Du darfst nichts sagen!

Gestern sah ich die Talkshow „Roche und Böhmermann“ vom 16.09.2012. Manchmal mag ich diese Sendung, manchmal finde ich sie eher seltsam und nicht so gut. Die vom 16.09. ist gaaaanz großes Kino und wenn ihr irgendwie noch dazu kommt sie zu schauen – macht es! (Ihr findet sie in iTunes – einfach nach „Roche und Böhmermann“ suchen, die Sendung kann als Podcast abonniert werden. [note für Tim: Wie viele Podcasts ich schon hörte und sah, seit ich mir dieses twitter spare! <3]) Ab Minute 48:00 ungefähr entspinnt sich eine interessante Unterhaltung über die Kritikfähigkeit von Musikern (und wie ihre Fans abgehen, wenn man ihre heilige Band kritisiert). Eine Diskussion, die mit dem Abgang von Max Herre in der vorherigen Sendung einsteigt und die dann in einem starken und emotionalen Plädoyer von Olli Schulz gipfelt, das ich hier unbedingt weitergeben muss:

Ich kritisier auch andere Musiker und die machen mich dann voll fertig.

Damit musst du halt einfach leben: Wenn du dich in die Öffentlichkeit stellst und was singst, dann wird das nicht jeder geil finden. Du musst lernen, damit zu leben. Aber trotzdem darfst du auch selber als Musiker sagen, was du gut und scheiße findest. Und das machen viele nicht.

Markus Kavka erzählt dann, wie er Bushido einmal kritisierte und dann bei der Echo-Verleihung von Wandschränken eingeschüchtert wurde. Darauf kommt Olli Schulz richtig in Fahrt:

Das ist so voll schlimm, dass so asoziale Typen sich sone Asi-Lobby gebaut haben und man traut sich nicht mehr, was zu sagen! – Das ist so! *lacht* – ja, das ist das Allerschlimmste!

Es folgt ein knackiger Rant auf die Böhsen Onkelz mit der Konklusio:

Sobald du was sagst, kommen da so 150.000 Asis, weil es gibt halt mehr Arschlöcher, als gute Menschen auf diesem Planeten – das ist Fakt! Und dann musst du gegen die Arschlöcher alle kämpfen. Deswegen muss man sich auch ab und zu zurückziehen.

Du darfst heute nichts mehr sagen! Weil wir leben in einer Zeit – jetzt kommen wir wieder zurück zur Religion! – ich muss mal kurz ein menschliches Plädoyer halten! – viele Menschen wissen nicht mehr, woran sie glauben sollen! Religionen verschwimmen immer mehr. Und dann glauben sie an irgend sone Kackband! Und glauben, dass die Band ihr Leben ist! Das ist noch viel schlimmer als Religion!

Das ist einfach so schlimm, dass Leute das dann so als ihren Lebensinhalt sehen. Ich finde halt: Musik ist so’n gutes Ding um dein Leben zu unterstützen und du solltest das nicht zu ernst nehmen!

Tschackaaa Olli!

Dazu Fiva:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=uedt8eUNqDI]

Warum fand ich das so geil? nun: Ich finde halt: Feminismus ist so’n gutes Ding um dein Leben zu unterstützen und du solltest das nicht zu ernst nehmen!

Edit: 17:55 Uhr: Zum letzten Satz. Der ist missverständlich – ich weiß. Ich gehe einfach mal davon aus, dass ihr alle wisst, wie ernst mir das mit dem Feminismus ist. Der Seitenhieb geht halt in Richtung Leuten, die es *zu ihrem Leben* machen und in die Luft gehen, wenn man ihre Art es zu machen, mal kritisiert.

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Beschneidungsdebatte Meta

Ich gehe mit der Ambivalenz hausieren

Die Aufmerksamkeit, die meinem Blog heute zuteil wird, könnte ich nutzen, um in der Debatte um das Thema Beschneidung einen sehr polemischen Beitrag zu platzieren und meine Zugriffe damit vermutlich ins unermessliche zu steigern. So wie viele andere das im Moment scheinbar gerne tun.

Aber ich möchte gerne die nachdenklichen Töne anstimmen, nicht die kreischenden. Für mich stellen sich in der Debatte vier entscheidende Fragen, deren Antworten einander widersprechen. Sich widersprechende Antworten sind für mich oft ein Hinweis darauf, besser erstmal die Klappe zu halten. Wenn es etwas widersprüchlich und ambivalent wird, schlagen aber gerade die, die mit den einfachen Antworten hausieren gehen, besonders gerne zu. Also versuche ich es mal mit der Ambivalenz.

Frage 1: Welche Rechte muss ein Staat denjenigen garantieren und sie für sie auch durchsetzen, die sich noch nicht selbst verteidigen können?

Frage 2: Ist die Beschneidung eines Babyjungen ein Eingriff in seine körperliche Unversehrtheit?

Frage 3: Wie viel Freiheit beinhaltet die Religionsfreiheit und wessen Grenzen müssen ihr Gegenüber gewahrt werden? Wer muss diese Grenzen setzen?

Frage 4: Welche Konsequenzen hat eigentlich das Urteil vom 07.05.12 und wollen wir so die Dinge miteinander verhandeln in dieser Gesellschaft?

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Schnappt der JU die Bahnfahrten weg!

Die Aufregung um die Bahnvergünstigung für die Reisenden zum sogenannten „Marsch für das Leben“ macht die Runde. Wie kann die Bahn nur? Wie kann sie nur so ein „böses“ politisches Anliegen auch noch *befördern* (scnr)?!?

Dieses Bild von http://bubizitrone.tumblr.com habe ich unter CC-BY-NC-SA-Lizenz auf Flickr gefunden: http://www.flickr.com/photos/10934292@N05/5128844928/

Statt sich über den Bahnrabatt zu ärgern, wäre es nützlicher, ihn jetzt sofort selbst auszubuchen – schnappt der Jungen Union, den radikalen Christen und allen anderen, die es bierernst meinen und denen die Selbstbistimmung der Frau einen feuchten Furz wert ist die Bahnfahrt weg! Und kommt zu uns nach Berlin am 22.09., um mit uns zusammen Kondomluftballons zu werfen, die schönsten Demo-Parolen ever zu brüllen („Eure Kinder werden so wie wir!“) und ihnen die Kreuze wegzunehmen und in die Spree zu werfen. (Wie ihr die Bahnangebote ergattern könnt, erfahrt ihr hier).

Was noch viel wichtiger ist: sorgt bitte alle zusammen dafür, dass dieses Land 2013 nicht weitere vier Jahre von solchen Leuten regiert wird:

Dorothee Bär MdB
Philipp Mißfelder MdB, Prof. Dr. Otto Wulff und Dorothee Bär (für die Junge Union)
Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böhmer MdB, Integrationsbeauftragte
Wolfgang Bosbach MdB
Hubert Hüppe, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung
Volker Kauder MdB
Ex-Bundesminister Karl-Theodor Frhr. zu Guttenberg
Sie sind das wahre Problem. Sie alle haben Grußworte an den „Marsch für das Leben“ 2011 gesendet. Wohlmeinende Grußworte. Buhlende Grußworte. Moralinsaure Phrasen – ihr könnt auf die Namen klicken und kommt zu den Grußworten. Hier ein paar Schmankerl für euch:

Im Namen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion grüße ich Sie herzlich und ermuntere Sie, weiter mit Entschlossenheit auf die hohe Zahl von Abtreibungen in unserem Lande hinzuweisen und für das Leben zu werben. […] Wir leben in einer Gesellschaft, die wie kaum eine andere jedem Einzelnen eine soziale Sicherung garantiert und ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. […] In unserer Gesellschaft schwindet das Bewusstsein für das moralische Gewicht einer Abtreibung und anderer Angriffe auf das Leben. […] Auch wenn es nicht populär ist, ist es unsere Pflicht, in aller Klarheit Abtreibungen immer und immer wieder als Tötung zu benennen.“

Volker Kauder

Das Recht auf Leben garantiert uns eine Gesellschaft voll bunter Lebendigkeit und Vielfalt. Ohne ein Recht auf Leben wäre alles auf dieser Welt traurig und grau. Das möchte ich nicht. Ich möchte, dass junges Leben geschützt und altes Leben umsorgt wird. Ich möchte, dass Leben heranreifen kann, ohne Rechtfertigungsgrund. Für mich gibt es in dieser Frage keine Abwägung, ich sage ja zum Leben.

Dorothee Bär

Wir begrüßen und unterstützen daher auch die Arbeit des Bundesverbandes für Lebensrecht e.V., der sich für den Schutz des Lebens einsetzt. Angesichts von 110.000 Abtreibungen, die jährlich in Deutschland durchgeführt werden, wird deutlich, wie wichtig es ist, dass wir uns gemeinsam und vehement für den Schutz des ungeborenen Lebens stark machen. Die Unantastbarkeit der menschlichen Würde als das universellste Menschenrecht gilt für alle – insbesondere aber für noch nicht geborene Kinder.

Mißfelder, Bär und Otto Wulff für die Junge Union. Besonders schön der letzte Absatz:

Neben dem Thema Abtreibung, sprechen sich Junge Union und Senioren-Union auch gegen Stammzellforschung und aktive Sterbehilfe aus.

Man kann nicht die Bahn anfahren (scnr), aber zur Jungen Union schweigen.

Nun: Die Regierungsfraktion dieses Landes, die junge Union und viele hochrangige politische Vertreterinnen haben Grußworte bei dieser Veranstaltung gehalten. DAS ist das Problem, das angesprochen werden muss.

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Zu den Vorwürfen von Julia Seeliger

Das wirkt jetzt vielleicht ein bisschen strange, dass ich diese Dinge nicht direkt mit Julia persönlich kläre, sondern gleich öffentlich. Ursprünglich war dies nicht mein Ansinnen. Ich hätte mich gerne mit Julia auf ein abendliches Bier getroffen und geredet. Aber das war nicht möglich. Seitdem verweigere ich eigentlich die direkte Kommunikation mit ihr. Ich könnte sie auch ignorieren, wenn sie nicht permanent öffentlich ihren persönlichen Zwist mit mir führen wollen würde. Es stehen mir gerade zu viele Dinge unkommentiert im Raum. Damit fühle ich mich unwohl. Deswegen eine Klarstellung. Wer keinen Bock auf „ein dummer Kindergartenstreit zwischen zwei belanglosen Bloggerinnen“ hat, der soll hier einfach zu lesen aufhören und bitte auch nicht kommentieren.

Alice Schwarzer

Julias Streit mit mir begann, als ich im März „bei Alice Schwarzer“ war. Als sie nur davon hörte und nichts weiter darüber wusste, außer DASS ich dort war, ging es los. Das dürfe man keinesfalls tun! Das stärke die Seite Schwarzers. Ihren Blogbeitrag dazu schrieb sie, bevor sie das Gespräch auch nur gelesen hatte. Die Kritik begann also weit vor der Auseinandersetzung mit der Sache an sich.
Nun wirft sie mir vor, dass ich Alice Schwarzer kritiklos toll fände. Einerseits habe ich bereits vor Jahren einen ausführlichen Begründungsbrief an die EMMA und an Alice geschrieben, warum ich mein Abo kündigte. Auch komme also aus einer durchaus kritischen Richtung, die sich auch mit dem Streit um das Buch „Wir Alphamädchen“ zuerst noch verschärft hatte.
Andererseits: ja, im persönlichen Gespräch und sie kennen lernend stellte ich fest: Alice Schwarzer ist ne coole Sau. Einfach als Mensch. Interessant, lustig, gebildet, mit dem Herzen dabei. Außerdem war es ein erstes Kennenlerntreffen. Es diente nicht dazu, alle Kritik und möglichen Spaltungspunkte auf den Tisch zu knallen, sondern entgegen dem medialen Spaltungsdiskurs offen zu schauen, wer wir eigentlich sind. Meine Haltung in Bezug auf Alice würde ich somit als „offen, aber wachsam“ beschreiben.

Somit war das Gespräch für die eine Seite gefühlt kritiklos. Für andere, nämlich die EMMA-LeserInnen, im Durchschnitt 35 Jahre alt, war es ein wichtiger Schritt, in einen Diskurs zu kommen und zu schauen, was es auch an jungen feministischen Aktivitäten gibt. Es war ein Anfang. Wo es hinführt steht noch komplett offen. Und ich wehre mich einfach dagegen, mich festlegen zu sollen, Alice abzulehnen. Dazu weiß ich bislang zu wenig. Ich habe viel von ihr gelesen und verstehe sie oft ganz anders, als sie üblicherweise in den Medien rezipiert wird. Und ich behalte mir das Recht vor, eigenständig abzuklopfen, welche Wahrnehmung „richtiger“ ist. Meine Meinung steht da noch nicht fest. Aber z.B. habe ich im Gegensatz zu den meisten anderen ihre Kachelmann-Berichte nicht aus Sekundärquellen rezipiert, sondern selbst gelesen. Daher weiß ich, dass Artikel in spiegel, zeit und co, die von der Vorverurteilung Kachelmanns durch Schwarzer sprachen, eine Lüge sind. Primärquellen sind aber nicht jedermenschs Sache, wie ich allzu oft feststelle. Lieber legt man eine altbekannte Meinung, ein altbekanntes Schema auf und hängt sich faul an die Welle der Empörung dran. Dann ist der Beifall auch sicherer. Und mit dem Strom schwimmt es sich auch leichter. Wer war nochmal kritiklos?

Offene Fragen zwischen Schwarzer und mir bleiben: die Sache mit der BILD-Werbung (nicht die Kolumne! da gab es bereits ne Erklärung, die ich akzeptieren kann, die aber off the record stattfand und ich respektiere das, und gebe das nicht weiter). Ob ich ihr Buch „die große Verschleierung richtig interpretiere (sprich: es geht nicht darum, islamfeindlich zu sein, sondern um Wachsamkeit… siehe auch mein Text „Respekt ist eine Zweibahnstraße„). Und das mit der Pornografie ist zwar geklärt, aber wie Schwarzer zu BDSM und Co. steht, weiß ich auch nicht, das wäre mal noch interessant.

Also: natürlich konnte längst nicht alles geklärt werden. Aber das war auch nicht der Sinn des Gesprächs. Ich behaupte, EMMA und mich – und viele andere – verbindet mehr, als uns trennt. Das Gegenteil müsste erst bewiesen werden, und nicht umgekehrt.Das heißt aber auch, dass ich offen dafür bleibe, dass man mir das Gegenteil beweist. Ich bin ja weder der einen, noch der anderen Seite verpflichtet, sondern allein mir.

Stereotype

Der zweite Zwist-Faktor sind die von mir immer wieder diskutierten Stereotype. Ich habe den Eindruck, dass Julia denkt, ich würde Frauen und Männer als Gruppen denken. So Pinker-Style. Frauen können nicht gut einparken. Männer nicht zuhören. Oder so. Ich hasse die Pinker. Sie greift vorhandene Phänomene auf – statistische „Wahrheiten“ – und onthologisiert sie. Statistische „Wahrheiten“ greife ich auch auf, wenn ich sage „Männer nutzen Technik, Computer und Internet anders, als Frauen“ – nämlich nach dem Motto „fix it and master it“. Frauen hingegen benutzen sie als „tool“, um Dinge zu erledigen. So wurde es einmal in einer repräsentativen US-Studie ausgedrückt. In meinem kurzen Vorstellungsvortrag von Netzfeminismus beim netzpolitischen Abend der Digiges greife ich das auf und versuche es mit der Analogie „Männer frickeln gern mit Linux, Frauen benutzen das praktische iPad“ überspitzt zu bebildern. Mir geht es aber nicht um eine Affirmation dieser Rollenstereotype. Ich nenne sie, weil es sie gibt, weil sie ein bestehendes Phänomen sind – das ich aufbrechen will. Denn diese stereotyp unterschiedliche Herangehensweise an Technik hat folgen. Z.B. dass Nerdetten im einstelligen Prozentbereich rangieren. Dass Frauen im Internet weniger sichtbar sind etc… das kann alles lang und breit anderswo nachgelesen werden, dazu habe ich bereits viel geschrieben.

Julia wirft mir nun vor, ich würde solche Klischees affirmieren. Warum kann ich nicht nachvollziehen. Wie soll man etwas ändern, wenn man es nicht benennen darf? Das verstehe ich nicht.

Mit Lotterleben möchte ich gerne auf dem 28C3 einen Workshop anbieten, der die gesellschaftspolitische und die technische Dimension von Netzfeminismus zusammenbringt. Ich will Nerdetten und Feministinnen zusammen denken. Nach dem Vorbild der mir von Anne Roth näher gebrachten Genderchangers Stereotype aufbrechen. Deswegen thematisieren andere und ich auch immer wieder frauenlose Podien, die Gender-Gap in der Wikipedia, die Blogosphäre der Alphamännchen (sorry guys, ich mein das nicht als Vorwurf, sondern als Hinweis auf eine Unbalance – auf eine To-Do-Liste) etc etc…

Sex

Zum Schluss diese ganze Sex-Diskussion… Da poste ich auf netzfeminismus.org das Video zum re:publica-Vortrag von Jaclyn Friedman, der den Titel „How online feminist Activism is like the clitoris“ trägt und bekomme ernsthaft von Julia Tweets, ich wöllte damit wieder den Streit zwischen klitoralem und vaginalem Orgasmus aufmachen. Hallo? Sie hat sich das Video offensichtlich nichtmal angesehen, wenn sie so reagiert. Dann wüsste sie, dass es nicht um Sex geht, sondern nur eine Metapher benutzt wird.

Und zum Schluss eine Frage an euch – ganz offen und ehrlich: habt ihr den Eindruck, ich und die Frauen hinter Netzfeminismus und bei Frau Lila machen einen Feminismus gegen und ohne Männer?

wirklich?

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Die Burka nicht überziehen

Volker Beck begrüßt in einer Pressemitteilung das Verbot der Burka in der hessischen Verwaltung mit den Worten:

„Die Burka hat im Öffentlichen Dienst grundsätzlich nichts verloren, weshalb das Burka-Verbot in der hessischen Verwaltung nur zu begrüßen ist. Sie ist ein Symbol der Unterdrückung, das sich der Staat nicht überziehen darf.“

Für ein generelles Burka-Verbot ist Beck jedoch nicht. Er möchte mit einer Debatte darüber nicht unnötig Wind in die Mühlen von Islamfeinden, Springer-Verlag und Sarrazins liefern. Wohl wahr. Vor allem, weil Beck zurecht darauf hinweist, dass Frauen sich bereits bei bestehender Gesetzeslage gegen das aufgezwungene Tragen einer Burka wehren können:

„Frauen, die zum Burka-tragen gezwungen werden, können sich bereits heute gegen ihre Unterdrücker wehren. Das erfüllt den Tatbestand der Nötigung und ich rufe alle betroffenen Frauen dazu auf, von ihren Rechten auch Gebrauch zu machen. In diesem Kontext fordere ich von der Bundesregierung ein eigenes Opferschutzprogramm, damit Frauen, die sich gegen ihre Unterdrücker wehren, nicht allein gelassen werden.“

Ein kleiner Baustein in der Argumentation fehlt mir allerdings noch: Nicht alle unterdrückten Frauen schaffen es, sich gegen ihre Unterdrückung zu wehren. Denn es ist ja genau der primäre Effekt von Unterdrückung, dass man den Opfer die Möglichkeit nimmt, sich zu wehren und eine aktive Rolle einzunehmen. Dieser wunde Punkt in der Mitte eines Rechtsstaates, der die Würde jedes Menschen als oberstes Prinzip und als unantastbar benennt, ist und bleibt ein schwer auflösbares Dilemma.

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Respekt ist eine Zweibahnstraße

Kulturrealitvismus ist eine Zweibahnstraße.


(Bild: Alain Bachellier via Flickr)

Es ist gut, dass ein wenig Zeit seit den sehr hitzigen und polemischen Debatten um Integration und Verschleierung vergangen ist. Vielleicht immer noch nicht genug. Doch das Buch „Die große Verschleierung“ von Alice Schwarzer ist einer ernsten und differenzierten Diskussion würdig. Zuerst aber muss eine Unterscheidung getroffen werden, da sonst die Diskussionen zu sehr durcheinander gehen: Es gibt einerseits die Debatte um das Kopftuch, andererseits die Debatte über die vermeintliche „Gefahr“ des Islamismus, des politisierten Islam, ein Thema, das Alice Schwarzer seit ihrer Reise nach Teheran bewegt. Die Frage nach der Legitimität des Tragens eines Kopftuches ist schnell beantwortet: Jeder Mensch darf sich kleiden, wie er beliebt. Diese Freiheit darf nur in Fällen, in denen dieses Recht mit anderen (Grund-)Rechten kollidiert, in Frage gestellt werden – bei dem Tragen einer Burka zum Beispiel sehe ich die Würde des Menschen angetastet, sie ist gewissermaßen auch Nötigung und keineR kann mir erzählen, dass Frauen sich freiwillig derart sozial von ihrer Umwelt abschneiden. So habe ich das immer vertreten. Und dennoch steht dem die Meinung gegenüber, das Tragen eines Kopftuches sei gleichzusetzen mit der Unterdrückung der Frauen. Ich habe unzählige Debattenbeiträge und Kommentare über die Frage nach dem Ursprung und der Aussage des Tragens eines Kopftuches gelesen. Wie so oft, sind nicht sie es, die einem die Antwort auf ein Dilemma geben können, sondern es ist der persönliche Kontakt und Austausch. Deswegen habe ich eine Kopftuch tragende Muslima gefragt „Sag mal, warum…?“ und sie antwortete:

„Es ist mein Glaube und meine Kultur. Stell es dir so vor: Du ziehst in ein Land mit einer völlig anderen Kultur, wo Frauen mit freien Brüsten herumlaufen. Aber freie Brüste sind für dich kulturell anders besetzt, als für diese Frauen. Du würdest dir also wünschen, man akzeptiere es, wenn du trotz der dortigen Kultur deine Brüste bedecken darfst, oder?“

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Die andere Seite der Kritik

Das Thema Religion – ein heißes Eisen. Sachliche Diskussionen darüber schwierig. Nicht umsonst wird geraten, nicht mit Freunden darüber zu streiten.


(Bild: Trey Ratcliff via Flickr; Trey Ratcliffs Blog)

Denn schnell werden so aus Freunden Feinde. Gläubige Neon-User fühlten sich zutiefst gekränkt, nachdem sie einen Artikel über das Buch „Wir brauchen keinen Gott“ gelesen hatten, den ich veröffentlichte. Vorweg möchte ich sagen, dass die Kritik nicht ungehört oder spurlos an mir vorüberging, vieles davon werde ich mir merken und Acht haben, wenn ich noch einmal so ein heißes Eisen anfasse – wie zum Beispiel nun.

Nur das Negative
Polemisch sei man, wenn man nur die negativen Aspekte des Christentums aufzähle. Der Autor des besprochenen Buches war somit rein polemisch. Er verfährt bei seinen Betrachtungen ähnlich wie ein religiöser Fundamentalist: Er sucht die Stellen, die man als Rechtfertigung zur Gewalt auslegen kann. Oder die zur Diskriminierung bestimmter Gruppen animieren. Er sucht in den Schriften der drei großen Monotheismen nach der Ursache für die negativen Auswirkungen, die Religion mit sich bringen kann.

Der wirkliche Streitpunkt: Fanatismus und Religionen
Jede Religion hat zu jeder Zeit (auch gegenwärtig) ihre Fanatiker hervorgebracht. Zufall? Einzelfälle, die keine sonderliche Beachtung verdienen? Hier streiten sich die Geister wirklich: viele Menschen glauben das nicht. Sie glauben nicht, dass das Zufall ist, dass es Einzelfälle sind. Es gibt wissenschaftliche Untersuchen denen zufolge jeder Mensch die Veranlagung dazu mit sich bringt: fanatisch und völlig begeistert etwas anzuhängen und in Folge dessen das eigene Tun nicht mehr oder nur noch eingeschränkt zu hinterfragen (ebendies würde ich selbst mit dem Artikel tun, kritisierten einige – vielleicht nicht zu unrecht).
Hier ist nun jeder Mensch gefragt, seine Intelligenz zu nutzen, zu hinterfragen, kritisch zu sein. Auch die Kritiker und die Kritiker der Kritiker. Weiterlesen

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„Meine Skepsis bewahrt mich davor, Fanatiker zu werden“


„Wovor noch kein Glaube je geschützt hat.“ Oder: Darf Mohammed eine Bombe auf den Kopf gezeichnet bekommen?


(Stein des Anstoßes, Bild via Henryk M. Broders Blog)

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Online-Plattform Neon.de

Die „Bombe“ auf des Papstes Kopf
Der Neon-User Benedikt_XVI. hat in seinem Profil ein Bild von Papst Benedikt dem 16., den er mit einer düsteren Figur aus dem Science-Fiction Film Star Wars gleichsetzt. Die Aussage des Bildes lautet: Papst Benedikt der 16. gehört zur dunklen Seite der Macht.
Meine erste Reaktion auf dieses Profil, das seit der Ernennung des neuen Papstes auf Neon zu bewundern ist, war: schallendes Lachen. Ja: Ich mag den Papst nicht und wofür er steht noch weniger.
Ein anderer User hier schrieb zur selben Zeit einen bösen Artikel über den Papst und die katholische Kirche. Die Anfeindungen ihm gegenüber sind in einem seitenlangem Diskussions-Thread dokumentiert. Doch der Artikel wurde von Neon-Online auf die Startseite gestellt – denn er war sehr gut geschrieben und traf gewissermaßen den Nerv der Zeit. Ja: bei Neon-Online herrscht Pressefreiheit – zumindest meistens.

„Die größte Verbrecherorganisation aller Zeiten“
Der Handel mit Papst-Verarschungs-Artikeln und die Kritik an der Religion: sie haben sich in Europa etabliert. Man darf über die Kirche jede erdenkliche Meinung äußern. Seit dem Buch „Kriminalgeschichte des Christentums“ von Karl-Heinz Deschner ist klar: Diese Religion hat eine blutige Vergangenheit und bis heute hat sie viele Leichen im Keller. Solange dies so ist, wird immer Kritik an der Religion laut werden.
So geschehen durch einen Mandanten Deschners. Er sagte 1988 das Christentum sei „die größte Verbrecherorganisation aller Zeiten“ und darauf folgte prompt ein Strafverfahren wegen Verleumdung. Doch wir leben hier in einer Gesellschaft, in der freie Meinungsäußerung ein Grundrecht jedes Einzelnen ist. Deswegen wurde das Verfahren eingestellt. Weiterlesen

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