Pinkstinks, piqd.de und der piqd Podcast

Liebe Mitlesenden,
lange habe ich hier nichts mehr hinein geschrieben, denn ich hatte viel zu tun! Da war unter anderem die neue Arbeit für die pinkstinks, für die ich nun hin und wieder Texte schreibe.

Da war aber auch ein schönes neues Projekt, das ich von Herzen gerne weiterempfehle: Es heißt piqd und es hat sich vorgenommen, den Journalismus und Medienkonsum in Zeiten des Netzes zu verbessern. Wie das gehen soll? – Indem eine ganze Reihe kluger Köpfe mit Expertise aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen das Netz kuratiert und ausgewählte Inhalte empfiehlt. Der Chefredakteur und der Geschäftsführer können das aber viel besser erklären, als ich, und das ganze kann man sich in einem Podcast anhören:

Und überhaupt: Der piqd Podcast! Es gibt sooooo viel Expertise in diesem Projekt, das muss man einfach nutzen! Was also liegt näher, als mit ihnen Gespräche über ihre Arbeit und ihre Geschichten zu führen? Ebend. In der letzten Folge habe ich zum Beispiel mit Christian Odendahl, dem Chefökonom des Center for European Reform über die Folgen des #Brexit, über das #Marmitegate, die Eurokrise und Gerechtigkeit gesprochen:

– die ganze Folge findet sich wie auch alle anderen Folgen auf podcast.piqd.de. Dort gibt es auch alle Links, um den Podcast auf den üblichen Wegen zu abonnieren. Alle zwei Wochen gibt es eine neue Folge mit einem der vielen spannenden Menschen hinter piqd.de! Ihr könnt auch unserem Soundcloud-Account folgen, dort finden sich ab jetzt auch alle aktuellen Folgen :)

Ansonsten bin ich bei piqd mal mehr, mal weniger aktiv als piqerin (so nennt man die Kuratorinnen bei piqd) für den Kanal „Liebe, Sex und wir“, einem wie ich finde sehr schönen Kanal rund um ein Thema, von dem man eigentlich dachte, mit dem Erwachsenenalter könne man nicht mehr sehr viel Neues dazu lernen – aber Pustekuchen!

Also: Ich habe viel zu tun und hoffe ihr verzeiht, wenn es auf diesem Kanal etwas ruhiger ist. Dafür gibt es ganz viele andere, auf denen man mir zuhören und mich lesen kann. Im Frühjahr kommt dann auch ein neues Buch – ich bin selbst gespannt!

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Die Wochendämmerung

13094417_1545183812454625_7469677018147025017_nJetzt isses offiziell: Der Holgi und ich podcasten schon eine Weile für Audible. Am Ende jeder Woche besenfen wir die Ereignisse der letzten sieben Tage auf unsere Art und das in jeweils einer guten halben Stunde.

Die Wochendämmerung ist ein Audio-Magazin von Audible, das man auch nur dort hören kann. Dazu genügt ein einfacher Amazon-Account, mit dem man sich bei Audible anmeldet. Dann geht man auf unsere Show und „kauft“ sie (für 0,00 €) und wenn man dann noch die Audible-App auf seinem Smartphone hat, sollte ab jetzt alles automatisch gehen, die jeweils neueste Folge wird in die Bibliothek gespeist und sollte man das mal vergessen, erinnert bei Bedarf eine freundliche Mail.

Unsere Themen sind bunt und breit, von Obama, über den Papst bis hin zu „diese Woche gestorben“ – Holgi nervt mich mit seinem Wirtschaftskram, ich ihn mit meinem Flüchtlingskram, und irgendwie ist die halbe Stunde dann eh immer viel zu schnell rum!

Wir freuen uns über alle, die zusammen mit uns die Woche ausklingen lassen wollen! Und wenn ihr mit uns über unsere kruden Ansichten diskutieren wollt, könnt ihr das auf unserer frisch eingerichteten Facebook-Seite tuen.

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Demokratie und Verantwortung

In einer Demokratie kann und soll man über einen Sachverhalt unterschiedlicher Meinung sein und darüber streiten und debattieren, wie die Lösung für konkrete Probleme aussehen sollte. Aber es gehört zur Auseinandersetzung genauso dazu, auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit zu bleiben. Wer das nicht tut, wer außerdem ständig nach Lösungen ruft, die Grundrechte, Menschenrechte oder das Genfer Flüchtlingsabkommen missachten, kommt seiner Verantwortung nicht nach.

In Europa erleben wir gerade, dass außer Deutschland, insbesondere durch die Haltung der Kanzlerin repräsentiert, diese Rechte und Grundwerte aufgeweicht oder ganz abgelegt werden. Da treten Leute mit großer Reichweite in großen Medien mit der Forderung auf, wer andere Kulturen mit offenen Armen willkommen heiße, habe auch hinzunehmen, wie die Polen, besser gesagt die polnische Regierung, ihre ganz eigene und neue Definition von Rechtsstaat umsetze und zwar unter massivem Eingriff in die Medien-Freiheit und die Verfassungsgerichtbarkeit, Checks and Balances ade! – Wer solche Relativierungen in die Welt setzt, wer außerdem hinnimmt, dass die Besitzstandswahrungsattitüde eines Seehofer und die Fremdenfeindlichkeit eines Orban sich als „politische Werte“ zu etablieren beginnen, der verlässt den Boden europäischer und deutscher Rechte und Grundwerte, in vollem Bewusstsein, und der sät damit außerdem die Saat innerhalb der Bevölkerung, die Leuten das Gefühl gibt, ebenso im Sinne eines „höheren Ziels“, namentlich der Verteidigung des eigenen Bodens oder der „Heimat“ gegen fremde Kulturen und Menschen und allen damit assoziierten „Bedrohungen“, Recht und Gesetz außer Acht lassen zu dürfen, was sich in Selbstjustiz entlädt. Wütende Mobs in Köln und Sachsen setzen um, was als Botschaft von diesen Medien, diesen Meinungsmachern und diesen Politikern wieder und wieder transportiert wird: es ist ein Ausnahmezustand und die Gesetze und Verträge schützen uns nicht, weswegen wir sie aufgeben, und wenn auch nur in Teilen (nur in Bezug auf die Neuen und Fremden).

Diese beiden Mechanismen hängen direkt miteinander zusammen: Ein Politiker, ein Meinungsmacher oder ein Medium, das trotz der faktischen Unbegrenzbarkeit des Rechts auf Asyl nach Obergrenzen ruft, bei gleichzeitiger Suggerierung, Frauenbild und Rechtsauffassung bei Flüchtlingen seien gefährlich UND von den deutschen Gesetzen und der Polizei nicht mehr zu kontrollieren, heizt den Mob an.

Straftätige Flüchtlinge und straftätige Migranten sind – wie alle anderen Straftätigen auch – ein Fall für Polizei und Gerichte. Ich wiederhole: Wie alle anderen Straftätigen auch! Es gibt Gesetze und Regeln und diese müssen für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft durchgesetzt werden. Die Gesellschaft aber baut ihre eigene Durchsetzbarkeit ab, indem sie die Polizei personell unterbemittelt und politisch ausdörrt – seit Jahren. Wer angesichts dessen neue Gesetze fordert, anstatt die Durchsetzung der bestehenden durchzusetzen, wer außerdem Gesetze fordert, die den Boden von Grundgesetz, Menschenrechtscharta und Genfer Flüchtlingsabkommen verlassen, erkennt nicht nur die Unterbemittelung der Exekutive an und untermauert sie als unveränderbar – er schafft eine Zweiklassengesellschaft: Die Unterbemittelung der Exekutive bleibt – ein Versagenseingeständnis in Richtung Recht und Gesetz bleibt nicht nur bestehen, es wird als Versagen nicht benannt und unter den Tisch gekehrt. Schuld wird gleichzeitig nur noch bei Migranten und Flüchtlingen verortet, Gesetze, die sie betreffen sollen verschärft werden. Womit den Strafhandlungen der weißen Einheimischen leise Legitimität verliehen wird. Siehe Kölner und sachsener Mobs gegen Migranten und Flüchtlinge! 
Das alles hängt zusammen. Aber das sehen rechtskonservativpopulistische Politiker und Meinungsmacher natürlich ganz anders. Anstatt auf bestehende Gesetze und Grundrechte zu beharren und die staatlichen Strukturen zu deren Einhaltung zu verstärken und auch die rechten Verstöße gegen Gesetze hart zu verfolgen, nehmen sie die eigene Schwäche nicht nur hin, sondern treiben den Abbau der Grundrechte als politisches Ziel voran, mit der einzigen Absicht, sich nach außen abzuschotten. Nach Jahrzehnten des Profits durch die wirtschaftliche Globalisierung will man nun mit der politischen Globalisierung nichts mehr zu tun haben. 

Im Moment ist Deutschland in Europa beinahe das einzige Land, das sich gegen eine solche Politik des Grund- und Menschenrechte-Relativierens stellt. Was dringend nötig wäre, um deren Relativieren – und wie es in Nachbarländern schon passiert: deren Abbau – zu verhindern, wäre eine starke und ernstzunehmende Exekutive, die brennende Flüchtlingsheime genauso verhindert, wie solche Überfälle wie in Köln in der Silvesternacht. Staatliche Strukturen, die dem sozialen Frieden statt der wirtschaftlichen Privatisierung dienen, Infrastruktur zur Bildung und Integration der deutschen Idioten, die Nationalismus geil finden, zur Integration und Bildung der Neuankömmlinge, Jobprogramme, die zu echten Perspektiven führen, sozialer Wohnungsbau etc… – stärkung des Staates, gesellschaftlicher Infrastruktur und auch der Polizei – das sind die Schritte, die wir brauchen. Um das zu finanzieren vermutlich auch eine größere Umverteilung als derzeit.

Wer hingegen aus Besitzstandswahrungsantrieb heraus an die Rechte von Menschen will, wie die polnische Regierung, Orban und Seehofer, der – und nur der – treibt den gesellschaftlichen und demokratischen Verfall dessen voran, das als „Projekt Europa“ derzeit so beunruhigend auf der Kippe steht. Von dieser Kippe wieder weg zu kommen und im gesamten Europa die Werte und Rechte zu reetablieren muss das entschiedene Ziel aller demokratischen Menschen sein.

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A Workshop is waiting for you

First things first:

SHIFT. SHAPE. MOBILIZE.
a tools & skills workshop for bloggers

> 16-22 November in Berlin, Germany

We are looking for bloggers from all over Europe, to be part of a workshop that will train them and connect them to other bloggers, especially from Eastern Europe. But we are also looking for bloggers from western European Countries and maybe it is you, we are looking for – or you know someone who might be the one. So:

About the project

The Federal Agency for Civic Education/Bundeszentrale für Politische Bildung, in cooperation with Sourcefabric and n-ost, welcomes 20 bloggers to take part in a 5-days workshop in Berlin, Germany on 16-22 November 2015.

Shift. Shape. Mobilize. is aiming to get a better understanding about the socio-political relevance of blogs in countries in transition. The project has the goal of raising awareness, empowering and supporting the role of bloggers in Eastern Europe, as an alternative source of information in society.

During the workshop, you will gain skills & awareness in online security / verification of sources / social media / open data, etc. Furthermore, you will get to know different open source blogging and publishing tools to support their work, such as Sourcefabric’s Live Blog and Booktype. During your stay in Berlin, you will have the opportunity to get to know local communities of journalists, bloggers, activists and hackers.

You will attend a series of practical workshops with the purpose of improving concrete skills; you will partake in debates and panel discussions on hot-topics and receive training on new tools. Additionally, you will be able to live blog and report from the n-ost media conference “Translating Worlds”.

What about the costs?

All costs will be covered by the organisers of the event, including travel to/from Berlin, visa, accommodation, meals and all materials to be used during the workshop.

If all that sounds interesting to you – please note that application is only open until 27. September, 23:59h CET.

And please spread the word!

 

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Wir machen den Job der Journalisten

Das Griechenland-Bild, das die Deutschen malen, hängt schief. Um es etwas gerade zu rücken geben sich viele hier lebende Griechen Mühe, ihre Freunde und Bekannten oder ihre Blogleser mit Hintergrundinformationen zu versorgen.

„Die Deutschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind immer sehr fair. Was mich aber wundert ist die Art und Weise, wie die Medien drüber berichten. Man merkt, dass gerade online versucht wird, den Stammtisch zu bedienen. Klar geht es da auch viel um Klicks und Werbeeinnahmen, aber ich finde, dass kann doch nicht sein: Eigentlich sollte doch die Qualität des Journalismus‘ im Vordergrund stehen.“

(c) privat
(c) privat

Konstantinos Tzouvaras ist von Beruf Vertriebsmanager, er hat Journalismus nicht studiert und auch nicht vor, den Platz eines Redakteurs in einer großen Zeitung zu besetzen. Aber er fragt sich, wie die dort arbeiten. Wie es möglich ist, dass kurz nach einer neuen Agentur-Meldung schon feste Meinungen und fertige Urteile gebildet sein können. Etwa wenn Griechenlands Finanzminister Varoufakis wieder etwas gesagt hat. Wie kann es sein, fragt sich Konstantinos, dass es dann nur noch darum geht, wer als erstes kommentiert, dass es aber kaum mehr darum geht zu prüfen und zu recherchieren, was der Hintergrund der Aussage war. Niemals würde er deswegen das Wort „Lügenpresse“ benutzen, „es sind auch keine Lügen“, sagt er, „es wird nur nicht zu Ende erzählt“. Ihm fällt auf, dass ausländische Medien in der Vergangenheit deutlich dezenter, differenzierter und auch besser recherchiert über die Lage in Griechenland berichteten, als es die deutschen Berichterstatter taten.

Da wäre zum Beispiel die Sache mit der neuen Regierung: Hat sie in der Presse eine Chance bekommen? Für Konstantinos steht fest, dass es notwendig war, dass neue Leute in seiner Heimat das Ruder übernahmen. Er hadert zwar auch mit dieser Koalition aus Linken und Rechten, aber hier fordert er: „Das muss man auch erklären. Es war die einzige Chance, schnell eine Regierung zu bilden und schnell handeln zu können.“

Mehr erklären, das wünscht er sich. Und mehr faire Vergleiche: Was haben die USA in der Krise gemacht? – „Sie haben investiert“, stellt Konstantinos fest und das müsste in Griechenland eigentlich auch geschehen, stattdessen würde aber harte Sparpolitik verlangt. Und Griechenland bliebe mit seiner kaputten Wirtschaft ein Fass ohne Boden. „Ich möchte gar nicht sagen, dass Griechenland nichts falsch macht. Die haben richtig Bockmist gebaut die letzten Jahre“, aber: „das Thema ist so komplex und schwierig. Man schreibt aber nur: Griechenland dreht Privatisierung zurück. Und dann denkt man als normaler Bürger: Sag mal – wie doof sind eigentlich die Griechen?“ Konstantinos erklärt hingegen, dass es eine gute Begründung für diesen Schritt gibt: „Die wollen das Tafelsilber nicht verschenken. Die verkaufen eben nicht ihre Infrastruktur, wenn es ihnen richtig dreckig geht, denn die sagen sich: Das ist mehr wert, als wir jetzt dafür kriegen würden.“ Klingt logisch – aber wo kann man das lesen? Konstantinos klärt in seinem Umfeld auf. Wenn er mit einem Freund essen geht und bei dem auf dem Display eine Meldung aufploppt, dass Griechenland nun ein Abkommen mit Russland habe, dann weist er darauf hin, dass auch Deutschland ein solches Abkommen mit Russland habe. Und schon klingt die Sache ganz anders.

* * *

„Das nicht funktionierende Programm ist verschärft und verschärft worden.“

Michalis Pantelouris, Halbgrieche, ist Blogger und Journalist. In einem ausführlichen Gespräch für meinen Podcast Erscheinungsraum Ost hat auch er einige Dinge zurecht gerückt. Dafür wurde er fünf Mal geflattert, ansonsten hat er keinen Lohn erhalten. Das Gespräch ging über eine Stunde. Es handelt von der Geschichte Griechenlands, angefangen bei der Diktatur von 1964 bis 1974. Es betrachtet Griechenland nicht isoliert, sondern schaut auch auf Irland, Portugal, Spanien und Zypern, die von der Finanzkrise ähnlich schlimm erwischt wurden. Von diesen Ländern heißt es aus Politikermündern gerne, sie seien „auf einem guten Weg“. Michalis findet aber „auf einem guten Weg heißt nicht, dass es den Menschen gut geht“. „Auf einem guten Weg“ ist vielleicht einfach der Zustand, in dem es dem Land wirtschaftlich gerade so gut geht, dass man es in Deutschland wieder bestens ignorieren kann und dass es uns eben keine Scherereien mehr macht. So wie die meisten osteuropäischen Länder ja auch. „Die Zahlen sprechen eine andere Sprache als „auf einem guten Weg“, sagt Michalis.

* * *

Anna Goudinoudis ist Halbgriechin wie Michalis. Ihre Großeltern sind in den Sechzigern als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, leben aber seit etwa zehn Jahren wieder in Griechenland. 2010 hat sie ihr Erasmus-Semester in Politikwissenschaften in Athen verbracht. „Ich will eigentlich kein negatives Bild der griechischen Regierung zeichnen – aber in Griechenland ist schon das Problem, dass die Griechen sehr lange über ihre Verhältnisse gelebt haben“, sagt sie. „Es wurden viele Staatsgeschenke gegeben. Man zahlt keine Studiengebühren und man bekommt Bücher für das Studium kostenlos. Aber wenn das bei uns so üblich wäre, würde auch keiner fragen: Woher kommt denn das Geld.“

(c) privat
(c) privat

Auch für sie ist der Regierungswechsel die einzig logische Konsequenz nach all den Problemen und der jahrelangen Korruption in der politischen Elite gewesen. „Wirtschaft und Politik sind extrem miteinander verwoben gewesen. Die Mechaniken der Demokratie konnten wegen der Korruption gar nicht wirklich wirken.“ Das habe den Staat geschwächt und im Volk auch eine Mentalität begünstigt, sich zu nehmen, was geht: Steuern hinterziehen, Renten für Tote, Schmiergelder allerorten.

Doch auch sie findet, dass die Koalition aus Rechten und Linken der einzige Weg war – eben weil die politischen Eliten einmal ausgetauscht werden mussten.

„In Deutschland meinen sehr viele Leute, ihren Senf dazu geben zu können – sehr oft sehr unreflektiert. Das ist sehr schwierig. Es wird schnell sehr aufgeheizt und populistisch.“

„Dieser negative Unterton, der in der Berichterstattung mitschwingt, der hat oft nicht mehr viel mit neutralem Journalismus zu tun.“ Und das betreffe durch die Bank fast alle großen Medien. Sicher lasse sich im Journalismus eine Meinung nie ganz ausblenden, Objektivität nie voll erreichen. Deshalb ist es ihr ein Anliegen, zumindest in persönlichen Gesprächen ihrem Umfeld auch ‚andere’ Argumente zu liefern. Oder die fragte: „Wer ist an den Fehlern beteiligt, wenn man fünf Jahre lang zuschaut und nichts macht? Wenn man nur eine Troika in das Land schickt, die vom Volk als Schmach empfunden wird und deren Arbeit keinerlei positive Effekte nach sich zieht?“ Anna denkt, dass man nach fünf Jahren eigentlich positive Effekte sehen können müsste. Das Land ist aber immer noch am Boden, das ganze Geld, das hineingepumpt wurde, ist offenbar nutzlos gewesen. Als wenig zuträglich empfindet Anna auch, dass die ganze Debatte ständig personalisiert wird: Varoufakis wird in Deutschland zur Projektionsfläche für allerlei gefühltes Halbwissen, Merkel wird in Griechenland zum Feindbild.

Dennoch bleibt Anna auch hier differenziert: Sie sieht gar nicht so sehr die Fehler bei den deutschen Politikern. Die versuchen ihrer Meinung nach eine legitime Strategie zu verfolgen. Aber genau das, so ergänzt sie, versuchen ja auch die Griechen: Sie sind am Ende und sie wollen ihren Arsch retten. Sie denkt: Keiner weiß eine echte Lösung. Nicht die Griechen. Aber eigentlich würden auch die EU und der IWF ein unrealistisches Ziel verfolgen: So schnell wie möglich das Geld zurück zu bekommen. Ob das realistisch sein kann – die Frage stehe nicht im Raum. Die Schuldenrückzahlung stehe im Vordergrund – eine politische Lösung des Problems sei nicht in Sicht.

„Ich sehe mich ein bisschen als Stimme von Griechenland, weil ich finde, dass die von den deutschen Medien sehr klein gehalten wird. So weit ich kann, versuche ich da Aufklärungsarbeit zu leisten.“

* * *

Alle drei, Konstantinos, Michalis und Anna haben ihre Freizeit dafür geopfert, sich mit dem Thema Griechenland zu befassen. Sie haben eine andere Perspektive als Halbbetroffene, sie kennen beide Seiten gut. Und sie kommen zu erstaunlich ähnlichen Ergebnissen. So stellen sie unisono infrage, ob die geforderten Reformen wirklich dazu taugen, Griechenland aus dem Tief zu ziehen. In den Medien wird meistens nur kolportiert, dass die Griechen „ihre Hausaufgaben nicht machen“. Anna findet: „Es ist aber keine nachhaltige Lösung, wenn Griechenland beispielsweise die Flughäfen veräußert und in privatwirtschaftliche Hände gibt – nicht in eigene Privatwirtschaft in Griechenland, sondern an ausländische Investoren. Ich bin wirklich keine Expertin für Wirtschaft“, fügt sie hinzu, „aber das kann doch keine nachhaltige Lösung sein.“

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N#mmer braucht noch Kohle

Wenn ich eure geneigte Aufmerksamkeit einmal auf das Crowdfunding von Denise Linke lenken dürfte:

ich habe gespendet und finde, das kann man mal machen, das ist eine wirklich spannende Idee. Ich hätte dieses Magazin gerne in meinen Händen, es wäre eine Bereicherung für unsere neuronormative Gesellschaft. Und außerdem hat der holgi einen schönen Podcast mit Denise aufgenommen – von der Dame möchte man schlichtweg gern mehr lesen.

Update: Die 10.000-Euro-Marke ist geknackt und da Startnext netter Weise die Hürde gesenkt hatte, wird es das Magazin nun wohl geben. Wäre jedoch schön, wenn es nicht bei einer einzigen Ausgabe bliebe und deswegen bleibt die Bitte: Werft was in den Topf.

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So, you didn’t know that Wikipedia has a porn problem?

Ich crossposte hier einen Input in eine Debatte, in die ich mich einmal kurz selbst eingeschaltet hatte (und schnell wieder raus geschaltet) und die ich für hoffnungslos hielt. Aber vielleicht gibt es ja doch eine Möglichkeit, einzuwirken und an vermeintlich nichtdiskutierbaren Punkten zu diskutieren… From Larry Sanger’s blog:

—o0o—

I want to start a conversation.

I. Problem? What problem?

So, you didn’t know that Wikipedia has a porn problem?

Let me say what I do not mean by “Wikipedia’s porn problem.” I do not mean simply that Wikipedia has a lot of porn. That’s part of the problem, but it’s not even the main problem. I’m 100% OK with porn sites. I defend the right of people to host and view porn online. I don’t even especially mind that Wikipedia has porn. There could be legitimate reasons why an encyclopedia might want to have some “adult content.”

No, the real problem begins when Wikipedia features some of the most disgusting sorts of porn you can imagine, while being heavily used by children. But it’s even more complicated than that, as I’ll explain.

(Note, the following was co-written by me and several other people. I particularly needed their help finding the links.)

Here is the short version:

Wikipedia and other websites of the Wikimedia Foundation (WMF) host a great deal of pornographic content, as well as other content not appropriate for children. Yet, the Wikimedia Foundation encourages children to use these resources. Google, Facebook, YouTube, Flickr, and many other high-profile sites have installed optional filters to block adult content from view. I believe the WMF sites should at a minimum install an optional, opt-in filter, as the WMF Board agreed to do in 2011. I understand that the WMF has recently stopped work on the filter and, after a period of community reaction, some Board members have made it clear that they do not expect this filter to be finished and installed. Wikipedians, both managers and rank-and-file, apparently do not have enough internal motivation to do the responsible thing for their broad readership.

But even that is too brief. If you really want to appreciate Wikipedia’s porn problem, I’m afraid you’re going to have to read the following.

larrysanger.org/2012/05/what-should-we-do-about-wikipedias-porn-problem/

Feel free to repost!

—o0o—

Diesen Input bekam ich über die Gendergap-Mailingliste. Bitte lest den ganzen Text, er hat viele Beispiele aufgelistet, wo Probleme bestehen. Und es gibt viele viele Probleme. Zum Beispiel, wenn problematische Bilder in Artikeln auftauchen und nicht entfernt werden, obwohl es klar passieren müsste. Wie im „Upskirt“-Artikel der englischsprachigen Wikipedia (ich sprach es dort auch in der Diskussionsseite an).

Es muss irgendwo zwischen dem Zensur-Vorwurf und dem hysterischen Sperren-Rufen einen Weg geben, der mit Verantwortung zusammenhängt. Wie er genau geht weiß ich selbst auch überhaupt nicht. Nur wird man ihn nicht finden, indem man Verantwortung einfach mit dem Zensur-Argument von sich weist. Niemand will Zensur. Aber Porno-Seiten gibt es im Netz zuhauf. Muss eine Enzyklopädie Pornografische Bilder republizieren? Wäre es vielleicht eine erste gangbare Lösung, im gesamten Pornografie-Projekt auf Bilder zu Verzichten und es bei den Texten und Links zu belassen? Ist das nicht auch im Sinne der Wikipedia-Idee selbst, bei der es um freies Wissen geht – nicht um freies Pornobildchen-Sharing. Wo war noch einmal die Idee des Anspruchs auf Qualität? Warum gibt es keine Relevanz-Diskussionen darüber?

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Emanzipation ist wie Kaviar

Kristina Schröder ist eine bemerkenswerte Frau. Häufig als dumm und naiv dargestellt, steckt hinter der Fassade eine knallharte und berechnende Politikerin. Es ist daher an der Zeit, sie endlich ernst zu nehmen und von ihr zu lernen.

Es war meine eigene Mutter, die mich vor längerer Zeit einmal völlig aus der Fassung brachte, indem sie mich allen ernstes fragte,was ich denn von dieser Kristina Schröder hielte. Ob ich die denn nicht toll fände, weil sie doch so jung, dynamisch und so emanzipiert sei. Meine eigene Mutter dachte, ich sei ein Fan Kristina Schröders! Sie schien zu glauben, die Familienministerin und ich stünden für ein und dasselbe Bild einer jungen Frau „unserer“ Generation. Ich war dermaßen irritiert, dass ich nichts anderes wusste, als darüber hinwegzugehen. Diese Ignoranz steht beispielhaft für einen Fehler meiner linksliberalen Filterblase: Wir nehmen Kristina Schröder schon lange nicht mehr ernst.

Was aber meine Mutter wohl zu ihrer Überlegung antrieb, waren diese nicht wegdiskutierbaren Fakten: Als erste Ministerin mit Kind setzt Kristina Schröder komplett neue Maßstäbe in der politischen Repräsentation junger Mütter. Sie zeigte sich völlig unbekümmert über die massiven Angriffe aus der eigenen Klientel, dass sie schon nach kurzer Zeit wieder den Ministerinnen-Sitz bezog. Meiner Mutter fiel im Gegensatz zu mir auf, dass dies eine bahnbrechende Tat darstellte. Für viele ist es im Gegensatz dazu einfacher, sie als dumm und dilettantisch abzustempeln, als sie ernst zu nehmen. Es tut vielen jungen Menschen, Männern wie Frauen, nahezu körperlich weh, auszusprechen, dass Kristina Schröder, die Ende der Siebziger geboren wurde, „Eine von uns“ sei. Ähnlich sozialisiert, ähnlich im Werdegang, mit ziemlich modernen Ansichten. Nein – uns rollen sich die Zehnägel auf! Mit der wollen wir nicht in einen Topf geworfen werden! Dieses wir, damit meine ich diese „irgendwie linke“ gesellschaftliche Gruppierung im Alter von Anfang 20 bis vielleicht Ende 30, die teilweise parteilos in sozialen Netzwerken organisiert ist, teilweise vielleicht den Piraten oder den Grünen, den Linken oder der SPD nahesteht. Ja wir würden doch alles ganz anders machen, wären wir Ministerin in diesem Kabinett! Wir würden antirassistische Initiativen stärken. Wir würden das Elterngeld reformieren. Anstatt die ganze Care-Arbeit zu privatisieren und damit wieder vor allem auf die Frauen abzuwälzen, würden wir massiv in den Ausbau von Qualität und Quantität staatlicher Angebote investieren. Wir hätten da so einige Ideen! Stattdessen dürfen wir in Kürze das Betreuungsgeld begrüßen. Und können es nicht fassen.

Das Betreuungsgeld als Prüfstein der Parteitreue

Die Debatte um das Betreuungsgeld nahm in den vergangenen Tagen noch einmal richtig an Fahrt auf und ist ein Paradebeispiel machtorientierter Politik. In der Volkspartei CDU hat sich der Einzelne der Gesamtideologie zu unterwerfen – auch Schröder sieht jeden Abgeordneten in dieser Verantwortung, wie sie schon in ihrer Doktorarbeit betont. So ist es völlig unerheblich, ob die OECD, wie jüngst geschehen, den wirtschaftlichen Gesamtschaden des Betreuungsgeldes mahnend antizipiert. Ein Volker Kauder, sonst ein ganz patenter wenn es um die Ausrichtung der Politik auf ökonomische Interessen geht, stellt das Konzept keinesfalls infrage. Angela Merkel verliert kein böses Wort darüber. Es ist die große „Partei-Responsivität“, wie das Gefühl der Verantwortung für den Willen der Basis in Kristina Schröders Doktorarbeit genannt und empirisch nachgewiesen wird, die alle aneinander kettet – in guten wie in schlechten Zeiten. Genau wie die ebenfalls in jener Arbeit nachgewiesene christdemokratische „ideologische Kernhaltung“, die darin besteht, sich für ein leistungsorientiertes Ungleichgewicht zwischen den Menschen und gegen eine gesellschaftliche Umverteilung stark zu machen. Dieser Kitt erlebt durch die Personalie Schröder im Merkelschen Kabinett eine Verjüngungskur. Während sie auf der einen Seite massiv die klassischen konservativen Rollen sprengt und die moderne Vorbildministerin mit Kind ist, aktualisiert sie elitistische und rechte Ideen innerhalb ihrer Partei. Gibt ihnen ein junges und unverbrauchtes Antlitz. Es ist notwendig, genau diese werturteilsfreie Vogelperspektive auf Schröder und ihre innerparteiliche Rolle einzunehmen – ganz in Weberscher Manier. Dann wird man auch ihren eigenen, ebenfalls Weber verehrenden Ansprüchen gerecht. Und dann macht plötzlich alles einen großen Sinn.

Schröder polarisiert wie Koch

Offensichtlich gibt es aus linker Perspektive vieles an der Politik der Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu kritisieren. Sie schaffte das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger ab; sie führt einen offenen Twist mit Ursula von der Leyen über die Frage der Frauen-Quote; sie setzt sich für das Betreuungsgeld ein; sie führte in Dortmund einen Dialog mit Rechtsextemen unter dem Titel „Dortmund den Dortmundern“ und ließ dafür eine unsägliche Menge an Staatsgeldern springen. Es gab einen kleinen Aufschrei, als sie das Thema „Deutschenfeindlichkeit“ auf die politische Agenda setzte und sich ernsthaft darüber besorgte, dass unter den Menschen mit Migrationshintergrund ebendiese weit verbreitet sei. Gräbt man weiter in ihrer politischen Vergangenheit, die in der Hessischen CDU geprägt wurde, findet man Erklärungen: Schröder steht für den Flügel in der CDU, der einmal durch den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch repräsentiert wurde. Sie setzte sich für einen Einbürgerungstest für MigrantInnen ein, wie sie auch die Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft verteidigte, die 1999 Roland Koch zu seinem Wahlsieg in Hessen verhalf.

Weil sie mit dieser polarisierenden Politik viele Beißreflexe auslöst, versuchen nicht wenige Menschen, sie so gut sie können zu demontieren. Eine der erfolgreichsten Methoden der politischen Demontage der vergangenen Jahre ist die Analyse wissenschaftlicher Arbeiten der dynamischen Jung-Helden. Natürlich untersuchten ihre Kritiker auch die Doktorarbeit von Kristina Schröder. Hinweise auf Betrug aber gab es keine, deshalb ließ man die Sache auf sich beruhen. Das ist vielleicht der zweite kapitale Fehler, den wir begingen. Nicht nur lässt sich in der Arbeit ganz eindeutig die Handschrift und somit Denkweise Kristina Schröders erkennen, sie ist darüber hinaus stärkster Ausdruck und Gradmesser eines vielfach unbekannten oder zumindest unbeachteten CDU-Duktus‘. Wes Geistes Kind ist diese Partei, die in diesem Land in absoluten Zahlen auch nach der letzten Sonntagsfrage die meisten Stimmen auf sich vereint? Welchen Politikstil verfolgen ihre Eliten, mit so großem Erfolg, dass sie uns regieren? Während in den Medien scheinbar nur noch der sogenannte „neue Politikstil“ der Piratenpartei gehyped wird, finden sich die Antworten auf diese Fragen bei Kristina Schröder. Diese Frau ist einer der eindrücklichsten Seismografen für die Frage: Was will die CDU? Was will ihre Basis und wofür stehen die Amts- und Funktionsträger der Partei? Vielleicht ist sie sogar der Schlüssel zum Verständnis der oftmals rätselhaft-verschleierten Politik Angela Merkels. Der Schlüssel zum Verständnis eines scheinbar unerklärlichen politischen Erfolges.

Gerechtigkeit als Gleichheit“?

Die Doktorarbeit wurde 2009 abgegeben – gerade rechtzeitig vor der Ernennung zur Ministerin. Sie erörterte darin ein umstrittenes Dilemma der Politischen Philosophie: Wie viel Gleichheit braucht und verträgt die Gerechtigkeit? Bemerkenswert ist der Einstieg: Sie zitiert den ehemaligen Ministerpräsidenten Mecklenburg-Vorpommerns, Harald Ringsdorf, mit den Worten: „Die Ostdeutschen haben eine große Sehnsucht nach Gleichheit.“ Weiter zitiert sie, dass ebendiese Ostdeutschen nach Ringsdorf deswegen lieber allesamt trocken Brot äßen, anstatt hinzunehmen, dass alle Brot mit Margarine bekämen und einige wenige sich zusätzlich Kaviar drauf schmieren könnten. Ein interessanter Aufhänger, prägend für die Stoßrichtung der Arbeit. Ebenso vielsagend wie die Tatsache, dass die Autorin an keiner Stelle ihrer Arbeit eine Distanzierung zu dieser recht gewagten Unterstellung Ringsdorfs vornimmt.

Was ihr zudem in beachtenswerter Weise gelingt ist eine Profilabgrenzung der CDU gegen alle anderen Parteien (außer der FDP): Die CDU sei eben diejenige Partei, die immer für den Kaviar eintrete und die durch die Bank und auf allen Ebenen nonegalitaristisch geprägt sei. Mit wenigen Worten tut sie die umfangreiche Gerechtigkeitstheorie eines John Rawls ab – nein, so denke man in ihrer Partei einfach nicht, und das sei auch gut so.

Doch es kommt noch besser: Schröder entdeckt ein paar Ungereimtheiten in den Antworten der CDU-Mitglieder: Da kreuzten nahezu alle jene Antworten an, die als Hinweis auf eine nonegalitäre Einstellung gewertet wurden. Manche aber kreuzten zusätzlich noch Antworten an, die ein egalitäres Denken offenbarten. Natürlich findet Schröder umgehend eine Erklärung für diese Ausreißer ihrer schönen, ansonsten beinahe uniformen Statistik: „Die Zustimmung zu egalitären Einstellungen steigt mit einer ostdeutschen Herkunft, einem höheren Alter, einem niedrigeren Einkommen, einer niedrigeren Bildung“ erklärt Schröder lapidar. Und um keinen Zweifel an dieser Tatsache zu lassen, dass linke Flausen wohl mit niederer Klasse und schlechter Bildung zusammenhängen müssen, konstatiert sie: „Hierzu passt, dass die ostdeutschen Abgeordneten, die vermutlich noch oft durch die Auseinandersetzung mit einem sozialistischen System geprägt sind, den nonegalitären Einstellungen stärker zustimmen als ihre westdeutschen Kollegen.“ Denn, so Schröder weiter, nachdem sie erfolgreich das Reizwort „sozialistisch“ in ihrer Arbeit platziert hat: „Die Abgeordneten sind jeweils im Schnitt jünger als die Mitglieder, formal höher gebildet und verfügen über ein höheres Einkommen.

Emanzipation ist der Kaviar

Schröder blickt sicherlich, wenn sie von den jungen, den höher gebildeten und besser verdienenden Abgeordneten spricht, vor allem auf sich selbst. Als sie diese Worte schrieb, war sie bereits sieben Jahre lang Bundestagsabgeordnete. Mit 25 hatte sie den Einzug in das Parlament geschafft. Davor war sie fünf Jahre lang Mitarbeiterin bei einem CDU-Abgeordneten gewesen. Ihre politische Karriere begann sehr früh: Mit 14 Jahren entschied sie sich zum Eintritt in die Junge Union. Auch kommt sie selbst aus einer gut situierten, akademischen Familie. Für Schröder alles Selbstverständlichkeiten. In Kürze erscheint ihr erstes geschlechterpolitisches Buch. Es wird den Titel „Danke, emanzipiert sind wird selber!“ tragen. Schröder ist keine Feministin und überzeugt, dass keine Frau eine sein sollte, das zeigte sie bereits in ihrem ausführlichen Interview mit dem Spiegel 2010. Mit ihrem Buch unterstreicht sie diese Einstellung. Eine Einstellung, die übrigens in der Gesellschaft große Popularität erfährt – gerade auch bei den Piraten. Schröder setzt auf die Eigenleistung der Frauen und denkt offenbar, dass der modernen Frau, so sie denn will, keine Türen mehr verschlossen blieben. Die sogenannte „gläserne Decke“ gibt es bei ihr schlichtweg nicht. Der beste Beweis ist sie schließlich selbst: Sie hat es geschafft – in einer Männerpartei!

Der Logik ihrer Doktorarbeit folgend, ist es auch gar nicht nötig, dass Schröder sich tiefergehende Gedanken um all jene machen müsste, die weniger privilegiert sind, als sie. Die dort skizzierte Gerechtigkeitstheorie impliziert Ungleichheit in allen gesellschaftlichen Sphären. So lange es allen Menschen auf einem Existenzminimum gut geht, sei das okay – die Margarine eben. Sprich: Die Privilegien, die nur wenige genießen können, sind völlig in Ordnung, an denen muss man nicht rütteln. Deswegen muss sich die Ministerin in ihren eigenen Augen wirklich nicht darum kümmern, dass andere Frauen (vor allem je nach sozialer Lage und Bildung) „selber“ so emanzipiert sein können, wie sie und ihre Co-Autorin Caroline Waldeck, eine leitende Mitarbeiterin des Familienministeriums. Vielleicht ist den beiden Frauen sogar vollkommen klar, dass es von Einkommen und sozialem Stand abhängt, ob eine Frau – vor allem mit Kind – emanzipiert leben kann. Wie alles, was man sich leisten können muss, gibt es sie halt nur für Wenige – und das ist im Schröderschen Denken vollkommen okay. Emanzipation ist eben der Kaviar.

(Dieser Artikel erschien zuerst im Freitag. Diese Version ist die ungekürzte und ursprüngliche Fassung.)

Zum Nachlesen: Köhler, Kristina: Gerechtigkeit als Gleichheit? : eine empirische Analyse der objektiven und subjektiven Responsivität von Bundestagsabgeordneten, Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss., 2010.

und ab 16.04.: Schröder, Kristina und Waldeck, Caroline: Danke, emanzipiert sind wir selber : Abschied vom Diktat der Rollenbilder, München: Piper, 2012

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Ein Rückblick mit Anti-Flausch-Komponente

Noch schnell vor Ostern und vor dem Umzugsstress eine kleine Linkschleuder, damit das einfach mal erwähnt ist, was in meinem Instapaper geduldig wartend herumliegt:

Giving Women the Access Code
>> Sehr guter Artikel über die verschiedenen Probleme im Bereich Frauen und Informatik. Mit dem tollen Schlusssatz einer, die es durchgezogen hat:

“If you’re constantly pushing yourself, and putting yourself in new environments, you’ll feel it over and over again,” she said. “So the only really important thing is not to let it stop you.”

es östert sehr. Bild (CC BY-NC-SA 2.0) von 30003019 via Flickr: http://www.flickr.com/photos/30003019/425477231/

Changing our culture of consumption
>> Oh ja – spannend, spannend! Wie färben sich Klasse und Kultur eigentlich auf unsere Einstellung zur Umwelt ab? In Salon spricht die Autorin von „True Wealth“ darüber, wie sich Konsum und Umweltschutz gegenseitig bedingen. Wie man am Konsum ansetzen muss, wenn man die Umwelt schützen will. Lang aber lesenswert.

Überlegungen zur repräsentativen Demokratie
>> Auch Antje Schrupp denkt über die repräsentative Demokratie nach und ist zuerst kurz überrascht, dass es doch auch ganz passabel damit läuft – auch wenn diese positive Überraschung nicht länger als einen Blogpost halten mag.

Presse und Freiheit
>> Julia Schramm ist Piratin. Und manchmal auch schnell auf 180. So wie viele PiratInnen. Impulskontrolle ist nicht immer deren beste Disziplin – aber das macht nichts. Das ist unterhaltsam. Nun schlägt Julia oftmals auch sehr nachdenkliche und politisch sinnierende Töne an. Besonders gut gefallen hat mir ihre Reflexion über die Presse, die bösen Schlagzeilen und wie damit umzugehen sei.

„Nur weil ich schwarz bin“
>> Kübra Gümüsay denkt in ihrem fremdwörterbuch ein wenig über die problematischen Implikationen nach, die eine häufige und manchmal unpassende Verwendung dieses Satzes haben kann. Sie denkt sich dabei zurück in ihre eigene Kindheit und holt die damals gemachten Erfahrungen hervor, um aktuelle Diskussionen zu reflektieren. Besonders schön fand ich die Aussage: „Doch wir sagten diesen Satz so oft, gebrauchten ihn so inflationär, dass er seine Wirkung verlor.“

Friedensnobelpreisträgerin verteidigt Homo-Verbot
>> die liberianische Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf hat in einem Interview das Verbot von Homosexualität in ihrem Land verteidigt. 2011 hatte sie für ihren Einsatz gegen die Vergewaltigung von Frauen den Friedensnobelpreis erhalten. queer.de berichtet.

Der erfundene Horror der chinesischen iPad-Fabriken
>> lest es bitte als eine Gegendarstellung einer früheren Meldung einer meiner Linkschleudern – und dankt der FAZ für eine Klärung. Und ich denke mal über das nach, was man einfach so glaubt, glauben muss, schlucken muss und wieviel davon vermutlich einfach nicht stimmt.
(via mh120480)

Chaos der Kulturen
>> So heißt das neue Buch von Necla Kelek, auf das ich mich sehr freue. Ich mag Necla Kelek eigentlich ziemlich gerne, teile ihre Art, an die Dinge heranzugehen bislang beinahe eins zu eins. Der Freitag hat sich hier sehr viel Mühe gemacht und liefert flankierende Artikel und Videos.

„Es gibt eine Menge afrikanischer Blogger, wir hören ihnen nur nicht zu“
>> sagt Ethan Zuckerman und als derjenige, der bereits umsetzt, was ich neulich als „neue“ Idee hatte liefert er einen sehr interessanten Einblick und neuen Standpunkt zu Fragen wie: Was ist eigentlich „Qualitätsjournalismus“? Warum verpasse ich so viel in meiner Filterbubble – und ist das schlimm? Wie überbrücken wir in der Zukunft die Sprachbarrieren, damit das Internet sein Kommunikations- und Informationspotential besser entfaltet. Großes *hach* – und lesen – husch!

Weniger Arbeit für alle!
>> und mit dieser Forderung sprechen die fuckermothers wohl nicht nur mir aus der Seele.

Amerikas unmoralischer Dronen-Krieg in Pakistan
>> ist Thema dieses Salon-Artikels. Eine Debatte, die uns ab jetzt wohl häufiger über den Weg laufen wird. Dronen sind die logische Konsequenz einer „postheroischen Gesellschaft“, sagt Herfried Münkler. Was aber bedeutet das für die Kriege, in denen sie eingesetzt werden? Für die Menschen, die angegriffen werden? Für die Bilder, die um die Welt gehen… 1.000 Fragen.

Feminismus für Fortgeschrittene
>> titelt die Zeit und betrachtet unter diesem Titel die britische Autorin Caitlin Moran und ihr Buch „How to be a woman“. Es ist unter sehr vielen verschiedenen Aspekten gesehen ein sehr interessanter Mensch, der hier schreibt. Aber lest selbst.

Die Entzauberung des Kuschelhormons Oxytocin
>> Solche Artikel mag ich aus Prinzip: Etwas, das Jahrzehntelang als völlig klar galt und fast schon jedem Schulkind bekannt war wird einfach dekonstruiert, weil man quasi das Gegenteil herausgefunden hat. Ja: Oxytocin macht uns irgendwie „flauschiger“ – hach FLAUSCH – aber je flauschiger wir sind, so die Ergebnisse, desto ausgrenzender werden wir. Desto intoleranter gegen das den Flausch störende. Das ist auf so vielen Ebenen spannend! Danke, du Forschung du – du bist eben doch besser, als dein Ruf!

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„God gave us the right to own guns“

Warum heißt dein Blog so komisch und wie spricht man das eigentlich aus?

Diese Frage stellt irgendwie keineR. Und doch merke ich, wie sie in der Luft liegt. Mein erstes, bei WordPress gehostetes Blog hieß auch schon so. Dort erklärte ich auch bereits, wie es kam. Es war die Fehlaneignung einer Anrufung an Daniel Erk.

“Part of the Problem in this world are because of the LEFTIST ELITE!”

hieß es da.

Simone de Beauvoir, Sartre und Che Guevara - Linke Elite. Oder so...

Es lief mir seitdem immer mal wieder dieser Ausdruck über den Weg. Er beschreibt ganz gut, was – ich sag mal – konservative AmerikanerInnen so für Begriffe benutzen, wenn sie mal wieder die Welt bedroht sehen. Verschwörungstheorien sind ja in allen politischen Lagern en Vogue. Die schönsten Zitate:

When will the Leftist Elite learn that God gave us the right to own guns and take them where ever we want with unfettered freedom? Surely this treasonous act will anger God and Jesus and their wrath will smite the evil Leftist elite once and for all! It’s time that we had another boycott!

(Quelle: http://www.mombu.com/culture/afghanistan/t-leftist-elite-revokes-tom-delays-god-given-right-to-bear-arms-3067950.html)

Ja und was die so alles schlimmes getan haben…! Ganz furchtbar:

A classic example of Leftist elitism was pre-Thatcher Britain in the 60s. The British Labour party had nationalized practically all the hospitals leaving only a very small and expensive private sector.

(Quelle: http://jonjayray.tripod.com/elitism.html)

außerdem haben sie aufs Übelste die Denkweise in diesen westlichen Gesellschaften infiltriert! Überall so irre Ideen wie Offene Grenzen, Multikulturalismus und Säkularismus!1!!11!!

The Leftist Elite that captured the youth culture of the 1960’s set us on a course for national oblivion: radical multiculturalism, open borders, the welfare state, affirmative action, an obsession with “diversity,” the embrace of sexual depravity, abortion, the destruction of the family, and a radical secularist ideology that has declared war on Christianity, and the Christian values that underpin the Constitution.

(Quelle: http://www.centerforintelligencestudies.org/From_the_Chairman.html)

Nun ja. Und dann sind es eben diese komischen Querköpfe, die zu Sozialforen fahren und so Sprüche wie „Another World is Possible!“ auch tatsächlich glauben. :) Leute, die 2006 sogar eine eigene Studie wert waren.

Abschließend darf Charles Krauthammer (klick! – lustiger Typ, der) nicht unerwähnt bleiben, dem dieses Zitat zugeschrieben wird:

„The Well Educated, Eminently Qualified Leftist Elite Are Trying To Control Us By Confusing Us With Science And Other Things We Have No Hope Of Ever Understanding“

Es könnte aber auch von „Eminent Conservative Scholar“ Limbaugh
sein, der desweiteren so kluge Dinge sagte wie:

„Being educated is part of Obama’s Communist Gay Feminazi agenda.“

(Quelle: http://www.knowledge-database.org/post/2393248511_2363__%22The%20Well%20Educated,%0A%09Eminently.html)

Ja – und wie spricht man das nun aus? Man spricht diesen englischen Begriff etwas anders aus, als viele meinen. „Elite“ wird dabei eɪˈliːt gesprochen.

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