Es ist nicht schön, so ohne Podcast

Am vergangenen Wochenende war ich in Hamburg und ich war auf dem ersten Hörerinnentreffen meines Lebens, das Holgi einberufen hatte und das wirklich schön war. Am Montag allerdings war ich schon beim Mittagessen ziemlich hinüber und kam dann ernsthaft krank zurück nach Berlin.

Anstatt also am Dienstag einen Lila Podcast aufzunehmen, lag ich den ganzen Tag im Bett. Die meiste Zeit schlief ich, zum Glück, denn mit Dienstag hatte ich den vermutlich schlimmsten Tag zum Kranksein und rumliegen erwischt, den es im ganzen Jahr geben wird. twitter war etwa eine halbe Stunde lang benutzbar. Die ersten Nachrichten vom Absturz der germanwings-Maschine schockierten natürlich und auch ich erfuhr dort zum ersten Mal davon.

Ab da lief im Fernsehen alles in einer bedauerlichen Dauerschleife. Ich nenne sie die Dauerschleife des unwissenden Aufbauschens. In schöner Regelmäßigkeit wurde erst nach Paris, dann nach Berlin, dann nach Düsseldorf und dann noch nach Madrid geschaltet. Eine Korrespondentin nach der anderen wurden Informationspopel aus der Nase gezogen, obwohl sie keine Informationen hatten. So ging das den ganzen Tag. Man zeigte die Anzeige auf dem Düsseldorfer Flughafen, die zufällig jemand gefilmt hatte und die nun als Nachricht herhalten musste „schauen Sie! da steht bei allen anderen Flügen die Landezeit oder ob sie zu spät kommen, beim Flug aus Barcelona steht einfach nichts!“ Ist ja irre! da stand wirklich nichts! wahnsinn.

In meinen Augen haben sich die Medien in dieser Woche nicht mit Ruhm bekleckert. Und ich wünschte, ich hätte einen Podcast aufgenommen am dienstag, anstatt im Bett zu liegen und zu schlafen. Denn in Wochen, in denen ich keinen Podcast aufnehme, werde ich unleidlich. Ich glaube, ich bin süchtig danach, Podcasts aufzunehmen. So viel gibt mir das mittlerweile. Aber ich war krank und die restlichen drei Tage der Woche habe ich meinem stinknormalen Job gefrönt. Das geht dann so, dass ich frühmorgens das Haus verlasse und abends erst so spät wiederkomme, dass ich nicht mehr so gut denken kann.

Nun bin ich also unterpodcastet und das war ich schon einmal, vor ein paar Wochen. Ich werde dann unleidlich und lese die twitterstreams von Feministinnen, die ich nicht leiden kann. Weil ich so unausgeglichen bin. Und immer wieder fällt mir dann ein, dass ich so unleidlich bin, weil ich zu wenig gepodcastet habe.

Ginge es mir gesundheitlich besser, hätte ich gesten wenigstens noch einen ER Ost geschnitten. Aber ich war einfach nur fertig und fiel auf mein Sofa und dann in mein Bett. Nächste Woche wird das hoffentlich besser. Eigentlich habe ich Urlaub, aber ich komme nicht mehr klar ohne das Podcasten. Hoffentlich wird nicht wieder jemand krank :(

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Sich zeigen, posieren, inszenieren

Ein sehr netter Kurzfilm lief mir da über den Weg, der überspitzt zeigt, wie Narzissmus im Netz blüht

ASPIRATIONAL from Matthew Frost on Vimeo.

Und dann ein schöner Text mit Gedanken zu Brüsten und Montagslächeln. Nein: Es geht nicht darum, dass man seinen Ausschnitt nicht zeigen sollte. Manchmal ist der vielleicht einfach drauf und niemand soll sich verstecken. Es geht vielmehr um die Häufung der Zufälligkeit und die Frage, ob ein Lächeln ohne Brüste eigentlich auch noch was Wert ist. Lieblingszitat:

Die Leute interessieren sich vielleicht einfach nicht dafür, auf eine Krankheit aufmerksam zu machen, wenn sie nichts dafür bekommen. Wenn sie aber eine Möglichkeit darin sehen, sich in Szene zu setzen, damit 800 Follower ihnen unter ihr Selfie schreiben, wie phantastisch sie aussehen – dann denken sie vielleicht darüber nach.

Das Blog der Dame heißt übrigens Brücken_Schlag_Worte und sei hiermit empfohlen.

Sehr schön auch der Text von Melanie Mühl:

Jede Zeit sucht sich die Krankheit, die zu ihr passt: Nach dem Ausgebrannten betritt nun der Narzisst die Bühne. Seine Hemmungslosigkeit ist nicht sein einziges Problem.

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Blogbild_Seitenkopf_Berlin-ABC

Guten Tag, wir sind Katrin Rönicke und Holger Klein. Wir fahren mit dem ÖPNV durch Berlin und schauen uns an, was an den Bahnhöfen der Hauptstadt los ist.

Und da ist es, das neue Blog: Holger Klein und ich fahren durch Berlin und steigen an den verschiedenen S- und U-Bahnstationen im Bereich ABC aus. Was wir dort entdecken, das berichten wir auf FAZ.net. Unsere erste Station war der S-Bahnhof Bellevue, den Holgi gar nicht so langweilig fand, wie ich.

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Das Internet vergisst nichts

Richtig – umso wichtiger ist es, dass wir lernen zu verzeihen.

Ich gelte als „manchmal nicht so diplomatisch“(und schlimmeres), weil ich (obgleich in der Regel recht respektvoll und fair agierend) wenn ich wirklich wütend bin, manchmal harte Worte finde. Das ist nicht häufig, aber vielleicht gerade deswegen erschreckend. Denn von mir erwartet man das scheinbar nicht. Und außerdem bin ich eine Frau. Frauen erledigen sowas hintenrum. Fand ich immer schon scheiße.

Andere Menschen sind sehr viel unverholener nicht diplomatisch. Die harten Worte sind ihr Handwerk. Täglich.

Wieder andere Menschen sind in der Regel wie ich, aber manchmal geht es mit ihnen durch und anstatt die Sache zu reflektieren und von mehreren Seiten zu beläuchten, platzt es aus ihnen raus. Undifferenziert wird in alle Richtungen geschlagen, alles kurz und klein – was gerade da ist.

Das Netz ist in solchen Situationen nicht unser Freund. Es vergisst niemals und wenn wir in drei Jahren zu einem Thema etwas zu sagen haben, kann es gut sein, dass jemand unsere Sünden von heute heraussucht. All das kennen wir schon aus dem analogen Leben, den Grünen fliegen gerade Fehler von vor dreißig Jahren um die Ohren. Während man bei der CDU/CSU sehr schnell verzeihen kann. Und das ist vielleicht ihre Stärke. Weiterlesen

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Die innere Kritikerin zum Schweigen bringen

Vielleicht habt ihr schon mitbekommen, dass ich ein kleines Fangirl von Laura Lejeune bin. Laura hat einen Youtube-Kanal zum Thema Selbsthilfe bei Depressionen und Selbstverletzung.
Eines der ersten Videos, das ich von ihr fand, war „Silencing your inner critic“, das sie letzten Oktober aufgenommen hat. Ich war durch die Recherche zum Fall von Amanda Todd auf sie gestoßen.
Hier also das Video:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=HSI6YiJ0Rb0]

Sie sagt, sie wollte ein leichtes Video zur Verfügung stellen. Ich finde es nicht so wirklich leicht. Denn mir stellen sich bis heute einige Fragen – dennoch komme ich nicht umhin einzusehen, dass etwas anderes an vielen Stellen nicht hilft. Oder?

Wer ist die innere Kritikerin?

„Die innere Kritikerin ist die Stimme, die deine Zuversicht sabotiert. […] Es ist diese Stimme, die dir erzählt, was du falsch gemacht hast, was du hättest tun sollen, was du sein solltest. […] Schritt Nummer eins ist akzeptieren, dass die Stimme von dir kommt“

Es ist ein bisschen schwierig, diese Stimme so nach innen zu verlagern. Was mich zum Beispiel umtreibt, ist die Frage nach der Grenze. Wo beginnt dieses Innen und wo endet das Außen. In der Kürze des Videos wird diese Frage überhaupt nicht geklärt. Diese Stimme kommt schließlich oft genug von außen. Ziemlich viele, sehr konkrete äußere Stimmen wissen ziemlich oft, was man so alles falsch gemacht hat. Stimmen, die nach innen wandern können. Und bin ich dann wirklich selbst verantwortlich? Im Grunde ist das eine Sicht, die alle Verantwortung zu denjenigen schiebt, die leiden. „Nicht deine Eltern, nicht deine Bullies, nicht deine Freunde – du bist es!“ sagt Laura. Immer wieder blieb ich beim Betrachten des Videos daran hängen. Für mich eine der deprimierendsten Stellen. Denn wer die Stimmen nach innen wandern lässt, hätte ja gerne, dass sie von außen verstummen, etwas anderes sagen. Die Eltern, die Bullies, die Freunde.

In der Welt in der wir leben, die eine schlechte ist, führt leider kein Weg daran vorbei, diese Stimmen nicht mit nach innen zu nehmen. Das ist die bittere Erkenntnis. Welche Stimmen innen drin sind, das bestimmen wir selbst. Die da draußen, die liegen außerhalb unseres Einflussbereichs und die müssen wir im Zweifelsfall loslassen. Das schwierige daran ist der Balanceakt zwischen „ich lasse es los und höre nicht mehr hin“ und „ich nehme ernst, was andere sagen, denn das haben sie verdient“. Oder besser: Es ist wahnsinnig schwierig, zu entscheiden, wann man welche Reaktion wählen soll. Muss ich das ernstnehmen oder kann das weg? Über dieses Problem könnte ich mir ewig den Kopf zerbrechen (und werde ich vermutlich auch). Tendentiell jedoch, das weiß ich und deswegen finde ich dieses Video hilfreich, muss ich mit meiner konkreten Disposition, lernen, Dinge abzuschütteln und nicht so nah an mich ranzulassen. Abgrenzung.

Rituale des Verzeihens und des Loslassens

„Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen. […]Du kannst nichts dagegen machen, du kannst es nicht mehr ändern.“

Hier denke ich: Nein. Zeit zurückdrehen natürlich nicht. Aber wenn ich an etwas zu knabbern habe, das in der Vergangenheit liegt – ist es dann wirklich sinnvoll, es einfach so ab zu tun?
Ich las vor einigen Wochen einen ähnlichen Tipp in meinem Entrümpelkalender. Der Kalender war nicht nur für meine Wohnung gedacht, sondern immer wieder gab er mir Tipps um Gedanken- und Gefühlsballast zu entrümpeln. Diese Idee scheint mir interessant. Zum Beispiel sollte ich, dem Kalender zufolge, Leuten verzeihen. Aufschreiben, wie sie mich verletzt oder wie sie mich wütend gemacht haben und in einem echten Ritual verzeihen. Mir kam das komisch vor. Aber ich habe es getan – ich habe aktiv verziehen. (Dummerweise hat das insofern nichts gebracht, als dass die Verletzung einfach wiederholt wurde… Aber warum nicht das Ritual zu gegebener Zeit auch wiederholen?). Aktives Verzeihen ist keine Hexenkunst, scheint es. Dennoch können die meisten Menschen das heute nicht mehr. Bringen wir es unseren Kindern eigentlich noch bei?
Der zweite Kalendertipp war, sich in einem ähnlichen Ritual seiner Stärken und seiner Schwächen bewusst zu werden und im Zusammenhang mit den Schwächen auszuloten, ob sie änderbar sind, ob man sie ändern will und wenn es nicht zu ändern ist: Sie loszulassen. Sich so sein lassen. Das eigene So-sein akzeptieren. Auch Laura empfiehlt, die negativen Gedanken über sich selbst aufzuschreiben und mit etwas Abstand, eine Woche oder mehr, darauf zurückzukommen, es zu lesen und zu schauen, ob es wirklich immer noch so dramatisch scheint. In der Hoffnung, dass es das dann nicht mehr tut.
Das heißt nicht, und kann nicht heißen, dass eine Geschichte aus der Vergangenheit einfach ausradiert wird. Gelöscht. Sie ist das. Sie ist ein Teil von uns. Vielleicht denken wir manchmal an sie und mit Sicherheit haben wir durch sie etwas gelernt.

Die innere Kritikerin – nicht nur die Böse

Im Großen und Ganzen hat Laura einen Punkt. Es liegt bei uns, wie wir mit unserer inneren Kritikerin umgehen. Aber sie zum schweigen bringen – in aller Radikalität – wird selten gelingen. Zudem scheint es mir nicht erstrebenswert. Ich mag meine innere Kritikerin auch ein bisschen. Sie erlaubt es mir, mich selbst in Frage zu stellen. Sie macht, dass meine Skepsis nicht vor mir selbst halt macht. Dass ich auch mich selbst skeptisch betrachten kann und mich frage, ob ich einen Fehler gemacht habe. Dass ich mich nicht nur an anderen abarbeite.
Sie hat für mich eine gute und eine schlechte Seite. Die schlechte Seite zeigt sich meistens abends, wenn sie wie in einer Willi Wiberg Geschichte als ein Ungeheuer abends unter meinem Bett liegt und zu Gedankenkreisen führt. Und verhindert, dass ich zu angemessener Zeit die Augen zumache. Sie zeigt sich aber auch von ihrer guten Seite, wenn ich durch das lange nächstliche Nachdenken am nächsten morgen vielleicht müde bin, aber dennoch ein bisschen mehr einschätzen kann und ein bisschen eine bessere Ahnung habe, wo meine Fehler wirklich liegen. Das Ungeheuer liegt ja nicht immer völlig grundlos unterm Bett. Manchmal bin ich ungezogen und manchmal bin ich nett. So wie alle Menschen.

Aber wenn die Stimmen von außen meinen Schlaf bestimmen, wenn sie so laut werden, dann führt genauso oft kein Weg daran vorbei, sie zum Schweigen zu bringen – zumindest was die eigene innere Resonanz darauf betrifft. I am the Master of my Mind.

„Du musst mit dem arbeiten, was du hast. […] Du musst diese Gedanken herausfordern. Sie sagen dir vielleicht, dass du hässlich bist, aber du bist niemals gut genug! Du bist never ever gut genug. Sie sagen dir, du seist minderwertig im Vergleich zu anderen Leuten. Dass du nicht gut genug bist. – DU BIST GUT GENUG!

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Träume: Das innere Holodeck

Träume sind unser mobiles Holodeck, in dem wir uns auf Dinge vorbereiten können, die wir auf keine andere Art lernen können – zum Beispiel unser Leben zu retten.

Angeregt durch #CRE195 zum Thema Gehirn, durch das ich mich mal wieder auf den neuesten Stand in Sachen Gehirn gebracht habe, dann weiter besprochen in der Märchenstunde „Sechse kommen durch die ganze Welt“ mit Björn und Max, eine kleine persönliche Idee zur alten Frage: Wozu träumen wir eigentlich?

Wie ich bereits in der Märchenstunde ansprach, habe ich die Theorie, dass wir träumen, um zu lernen. Diese Theorie habe ich im Spätwinter/Frühjahr 2007 entwickelt, auf der Basis von nichts anderem, als einem Traum. Der ging so: Ich ging durch die Straßen meines Kiezes, es war im Zwielicht, da begegnete mit ein Mann, der sich als „Schlitzer von Friedrichshain“ herausstellte. Als ich das registrierte war ich natürlich geschockt und ich erstarrte, woraufhin ich im Traum mein Leben ließ. Tja.

Killertraum Klappe die Zweite!

Das seltsame an diesem Traum war, dass er einfach von vorne losging. Neustart. Killertraum Klappe die Zweite! Gleiche Szene, gleiche „Überraschung“ (die nun natürlich nicht mehr so überraschend war) und ich probierte so nach und nach, in der dritten, vierten und fünften Neuaufnahme der „Quest“ verschiedene Strategien aus, von Flucht, über Angriff und verbales Einlullen, diesen Typen davon abzubringen, mich nicht einfach umzubringen. Irgendwann wachte ich einfach auf. Und erinnerte mich an den Traum. Oder besser die Träume? Die Idee kam mir noch am gleichen Tag: Mein Gehirn hat etwas geübt, das es sonst nicht hätte üben oder lernen können, denn es passiert ja nun zum Glück eher nicht so häufig, dass gefährliche, nach meinem Leben trachtende Männer mir in meinem Kiez begegnen. Wenn mir aber nur einer begegnet, ist mein Leben schlimmstenfalls vorbei. Vielleicht ist es deswegen nicht schlecht, dass es eine Möglichkeit gibt, sich durch „üben“ auf Dinge vorzubereiten, die man normalerweise nicht übt oder lernt. Wir träumen also, um zu lernen. Um Dinge zu üben – zumindest ist das wohl einer der Gründe für Träume. Gerade die schlechten Träume, in denen es uns an den Kragen geht, können so eine neue Bedeutung erhalten.

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Diese Idee, diese Theorie und die Entdeckung fand ich selbst ganz schön bahnbrechend! Ich hatte nie zuvor davon gehört, dass irgendwer das Träumen so erklärt hatte und ich sah mich schon einen wissenschaftlichen Artikel für das Magazin Science verfassen und als Entdeckerin berühmt werden! Dennoch kam ich irgendwann in meinem Wahn auf die Idee, zu googlen, ob jemand anderes vielleicht schon diese Idee gehabt hatte. Die Idee, im Traum zu lernen, ist eigentlich alt, wurde nur bislang eher plump angegangen: Man spielte Menschen im Schlaf irgendwelche schlauen Kassetten vor und dachte, am nächsten Tag könnten sie den darin vermittelten Wissenskanon. Etwas naiv. Interessanter waren dann schon Experimente mit Leuten, die Tetris spielten – und die nach mehreren Stunden Tetris am Tag dann auch anfingen, davon zu träumen. Das kommt mir ja SEHR bekannt vor :D

Lernen nur als Wiederholung?

Experimente mit Ratten haben gezeigt, dass sie in einem Labyrinth besser zurecht kamen, wenn sie zwischendrin mal schlafen konnten – im Schlaf rekapitulierten sie das Gelernte. Doch das sind alles noch immer etwas andere Versuche und Theorien, als das, was ich entdeckt hatte: In den Rattenversuchen und in allen Theorien, die es zum lernenden Träumen schon länger gab, ging es immer darum, bereits versuchtes oder schon gelerntes zu verstärken. Ganz selten soll auch schon manche_r eine Matheaufgabe am nächsten Morgen gelöst haben, an der er_sie noch am Abend davor verzweifelt war. Und dass zwischen dem Lernen für eine Klausur und der Klausur selbst immer eine Nacht liegen sollte, in der man das Gelernte festigt und verstetigt – das ist irgendwie auch so eine sehr weit bekannte Tatsache. Nur: Dass wir in unsere Träumen Dinge lernen, die wir nicht erleben (können), also in völlig neue Situationen gestellt werden, mit teilweise krassen und natürlich überfordernden Entscheidungen konfrontiert werden, in denen wir üben können, angemessen mit ihnen umzugehen – das war neu! Oder?

Paul Tholey und die Klarträume

Dass diese Art von Träumen nur mir passiert – das hielt ich von Anfang an für unwahrscheinlich. Tatsächlich gibt es eine ganze Menge Menschen, die solche Träume haben und diese Träume haben einen Namen: Klarträume – die Wikipedia ist euere Freundin, wenn ihr euch da weiterbilden wollt. Paul Tholey hat sie sogar definiert:

  1. Der Träumer ist sich darüber im Klaren, dass er träumt.
  2. Der Träumer ist sich über seine Entscheidungsfreiheit im Klaren.
  3. Das Bewusstsein ist klar, es gibt keine traumtypische Verwirrung oder Bewusstseinstrübungen.
  4. Die Wahrnehmung der fünf Sinne ist wie im Wachzustand.
  5. Es besteht Klarheit über das Wachleben, also darüber, wer man ist oder was man sich für den Klartraum vorgenommen hat.
  6. Nach dem Traum gibt es eine klare Erinnerung.
  7. Der Träumer ist sich über den Sinn des Traums im Klaren.

Mindestens vier Punkte treffen aber auf meinen „Killertraum“ nicht zu. Und damit war er kein Klartraum.

Interessant finde ich, dass Klarträume in der Wissenschaft scheinbar selten oder kaum berücksichtigt werden. Erst recht findet sich beim Suchen nach dieser Art der Träume nicht sehr viel aus der Neurobiologie oder Psychologie. Auch der häufig synonym verwendete Begriff des „Luciden Träumens“, was bedeutet, aktiv in den Traum einzugreifen und ihn bewusst zu steuern, ist bislang wenig untersucht (2009 gab es dann wohl mal Versuche im Schlaflabor – zwei Jahre nach meiner „Entdeckung“ ). Stattdessen erfreut sich aber die esoterische Industrie einer regen Verbreitung ihrer „Traumdeutungs“-Literatur, sogar Apps für mobile Endgeräte können damit erworben werden. So sind sie, die Menschen.

Ein Finne war schneller

Im Endeffekt hatte ich glaube ich wirklich etwas Neues entdeckt (ein bisschen zumindest) und ich hatte auch große Lust, es weiter zu untersuchen und auszuarbeiten, es mit einer soliden Theorie zu unterfüttern. Ich war ja eine aus der Biologie kommende Erziehungswissenschaftlerin und ich wollte gerne eine biologisch-neurologisch fundierte Theorie des lernenden Träumens erarbeiten. Doch ich stieß im Netz auf einen Artikel (den ich leider jetzt nicht mehr auffinden kann – wenn da jemand etwas findet, immer her damit!), der mir genau diese Theorie unterbreitete. Ein Finne (war es glaube ich – kann mich da aber auch irren) hatte etwa sechs Wochen zuvor diese Entdeckung/Theorie in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht: Träume sind dazu da, Dinge zu lernen. Dass wir in Träumen Dinge verstetigen, die wir schon geübt haben, sei klar – neu aber sei, dass wir auch Dinge lernen, die wir in unserem realen Leben nicht lernen und üben könnten. Es sei dabei nicht entscheidend, ob es Klarträume seien, oder solche, die am nächsten Morgen im Nirvana verschwunden sind. Diese Theorie wurde in jenem Artikel als bahnbrechend gelabelt und als ziemlich einzigartig. Der Artikel untermalte die Theorie des Finnen mit dem Bild des Holodecks, das Star Treck Fans kennen dürften.

Natürlich war ich super baff. Sechs Wochen vorher! Das war einerseits frustrierend, es hat mich andererseits aber auch umgehauen. Manchmal ist man versucht, an ein die Welt umspannendes Kollektivbewusstsein zu glauben, oder?

Die Idee, dass unsere Träume ein Holodeck sind, die hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Sie es besonders deswegen sehr schön, weil sie meine Beziehung zu meinen Alpträumen sehr entspannt hat. Wenn mal wieder einer mich des Nachts zum Schwitzen gebracht hat, dann sage ich mir heute: Habe ich wieder was geübt, dass ich sonst nicht lernen könnte. Braves Gehirn :)

PS: ich finde vieles nicht mehr, was 2007 zu dieser Theorie im Netz war und ich bin dankbar über weitere Links und Texte zu dem Thema, falls es da mehr gibt, als ich jetzt auf dem Schirm habe und finden konnte.

Foto CC-BY 2.0 von Vinoth Chandrar via Flickr.com.

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Warum ich twitter verlasse

Ja, klingt erstmal schnappatmungsverdächtig: Ich werde twitter verlassen. Nach beinahe vier Jahren ist es für mich an einen Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr weiter twittern möchte. Zum Warum gibt es viel zu sagen, der Hauptgrund hat sich in einem Bild niedergeschlagen:


Ich werde twitter verlassen und die gewonnene Zeit in Hobbys investieren. Und in die Wikipedia.

Ich fühle mich auf twitter mittlerweile wie in einem goldenen Käfig. Es hält mich gefangen. Auf zweierlei Arten: Erstens ist der soziale Druck dort ins für mich kaum mehr erträgliche gestiegen. Während ich am Anfang noch immer dachte „Oh, das muss ich twitter sagen!“ – hieß es gen Ende für mich nur noch: „Oh, dazu sag ich auf twitter besser nichts!“

Zweitens liefen die Informationen von etwa 500 Menschen in meine Timeline und mehrmals täglich geschah es, dass ich mich für mehrere Stunden an einer einzigen davon aufhängen konnte. Kein einziges Mal habe ich twitter besucht, damit ich mich hinterher stundenlang ärgere oder mir den Kopf zerhacke – aber es ist mir hunderte Male schon passiert.

In meinen twitter-Kreisen ist es etwas ungemütlich geworden. Die einen sprechen von „Teams“, die sich gebildet hätten, die anderen nannten es „Misstrauen“ – „der Feind“ könne überall sein. Fakt ist: Es ist viel kaputt gegangen. Und zwar Vertrauen. Früher war mehr Wohlwollen, Vertrauen und konstruktiver Austausch. Mittlerweile ist es die Häme und das Gemotze, das meine TL ungenießbar gemacht hat.

Und ich nehme mich davon nicht aus. Ich habe es sicherlich nicht mit @dieKadda getan, oder selten. Aber mein Rage-Account hat denen, die mir folgten, genau das teilweise beschert, was mich selbst immer wieder an twitter so gefangen hielt: ungefilterte Emotion und wer sich nicht gut abgrenzen kann, der/die hat eben gelitten.

Nun könnte mensch sagen: Well – clean up your Timeline! Aber genau das will ich nicht. Ich habe das ein paar Mal gemacht und bei vielen, die ich entfolgen müsste, kann ich es nicht, denn ich mag sie und ich will sie wirklich nicht verletzen. Ich „mute“ schon ganz viel, schalte sie also in verschiedenen Clients stumm. Aber es wird nicht wirklich besser. Wenn MW über „Kackscheiße“ schreibt, wird sich meine gesamte Timeline einen ganzen Tag darüber echauffieren. Das finde ich Kacke und Scheiße – ich hätte gern mehr Contenance. Ich habe das öfters einmal getwittert. Aber es ist vergebens.

Jesper Juul sagt: Gib die Hoffnung auf und du wirst Glücklich sein.

Ich gebe die Hoffnung auf. Twitter wird und soll sich nicht ändern. Das wäre vermessen, es zu erwarten. Und es ist nicht nötig. Viele Freunde, die ich dort kennen lernte, sind mir offline häufige Gesprächs- und BiertrinkpartnerInnen. Wir teilen mehr, als nur das Netzwerk. Und jede einzelne Stunde im Real Life mit einem Menschen bringt mir mehr, als zwei Stunden auf twitter. Vor allem: Die Diskussionen können tiefer gehen, man kann auf den anderen als Menschen eingehen, ihn und seine Meinung kontextualisieren usw… Außerdem entsteht so Vertrauen – das ich auf twitter so schmerzlich vermisse (aber auch das ist zu viel verlangt: twitter ist kein Ort, an dem Vertrauen wachsen kann, oder zumindest nur in Einzelfällen).

Grace Dent hat in „How to Leave Twitter“ sehr gut und auf lustige Art herausgearbeitet, warum twitter das Potential hat, aus uns die schlechtesten Seiten hervorzuholen. Es macht süchtig, wirklich. Zumindest war ich defintiv süchtig. „Dudes in a moral panic“ finden hier einen Hort, für alle ihre Empörung. Das ist okay, aber ich bin davon mehr als erschöpft.

Ein weiterer Grund ist: Ich brauche mehr Zeit für Dinge, die mir gut tun. Sport. Malen. Da ich berufstätige Mutter bin, studiere und X Ehrenämter habe, fällt die freie Zeit nicht vom Himmel. Die muss ich mir nehmen. Was ich hiermit selbstbestimmt mache.

Und noch eins: Andreas Kemper schreibt in einem Artikel, dass es die Maskulisten geschafft haben, mit einer breit angelegten Kampagne eine Autorin aus der Wikipedia zu vergraulen. Da mögen manche sagen „Wikipedia ist halt scheiße – ein weiterer Beweis! Wer da mit macht ist ja auch selbst schuld!“ – ich sehe das aber wie Andreas:

Gleichzeitig ist Wikipedia sehr wichtig. Die Angriffe gegen Fiona und andere Wikipedia-Autorinnen geschahen ja genau aus diesem Grund. Wikipedia könnte auch Spaß machen, wenn Grundlagen für ein diskriminierungsfreies Arbeiten dort geschaffen werden. Verkehrt ist es aber auch nicht, gleichzeitig Alternativen zu Wikipedia aufzubauen. Es gibt z.b. das www.genderwiki.de/ Vielleicht leidet Wikipedia auch unter seiner Monopolstellung.

Schon seit Ende 2010 habe ich mir, und hat Frau Lila als Initiative sich auf die Fahnen geschrieben, bei der Gender Gap-Schließung in der Wikipedia aktiv zu helfen. Ich/wir finde/n das wirklich wichtig, denn ich/wir sehe/n in Wikipedia ein grundsätzlich tolles Projekt.
Bislang war das vor allem eine beratende Hilfe. Aber ich sehe mittlerweile die Notwendigkeit, dass ich wieder aktiv in der Wikipedia mitschreibe. Mir laufen regelmäßig Artikel und Themen über den Weg, bei denen ich etwas beizutragen habe. Das werde ich tun. Fiona Baine ist gegangen. Das ist sehr schade. Aber damit das nicht wieder passiert, müssen wir dort mehr werden.

Ein Letztes: Ich werde meinen Account @dieKadda nicht löschen, sondern mein Blog (immer) und meine Instragrams (gelegentlich) dort hinein twittern. Ich habe allerdings bereits seit Wochen mein Passwort an meinen Freund abgegeben und seitdem kann ich mich nicht mehr einloggen. Ich habe keine Timeline. Eure DMs sehe ich zwar, kann ich aber nicht dort beantworten. Mentions gehen ins Leere, sorry. Ihr findet in diesem Netz alle einen Weg, wie ihr mich erreichen könnt.

Es war im Übrigen sehr schön auf twitter und ich möchte diese Zeit nicht missen.

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Lies das mal richtig!

Der Umgang mit Kinderbüchern und Filmen, die nicht politisch korrekt sind, ist schwierig – es braucht aber nicht andere Figuren, sondern Eltern, die sie einordnen können.

Bild: CC-BY-ND 2.0 by allthecolor via flickr.com

Inspiriert durch den Podcast Märchenstunde, von Björn Grau und Max Winde über Aschenputtel, geht es diesmal um die Frage: Wie sollen wir Erwachsenen damit umgehen, dass Kinderbücher voller Stereotype und fragwürdiger, etwa diskriminierender Botschaften sind?

Angefangen bei den alten Märchen kann sicherlich gesagt werden: Vorsicht vor den Jahrhunderte alten Gender-Stereotypen. Die Auswüchse können schlimm sein: In der Geschichte Rumpelstilzchen, die es unter anderem auch als kleines Pixi-Büchlein gibt, kommt es quasi zu einer Vergewaltigung der Müllerstochter durch den König. Das habe ich einmal nichtsahnend vorgelesen – danach ist es sofort in den Müll gewandert. Natürlich spielen die Märchen zu einer völlig anderen Zeit. Die Gepflogenheiten und die Rollen waren noch viel fester, starrer und für uns heute kaum nachvollziehbar. Gewalt fand in einem gänzlich größerem Ausmaß statt. So gesehen sind Märchen vielleicht ohnehin besser geeignet für ältere Kinder und Jugendliche. Wann auch immer diese eben dazu in der Lage sind, durch unsere Hilfe zu kontextualisieren.

Es einordnen und die „anderen Zeiten“ berücksichtigen, in denen ein Werk entstanden ist, das ist eine recht wichtige Methode im Umgang mit Geschichten, die man heute so nicht mehr erfinden oder erzählen würde (oder leider oftmals doch noch). Ein recht bekanntes und pikantes, emotional aufgeladenes Beispiel ist in diesem Zusammenhang der Streit über die Verwendung des Wortes Neger in den Pippi-Langstrumpf-Geschichten. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie der beste Umgang damit wäre  Dabei hat er zuerst beim Vorlesen selbst interveniert und aus der Negerprinzessin eine Südseeprinzessin gemacht. Pragmatisch und zielführend. Wie aber geht man verantwortungsvoll mit der Fernsehserie um?

Sie nicht schauen, weil die Bücher ausreichend sind, ist eine Methode. Doch wenn einem die Serie ans Herz gewachsen ist und man die filmische Umsetzung auch an seine Kinder weitergeben will? Anatol Stefanowitsch würde antworten: Schicken wir Pippi doch in den Ruhestand. Sie sei so voller Diskriminierungen, dass es keine gute Methode gebe, sie Grundschul – oder gar Kindergartenkindern zu zeigen. Das Problem ist: Spätestens bei dieser Forderung steigen ganz viele VorleserInnen und Erwachsene aus der Diskussion aus. Pippi von Bord gehen zu lassen – das bringen wir nicht übers Herz.

„Barbamama“ ist Hausfrau

Wo wir gerade bei den Fernsehserien sind: Eine Zeichentrickserie, die gerade ein kleines Revival erlebt, sind die Barbapapas. Das sind bunte Wesen, die sich in alles verwandeln können, was sie wollen. Viele Kinder lieben diese Familie. Aber: Der Held ist fast immer „Barbapapa“, er rettet viele Menschen. Seine Frau, „Barbamama“, ist eine Hausfrau. Die Serie ist in den Siebzigern entstanden. Dass hier heteronormativ die Kleinfamilie abgebildet wird war damals fast die Regel. Doch die Stereotype in Barbapapa sind heute schmerzhaft. Die Kinder sind klar entlang von Mädchen- und Jungen-Rollen konstruiert. Was also tun?

Hier ist es wichtig, den Fokus nicht zu sehr auf eine einzelne Geschichte zu legen, sondern eine Vogelperspektive darauf zu werfen, womit man die Kinder „beschallt“. Ist das ein buntes Angebot mit vielfältigen Geschlechterrollen und Familienbildern? Dann sehe ich an Barbapapa nichts dramatisches. Als ein Angebot, eine Geschichte von vielen, ist es nicht mehr so schlimm. Andere und weniger normative Rollenbilder sind vorhanden.

Nicht geschlechtslos

Willi Wiberg zum Beispiel hat einen Papa, keine Mama. Sein Papa ist sehr fürsorglich und liebevoll. Zusammen erleben sie ganz alltägliche Mini-Dramen, die viel Spaß machen und ein positives Menschenbild vermitteln. Ein weiteres schönes Rollenbild ist Die kleine Hexe von Lieve Baeten. Sie ist zwar ein Mädchen, eine Hexe eben, aber sie ist ein Kind, mit dem sich alle Kinder identifizieren können. Das vergessen übrigens wir Erwachsenen gerne, wenn wir Kinderbücher kritisch hinterfragen: Dass Identifikationsfiguren für alle Kinder nicht geschlechtslos sein müssen (wie dies oft in Tiergeschichten versucht wird), sondern dass sie sich so verhalten müssen. Kinder denken oft viel freier und weniger eng und kategorisiert, als Erwachsene. Da kann sich auch ein Junge mit Pippi Langstrumpf identifizieren. Ein Mädchen fühlt sich als Seppel (einer der beiden Hauptfiguren in Otfried Preußlers Räuber Hotzenplotz). Das ist für Kinder häufig noch keine Frage von Belang. Im Gegenteil: Wir Erwachsenen sollten bei unserer Überaufmerksamkeit die Vorstellungskraft der Kinder nicht unterschätzen und sie schlimmstenfalls durch unsere Sorgen einschränken, indem wir laut Dinge sagen wie „Aber der Seppel ist doch ein Junge – wie schade, dass es bei Otfried Preußler keine Mädchen gibt, die den Räuber zur Rechenschaft ziehen.“ Im Gegenteil: Unsere Aufgabe ist es, sie zu bestärken, sich mit allem zu identifizieren, womit sie wollen – jenseits von unseren eigenen Normen in Bezug auf Geschlecht.

Sei wie du bist, Kind

Und auch für diskriminierungsfreies Denken sind Kinder offener. Auch hier kann ihre Fähigkeit, sich mit allem möglichen zu identifizieren, genutzt werden. In Ganz toll! von Trish Cooke hat die Hauptrolle ein schwarzes Kind und es wird eine Atmosphäre durch das Erzählen geschaffen, in die sich alle Kinder hineinfühlen und hineinfantasieren. Ähnlich die Geschichte Das kleine Ich bin Ich von Mira Lobe. Es ist bunt und sieht aus wie kein anderes Tier auf der bunten Blumenwiese und in den Gewässern. Zuerst ist es deswegen traurig, aber dann lernt es, sich so zu akzeptieren, wie es ist. Sei wie du bist, Kind – so heißt die durchgehende Botschaft Astrid Lindgrens und die vieler anderer AutorInnen, etwas Kirsten Boie. In dieser Haltung sehe ich die entscheidende Brücke, zwischen Political Correctness (Ich benutze den Begriff hier nicht abwertend! Im Gegenteil) und dem Wunsch, Geschichten-Schätze nicht zu vergraben, sondern weiter zu geben. Wir Erwachsenen müssen es in unserer Haltung gegenüber Kindern schaffen, ihnen als Grundwert und Rüstzeug mit auf den Weg zu geben, dass alle Menschen das gleiche Recht auf ihre Würde haben. Dazu müssen unsere Kinder am eigenen Leibe die Erfahrung machen können, sein zu dürfen, wie sie sind. Das ist der erste und wichtigste Schritt im Sinne einer diskriminierungsfreien Pädagogik. Wenn sie das an sich selbst nachspüren können, werden sie besser in der Lage sein, auch andere so zu behandeln.

Über Geschichten sprechen

Es kommt also weniger auf die Politische Korrektheit der Geschichten an, als auf all jene, die Vorlesen und mit daran beteiligt sind, Kindern Werte vorzuleben. Es kommt weniger auf die Inhalte von Büchern an, als auf unsere Art zu lesen und mit den Kindern über die Geschichten zu sprechen. Man muss nicht alles wegschmeißen: Man kann es umschreiben und in einen größeren Bezugsrahmen einbetten. Wir haben nämlich immer noch auch selbst in der Hand, wie unsere Kinder mit Geschichten umgehen – wir sind nicht bloß ausgeliefert und fremdbestimmt. Genauso wenig wie unsere Kinder – zumindest im Idealfall.

Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf freitag.de

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Ich diskriminiere Eltern, weil die Gesellschaft mich diskriminiert

Dieser Artikel enthält neue Ergänzungen

Disclaimer
Sorry. Aber es muss raus. Alle, die es nicht mehr ertragen können, wie ich mich angeblich an Nadine Lantzsch abarbeite (ein Vorwurf, der mir gemacht wurde, den ich nachvollziehen kann, aber den ich nachher nochmal kurz zurückweisen möchte) lesen bitte einfach nicht weiter.

Alle anderen seien willkommen. Ich möchte auch – wenngleich ich mich sehr ärgere, weil ich bei dem Thema eine Betroffenheit verspüre – versuchen mich strikt an die Inhalte zu halten (was ich IMHO auch in der Vergangenheit getan habe, aber für Gegenbeweise bin ich sehr offen, denn auch ich möchte an mir weiter arbeiten. Und mir ist einfach der Diskurs wichtig! deswegen schreibe ich ja auch wieder. Achso – das war eigentlich auch schon das Zuückweisen der Kritik. Ich schreibe solche Texte hier nicht, weil ich was gegen die Person Nadine Lantzsch habe, sondern weil ich das Gefühl habe, dass man ihren Inhalten etwas entgegen setzen muss. Ich schreibe oft dann nicht, wenn andere das eh tun. Aber oftmals sagt halt niemand was – also kann ich nicht anders).

Berichte vom Gendercamp

Ich las in verschiedenen Blogs Berichte vom Gendercamp. Weil ich selbst nicht dort war, aber aus netzfeministischen Gründen durchaus Interesse daran habe, nahm ich mir dafür sogar verhältnismäßig viel Zeit, um ein einigermaßen rundes Bild von den Eindrücken zu bekommen. Angefangen habe ich bei Suzanna, die den Dominanz-Vorwurf problematisiert hat (sehr empfehlenswert! ein für mich ziemlich wichtiger Beitrag zu einer Debatte, die mich auch zerknirscht macht. aber off topic hier). Mehrere Leute verlinkten in ihren Posts auf Medienelite. Also sortierte ich das als „wichtig“ ein und landete dann doch dort (denn ja: ich versuche, dem Vorwurf aus dem Weg zu gehen, ich würde mit „Allianzen“ und „Methoden“ böses gegen sie tun… das kann ich aber nur, indem ich es nicht lese… was gut funktioniert – vermutlich für beide Seiten netter so).

Der Text war zuerst auch für mich recht unproblematisch. Die Autorin fühlte sich auf dem Gendercamp weitestgehend wohl. Das ist doch gut. Denn die meisten anderen auch. Wie ich aber auch anderswo schon las, scheinen die Kinder dort eine wahnsinnige Irritation gewesen zu sein. Aus der Ferne scheint es, als seien ganz schön viele völlig menschliche Verhaltensweisen dramatisiert und dann stigmatisiert worden. Nicht jedeR mag Kinder, nicht jedeR kann mit Kindern. Und wenn ein Mann sich etwas zurückhaltend verhält, wenn es an die Aufteilung der Betreuung geht, weil er keinerlei Erfahrung und in dem Bereich wenig Selbstvertrauen hat (zumindest weniger, als in anderen Bereichen), dann ist es IMHO recht unwirsch, diesem dann Kackscheiße-Verhalten an den Kopf zu knallen. Wie war das mit der Dominanz? Vielleicht gibt es irgendwo auch einen Punkt, an dem die Problematisierung von allem und jedem Verhalten so dominant wird, dass es ausgrenzend wird. (Eine These, die ich an die These knüpfen möchte, dass eine inhaltliche Debatte in der Kategorie der Moral zwangsläufig dazu führt, dass mindestens ein Teil der Debatte beendet wird).

Bei Medienelite aber stand mir dann doch der Mund offen. Es beginnt damit, dass konstatiert wird es solle

für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen sich mit Kindern unwohl fühlen, und zwar, weil ihnen der Elternstatus, das Recht auf Familie abgesprochen wird oder schlicht körperlich nicht in der Lage sind/sein dürfen, Kinder zu bekommen oder zu erziehen/zu betreuen.

So weit, so nachvollziehbar. Es folgt eine kurze Erklärung, warum die Autorin selbst Betroffene ist und wie das System es ihr als Lesbe – und vielen anderen – erschwert, Kinder zu haben. Dann wird es aggressiver:

Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen. Die eigene Performance darf im Zusammenhang mit Privilegien als (körperlich) unversehrter CisMensch und in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung lebend ruhig überdacht werden.

Das ist eine Darstellung, die sowohl gegenüber den Adressierten, als gegenüber den Lesenden zutiefst unfair ist. Denn hier wird ein Urteil gefällt, ohne dass Beweise geliefert werden. Was genau ist eigentlich diese „Inszenierung“? Ich kann mir darunter absolut gar nichts vorstellen? Wie machen Menschen das – und noch viel wichtiger: Was genau stellt sich die Autorin vor, wie sich zwei sich liebende Menschen mit einem Kind zu verhalten haben, wenn sie mit diesem unterwegs sind? Wohin soll diese Kritik genau laufen?

Dann von jenen noch unterstellt zu bekommen, eine selbst sei kinderfeindlich, das Thema Kinder sei tabuisiert oder die Anwesenheit von Kindern werde von denen ohne Kinder als heterosexistisch interpretiert, da war für mich echt Ende im Gelände. Hier zeigte sich ganz offensichtlich die wenig queer-sensible bzw. heteronormative Struktur des Camps und ja, diese Vorwürfe und Umkehrungen sind nichts anderes als heterosexistische und transphobe Kackscheiße und ja, sie sind diskriminierend. Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung 1: Dass gerade unter diesem Aspekt, Kinder als “problematisch für andere” von einigen Erziehenden konstruiert wurden, empfand ich als Unverschämtheit. Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Von Verantwortung und Respekt

Ich werde als heterosexuelle Mutter hiermit direkt aufgefordert, dass ich immer, wenn ich mit Kind unterwegs sei, verantwortlich dafür sei, dass ich „dahingehend Sensibilität zu entwickeln“ soll – also umsichtig damit umgehen soll, wenn sich andere unwohl fühlen, wegen meiner Kinder. Ähm – wie genau jetzt nochmal: Ach ja, ich weiß: Ich darf nicht „Heterokleinfamilie inszenieren“ o_O
Ja: Es macht mich wirklich sprachlos. Denn anknüpfend an so vielen wahren Problemen der gesellschaftlichen Diskriminierung wird hier in meiner Lesart nichts anderes betrieben als umgekehrt genau das. Denn wäre ich mit meinen Kindern auf dem Gendercamp gewesen, hätte ich dort diese Konflikte erlebt, dann hätte ich mit sicherheit genauso einen Text, der so ähnlich wie das folgende sein könnte, geschriebenschreiben können:

Es sollte für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen mit Kindern sich unwohl fühlen, da man ihnen permanent, überall – egal ob in der S-Bahn, im Supermarkt oder im Gehaltsgespräch mit dem Chef („Sie haben ja ziemlich oft gefehlt, weil Ihr Kind so oft krank war“) – das Gefühl gibt: Ihr stört und du hast dein Kind und dein Leben nicht im Griff. Ich selbst bin Betroffene eines Systems, das mir ein selbstbestimmtes Muttersein zumindest sehr erschwert, mich aus allen gesellschaftlichen Bereichen ausschließt, in denen es Voraussetzung ist, zeitlich absolut flexibel zu sein und komplett selbstbestimmt; das mir kaum Möglichkeiten gewährt, zu einem ausreichenden Lohn zu arbeiten UND genügend Zeit für die Kinder – und am Ende auch mal für MICH zu haben. Ich bin sehr oft traurig deswegen und mache mir schon seit Jahren Gedanken darüber, und kämpfe politisch dafür, diese Arbeitsstrukturen, aber auch das schwierige Miteinander von Eltern und Nicht-Eltern zu verbessern. Viele Kinderlose blicken überhaupt nicht kritisch auf den eigenen sozialen Status. Viele entscheiden sich beispielsweise gegen “eigene” Kinder oder Erziehungsarbeit, weil sie die Verantwortung scheuen – zurecht: Die ist nämlich Riesengroß! Ich sehe eigentlich alle Menschen in der Pflicht dahingehend Sensibilität zu entwickeln: Wie fühlen sich Eltern? Welche Probleme haben sie und wie kann ich vielleicht mal ein Schärflein dazu beitragen, dass sie nicht permanent überfordert sind und sich ein Bein nach dem anderen rausreißen? Mich nervt es, wenn Menschen ohne Kindern so tun, als seien eigene Kinder auch „eigene Schuld“. Wenn die eigene Performance und Selbstdarstellung wichtiger ist, als auch einmal Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen, wenn der Respekt einfach mal wieder komplett verloren geht, aus lauter Selbstreferentialität.

Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung: Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Dieser Text auf Medienelite ist leider komplett blind für die gesellschaftlichen Probleme von Eltern und spielt eine Diskriminierung gegen die andere aus. Das ist für mich zutiefst erschütternd. Als Mutter geht es mir so, dass ich ein tiefes Bedürfnis nach Solidarität empfinde, wenn ich andere Menschen mit Ausgrenzungserfahrungen treffe. In den vergangenen Jahren habe ich gelernt, dass diese sich mitnichten nur auf Race, Class oder Gender beziehen, sondern dass wir einen tiefsitzenden Sozialdarwinismus, gepaart mit einer turbokapitalistischen Arbeitskultur haben, die ganz bestimmte Menschen einfach abhängt. Einfach abhängt – oder zumindest dafür sorgt, dass diese weit weit hinter ihren Möglichkeiten leben. Ich habe so viele komplett resignierte Menschen kennen gelernt.

Dass das Thema Kinder so prominent auf dem Camp verhandelt wurde, lag auch daran, wer für sich in Anspruch nehmen kann, Dinge zu thematisieren und wer die eigenen Probleme als permanent verhandelbar betrachten kann und wer nicht.

*schnipp*
Es macht mich einfach ratlos. Und das nicht erst seit diesem Artikel.

Die Eltern-vs-Nicht-Eltern-Kiste – please do not reload

Vor fünf Jahren echauffierte ich mich schon über diese schwierige Eltern-nicht-Eltern-Kiste. Sie ist nun wirklich nicht neu, wobei auch ich zugeben muss: Was da vom Gendercamp an Erfahrungen überschwappt hat selbst mich nochmal überrascht! Das hat echt nochmal eine neue Qualität. Als ich aber damals bei Neon.de darüber schrieb, kam ein ziemlich kluger Kommentar, den ich euch zu lesen empfehle, indem ich hier seine Conclusio zitiere:

Jede Form eines Dogmatismus, der Andersartigkeit verurteilt, unterdrückt und bekämpft, ist stets Ursache von Unzufriedenheit und Leid. Wahre Freiheit erlangt man erst durch Toleranz des eigentlich Unerträglichen. Dann gäbe es auch keinen Grund mehr, zwischen Rauchern/Nichtrauchern, Eltern/Kinderlosen, Jungen/Alten, Linken/Rechten, Schwarz/Weiß, Schwarz/Rot, Gold/Gelb, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu müssen: Alles wäre Eins.

das klingt vielleicht naiv und nicht machbar. Aber als Vision und Maxime meines Handelns ist es sinnvoll: Wer mir unterstellt ich inszenierte HeteroKleinfamilie ist nicht auf Dialog und Respekt bedacht, der erzeugt nur neue Unzufriedenheit und neues Leid – zuallererst in sich selbst, über das Aufschreiben dann auch bei anderen.

Ergänzungen 21:47 Uhr, 23.05.2012: Die Blogs, die ich außerdem las waren Antje Schrupp, Glücklich Scheitern, Simon Kowalewski, Adrian Lang. Das darf hier gerne als Leseempfehlung interpretiert werden.

Änderung 24.05.2012, 19:15 Uhr: den letzten Absatz würde ich so vermutlich nicht nochmal schreiben. der ist eigentlich überflüssig, zu pathetisch und wirr…

Ergänzung 25.05.2012, 12:51 Uhr: Einen sehr ausführlichen und lesenswerten Beitrag aus Sicht eines Menschen der sowohl dem AwarenessOrga-team angehörte als auch ein Kind dabei hatte möchte ich noch empfehlen: „Das GenderCamp war kein Ponyhof“. Spannend finde ich vor allem die zwischen den Zeilen hervorkommende Feststellung dass man sich nicht einerseits über „Unsichtbarkeit“ beklagen und andererseits einfach nichts sagen kann. Und die Bitte, Kritik doch am besten in einem Gespräch miteinander anzubringen, weil das ein Weg sei, der anderen Möglichkeiten eröffnet, zu Handeln. Problematisch finde ich, wenn der Eindruck entsteht, ein Elternpaar, das Händchen hält, würde HeteroKleinfamilie inszenieren – was mir am Ende des Blogposts ein bisschen so ging. Hier würde ich immer noch gerne mehr diskutieren, was das sein soll, dieses „Inszenieren“ (Henning Wötzel-Herber, dem Autor, war es letztendlich auch nicht klar, was konkret das heißen soll). Problematisch finde ich daran weiterhin, dass die Verantwortung (in meinen Augen unzulässiger Weise) auf die Eltern verschoben wird (siehe dazu auch den Schluss des Kommentars von A.S. weiter unten).

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Die Mutter aller Sorgen

Am Muttertag fiel wieder auf: Mütter und Töchter – das kann eine ganz schwierige Kiste sein. Wobei das ein ziemlich geschlechterstereotypes Denkmuster ist. Oder?
 
Am Sonntag (13. Mai) war Muttertag, und ich kenne viele Freundinnen, die auf verschiedene Art und Weise an diesem Tag zu knabbern haben. Und sie haben auch unterschiedliche Strategien entwickelt, damit umzugehen. Die eine ruft bei ihrer Mutter an und weiß, dass es Kritik hageln wird, warum sie nicht öfters anrufe und dass sie ihre Mutter missachte. Die andere ruft erst gar nicht an, weil der Muttertag für sie keine Relevanz mehr hat; die Mutter ist keine besonders wichtige Frau in ihrem Leben mehr, eher eine Frau von vielen anderen, die man alle halbe Jahre einmal kontaktiert. Die dritte hat keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Die vierte ist am Muttertag auf jeden Fall bei ihrer Mutter zu Besuch und feiert mit ihr das gute Verhältnis und quatscht in einem fort mit ihr über das Leben.

Foto: CC BY-SA 2.0, Josef Türk Jun., via Flickr.com

Schon 2008 brachte Claudia Haarmann mit Mütter sind auch Menschen. Was Mütter und Töchter voneinander wissen sollten (Orlanda,
Neuauflage 2012) ein Werk heraus, das aufklären sollte, „was Töchter und Mütter voneinander wissen sollten“. Jetzt erschien die erweiterte Neuauflage. Dabei untersucht Haarmann interessanterweise nur die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern. Natürlich könnte ich das kritisieren. Wo sind die Väter? Was ist mit den Söhnen? Warum werden beide einfach ausgelassen? – Das kann doch nicht gut sein, das stabilisiert doch bloß alte Klischees. Diese Einwände mögen alle richtig sein.

Doch das Buch trifft einen Nerv, es behandelt ein real existierendes Problem – und dieses Problem ist sehr eindeutig abgrenzbar von Themenfeldern wie „Mütter und Söhne“, „Väter und Kinder“ und „Elternkonflikte allgemein“. Haarmann selbst schreibt eigentlich nur auf, was sie einerseits selbst als Tochter beschäftigte, was sie in ihrer Praxis erlebte und was sie erfuhr, als sie sich umhörte und Frauen nach ihrem Verhältnis zur Mutter befragte: Es gibt einfach „etwas“, das diese Beziehung stärker prägt und in vielen Fällen belastet, als alle anderen Beziehungen in unserer Alltags- und Lebensrealität. Diesem „Etwas“ geht Haarmann auf die Spur, und auch wenn sie das nicht expliziert: Damit begibt sie sich gleichzeitig auf die Spurensuche nach einem Geschlechterparadigma, das vielleicht eines der hartnäckigsten in unserer Kultur ist.

Das „Etwas“

Dabei dröselt sie zunächst feinsinnig die vielfältigen Erwartungen an Mütter auf und fokussiert damit bereits einen Quell dieses „Etwas“. Eine Mutter sei bereit, „die Folgen jeder Fehlentwicklung auf sich zu nehmen“. Was sehr pathetisch klingt, ist natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen: Selbst wenn eine Mutter diese Verantwortung von sich weisen mag, ist sie doch bis heute für die Gesellschaft die Hauptverantwortliche für das Wohlergehen ihrer Kinder. Haarmann analysiert: „Unsere Rollendefinition von Mütterlichkeit rechtfertigt Erwartungen, die nie ein Ende finden.“

Das Neue aber ist (und das kommt bei Haarmann noch nicht vor), dass diese Verantwortung sich mittlerweile auch auf die Väter ausweitet. Von „Helikoptereltern“ ist die Rede, von Eltern, die aufgrund dieser Verantwortung, die man ihnen zuschreibt und die sie – ganz wichtig! – auch annehmen, permanent wie Helikopter über den Aktivitäten ihrer Kinder kreisen. Es ist ein anderes Kapitel dieser Geschichte, dass daraus bereits eine sehr lukrative private Förderindustrie erwachsen ist. Auch steht auf einem anderen Blatt, dass der Hyperfokus der ökonomischen Verwertbarkeit von Menschen und ihren Kompetenzen vielleicht einer der zentralen Kulturmerkmale der westlichen Gesellschaften geworden ist, ein Universalismus nahezu, der sich in Bildungsstandards, weltweiten Vergleichstests und nicht zuletzt auf dem Ratgebermarkt zu Elternschaft, Bildungsförderung und Erziehung ausdrückt.

Doch Menschen ohne Macken – wo bitte soll es die geben? Das Leben ist voller Brüche und Irrtümer. Psychotherapeuten sind heute eine der gefragtesten Berufsgruppen. Meistens sind sie auf Monate ausgebucht. Wir haben so viele Macken, dass wir ständig neue Syndrome und Störungsbilder (er)finden, die man therapeutisch, manchmal auch medikamentös, behandeln lassen kann. Wir gehen dermaßen in uns und unsere Geschichte, dass wir ausgehend von unseren aktuellen Problemen nicht anders können, als die Gründe zu suchen, die Verantwortlichen zu finden, die uns am stärksten prägten und formten. Kulturell bedingt sind das für heutige Erwachsene die Mütter. Und auch Studien zeigen, dass die Mutter den größten Einfluss auf die Mathematiknoten eines Kindes hat. Haarmann sagt dazu: „Damit sind wir in der folgenreichsten Dynamik […]: der Schuld.“

Die Mutter als Frau

Sie unternimmt eine recht spannende Reise zur Ursache und auch zur möglichen Auflösung dieses Konflikts. Sie verortet die Ursache in früheren Traumata, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, zum Beispiel Kriegserfahrungen. Und das ist eine Theorie, die sich langsam zu mausern beginnt. Sie sucht in der Neurobiologie nach Erklärungen für gelingende und misslingende Beziehungen, und schlussendlich stellt sie ihre Leserinnen vor eine sehr große Mutprobe: Sie thematisiert den echten und offenen Kontakt zu unseren Müttern. Indem wir nach der Geschichte unserer Mutter als Frau fragten, so legt Haarmann nahe, ermöglichten wir es uns und ihr, in mehr gegenseitigem Verstehen auch einen entkrampfteren Kontakt zu bekommen.

Das Buch nimmt dabei die gesetzten Rollenerwartungen an Frauen – seien sie Mütter, Töchter oder beides – erst einmal als gegeben hin. Es ist wirklich nicht Haarmanns Ziel, diese zu sprengen. Wenngleich man diese Herangehensweise kritisieren könnte, bin ich nach langem Hadern zum Schluss gekommen, dass dies eine große Stärke dieser Analyse sein könnte: Sie holt die Menschen dort ab, wo sie stehen, und lässt sie so sein, wie sie nun einmal sind. Sie vermeidet damit, aufs Neue die Beziehung zweier Menschen mit einer übergroßen und schwierigen Aufgabe zu überladen. Schön aber, dass das Buch Haarmanns Sohn gewidmet ist.

Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de.

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