Die Sache mit dem Buch

Es war eine Arbeit, die ich bereits im Januar 2014 begann und die bis exakt zum heutigen Abend dauerte: Buch schreiben, Buch zum ersten Mal abgeben, Buch zum zweiten Mal abgeben, nochmal neu strukturiert, klarer mit einem roten Faden. Dann wieder hier und da gemeinsam mit meiner Lektorin an Stellen feilen. Zum Schluss noch einmal ordentlich mit Quellen versehen und gerade eben habe ich all das abgeschickt und gerade eben habe ich mir ein Bier aufgemacht.

Es ist schon ein bisschen so, wie wenn man sehr lange über ein Wort nachdenkt und zwar so lange, bis es irgendwie völlig lächerlich dasteht. Das kann einem im Übrigen auch mit Menschen passieren, aber das ist eine andere, eine dramatischere Geschichte. Nun hoffe ich, dass auch wieder Zeiten kommen, in denen ich mich nicht so seltsam entfremdet von meiner Arbeit fühle.

Jedenfalls: Von meiner Seite ist das Ei nun gelegt, also kann ich ja auch mal anfangen, darüber zu sprechen.

Auch mit dem Cover war es so eine Sache. Ein Hin und Her, ein ja, nee, vielleicht besser nicht so, lieber anders, Rumprobieren. Am Ende ist es so, wie ich es mir irgendwie immer gewünscht habe, ohne aber zu wissen, dass ich genau so etwas will. Wie ein guter Freund, den man erst seit kurzem kennt und erst seitdem weiß man, dass man immer so einen Freund haben wollte.

Also:

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Das ist das Cover, so wird es aussehen und es erscheint beim Metrolit Verlag. Voraussichtlich am 18. Mai. Nicht wundern – noch ist bei Amazon ein anderer Titel und ein anderes Cover zu sehen (das mit Barbie und einem unfeinen Ausdruck). Das hier ist noch sehr frisch.

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Gelesen: „Tussikratie“ von Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein

Tussikratie? Was soll das denn sein? Auf dem Einband des Buches steht es hinten drauf, was das sein soll. Verkürzt und etwas provokativ:

Foto 1

1. pseudofeministische, eigentlich aber sexistische Diskursherrschaft
2. Weltbild, in dem Männer a) das traurige Beiwerk oder b) übermächtige Gegner sind
3. Verschleierung von Klassendifferenzen als Frauenproblem

Was dem Buch wahrscheinlich am allermeisten schadet, ist das Feindbild, das die Autorinnen konstruiert haben. Es prangt vom Titel, der Teaser, vermutlich nicht von ihnen, lässt schlimmstes vermuten. Frau Dingens mutmaßte in ihrem Stern-Blog, die „Tussi“, das sei eben die Feministin. Das ist aber falsch, was sie hätte wissen können, hätte sie das Buch auch gelesen, über das sie schrieb.

Am Anfang tat ich mich selbst schwer mit dem Feindbild. Das Vorwort war für mich nicht leicht zu lesen, denn dort definieren sie dieses Feindbild genauer aus und ich bin eigentlich immer eher geneigt, in der Sache zu debattieren und nicht entlang eines Feindes – der in diesem Fall ja auch noch konstruiert ist.

Aber im Laufe des Lesens merkte ich, was damit bezweckt wird: Die „Tussi“ ist nur das Konstrastmittel, mit dem die Geschwüre in den Gedärmen der Gesellschaft sichtbar gemacht werden. Das wird deutlich, wenn sie im Laufe des Buches immer seltener auftaucht, weil die Autorinnen an der Sache diskutieren und die gesellschaftliche Lage beleuchten – aber eben doch immer wieder nötig um darauf hinzuweisen, dass die „Tussi“-Argumente, die ja real existieren, in der Debatte nicht zu der Lösung des Problems führen, sondern schlimmstenfalls nur neue Probleme eröffnen. Die „Tussi“ ist für mich daher eher so ein Weberscher Idealtypus, den es so natürlich in Reinform gar nicht gibt, der aber dazu führt, dass Verschwommenes differenziert werden, diskutierbar gemacht werden kann. „Gelesen: „Tussikratie“ von Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein“ weiterlesen

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Speakerinnen for the Win!

Screenshot 2014-03-06 12.12.35Die Rails Girls Berlin haben eine Datenbank angelegt, in der sich kompetente Frauen vorstellen, die auf Konferenzen als Speakerinnen eingeladen werden können: Speakerinnen.org. Damit wird die Idee, aktiv dazu beizutragen, ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis auf Panels und bei Diskussionen zu haben, auf eine neue Stufe gehoben.

Seit 2011 gibt es auf Netzfeminismus.org eine Liste mit heute über 100 Speakerinnen. Die Idee kam ursprünglich von Julia Schramm, die ein Piratenpad anlegte, in dem ganz viele tolle kompetente Frauen gesammelt wurden. Der Gedanke: Wer für seine Konferenzen wieder mal nur Männer auf die Bühne setzt, soll dafür keine Ausrede mehr haben! Gerade im Bereich Netzpolitik sah man seinerzeit immer die gleichen Nasen sitzen – männlich natürlich. Und das Blog „50 Prozent“ von Anne Roth dokumentiert, dass die Veränderungen sehr lange brauchen.

Die Liste wurde von mir auf netzfeminismus.org eingepflegt und es meldeten sich schnell und seitdem nun über zwei Jahre hinweg, stets Frauen und Organisator_innen von Konferenzen, die sich vorstellten und suchten. Es wuchs auf über 100 Frauen an. Das Ding war ein Erfolg, das Interesse von Anfang an groß, nur eines war es nicht so ganz: Praktisch und Nutzer_innen-freundlich.

Vor über einem Jahr trommelte daraufhin Anne Roth eine Schar von Frauen zusammen, um die Idee auf eine neue Ebene zu heben. Es fanden sich viele Interessierte – aber irgendwie wurde aus der Schar kein richtiges Projekt. Oder doch?

Ja – doch! denn die Rails Girls, die das Projekt von Anfang an interessant fanden, haben weitergemacht! Und herausgekommen ist die schöne neue tolle Seite, in der man suchen und finden kann. Sie ist schick, sie ist funktional – wobei an manchen Ecken und Enden noch geschleift wird – und sie ist eure Adresse als kompetente Frau, als Organisator_in, als Multiplikator_in!

Die Rails Girls Berlin machen damit den Frauentag zum Tag, an dem Frauen ab jetzt bitte noch mehr Gehör bekommen! Danke ihr Tollen!

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2014 ist das Jahr der Bloggerin

Das Webmagazin Die Featurette ernennt 2014 zum Jahr der Bloggerin. Vom 6. Januar bis zum 31. Dezember werden auf www.featurette.de tolle deutschsprachige Netzautorinnen vorgestellt. Bisher schreiben in der Featurette gut 40 Autorinnen, im Laufe von 2014 sollen es über 50 werden. Im Jahr der Bloggerin bekommen unsere Bloggerinnen eine weitere Bühne: Jede Woche wird eine von ihnen, ihre Texte und ihr Blog kurz vorgestellt.

Die Autorinnen der Featurette schreiben über Politik, Wirtschaft, Alltag, Stilfragen, Umweltthemen, Alltagsbeobachtungen oder übers Selbermachen. Zusammen entsteht aus ihren Texten jeden Tag ein neues Webmagazin. Dieses Magazin soll Frauen im Netz sichtbarer machen, es will gute Webinhalte stärker herausstreichen, damit jede und jeder mehr als nur die Alphablogs des Internets kennen lernen kann – vor allem auch tolle Seiten von Bloggerinnen zu einer großen Themenbreite. Das Webmagazin Featurette will Überraschendes bieten, Denkanstöße geben, vorsortieren, gewichten. Jede Woche stellen wir eine Bloggerin und ihr Blog ausführlicher vor. Den Anfang macht Ninia LaGrande, eine Bloggerin aus der Großstadt, die über Großstadtgeschichten, Feminismus, Kunst, Musik und vieles mehr bloggt – hier stellt sich Ninia selbst vor:
http://www.youtube.com/watch?v=XNwLYpdIvs8

Klar ist: Im Netz wird unendlich viel geredet und geschrieben, so dass viele gute Texte schnell mal untergehen. Wer viele Leserinnen oder Follower hat, gewinnt auch stetig neue hinzu, doch wer in einer „Nische“ schreibt, bleibt oft unentdeckt. Die Idee der Featurette ist es, immer wieder neue Perlen zu finden.

Die Featurette wird von Frau Lila herausgegeben, das sind Susanne Klingner,  Barbara Streidl (Co-Autorinnen des feministischen Manifests „Wir Alphamädchen“ und Mitgründerinnen des Weblogs maedchenmannschaft.net) und ich. Frau Lila ist eine feministische Initiative, unter deren Dach wir feministisch publizieren, Aktionen initiieren, Bündnisse schmieden, Veranstaltungen planen. Wir wollen Frauen ermutigen, sich zu Wort zu melden, politisch zu handeln, sich zu vernetzen, für ihre Rechte und Stimmen zu kämpfen. Und wir halten Emanzipation auch heute noch für aktuell und für notwendig.

Die Bloggerin der Woche findet ihr im Featurette Blog. Und nun: Entdecken, lesen, diskutieren – und bei Fragen stehen die drei Frau Lilas gern Rede und Antwort.

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Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich!

Die Idee kommt in Gesprächen am Rande von verschiedenen Veranstaltungen rund um die übliche „Vereinbarkeitsfrage“ in letzter Zeit immer häufiger auf: Müsste nicht eigentlich die Arbeitszeit radikal verkürzt werden um wirklich zu erreichen, dass Männer und Frauen – und Kinder! – und überhaupt…?

Wir sprechen häufig über die 23 Prozent Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen – gerade auch an einem Tag wie dem 8. März. Wenn wir diese Lohnschere ansprechen, dann sind zwei Reaktionen mittlerweile absolut klassisch: 1. Ihr trefft halt die „falschen Entscheidungen“, ihr Frauen. Lernt die falschen Berufe, studiert die falschen Fächer. Selbst schuld!

und 2. ihr seid halt einfach zu faul, wer macht denn die ganzen Überstunden in diesem Land? Hmm? Wer reißt sich denn den Arsch auf? Genau – wir Männer!

Das sind Aussagen, die sich angeblich auf Fakten begründen. Und ja: Stimmt schon, dass klassische Frauenberufe schlechter bezahlt sind.

Aber warum eigentlich?

Und ja: Stimmt schon, dass man in Deutschland vor allem und manchmal nur dann Karriere machen kann, wenn man Überstunden macht und ständige Präsenz zeigt.

Aber warum eigentlich?

In einem offenen Brief fordern eine ganze Reihe von Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen nun erstmals laut, klar und deutlich eine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden. Bei vollem Lohnausgleich. Und ihre Argumente lesen sich gar nicht schlecht:

Die Massenarbeitslosigkeit ist die Ursache des ruinösen Wettbewerbs unter den Beschäftigten und fördert die Entstehung des Niedriglohnsektors und solcher diskriminierenden Arbeitsformen wie Leiharbeit und Werkverträge ohne gewerkschaftliche Interessenvertretung. Daher ist dringend eine Verknappung von Arbeit auf die 30-Stunden-Woche notwendig. Die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland beträgt gegenwärtig ohnehin schon ca. 30-Stunden je Woche, aber die Arbeit ist ungleich verteilt.

Ich finde dieses Anliegen unbedingt unterstützenswert. Allein schon rein egoistisch gedacht: Wie viele andere Menschen lebe ich allein und erziehe dabei Kinder. Im Gegensatz zu typischen Kleinfamilien werden meine Wohn- und Nebenkosten, Strom und Heizung, Internet und so weiter nicht durch zwei Menschen geteilt. Wir teilen uns zwar die Sorge um die Kinder – immerhin! – wir sind zusammenerziehend. Aber der Kostenfaktor ist enorm. Eine 40-Stunden-Woche ist in unserer Lage kaum denkbar. Und in dieser Konstellation ist es auch, dass ein größeres Armutsrisiko für all die Alleinerziehenden entsteht. Und wir werden ja nicht weniger, sondern mehr! Jede zweite deutsche Ehe wird heutzutage geschieden. Jedes vierte Kind wächst in einer Konstellation auf, die nicht der klassischen Kleinfamilie entspricht.

Es gibt also nicht nur gleichstellungspolitische Gründe, sich hinter eine solche Forderung zu stellen. Wie der Brief herausstreicht, sind es drängende soziale und ökonomische Probleme, die diese Forderung sinnvoll erscheinen lassen. Bislang sagen die meisten Menschen das noch leise, hinter vorgehaltener Hand mit diesem müsste eigentlich. Mit dieser klassischen Scheu vor revolutionären Forderungen. Denn genau das ist sie:

Eine revolutionäre Forderung.

Die Arbeitswelt trennt Menschen in Klassen und das entlang sozialer Herkunft, Geschlecht und Alter. Inklusion ist kaum möglich, denn die Anforderungen scheinen unaufhörlich zu steigen, Überarbeitung und Burnout werden „Normalität“ und die Konkurrenz schläft nicht! Ich hab darauf so keinen Bock mehr!

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Klarstellung zum Bundesforum Männer-Tweet

Liebe LeserInnen,

ich fühle mich ein bisschen unwohl, denn ich muss einen Fehler eingestehen, diesen will ich aber auch sogleich wieder relativieren – was grundsätzlich schwierig ist.

Am 15.10.2012 twitterte ich folgendes im Zusammenhang mit dem Bundesforum Männer:

von wegen, „Bundesforum Männer geht mit Maskulisten ins Bett“ – quark! die machen dort emanzipatorische Männerpolitik! http://t.co/j2bmUKOy

@dieKadda

Katrin Roenicke

Gestern sah ich durch Zufall (bzw. ich wurde darauf hingewiesen), dass sich auf twitter eine Debatte über meine Kolumne im freitag entsponn, darunter folgender tweet von acid23:

@ @ @ ich fand diesen Tweet von @ wirklich nicht toll http://t.co/JQBkMMqc

@acid23

Acid, Sprawl Scholar

ich glaube, ich habe etwa eine halbe Stunde gebraucht, um zu verstehen, was er meinte. Er hatte mueslikind, die nachgefragt hatte wegen des Statements geantwortet:

@ Den Text muss ich jetzt doch nicht lesen? Worum gehts?

@mueslikind

mueslikind

@ Nich wirklich. Darum, dass die Brüder von Agens & Manndat ja bedauerlicherweise nicht mitspielen weil sie Basics nich anerkennen

@acid23

Acid, Sprawl Scholar

Ich las das Statement daraufhin noch einmal in aller Ruhe durch, um acid23 zu widerlegen. Dann fand ich folgende Stelle:

Es ist bedauerlich, dass Organisationen wie Agens oder MannDat, sich bis heute nicht zu einer Mitgliedschaft entschließen konnten, weil sie nicht bereit waren, der Plattform unserer Zusammenarbeit zuzustimmen.

Das wird mir jetzt wieder niemand glauben: Aber die hatte ich bei meinem ersten Lesen überlesen. -.- Diese Stelle war mir als solche nicht aufgefallen und schon gar nicht aufgestoßen – ich muss sie wirklich total überlesen haben (am Schluss habe ich einfach auch gar nicht mehr so aufmerksam gelesen… mea culpa). Mich hat das gestern dann wirklich sehr erschüttert und es ist mir wichtig, an dieser Stelle klarzustellen: mein Fehler!

Ich lese es dennoch anders

Dann las ich aber weiter. Und ich kann nach ungefähr fünfmaligem Lesen nur feststellen, dass die Zusammenfassung, es ginge im Statement des Bundesforum Männer

Darum, dass die Brüder von Agends und Manndat bedauerlicherweise nicht mitspielen

echt falsch ist. Reißt man die von mir überlesene Stelle (und ja, es ist mir wirklich wirklich peinlich!) aus dem restlichen Zusammenhang, dann bleibt kein anderer Schluss als: Oh, das Bundesforum Männer ist traurig, dass MANNdat und Agens nicht mitspielen. Das halte ich aber für unzulässig und den Text auf diese Aussage zu reduzieren halte ich beinahe für eine böswillige Absicht. Eine Absicht, die sich bereits vor zwei Jahren in Buh-Rufen ergoss, als das Bundesforum Männer sich auf dem Forum Männer herausgrüdete.

In meiner Lesart – die nicht richtig sein *muss*, aber die für mich die einzige logische Erklärung für den Binnenwiderspruch im Text ist – handelt es sich hier um Sarkasmus. Natürlich weiß ich nicht, ob ich damit richtig liege – die Nullhypothese scheint ja momentan zu sein, das Bundesforum Männer will diese Leute ins Boot holen. Aber meine Antithese lautet: Nein, alles im Text und in der Ausrichtung des Forums spricht gegen diese Hypothese. Vielleicht grenzen sie sich für manche Geschmäcker ein bisschen zu sehr vom Feminismus ab – kann man ja finden. (ich finde, sie machen es ganz geschickt und lassen viele Optionen offen. Das Ziel ist wohl größtmögliche Anschlussfähigkeit für unterschiedliche Männergruppen. Und ich muss euch nicht erzählen, das Feminismus auch für viele Menschen, denen grundsätzlich an Geschlechterdemokratie liegt, ein rotes Tuch ist, oder?)

Gleichzeitig machen sie mehr als klar, worum es ihnen im Kern geht: Um Geschlechtergerechtigkeit. Und sie machen sich in meiner Lesart über jene eher lustig, die jetzt gerade rumplärren, die aber ansonsten auch gerne mal in den Medien sofort zur Stelle sind, wenn man zum Beispiel MANNdat als frauenfeindlich bezeichnet (was ich bereits tat): Dann erscheint irgendein Herr Maus, der ganz entschieden gegen so eine Verleumdung eintreten will. Das gefährliche an MANNdat und Agens ist, dass viele nicht erkennen, was deren Pudelskern ist. Den aber macht das Bundesforum Männer in seinem Statement durch die Hintertür klar, in dem sie nach den Gründen fragen, warum eigentlich die beiden genannten Männerclubs nicht beigetreten sind:

Warum nicht? Was ist männerpolitisch nicht konsensfähig daran, dass wir uns

gegen jegliche geschlechtliche Diskriminierung …
auf umfassende gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter in ihren jeweiligen Entwicklungen, Identitäten und der Vielfalt ihrer Lebensentwürfe …
auf konstruktiven Dialog zwischen den Geschlechtern …
auf die Ermutigung und Unterstützung von Männern, ihre Rolle als aktive Väter wahrzunehmen und als positive Vorbilder und verlässliche Bezugspersonen für Jungen und Mädchen zur Verfügung zu stehen …
auf eine Arbeit mit Jungen, die Jungen Handlungsoptionen und Zukunftsperspektiven jenseits patriarchaler und einengender Rollenvorstellungen ermöglichen …
auf den Respekt vor der Vielfalt sexueller Identitäten und vor dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung …
auf die Überwindung von Gewalt und die Überwindung des Tabus des Mannes als Opfer von Gewalt …

verpflichten?

Wer diesen Grundsätzen nicht folgen kann, sollte dies auch in aller Öffentlichkeit deutlich machen, damit die Frauen und Männer in Deutschland wissen, woran sie sind. Wir haben die Prämisse unseres politischen Selbstverständnisses offengelegt: Geschlechtergerechtigkeit.

Zugegeben: Vorschusslorbeeren

Das Forum Männer hat von mir von der ersten Stunde an Vorschuss-Vertrauen erhalten. Denn es gründete sich unter anderem aus einer Gruppe, die dem Gunda-Werner-Institut bzw. der Heinrich-Böll-Stiftung nahestand. Und ich kannte einige der Männer aus der Gründungszeit durch gemeinsame Debatten und durch das lesen ihrer Texte. Und noch einmal: Die Ziele waren von Anfang an total klar: Geschlechterdemokratie.

Was für mich durch meinen kleinen Schock hängen geblieben ist: Ich muss das Vorschuss-Vertrauen auf jeden Fall überdenken und ich werde mich kundig machen, ob meine Vermutung, dass es Sarkasmus ist, stimmt. Erst wenn ich mir genügend Überblick über das Bundesforum Männer verschafft habe, um gewisse Dinge, die jetzt durch tweets wie oben von acid23 im Raum stehen, ausgeschlossen werden können, werde ich mich wieder positiv über den Verein äußern.

Nur dann bleibe ich mir wirklich treu. Ihr wisst ja: Offen, aber wachsam.

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Beschwerde an Fernsehrat: Sexuelle Belästigung bei neoParadise

Ich habe folgenden Brief an den Fernsehrat mitunterzeichnet:

An das
ZDF
Sekretariat Fernsehrat
55100 Mainz
Berlin, Frankfurt a.M., Fürstenberg, Hamburg
und München, den 16. Oktober 2012

Verharmlosung sexueller Belästigung in der Sendung neoParadise vom 4.10.2012
Verstoß gegen Paragraf 3, Abs. 3 der Satzung des Zweiten Deutschen Fernsehens

Sehr geehrte Damen und Herren,

in der Sendung „neoParadise – Wenn ich Sie wäre auf der IFA -Teil 2“ des Kanals zdf_neo vom 4. Oktober 20121 wird im Rahmen eines Wettbewerbs zwischen den Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf eine sexuelle Belästigung an einer vorher allem Anschein nach nicht eingeweihten Mitarbeiterin eines Messeausstellers inszeniert.
Zunächst fordert Herr Heufer-Umlauf Herrn Winterscheidt zu dieser sexuellen Belästigung mit den folgenden Worten auf: „Verwickle sie in ein Gespräch, fass ihr einmal an die Moppelklampen und zweimal an den Arsch.“ Als Herr Winterscheidt sich ziert, sagt er: „Kannst ja auch sagen Nein, dann hast Du halt verloren.“

Herr Winterscheidt spricht dann mit der Mitarbeiterin und berührt sie im Laufe des Gesprächs an der Brust und am Gesäß (zumindest stellt es sich für das Fernsehpublikum so dar, als habe eine Berührung stattgefunden, und die mimische Reaktion der Messemitarbeiterin deutet darauf hin, dass sie sich in ihrer Intimsphäre verletzt fühlt).
Im Anschluss findet ein Gespräch zwischen den Moderatoren statt, in dem Herr
Winterscheidt seine Handlung hinterfragt. Herr Heufer-Umlauf zeigt durch seine Mimik, dass er dieses Hinterfragen nicht ernst nimmt und macht sich dann mit den folgenden Worten über das Opfer der Belästigung lustig: „Gott, aber der war das auch so unangenehm, die stand da wirklich und hat sich so richtig entwürdigt gefühlt. Die fährt jetzt gleich nach Hause, und dann wird die schön heulen, unter der Dusche. Die steht jetzt sechs Stunden lang unter der
Dusche.“

Abgesehen von der Kaltblütigkeit, mit der Herr Heufer-Umlauf die Entwürdigung der Messemitarbeiterin und deren potenzielle Reaktion („heulen“) hier zu einem Anlass für Belustigung macht, ist die Erwähnung einer mehrere Stunden langen Benutzung der Dusche eine klare Anspielung auf ein Verhalten, das Opfer von Vergewaltigungen häufig zeigen.
Damit findet die Belustigung der beiden Moderatoren nicht nur auf Kosten der belästigten Messemitarbeiterin, sondern auch auf Kosten von Vergewaltigungsopfern insgesamt statt.
In der gesamten Filmsequenz werden die sexuelle Belästigung und Vergewaltigung von Frauen und die damit verbundene Entwürdigung verharmlost und als belustigend dargestellt. Sie stellt Frauen als Objekte dar, die man beliebig anfassen kann, und lädt zur Nachahmung ein. Damit leistet die Sendung eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders einer frauenfeindlichen Kultur der Übergriffigkeit Vorschub, wo der Bildungsauftrag es im Gegenteil gebieten würde, Aufklärungsarbeit zu leisten.

Mit der sexuellen Belästigung einer unbeteiligten Person wird das Prinzip der Menschenwürde verletzt, das nicht nur im Grundgesetz steht, sondern dem sich auch das ZDF in §3, Abs. 3 seiner Satzung noch einmal explizit verpflichtet, wo es heißt: „Die Anstalt hat in ihren Angeboten die Würde des Menschen zu achten und zu schützen. Sie soll dazu beitragen, die Achtung vor Leben, Freiheit und körperlicher Unversehrtheit, vor Glauben und Meinung anderer und auch vor Natur und Umwelt zu stärken. Die sittlichen und religiösen Überzeugungen der Bevölkerung sind zu achten. […]“

Gegen diese Verpflichtung hat das ZDF mit der Produktion und der Ausstrahlung der betreffenden Sequenz eklatant verstoßen. Daran ändert auch die Stellungnahme des Senders auf verschiedene im Internet veröffentlichte Beschwerdeschreiben nichts, die Berührungen seinen „lediglich angedeutet“ gewesen, das „Filmteam inklusive unserer beiden Moderatoren“ habe „nach dem Dreh noch einmal mit der Messehostess gesprochen“ und die
Ausstrahlung sei „mit ihrem Einverständnis“ erfolgt.

Die Produktion und die Ausstrahlung der betreffenden Sequenz sind inakzeptabel. Wir fordern deshalb den Fernsehrat auf, die Verantwortlichen zu ermitteln und eine klare und unmissverständliche öffentliche Rüge gegen diese auszusprechen. Zu den Verantwortlichen gehören neben den Moderatoren alle an der Produktion dieser Sequenz oder an ihrer Ausstrahlung beteiligten Redakteur/innen und sonstigen Mitarbeiter/innen des ZDF und der Produktionsfirmen „Endemol“ und „strandgutmedia“.

Des Weiteren fordern wir die Verantwortlichen beim ZDF und den beteiligten Produktionsfirmen auf, sich unmissverständlich öffentlich zu entschuldigen und sich zu verpflichten, die Intimsphäre von unbeteiligten (oder als unbeteiligt inszenierten) Personen zukünftig zu respektieren und sich allgemein an den §3, Abs. 3 der Satzung des ZDF zu halten.
Darüber hinaus fordern wir die Schaffung einer angemessen finanzierten Anti-
Diskriminierungs-Stelle im Fernsehrat, deren Aufgabe es u.a. sein soll, bei Redakteur/innen und Moderator/innen des ZDF und beauftragten Produktionsfirmen durch geeignete Informations- und Schulungsmaßnahmen ein Bewusstsein für den Respekt vor der Intimsphäre anderer Menschen zu schaffen und derartige Sendungen in Zukunft schon vor ihrer Ausstrahlung zu stoppen.

Mit freundlichen Grüßen

Anke Domscheit-Berg, M.A., Unternehmerin, Mitgl. EU High Level Advisory Women and Technology
Dr. Juliana Goschler, Sprachwissenschaftlerin (U. Hamburg) und Autorin (Dr. Mutti)
Susanne Klingner, Journalistin und Publizistin (Frau Lila)
Katrin Rönicke, Erziehungswissenschaftlerin und Publizistin (Frau Lila)
Dr. Antje Schrupp, Journalistin und Politikwissenschaftlerin
Dr. Joachim Schulz, Physiker (European XFEL) und Wissenschaftsautor (Quantenwelt, SciLogs.de)
Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler (FU Berlin) und Autor (Sprachlog, SciLogs.de)

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„Geschlechterbilder im Netz“ – Debatte bei DRadioWissen

(flickr.com | wili_hybrid CC BY-NC 2.0)

Am Samstag hatte ich eine kleine Premiere: Zum ersten Mal war ich im Radio. Bei DRadioWissen ging es dieses Mal im Online Talk um Geschlechterbilder im Netz. Ich diskutierte eine Stunde zusammen mit Anatol Stefanowitsch und Helga Hansen über Sexismus, stereotypes Verhalten, Vorbilder und vieles Mehr. Moderiert hat Vera Linß. Das ganze ist auch als Podcast bei wissen.dradio.de nachzuhören.

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All Sexism sucks!

Ich habe ziemlich lange an einer für mich passenden Definition gearbeitet, die wiedergibt, was Sexismus für mich ist. Angefangen hat alles einmal damit, dass ich im Jahr 2010 für die Grüne Bundestagsfraktion zum Netzpolitischen Kongress den Leuten etwas über Sexismus im Netz erzählen sollte.

Die meiste Arbeit machte bei der Vorbereitung der Erklär-Teil: Was ist eigentlich Sexismus? Recht schnell merkte ich, dass es dazu überhaupt keine eindeutige Definition gab und ich sah, dass sich der Begriff über die Jahrzehnte hinweg steter Wandlung unterworfen hatte. Die Definition von Sexismus, das kann als erstes festgestellt werden, ist damit nie an einem Ende.

Das Männliche als Norm

Doch die Geschichte des Feminismus, der den Sexismus als solchen überhaupt erst thematisiert hat, ist dabei nicht unwichtig. Käthe Schirmacher sagte etwa: „Mit der dem Menschen eigenen Subjektivität hat der Mann sich, seine Vorzüge, Fehler und Leistungen als die Norm, das Normale, das „Seinsollende“, das Ideal gesetzt: das Männliche war, in der Sprache wie anderswo, das Massgebende. […]“ und trifft damit einen Kern dessen, woher der Begriff ursprünglich kommt, warum er notwendig geworden ist und warum es bis heute viele Menschen, gerade auch FeminstInnen, gibt, die meinen: Es gibt Sexismus nur gegen Frauen. Damit hadere haderte ich, da wollte ich nicht stehen bleiben. So kam es schlussendlich dazu, dass ich die Sexismus-Definition, die in der Studie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ der Universität Bielefeld verwendet wurde nahm, und einfach umschrieb in: „Sexismus betont die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Sinne einer Demonstration der Überlegenheit des einen Geschlechts über das andere und fixierter Rollenzuweisungen an beide.”

So definierte ich nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick in meinem Vortrag also Sexismus. Das war 2010 und das war einigermaßen naiv von mir. Denn ich habe es nicht für notwendig gehalten, zu rechtfertigen, wie ich dazu kam, es so abzuändern.

Bereits im Jahr 2007 schrieb ich eine Hausarbeit über Männerbildung und stellte mir die Frage, in wieweit sie dazu geeignet sein könnte, einen Beitrag zur Geschlechterdemokratie zu leisten. Männerbildung ist deswegen interessant, weil sie zu einem übergroßen Teil darauf ausgelegt ist, Männer (noch) professioneller zu machen und ihre (berufliche) Macht zu erweitern. An Familienbildung nahmen Männer zumindest damals in einem verschwindend geringen Umfang teil.

Zentrales Ergebnis meiner Arbeit war es, dass die Männerbildung genau deswegen ein Schattendasein in der Erwachsenenbildung führte, weil stereotypes Handeln und sehr stereotype Angebote (Kurse zu „weichen“ Themen richteten sich auch bildlich vor allem an Frauen etc…) dem im Weg standen. Die Geschlechter konnten in dieser Aufteilung in einer Art zwei-Säulen-Modell beschrieben werden: Menschen sind Wesen, die einerseits ein „Erwerbs- und Berufs-Ich“ haben und andererseits ein „Soziales Ich“. Die traditionelle Geschlechterrollen-Aufteilung hat aber dazu geführt und sich teilweise in absurder Weise darin „perfektioniert“, diese beiden „Ichs“ auf die beiden Geschlechter zu verteilen. Der „Erwerbs (Arbeits-)Mann“ und der „Macht-Mann“ stemmen dabei die eine Säule. Das wird von Peter Döge als „hegemoniale Männlichkeit“ bezeichnet. Die andere Säule ist die „Hausfrau und Mutter“, die aber darüber hinaus auch alle sozialen Kontakte der Ehe, Partnerschaft oder Familie „managed“. Diese lange tradierte Verteilung von Aufgaben wirkt, so die These von Feminismus, Pädagogik und Soziologie, bis heute nach. Auch wenn sich vieles bereits gelockert hat: Heterosexualität als Norm gerät ins Wanken, Frauen gehen arbeiten und Männer nehmen Elternzeit (die einen mehr, die anderen weniger). Und so weiter.

Jahrtausendealte Tradition

Doch aus der Vogelperspektive betrachtet bleiben Unterschiede bestehen, die stereotypen Rollenzuweisungen nehmen nur langsam ab. Die Soziologen nennen dies die Makro-Ebene. Änderungen auf der Marko-Ebene brauchen nicht selten mehrere Generationen, vor allem, wenn die Tradition, die sich ändern soll, Jahrtausende zum Wachsen hatte. Auf der einen Seite stehen die wirtschaftlichen Realitäten, die offenkundig auch im Jahr 2012 Frauen noch benachteiligen. Der Gender Pay Gap ist bekannt. Die geringe Frauenquote in Führungspositionen ist bekannt. Der große Frauenanteil in den Niedriglohnjobs ist bekannt. Seltener thematisiert: Die andere Seite. Das Göttinger Institut für Männerbildung und Persönlichkeitsentwicklung, ein Pionier auf diesem Gebiet, hat die Dokumentation einer Tagung zu Männerbildung veröffentlicht, die beschreibt, dass ein häufiges Problem von Männern sei, „nicht mit ihrem Innern verbunden“ zu sein.

Und auch die Neurobiologie und die Bildungsforschung weisen darauf hin, dass kleine Jungen von Anfang an anderen Herausforderungen unterliegen, als Mädchen. Jungen haben weniger Kinderbücher und Hörkassetten (CDs) und Eltern lesen Jungen weniger vor. Gerald Hüther wies darauf hin, dass Jungen aufgrund ihrer neurologischen Disposition bei der Geburt mehr Liebe und Halt-bietende Orientierungsangebote benötigten, als Mädchen. Genau das aber wird Jungen eher verwehrt als Mädchen. Er stellt gleichzeitig als einer der wenigen Neurobiologen die biologische Determiniertheit von Geschlecht geschickt und überaus klug in Frage, wenn er nachbohrt: „Wie wird aus dem, was ein Mann werden könnte, schließlich das, wofür sich der Betreffende aufgrund seines Geschlechts hält?“ Hüther hebt damit das soziale Umfeld der Kinder als starken Einflussfaktor hervor und dass dieses ausschlaggebend für die spätere Entwicklung des Gehirnes sei. Doch stereotypes Denken und Handeln stehen dem diametral entgegen – wer es nicht glaubt, werfe einen Blick in einen typischen Spielwarenladen.

 Diabolisierung des Anderen

Vor bereits vier Jahren, es war 2008, brachte Walter Hollstein eine lange und ausführliche rein männliche Sicht auf die Probleme mit den Geschlechterrollen-Stereotypen in einem Buch heraus, das ich damals auch rezensierte: Rückblickend betrachtet ist klar, warum es für mich in der Vorbereitung meines Vortrags über Sexismus im Netz keine Frage mehr sein konnte, die Definition auch auf Männer auszuweiten: Es ist auch hier genauso, wie mit dem *sehen* der Stereotype und der Abwertung gegenüber Frauen. Wenn man einmal diese „Brille“ aufgesetzt hat, kann man sie nicht mehr nicht sehen. Vor allem habe ich merklich folgenden Satz gefressen und werde ihn auch nie mehr los: „Die Idealisierung des eigenen Geschlechts und die Diabolisierung des je fremden […] verhindert den wahren Blick auf das Andere. Das gilt für Männer wie für Frauen.[…]“. Der Feminismus, wie ich ihn vertrete, setzt hier an.

Ein starker Schub für diesen Ansatz kommt jüngst aus den USA, wo im The Guys Guide to Feminism von Michael Kaufman und Michael Kimmel unter Sexismus frei übersetzt steht: „Wie alle anderen „Ismen“ ist Sexismus eine Sammlung von Einstellungen – es ist ein Set von Vermutungen die beinhalten, dass ein Geschlecht besser und übergeordnet über das andere ist.“

Die beiden fokussieren auf die starke Institutionalisierung von Sexismus, die sich in Rechten und unterschiedlichen Möglichkeiten manifestieren, welche aufgebrochen werden müssen und sagen dazu: „Diesen Teil können Frauen nicht tun (ebenso wie es Schwarze nicht in einer Weißen-dominierten Gesellschaft tun können).“ Aber an diesem Punkt bleiben die Autoren nicht stehen, sie gehen noch einen Schritt weiter: „Es gibt einen weiteren Teil von Sexismus, er besteht in Vorurteilen über das (andere) Geschlecht, die auf Stereotypen basieren – selbst wenn man nicht glaubt, dass das eine Geschlecht dem anderen überlegen ist. Und auch wenn geschichtlich diese Stereotype vor allem Frauen betroffen haben, sollten wir betonen: Wir sind keine Fans von Stereotypen gegen Männer – dass wir natürlicher Weise gewalttätig(er) seien, nur Sex wöllten und dass wir inkompetent sind, wenn wir auf Babies aufpassen sollen. (…) All sexism sucks.“

Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de.

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Kickt und inszeniert euch, Frauen!

Alle sind im Rausch – dem des Männerfußballs. Wer denkt da noch an die Frauen-WM 2011? Was der Frauenfußball braucht, um an seinen Glanz vom vergangenen Jahr anzuknüpfen.

Dieser Text erschien zuerst in meiner Kolumne auf freitag.de.

Wenn Deutschland gegen Italien spielt, werden viele Menschen vor dem Fernseher sitzen, von denen ich weiß, dass sie Fußball eigentlich uninteressant finden. Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass der Hype sehr sehr groß ist:  Während des Spiels wird es vermutlich wieder Feuerwerk über meiner Stadt geben. Vuvuzelas werden erklingen (und das Wort „Vuvuzela“ wird nicht einmal von meiner Rechtschreibkorrektur moniert – im Gegensatz zu „Hype“). Die Menschen über meiner Wohnung werden wieder laut aufspringen und brüllen. Menschen, die ich sonst nur durch Klavierspielen höre. Alle schauen Fußball. Männerfußball. Selbst ich habe mir drei Spiele angesehen, obwohl ich eigentlich keine bin, die Sport gerne im Fernsehen schaut.

Was mich aber interessiert, ist die Gender-Frage hinter diesem Phänomen. Denn Feminismus, wie er in der Encyclopedia Britannica definiert wird, ist: „the belief in the social, economic, and political equality of the sexes“, also „der Glaube an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter“. Ungleicher als beim Fußball geht nur schwer.

Davo leben kann keine

Foto: CC BY-NC 2.0 via http://www.flickr.com/people/curoninja/ 黒忍者

Ökonomisch ist der Frauenfußball jenseits der WM kaum interessant, während die Kassen nicht nur zur „Männer-EM“ klingeln, klingeln, klingeln. Sportpolitisch wird in Sachen Frauenfußball kein dringender Handlungsbedarf formuliert – obwohl er besteht. Zudem gibt es einen eklatanten Geschlechter-Bias in der Frage der Inszenierung. Was ich dieser Tage beobachte ist ein stark männlich orientiertes Fan-Verhalten. Knallen, saufen, gröhlen. Ist nicht böse gemeint Jungs: Aber ich kenne nicht wenige Frauen, die beim Stadion-Besuch während der Frauen-WM 2011 irre überrascht waren – und zwar im positiven Sinn – wie angenehm und zivilisiert dort gefeiert wurde. Eben anders.

Nach der WM ist vor der WM – zumindest im Frauenfußball, wie der Film Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, den die Band Maiden Monsters für das Gunda-Werner-Institut gedreht hat, zeigt.
Dort berichten Frauen, wie schwierig es für „Bundesliga-Profis“ ist, Fußball und Leben zu vereinen. Denn davon leben kann eigentlich keine. Am besten vergleichen sich die Damen erst gar nicht mit ihren männlichen Kollegen – denn das würde wohl extrem verbittern. Kaum auszudenken, was für einen Fußball die spielen könnten, wenn sie nur das tun bräuchten!

Die Misere des Frauenfußballs verläuft auf drei verschiedenen Ebenen: Erstens fördern die Sportvereine, wie zum Beispiel der Dortmunder Bundesliga-Meister, den Frauenfußball so gut wie gar nicht. Das ist den deutschen Medien aber keinen Skandal wert. Womit wir bei Problem Nummer zwei wären: Es hapert deutlich an der Inszenierung. 2011 ist diese wunderbar geglückt. Alle haben mitgemacht und an einem Strang gezogen.

Denn man roch das winkende Geld – und die Investitionen haben sich auch tatsächlich gelohnt. Die Quoten waren ein Traum: 17,01 Millionen Zuschauer hingen beim Spiel gegen Japan vor der Glotze. Das Eröffnungsspiel gegen Kanada erreichte mit 60,1 Prozent den höchsten Marktwert – unglaublich! Von solch einer gelungenen Inszenierung hängt viel ab. Sie fortzusetzen wäre unabdingbar für einen Fortschritt im Frauenfußball.

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Männliche Hegemonie

Doch wer inszeniert denn so einen Sport? Es ist ein Vielklang aus DFB, Medien, teilweise auch Politik und letztendlich auch der  Wirtschaft mit ihrem Marketing. Dass es beispielsweise während der WM 2011 ein Panini-Album gab war das erste Mal bei einer Frauen-Meisterschaft und darf in seiner Auswirkung und Kraft nicht unterschätzt werden. Ein gelungener Hype setzt nämlich im Gehirn der Menschen, höchstwahrscheinlich im Belohnungszentrum an: Je mehr kleine Belohnungsmomente rund um das Event geschaffen werden (und auch wenn es lächerlich klingt, aber Sammelerfolg ist ein großer Belohnungsmoment), desto größer wird der Hype.

Aber jetzt, ein Jahr später, sind wir leider im gleichen Schneckentempo angekommen, das wir schon zuvor hatten. Da stellt sich für mich eigentlich nur die Frage: Na und? Warum sollten wir Frauen, wir FeministInnen, wir GesellschaftskritikerInnen, Fußball wichtig nehmen? Wir könnten doch einfach ganz verächtlich schauen – Gründe werden uns dieser Tage doch genug geliefert: Man führt uns zum wiederholten Male die männliche Hegemonie vor. Die Politik nutzt das Event, um sich gesund zu stoßen. Immer wieder tauchen Skandale um Wetten auf. Unkritische Betrachtungen und Berichte sind die Regel – inklusive des Outing-Verbots für schwule Spieler. Muss man sich dieses „System Fußball“ wirklich antun? Kommerz, Heteronormativität, Krawall und Intrigen?

Ich finde: Ja – aber dabei muss man ja nicht unkritisch werden, wie verschiedene Einwürfe zur WM 2011 gezeigt haben. Professor Dr. Claudia Kugelmann ist Sportpädagogin und leidenschaftliche Befürworterin des Ernstnehmens des Frauenfußballs als Chance: Sichtbarkeit. Macht. Teilhabe. Das sind die drei zentralen Gewinne, die ihrer Ansicht nach hier zu holen sind. Für mich ein Déjà-Vu: Das sind ja die gleichen Gründe, aus denen ich dafür plädiere, dass Frauen sich diese Digitale Gesellschaft zur Heimat machen sollen!

Eingerostete Akteure

Oder Frauen in diese ekelhafte Politik – die gleichen Gründe! Was aber tun? Wie soll das gehen? – Vorbilder! Sagt Kugelmann und ja genau: Das sage ich ja auch immer. Denn letztendlich liegt der politische, der ökonomische und auch der soziale Hund beim Frauenfußball genau da begraben, wo er immer liegt: Bei  schrecklichen Stereotypen.  Das Ringen um Anerkennung gelingt durch Vorbilder. Wir haben Jahrzehnte lang eingeübt, als „richtigen, echten Fußball, wie er sich gehört“ den Männerfußball zu sehen. „Es rührt sich einiges in Deutschland,“ hört man. Und erste Vorbilder erscheinen am Horizont, zum Beispiel Steffi Jones. Doch ich bleibe bei meiner eher verhaltenen Diagnose von vor einem Jahr: Die  Akteure die wir brauchen sind noch zu starr und eingerostet, als dass sich wirklich, und nachhaltig, auf absehbare Zeit etwas ändern könnte. Ich lasse mich natürlich gerne vom Gegenteil überraschen.

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