie verlassen sich schlimmstenfalls zu sehr auf die Tragfähigkeit ihrer neuen Bürgerlichkeit. Das steht auch zu vermuten, wenn KGE, die aus der Urwahl als Spitzenkandidatin nebst Trittin hervorging, in jedem zweiten Interview, das ich mit ihr höre, darüber schwafelt, dass Bürgerlichkeit für sie ja etwas ganz Positives und für sie *persönlich* ja auch anders besetzt sei, grüne Bürgerlichkeit eben.. also *natürlich* nichts mit CDU zu tun hätte. Oder so. Das ist schlimm. So ein Wording ist direktes politisches Anbiedern bei der Partei, die nach der derzeitigen Prognose wohl wieder regieren wird. Und die dann die Wahl zwischen Grün und Rot haben dürfte.

Es ist so:

ich sähe Grüne gerne regieren. Aber nicht in einem derartigen vorauseilendem Gehorsam.

Grüne sollen regieren wenn sie dabei für

– eine komplettErneuerung der sozialen Sicherung eintreten und in einem Koalitionsvertrag massive Änderungen an Hartz IV vornehmen (dass sie in egal welcher Konstellation – ob Rot-Grün oder Schwarz-Grün wohl kaum die Abschaffung erreichen werden, so realistisch bin ich. Aber wenn die Grünen es nicht schaffen, aus Hartz IV, für das sie immer noch direkte Verantwortung tragen, weil es unter ihrer Regierungsbeteiligung beschlossen wurde, die ganzen unmenschlichen Regelungen heraus zu bekommen, dann werden sie auf sehr sehr lange Zeit Vertrauen verspielen)

– eine neue Bildungspolitik eintreten und das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern nicht wie Annette Schavan als Ausrede dafür nutzen, im Schul-Bereich, in dem unheimlich viel getan werden muss, keine Anstrengungen für eine Reform zu unternehmen (die bundesweiten Bildungsstandards sind schließlich auch möglich; IMHO wäre als erster Schritt eine bundesweite Lehrer_innen-Intiative für Neues Lernen als erster Schritt notwendiger gewesen). Im Moment ist Bildungspolitik von der Bundesebene her vor allem „Exzellenzpolitik“ und an eine gut situierte Klientel ausgerichtet. Grüne Politik hat sich immer auf die Fahne geschrieben, für Gerechtigkeit einzutreten. Wo wenn nicht bei der Bildungspolitik ist (neben der Sozialpolitik) diese zu verwirklichen?

– in der Post-Sarrazin-Zeit wird es ein zentrales Thema sein (das auch wieder bei Sozialpolitik und bei Bildungspolitik ansetzt), dieses Land zu einem Land der Vielfalt, einem Land der Vielen zu entwickeln. Hier leben viele Menschen, die selbst oder deren Eltern hier nicht geboren sind. Sie sind Teil dieses Landes und immer noch haben wir weder auf der sozialen noch auf der politischen Ebene ein unverkrampftes und offenes Miteinander er/gefunden. „Multikulturell“ war einst ein Kernwert grüner Politik – von Demagogen wie Sarrazin hat man sich davon abbringen lassen, es als Wert in der eigenen politischen Sprache noch zu benutzen. Im Grundsatzprogramm steht es noch drin.

– Geschlechterdemokratie mit Leben füllen: das Ehegattensplitting abzuschaffen hatte ich dabei noch als Minimalkonsens angesehen. Wie steht es aber um eine Vision für eine neue Arbeitswelt? 32-Stunden-Woche? Anyone? In Berlin haben wir auf Initiative der Grünen hin mit Bettina Jarasch eine sehr spannende Diskussion begonnen, wie Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt angegangen werden müsste – Kapitalismuskritik inklusive.

– dies sei auch das letzte Stichwort: Kapitalismuskritik – dafür sind die Grünen sich mittlerweile zu schade, oder? Oder läuft es nur unter meinem Radar? Doch genau dafür sollten die Grünen in Krisenzeiten letztlich stehen. Das bedeutet ja nicht, dass man gleich in das völlige extrem verfallen muss – es gibt schon eine für einen demokratischen Sozialismus eintretende Partei, das brauchen wir nicht. Aber die Grünen haben sich in ihrer letzten Regierungszeit den angeblichen „Zwängen des Marktes“ allzu oft unterworfen. Es ist kein Geheimnis, dass unter Schröder der Neoliberalismus (und ich meine das hier nicht nur als Buzzword!) florierte wie nie zuvor – unter Beteiligung der Grünen. Wie bei Hartz IV (und das hängt da ideologisch direkt dran) ist hier Aufarbeitung gefragt und auch eine Politik des Gegensteuerns. Linke Politik (und dafür stehen die Grünen schon noch, oder???) lässt sich auf angebliche Alternativlosigkeiten, die vom Markt und von der internationalen Wettbewerbsfähigkeit diktiert werden, nicht vorbehaltlos ein. Sie sucht nach anderen Leitlinien und Orientierungsplanken und vor allem übt sie Wachstumskritik.

Nicht falsch verstehen: All diese Ansätze und Ideen, Visionen und Forderungen sind innerhalb der Grünen vorhanden. Mir geht es nicht darum, zu kritisieren, dass man all das längst über Bord geworfen hätte. Mir geht es vielmehr darum, dass diese und andere Paradigmen, Werte, Grundorientierungen die ich für ur-grün halte, nicht in einem vorauseilenden Gehorsam und schon gar nicht um des Mitregierens willen relativiert werden. Dieses ständige beharren auf Bürgerlichkeit ist in meinen Augen aber ein Hinweis darauf. Bitte seid wachsam. Denn ich möchte gerne grün bleiben können. Aber ich bleibe das nicht um jeden Preis!

PS: Ich habe das Grundsatzprogramm mal nach „bürgerlich“ durchsucht…

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