„God gave us the right to own guns“

Warum heißt dein Blog so komisch und wie spricht man das eigentlich aus?

Diese Frage stellt irgendwie keineR. Und doch merke ich, wie sie in der Luft liegt. Mein erstes, bei WordPress gehostetes Blog hieß auch schon so. Dort erklärte ich auch bereits, wie es kam. Es war die Fehlaneignung einer Anrufung an Daniel Erk.

“Part of the Problem in this world are because of the LEFTIST ELITE!”

hieß es da.

Simone de Beauvoir, Sartre und Che Guevara - Linke Elite. Oder so...

Es lief mir seitdem immer mal wieder dieser Ausdruck über den Weg. Er beschreibt ganz gut, was – ich sag mal – konservative AmerikanerInnen so für Begriffe benutzen, wenn sie mal wieder die Welt bedroht sehen. Verschwörungstheorien sind ja in allen politischen Lagern en Vogue. Die schönsten Zitate:

When will the Leftist Elite learn that God gave us the right to own guns and take them where ever we want with unfettered freedom? Surely this treasonous act will anger God and Jesus and their wrath will smite the evil Leftist elite once and for all! It’s time that we had another boycott!

(Quelle: http://www.mombu.com/culture/afghanistan/t-leftist-elite-revokes-tom-delays-god-given-right-to-bear-arms-3067950.html)

Ja und was die so alles schlimmes getan haben…! Ganz furchtbar:

A classic example of Leftist elitism was pre-Thatcher Britain in the 60s. The British Labour party had nationalized practically all the hospitals leaving only a very small and expensive private sector.

(Quelle: http://jonjayray.tripod.com/elitism.html)

außerdem haben sie aufs Übelste die Denkweise in diesen westlichen Gesellschaften infiltriert! Überall so irre Ideen wie Offene Grenzen, Multikulturalismus und Säkularismus!1!!11!!

The Leftist Elite that captured the youth culture of the 1960’s set us on a course for national oblivion: radical multiculturalism, open borders, the welfare state, affirmative action, an obsession with “diversity,” the embrace of sexual depravity, abortion, the destruction of the family, and a radical secularist ideology that has declared war on Christianity, and the Christian values that underpin the Constitution.

(Quelle: http://www.centerforintelligencestudies.org/From_the_Chairman.html)

Nun ja. Und dann sind es eben diese komischen Querköpfe, die zu Sozialforen fahren und so Sprüche wie „Another World is Possible!“ auch tatsächlich glauben. :) Leute, die 2006 sogar eine eigene Studie wert waren.

Abschließend darf Charles Krauthammer (klick! – lustiger Typ, der) nicht unerwähnt bleiben, dem dieses Zitat zugeschrieben wird:

„The Well Educated, Eminently Qualified Leftist Elite Are Trying To Control Us By Confusing Us With Science And Other Things We Have No Hope Of Ever Understanding“

Es könnte aber auch von „Eminent Conservative Scholar“ Limbaugh
sein, der desweiteren so kluge Dinge sagte wie:

„Being educated is part of Obama’s Communist Gay Feminazi agenda.“

(Quelle: http://www.knowledge-database.org/post/2393248511_2363__%22The%20Well%20Educated,%0A%09Eminently.html)

Ja – und wie spricht man das nun aus? Man spricht diesen englischen Begriff etwas anders aus, als viele meinen. „Elite“ wird dabei eɪˈliːt gesprochen.

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Knallenlassen statt MiMiMi

Zur Emanzipation braucht es viel Stolz. Wer sich nicht wehrt, der ändert auch nichts. Ein Mutmach-Plädoyer zum Frauentag.

Katharina Rutschky war eine Frau, die gerne gegen den feministischen Strom schwomm. Von ihrem Buch „Im Gegenteil“ lacht sie uns herausfordernd an und der Untertitel „politisch unkorrekte Ansichten über Frauen“ kündet vom Spiel mit der Provokation. So betrachtet sie argwöhnisch das Phänomen der sexuellen Belästigung (der Text ist aus dem Jahr 1999 – aber ich finde ihn bis heute aktuell). Sie las in der Zeitung, dass 2/3 der Frauen am Arbeitsplatz schon belästigt worden seien, gab sich aber mit dieser schockierenden Zahl nicht zufrieden. Sie schaute genauer hin und fand heraus, dass je nach geografischer Lage die Zahl enorm schwankte. In Bonn waren es 72 Prozent der befragten Frauen, in Berlin nur „schlappe“ 34 Prozent, die Erfahrungen mit sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz machten. Und ganze 12 Prozent der Berlinerinnen waren sich nicht sicher. Rutschkys provokante These: „Sie hatten kein Problem, das ihnen zu schaffen machte, sondern, bei aller Gutwilligkeit, ein Klassifikationsproblem.“ Es offenbar sich hier ein generelles Problem: Das Sexuelle ist in unserer Kultur immer irgendwie „drüber“ – wir lavieren ständig zwischen den Extremen „Prüderie“ und „Pornofizierung“. Ein entspannter Umgang, der auch zwischenmenschliche Komplikationen, Missverständnisse und Fehler zulässt, ist nicht immer ganz leicht. Vor allem, wenn es um das Zwischenmenschliche in nicht-intimen Beziehungen geht, ums Flirten oder: um sexuelle Avancen im Alltag.

Mit Rutschky gedacht kommt es also auf das an, was wir selbst über das Geschehene denken: Machen wir daraus eine Mücke oder einen Elefanten? Muss der Staat eingreifen, oder kann eine Frau einfach selbst die Dinge in die Hand nehmen und einem wie auch immer übergriffigen Kollegen seine Grenzen aufzeigen? Rutschky wirft einige tief verankerte Dogmen einfach über den Haufen. „Ein Kaninchen ist eben nicht dämonisch.“ Sagt sie. Eine Politik, die auf Druck von woher auch gegen alles Mögliche Gesetze erlassen würde, das als „übergriffig“ oder „Belästigung“ empfunden wird, wäre jedenfalls furchtbar. So furchtbar und kontraproduktiv, wie es das Beschützer-Bedürfnis von Eltern sein kann, die am liebsten die ganze Welt in Matratzen polstern würden, damit kleine Kinder sich nicht mehr ihre Arme brechen können. So weit, so richtig. Womit wir auch wieder bei Judith Butler angekommen wären: Die Verletzung birgt gleichzeitig die Chance zur Wendung. Das Fehlaneignen einer Verletzung kann ein emanzipatorischer Akt sein, denn er widersprich den gesellschaftlichen Grundprämissen, die da lauten: Die Frauen können sich nicht selbst wehren. Es ist mir als Grüne ein bisschen peinlich, aber wie ich bei Katharina Rutschky las, war es einzig jemand aus der CDU, der Frauen empfahl, bei Belästigungen mit Ohrfeigen zu reagieren. Knallen lassen, statt Mimimi. Feindkontakt, statt petzen. Wehre dich!

(Bild: CC BY-NC 2.0; Suzanne Gerber via flickr.com: http://www.flickr.com/photos/wurzeltod/231699247/)

Aber war es nicht schon Hedwig Dohm, die mit ihrem auffordernden „Mehr Stolz, ihr Frauen!“ die Lösung vieler unserer Leiden in der Hand gehalten hat? Und ist es etwa ein Zufall, dass es immer genau jene Frauen sind, die dieses Mimimi ablegen und mit Humor, mit Schlagkraft und Feindkontakt die meisten hochgezogenen Augenbrauen und Schmähungen ernten? Wohl kaum: Es sind vielleicht jene Frauen, die den einzig wirklich wirksamen Schlüssel zur Entmachtung der Rollenstereotype gefunden haben: den Stolz und die Kampfeslust der „braven Frauen“, die am Gefährlichsten für die eingefahrenen Verhaltensmuster in der Gesellschaft sind. Emanzipation braucht immer jene, die Ausbrechen. Und diese brauchten immer schon ein dickes Fell. Die hohe Kunst dabei ist es nur, nicht in eine Art hyperventilierenden Wettkampf zu geraten, darum, wer die Stärkste und Tollkühnste ist. Nicht jene zu vergessen und abzuhängen, die es aus eigener Kraft diesen Stolz nicht mehr aufbringen. Das gilt nicht nur im Feminismus, sondern für alle Arten der Emanzipation.

Was Rutschky, und nach ihr noch viele andere starke Frauen, zuletzt Bascha Mika, bei aller Sympathie verkennen: Die meisten Frauen sind genau dazu überhaupt nicht erzogen worden. In vielen von uns gibt es eine Art innere Barriere, wenn wir auf Konfrontation gehen müssten. Wir schicken lieber andere vor. Oder wir fügen uns. Eine neuere Erscheinungsform ist es, Konfrontationen im realen Leben komplett zu vermeiden, immer die Klappe zu halten und dafür im Internet ordentlich vom Leder zu ziehen – ich nehme mich da mal überhaupt gar nicht aus. Rutschky verkennt, weil sie selbst wohl tatsächlich die Emanzipation von vielen Zwängen geschafft hat, dass es ein langer und harter Kampf der Frauen gegen sich selbst ist. Ein Kampf, der nicht zu unterschätzen ist und der die Frauen, die ihn Kämpfen, eben nicht immer sofort mit Ruhm und Ehre belohnt. Frauen, die am Arbeitsplatz lauter, dominanter und kämpferischer sind, das zeigen Studien, gelten schnell als „stutenbissig“ und „unkollegial“ – während dieses Verhalten bei Männern akzeptiert oder sogar erwartet wird. Und auch jene, die es schafften, sich von Alltagszwängen qua Geschlecht zu befreien, baden immer wieder wie in Flash-Backs in kleinen Pfützen ihres Selbsthasses und in Selbstzweifeln, wenn die Umwelt sie sanktioniert – oder sie dies nur erwarten. „Krieg mal deinen Arsch hoch, mach den Mund auf und wehr dich – anstatt nur zu heulen.“ – ist eine vielleicht gut gemeinte Ansage, aber viele Menschen, nicht nur Frauen, können das nicht umsetzen und fühlen sich gerade dadurch noch degradierter. Das Kunststück ist es, ganz nach dem Pippi Langstrumpfschen Grundsatz „Wer stark ist, muss auch gut sein“, an einem Strang zu ziehen. Was Rutschky und Mika machen ist: erwarten, dass wir alle Pippi Langstrumpf werden, bei gleichzeitiger Abwertung der „Annikas“ unter uns. Bei Astrid Lindgren aber waren Pippi, Tommy und Annika Freunde. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Und das ist sicher kein Zufall. Denn am Ende sollten wir alle keine EinzelkämpferInnen sein – nur in der Masse werden wir die Gesellschaft verändern können.

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The Leftist Elite proudly presents: The very first Sozialismus-Bingo

natürlich unter CC-BY-SA

Quellen:

Moral oder Politik?

Das ist eigentlich nicht die Frage. Eine Replik auf Susannas Blog-Text.

Es gibt Orte der Moral. Und es gibt Orte der Politik. It’s as easy as that. Und es gibt ethische Politik. Und bei der Ethik würde ich zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik zu trennen versuchen. Beides hat ja seine Existenzberechtigung. Nur eben zu unterschiedlichen Zwecken.

Moral hat stets einen normativen Anspruch. Den kann Politik durchaus auch haben. Ich selbst bin Grüne und habe Parteipolitik jahrelang miterlebt, innerparteiliche Debatten aus der Warte der  Jugendorganisation beobachtet und teilweise auch mitzugestalten versucht. Dass mein Herz grün ist, das weiß ich eigentlich schon beinahe seit ich 16 Jahre alt bin. Und schon in der Grundschule ging ich für die Rettung der Wale Unterschriften an den Haustüren der BewohnerInnen von Igersheim sammeln. Das Wort „Gutmensch“ wurde nicht nur einmal an mich gerichtet und ich glaube, dass ich teilweise religiösen Eifer an den Tag gelegt habe, wenn es darum ging, Menschen davon zu überzeugen, dass wir die Umwelt zerstören, wenn wir zu viel Auto fahren. Oder Menschen zu erklären, dass es sich lohnt ökologisch Auto zu fahren. Ich war jahrelang eine von diesen grünen „Fundis“ (mittlerweile sind Flügel innerhalb der Partei für mich einfach nur noch eine Last – denn gesinnungsethisch sind sie gleichermaßen). Wenn ich über Bildung diskutiere, werde ich sehr emotional, und wenn ich den Film „Spitze – Schulen am Wendekreis der Pädagogik“ sehe (der mich seit über zehn Jahren verfolgt), dann muss ich weinen. Ich finde gelinde gesagt das deutsche Schulsystem und die Deutsche Art Bildung zu betreiben wirklich: Unmenschlich. Und das ist eine normative Aussage. Wenn ich über die Schulreform-Verhinderer in Hamburg schreibe, werde ich moralisierend, glaube ich. Davor ist nun wahrlich niemand gefeit. Aber:

Wenn ich diese Leute (bleiben wir einmal bei dem Beispiel) thematisiere, dann nehme ich sie ernst. Und wenn ich ihnen vorbete, warum und wieso und weshalb wir ein besseres Bildungssystem brauchen, dann weil ich glaube, dass es notwendig ist, bei einem so massiven Umbau der gesellschaftlichen Struktur so viele Menschen wie möglich mitzunehmen. Es ist ja so: Wenn eine Frau XY oder ein Vorstandsvorsitzender Blupp argumentieren, dass ihr Kind von einem Arbeiterkind nichts lernen könne – umgekehrt aber schon, dann drückt dies eine aus Elternperspektive erstmal legitime Sorge aus, die ich berücksichtigen muss, wenn ich am Schulsystem rumschrauben will. Dann kann ich zwar sagen: Ich halte das für eine egoistische Einstellung. Aber meine Hauptaussage ist in dem Zusammenhang immer die gleiche: Die haben es einfach noch nicht kapiert, dass ALLE Kinder davon profitieren würden, hätten wir ein Bildungssystem wie in Skandinavien. Und weil sie es nicht kapieren, weil sie einfach uninformiert sind und sich selbst zusammenreimen, wie das wohl sein muss, wenn wir plötzlich so ein Schulsystem bekommen, „wie in der DDR“  („Sozialismus“!) – fahren sie zur Selbstverteidigung die Krallen aus. Hätten sie mal den Film von Reinhard Kahl gesehen, dann würden sie vielleicht anders denken. Natürlich liegt es für eine Linke wie mich nahe, diese HambugerInnen zu schlechten Menschen zu erklären. Aber: Für mich liegt es näher, zu sagen, dass sie es nicht besser wissen und dass ihr eigener Horizont halt noch etwas eingeschränkt ist. Das ist dann eine politische Herangehensweise. Noch politischer wird diese, wenn ich darum weiß, dass meine eigene Vision von Bildung auch Schwachstellen haben kann, die ich nicht berücksichtige – die mir aber von meinen politischen Gegnern vorgehalten werden könnten. Das Ernstnehmen hat somit den doppelten Zweck einerseits die Demokratie zu stabilisieren und andererseits aus Extremen auch eine mehr oder weniger gesunde Mitte zu basteln.

Puh, genug abgeschwiffen. Zurück zur Ausgangsfrage: Wie viel Moral verträgt die Politik? Weiterlesen

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Moralisierung und Abgrenzung

Ich fragte euch neulich, wo für euch das Politische in dieser Digitalen Medienwelt ist. Viel Feedback kam da ja nicht.

Mittlerweile bin ich fast geneigt: Es gibt hier nichts Politisches. Oder: Man muss es mit der Lupe suchen. Politisch ist für mich nämlich nicht, mit anderen heititei zusammen an der heilen Welt zu basteln – ungeachtet der Tatsache, dass es Feinde meiner Ideale gibt. Es heißt für mich: Zu versuchen mich gegen diese Kontrahenten, gegen die Leute, die in meinen Augen gegen meine Ideale handeln, durchzusetzen. HEGEMONIE erlangen wollen. Und ich weiß: Also dieses Wort! He-ge-mo-nie.- böses Wort… O_o

Ich könnte auch behaupten: Die digitale Medienwelt zerstört in ihren momentanen sozialen Auswüchsen das Politische. Ein Indiz dafür sind die florierenden Rage-Accounts auf twitter (ja, ich habe auch einen), wo die Menschen sich dann in einem kleinen, protecteten Millieu noch trauen, auch mal „böse“ Dinge zu sagen. Da ich hier auf ein Problem zu sprechen komme, das eine große Kontroverse auslösen könnte, möchte ich erst einmal definieren, was ich unter „dem Politischen“ verstehe. Angelehnt an Chantal Mouffe, die sich wiederum auf den „bösen“ Carl Schmitt beruft, sehe ich darin die Existenz und die nicht-moralische Austragung von Konflikten. Von Agonismen. Mit nicht-moralisch meine ich, dass es nicht darum geht, auf einer moralischen Ebene zu argumentieren und damit der anderen Meinung komplett die Existenz-Berechtigung zu entziehen, sondern eben darum, politische Auseinandersetzungen zu führen.
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Endlich kommt die Featurette!

Frau Lila wird Herausgeberin. Wir planen ein Magazin, genauer ein Web-Magazin, die Featurette. Darin sollen die besten Texte der besten Bloggerinnen erscheinen, immer aktuell, zu allen Themen, die Frauen interessieren: Politik, Do-it-yourself, Technik, Liebe, Wirtschaft, Mode, Recht, Philosophie, Kinder, Internet, Alltag – und viele mehr.


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Darf man „Fotze“ sagen?

In der feministischen und antirassistischen Debatte spielen Worte eine wichtige Rolle. Doch wann werden sie beleidigend? Und wie viel Zensur verträgt ein freier Diskurs?

Dieser Artikel erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de – dort gab es eine sehr ausführliche Debatte

In Hass sprich – zur Politik des Performativen setzt sich Judith Butler intensiv mit dem Verletzungspotential von Sprache auseinander. Sie dreht und wendet die Frage, wie Herrschaftsverhältnisse durch Sprechakte immer wieder hergestellt und somit verstetigt werden. Butler ist vielen vor allem als Vertreterin der Queer Theory bekannt – mit ihrem Werk Das Unbehagen der Geschlechter wendete sich die Philosophin gegen eine binäre Codierung der Geschlechter und damit gegen das Bollwerk der sogenannten „Modernen Wissenschaften“: Die Naturalisierung von (Macht-)Unterschieden qua Geschlecht.

Hate Speech in den USA

Butler thematisiert die Verletzung qua Sprechakt; untersucht, wann ein Sprechakt eine Handlung ist; geht der Frage nach, wohin es führt, wenn staatliche Eingriffe Sprache verbieten ... ein sehr interessantes Werk: Hass Spricht Foto: Bob With aka D.C. Atty via Flickr.com

Bis heute werden WissenschaftlerInnen weltweit nicht müde, die „Beweise“ für die Differenzen zwischen Männern und Frauen zu liefern – zentraler Angelpunkt sind dabei meistens die Hormone. (In einer recht anschaulichen amerikanischen Studie fanden ForscherInnen derweil heraus, dass je nach Grad des Glaubens an Stereotype sich auch die tatsächliche Ausprägung und Wirkung von Sexualhormonen verändere ; an anderer Stellebesprach ich derweil schon die Differenzen der hierzulande breit rezipierten Vertreterinnen einer Hormon-gesteuerten Theorie der großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern und wie sich die ganze Sache aus der Perspektive der Neurowissenschaften darstellt).
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Schule macht dumm

Gut: Diese Überschrift ist vielleicht ein kleines bisschen übertrieben. Aber wie in folgendem schönen Video gezeigt wird, kann Schule vieles kaputt machen.

Schauen wir nun also in diesem RSA Animate Video (how f**king great is this method?!), wie Sir Ken Robinson innerhalb von gut zehn Minuten alle Bedenken in Bezug auf Bildungsstandardisierung, die ich teile, auf den Tisch bringt.

In meiner Bachelorarbeit untersuchte ich den Sinn und Unsinn von zunehmender Standardisierung der Bildung und ich blieb bis zum Schluss skeptisch: Auch wenn die Ziele hinter Bildungsstandards nobel sein mögen – entsprechen sie doch vielmehr der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, als der Entwicklung eines Menschen, als dem Potential eines jeden Kindes. So schrieb ich abschließend:

Bildung umfasst die Wechselwirkung zwischen einem Individuum mit seiner (Um-)Welt und den sich daraus ergebenden Veränderungen im kognitiven, aber auch emotionalen geistigen Zustand der Menschen. In diesem Sinne ist sie nicht standardisierbar.

Es ist schon ein kleines bisschen frustrierend, dass die Arbeit von einem kompletten Monat, eingesperrt in eine Bibliothek, so anschaulich in zehn Minuten zusammengefasst werden kann. Ach quark: Es ist total toll! Dieser Mann hat absolut recht – und dank dieser wunderbaren Animation spricht er alle Sinne an. Chapeau.

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Im Faust waren auch keine Fußnoten

Alexander VI. tat und sann nichts anderes, als die Menschen zu hintergehen, und er fand auch immer Objekte, die sich hintergehen ließen. Es gab noch nie einen Menschen, der seine Beteuerungen wirkungsvoller vorgebracht, seine Versprechungen feierlicher beschworen und weniger gehalten hätte. Trotzdem gelangen ihm seine Betrügereien stets nach Wunsch; so gut kannte er die schwache Seite der Menschen.

(Machiavelli: Il Principe; Kapitel 18)

Nur ein Genie beherrscht das Chaos – sagt man das nicht so? Mein Leben ist so unglaublich vielfältig, dass es bisweilen in Chaos ausartet – das ich immer, wirklich immer wieder unter Kontrolle bekommen habe. Ja. Mein Vertrauen in mein Können ist in dieser Hinsicht groß, auch wenn sicherlich selbst mir manches Mal Fehler unterlaufen können.

Ich habe also über eine ziemlich lange Zeit hinweg unglaublich chaotisch so etwas wie eine schlüssige Arbeit zu einem Thema zu schreiben versucht. Mit Copy und Paste habe ich interessante Textteile zusammengetragen und ‚meine‘ Kapitel auf einzelne Disketten verteilt.

Weil ich immer unglaublich gestresst bin, da Job, Politik und Familie mich gleichzeitig herausfordern, merkte ich nicht, wie mir die Sache eigentlich entglitt – das ist der einzige Fehler, den ich an mir erkennen kann. Außerdem passt es überhaupt nicht zu meinem Selbstbild, so etwas nicht zu schaffen.

Schon während meiner Schulzeit war ich den anderen Kindern in meiner Klasse um Längen voraus. Bereits damals war mir klar, dass ich für Größeres bestimmt war, das liegt bei mir in der Familie. In meinem Kopf ist genug drin, und was nicht dort drin ist, delegiere ich an andere – Hauptsache ich kann die Fäden ziehen. Andere, die all den Kleinscheiß machen, für den mir immer die Nerven fehlen, habe ich doch genug. Von Kindesbeinen an konnte ich so meine Gehirnkapazitäten auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben konzentrieren, und wenn mein Kinderzimmer unordentlich war, hat doch eh das Hausmädchen Clara alles wieder aufgeräumt. Ihren lieben kleinen Karli nannte sie mich dabei immer. Sie machte meinen Mist weg und liebte mich dabei – ich war also was besonderes. Ist doch logisch, dass ich zunächst nicht auf die Idee kam, dass diese Text-Stückwert-Sauerei nicht auch irgendwie bereinigt werden könnte.

Es war ja auch immer so: Meine Lehrer und Professoren, durch die Bank, die kannten ja meinen Vater. Die wussten ja: auf den Sohnemann kann man sich verlassen, da muss man sich keine Sorgen machen. Sie sahen doch immer über so manches hinweg. Immer. Zu Recht: Denn nur so konnte ich mein ganzes positives Potential entfalten – nicht auszudenken, wo ich geendet hätte, wenn sie meine Fehler genauso kritisch auseinander genommen hätten, wie die der ganzen Arbeiterkinder, die da immer so rumkämpften. Sie wussten eben auch: Der ist für Größeres bestimmt, den wollen wir mal nicht mit unserer Korinthenkackerei behindern.

Naja, gut: Ich war wirklich ein bisschen erschrocken, als ich am Ende vor diesem Stückwerk saß. Aber seien wir doch mal ehrlich: Dieses wissenschaftliche Arbeiten ist einfach total schrecklich! Leider hätte man mich in diesem Land ohne wissenschaftliche Karriere gar nicht akzeptiert – völlig zu Recht: irgend eine Möglichkeit muss es ja geben, die Guten ins Kröpfchen und die schlechten ins Töpfchen zu stecken, nicht wahr? Je weiter nach Oben ich mich arbeitete, in meiner akademischen Laufbahn, desto dünner wurde die Luft für sogenannte „Aufsteiger“, die aus den unteren Schichten kamen. Das funktioniert also sehr gut, das muss ich ja auch anerkennen!

Natürlich war ich dabei völlig naiv: Ich dachte immer, ich kann es mir ja kaufen. Im Zweifel kann ich es doch immer kaufen. So wie diese lästigen Hausarbeiten am Ende von jedem Semester. Die konnte ich doch auch kaufen. Das war immer eine wunderbare Win-Win-Situation: Die verdienten sich ihren Lebensunterhalt (und das war ja sogar zu ihrem Thema, das ist ja noch viel besser, als zu kellnern oder Taxi zu fahren, da lernten die ja gleich noch was dabei!) und ich konnte mich auf die wichtigen Dinge in meinem Leben konzentrieren. Ehrlich mal: das war doch alles nur ne Alibi-Veranstaltung. Darum ging es doch nie. Mir war doch immer ein ganz anderes Schicksal bestimmt gewesen. Weder wollte ich Wissenschaftler werden, noch in diesem Beruf arbeiten. Politik, ein Land leiten, es in der gesamten Welt präsentieren – ich wusste einfach: das ist genau mein Ding. Ich will mich jetzt nicht erdreisten, mich mit Jesus zu vergleichen. Aber so von der Bestimmung her, da war einfach immer klar: Ich muss was besonderes sein.

Nun saß ich also ein paar Wochen vor der Abgabe da mit diesem Chaos. Also schickte ich es Susanne, die kann das so gut, mit so Texten: die macht die Rund und flüssig zu lesen. Nen Hunni ließ ich ihr schon springen. Das mit den Quellen war mir eigentlich schon damals klar. Also, dass das nun total dumm gelaufen war, dass das eigentlich nicht geht. Aber mal ehrlich: ich hatte mir wirklich Mühe gegeben, ich hatte schon einiges an Zeit aufgewendet, hab es immer irgendwie versucht, mitzudenken. Nur ist mir diese Frickelarbeit echt zu blöd. Also wirklich: Das ist doch furchtbar nervend, dass man seinen Redefluss ständig unterbricht, weil man Quellen und Fußnoten setzen muss. Ich hatte doch alle wichtigen Passagen entdeckt! Was braucht man denn noch? Das war doch ne Eigenleistung! Ich hatte also noch ein paar Wochen übrig und war mir aus meiner Erfahrung und Position heraus sicher: Es wird schon gut gehen. Es ging doch immer alles gut. Und sagte man nicht: In ein paar Jahren fragt niemand mehr danach? Mein Doktorvater war ja auch schon so begeistert von mir, wie alle eben. Ich war mir sicher, er würde ein Auge zudrücken. Und danach verschwände das Ding im Nirvana.

Da war nur die Sache mit dieser FAZ-Autorin: Also, dass die das Ding einmal lesen würde, das war ja wirklich die größte Gefahr für mich. Ich bin ja klug und vorausschauend – das wusste ich natürlich! Jetzt hatte ich also diese Wahl: die ganze Diss hinschmeißen, wegen dieser FAZ-Frau, oder darauf hoffen, dass die Frau genauso funktionierte, wie alle anderen Menschen, die bislang mein Leben kreuzten: wohlwollend, verstehend, beeindruckt. Die Frau kannte ja nur ihre eigene Stelle, da würde ich mich einfach in aller Höflichkeit entschuldigen und Sie als Entschädigung auf mein Gut einladen. Das hat bislang noch alle überzeugt. Ich ging noch einmal alle anderen Quellen durch: nee, außer ihr würde niemand etwas bemerken. Dieses Risiko war total händelbar, wirklich.

Das mit diesem Internet konnte ich ja nicht wissen. Also wirklich: Dass das so einfach funktioniert. Das gab es ja damals noch nicht, ich war ja der erste. Bei Jesus war das ja ähnlich: je besser jemand ist, je größer seine Bestimmung, desto mehr Menschen versuchen, ihm ein Bein zu stellen. Heute landet ja zum Glück keiner mehr am Kreuz! Aber solche Hetzjagden – dafür sind die Menschen noch zu haben. Dabei geht es in meinem Leben überhaupt nicht um Wissenschaftlichkeit. Es geht um das große Ganze. Natürlich werden die Menschen das im Nachhinein einsehen müssen. Ich bin aber überzeugt, dass wir in der Moderne leben, um die Geschichte schon während wir leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Es ist doch nur zum Wohle aller, wenn jemand wie ich seiner eigentlichen Bestimmung nachgeht. Die meisten Menschen haben das verstanden. Die meisten verhalten sich ja auch intuitiv richtig, sie wollen überhaupt nicht auf dieser Lapalie herumhacken – immer und immer wieder. Die wollen sehen, wie ich Politik mache, ihr Land repräsentiere, in Afghanistan.

Aus Niklas Luhmann: Legitimität durch Verfahren

Die lieben mich für das wirklich Wichtige: für meine Ausstrahlung und meine Bestimmung. Ich will diese Menschen nicht enttäuschen und verlieren, für ein paar hyperkritische Neider. Meine Frau, meine Eltern, meine Lehrer und Professoren sollen stolz auf mich sein können, sollen wissen, dass sie sich nicht in mir getäuscht haben. Hier geht es um etwas Größeres!

Im Faust waren schließlich auch keine Fußnoten.

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