Intersektionalität im Erscheinungsraum

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Stefan Thesing ist Behindertenpädagoge und er hat sich mit dem ziemlich akademisch daherkommenden, etwas sperrigen Begriff „Intersektionalität“ beschäftigt. In der aktuellen Folge „Erscheinungsraum“ habe ich mit ihm darüber gesprochen. Herausgekommen sind zwei Stunden intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen Diskriminierungsformen und all das in einem, wie ich finde, gut verständlichen Modus. Vielleicht nicht immer in leichter Sprache – diese ist aber auf jeden Fall auch ein Thema. Darüber hinaus geht es um Gehirnforschung, Können und Nichtkönnen und normativ aufgeladene Differenzen.

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Politisch oder ideologisch?

In letzter Zeit fiel mir häufiger auf, dass Menschen zwei Begriffe recht wahllos durcheinander würfeln und den einen wie den anderen zu benutzen scheinen. Diese beiden Begriffe sind „politisch“ und „ideologisch“. Das falsche Verwenden findet in zwei Richtungen statt: Während die einen ihr ideologisches Denken, Schreiben und Argumentieren als „politisch“ euphemisieren, nutzen andere den Begriff „ideologisch“ um damit gegensätzliche politische Meinungen zu diskreditieren.

Doch zuvor und einleitend möchte ich mit den Begriffen „totalitär“ und „extrem“ anfangen, die teilweise schon synonym verwendet werden, zumindest haben sie eines gemeinsam: Sie akzeptieren keine andere Meinung neben der eigenen. Wie Isaiah Berlin schreibt, ist für ihn „totalitär“ (er spricht allerdings von „despotisch“) das Gegenteil von „pluralistisch“ und in meinen Augen damit auch das Gegenteil von „politisch“ (da ich behaupten würde, dass Pluralismus eine Grundeigenschaft des Politischen ist). Den Ursprung von Extremismus und totalitärem Denken sieht er im Monismus, dem Gegenpart zum Pluralismus. Dies ist Denken in der Art „meine Clique ist besser als deine“ und „ich weiß, wie die Welt sein sollte und du hast dich dem zu beugen, weil du es nicht weißt“ (Berlin S. 39). „Allein mein Wissen vermag die bestmögliche Welt zu schaffen“ – deswegen muss sich alles dem widersprechende als falsch und schlechter unterwerfen lassen. Man hat’s halt noch nicht kapiert. Dieses „Es“ ist das, was eine Ideologie ausmacht. Aber schließen wir diesen ersten Teil mit einem zusammenfassenden Wort ab: Wer totalitär oder extrem denkt, akzeptiert neben seiner Weltanschauung keine andere und handelt monistisch, auf dieser Basis sich überlegen fühlend. „Politisch oder ideologisch?“ weiterlesen

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Pelzig: Lügen mit Zahlen

Zahlendrehen, wertlose Zahlen, Statistiken als Politikum – Gerd Bosbach stellt sein Buch „Lügen mit Zahlen“ bei Erwin Pelzig vor. „Statistik ist für Politiker wie der Laternenpfahl für Betrunkene“. Schärft mal euren Blick und lasst euch nicht verarschen. Rürup, Miegel und Konsorten kriegen ihr Fett weg. Ganz große Klasse. Wie sowieso die meisten Pelzig-Shows.
(Dieses Video kommt mit besonderem Schmankerl namens „Henkel im Publikum“ :D )

[youtube http://www.youtube.com/watch?NR=1&v=-P-3Ck2mjXY]

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Träume: Das innere Holodeck

Träume sind unser mobiles Holodeck, in dem wir uns auf Dinge vorbereiten können, die wir auf keine andere Art lernen können – zum Beispiel unser Leben zu retten.

Angeregt durch #CRE195 zum Thema Gehirn, durch das ich mich mal wieder auf den neuesten Stand in Sachen Gehirn gebracht habe, dann weiter besprochen in der Märchenstunde „Sechse kommen durch die ganze Welt“ mit Björn und Max, eine kleine persönliche Idee zur alten Frage: Wozu träumen wir eigentlich?

Wie ich bereits in der Märchenstunde ansprach, habe ich die Theorie, dass wir träumen, um zu lernen. Diese Theorie habe ich im Spätwinter/Frühjahr 2007 entwickelt, auf der Basis von nichts anderem, als einem Traum. Der ging so: Ich ging durch die Straßen meines Kiezes, es war im Zwielicht, da begegnete mit ein Mann, der sich als „Schlitzer von Friedrichshain“ herausstellte. Als ich das registrierte war ich natürlich geschockt und ich erstarrte, woraufhin ich im Traum mein Leben ließ. Tja.

Killertraum Klappe die Zweite!

Das seltsame an diesem Traum war, dass er einfach von vorne losging. Neustart. Killertraum Klappe die Zweite! Gleiche Szene, gleiche „Überraschung“ (die nun natürlich nicht mehr so überraschend war) und ich probierte so nach und nach, in der dritten, vierten und fünften Neuaufnahme der „Quest“ verschiedene Strategien aus, von Flucht, über Angriff und verbales Einlullen, diesen Typen davon abzubringen, mich nicht einfach umzubringen. Irgendwann wachte ich einfach auf. Und erinnerte mich an den Traum. Oder besser die Träume? Die Idee kam mir noch am gleichen Tag: Mein Gehirn hat etwas geübt, das es sonst nicht hätte üben oder lernen können, denn es passiert ja nun zum Glück eher nicht so häufig, dass gefährliche, nach meinem Leben trachtende Männer mir in meinem Kiez begegnen. Wenn mir aber nur einer begegnet, ist mein Leben schlimmstenfalls vorbei. Vielleicht ist es deswegen nicht schlecht, dass es eine Möglichkeit gibt, sich durch „üben“ auf Dinge vorzubereiten, die man normalerweise nicht übt oder lernt. Wir träumen also, um zu lernen. Um Dinge zu üben – zumindest ist das wohl einer der Gründe für Träume. Gerade die schlechten Träume, in denen es uns an den Kragen geht, können so eine neue Bedeutung erhalten.

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Diese Idee, diese Theorie und die Entdeckung fand ich selbst ganz schön bahnbrechend! Ich hatte nie zuvor davon gehört, dass irgendwer das Träumen so erklärt hatte und ich sah mich schon einen wissenschaftlichen Artikel für das Magazin Science verfassen und als Entdeckerin berühmt werden! Dennoch kam ich irgendwann in meinem Wahn auf die Idee, zu googlen, ob jemand anderes vielleicht schon diese Idee gehabt hatte. Die Idee, im Traum zu lernen, ist eigentlich alt, wurde nur bislang eher plump angegangen: Man spielte Menschen im Schlaf irgendwelche schlauen Kassetten vor und dachte, am nächsten Tag könnten sie den darin vermittelten Wissenskanon. Etwas naiv. Interessanter waren dann schon Experimente mit Leuten, die Tetris spielten – und die nach mehreren Stunden Tetris am Tag dann auch anfingen, davon zu träumen. Das kommt mir ja SEHR bekannt vor :D

Lernen nur als Wiederholung?

Experimente mit Ratten haben gezeigt, dass sie in einem Labyrinth besser zurecht kamen, wenn sie zwischendrin mal schlafen konnten – im Schlaf rekapitulierten sie das Gelernte. Doch das sind alles noch immer etwas andere Versuche und Theorien, als das, was ich entdeckt hatte: In den Rattenversuchen und in allen Theorien, die es zum lernenden Träumen schon länger gab, ging es immer darum, bereits versuchtes oder schon gelerntes zu verstärken. Ganz selten soll auch schon manche_r eine Matheaufgabe am nächsten Morgen gelöst haben, an der er_sie noch am Abend davor verzweifelt war. Und dass zwischen dem Lernen für eine Klausur und der Klausur selbst immer eine Nacht liegen sollte, in der man das Gelernte festigt und verstetigt – das ist irgendwie auch so eine sehr weit bekannte Tatsache. Nur: Dass wir in unsere Träumen Dinge lernen, die wir nicht erleben (können), also in völlig neue Situationen gestellt werden, mit teilweise krassen und natürlich überfordernden Entscheidungen konfrontiert werden, in denen wir üben können, angemessen mit ihnen umzugehen – das war neu! Oder?

Paul Tholey und die Klarträume

Dass diese Art von Träumen nur mir passiert – das hielt ich von Anfang an für unwahrscheinlich. Tatsächlich gibt es eine ganze Menge Menschen, die solche Träume haben und diese Träume haben einen Namen: Klarträume – die Wikipedia ist euere Freundin, wenn ihr euch da weiterbilden wollt. Paul Tholey hat sie sogar definiert:

  1. Der Träumer ist sich darüber im Klaren, dass er träumt.
  2. Der Träumer ist sich über seine Entscheidungsfreiheit im Klaren.
  3. Das Bewusstsein ist klar, es gibt keine traumtypische Verwirrung oder Bewusstseinstrübungen.
  4. Die Wahrnehmung der fünf Sinne ist wie im Wachzustand.
  5. Es besteht Klarheit über das Wachleben, also darüber, wer man ist oder was man sich für den Klartraum vorgenommen hat.
  6. Nach dem Traum gibt es eine klare Erinnerung.
  7. Der Träumer ist sich über den Sinn des Traums im Klaren.

Mindestens vier Punkte treffen aber auf meinen „Killertraum“ nicht zu. Und damit war er kein Klartraum.

Interessant finde ich, dass Klarträume in der Wissenschaft scheinbar selten oder kaum berücksichtigt werden. Erst recht findet sich beim Suchen nach dieser Art der Träume nicht sehr viel aus der Neurobiologie oder Psychologie. Auch der häufig synonym verwendete Begriff des „Luciden Träumens“, was bedeutet, aktiv in den Traum einzugreifen und ihn bewusst zu steuern, ist bislang wenig untersucht (2009 gab es dann wohl mal Versuche im Schlaflabor – zwei Jahre nach meiner „Entdeckung“ ). Stattdessen erfreut sich aber die esoterische Industrie einer regen Verbreitung ihrer „Traumdeutungs“-Literatur, sogar Apps für mobile Endgeräte können damit erworben werden. So sind sie, die Menschen.

Ein Finne war schneller

Im Endeffekt hatte ich glaube ich wirklich etwas Neues entdeckt (ein bisschen zumindest) und ich hatte auch große Lust, es weiter zu untersuchen und auszuarbeiten, es mit einer soliden Theorie zu unterfüttern. Ich war ja eine aus der Biologie kommende Erziehungswissenschaftlerin und ich wollte gerne eine biologisch-neurologisch fundierte Theorie des lernenden Träumens erarbeiten. Doch ich stieß im Netz auf einen Artikel (den ich leider jetzt nicht mehr auffinden kann – wenn da jemand etwas findet, immer her damit!), der mir genau diese Theorie unterbreitete. Ein Finne (war es glaube ich – kann mich da aber auch irren) hatte etwa sechs Wochen zuvor diese Entdeckung/Theorie in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht: Träume sind dazu da, Dinge zu lernen. Dass wir in Träumen Dinge verstetigen, die wir schon geübt haben, sei klar – neu aber sei, dass wir auch Dinge lernen, die wir in unserem realen Leben nicht lernen und üben könnten. Es sei dabei nicht entscheidend, ob es Klarträume seien, oder solche, die am nächsten Morgen im Nirvana verschwunden sind. Diese Theorie wurde in jenem Artikel als bahnbrechend gelabelt und als ziemlich einzigartig. Der Artikel untermalte die Theorie des Finnen mit dem Bild des Holodecks, das Star Treck Fans kennen dürften.

Natürlich war ich super baff. Sechs Wochen vorher! Das war einerseits frustrierend, es hat mich andererseits aber auch umgehauen. Manchmal ist man versucht, an ein die Welt umspannendes Kollektivbewusstsein zu glauben, oder?

Die Idee, dass unsere Träume ein Holodeck sind, die hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Sie es besonders deswegen sehr schön, weil sie meine Beziehung zu meinen Alpträumen sehr entspannt hat. Wenn mal wieder einer mich des Nachts zum Schwitzen gebracht hat, dann sage ich mir heute: Habe ich wieder was geübt, dass ich sonst nicht lernen könnte. Braves Gehirn :)

PS: ich finde vieles nicht mehr, was 2007 zu dieser Theorie im Netz war und ich bin dankbar über weitere Links und Texte zu dem Thema, falls es da mehr gibt, als ich jetzt auf dem Schirm habe und finden konnte.

Foto CC-BY 2.0 von Vinoth Chandrar via Flickr.com.

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Bist du ein Sklave des Systems?

Was bedingt, was trägt und was macht man mit: Verschwörungstheorien?

US-amerikanische und deutsche Flugzeuge pusten mit den Abgasen Aluminiumoxid in die Atmosphäre, um die Folgen des Klimawandels zu mildern bzw. das Ozonloch zu „Stopfen“. Erst kürzlich hat man entdeckt, dass es in der Atmosphäre bislang unbekannte Bakterien gibt, die nun durch dieses Aluminiumoxid zerstört werden. In Wahrheit aber zerstören sie den Himmel.

Diese Theorie wird in einem ausführlichen Artikel der Zeitschrift Raum und Zeit weiter beleuchtet: Einige Hunderttausende Menschen hätten schon beobachten können, wie mehrere Flugzeuge in der Luft Kreuz und Quer geflogen seien und einen Teppich aus Gasen gebildet hätten. Das Sonnenlicht breche sich in diesen Teppichen anders, was auf das Aluminiomoxid im Abgas zurückgeführt wird. Nach wenigen Minuten bräche die Lufttemperatur um bis zu 7 Grad ein, die Luftfeuchtigkeit sinke um 30%, eine einsetzende Kälte und Feuchtigkeit würden noch Tage anhalten.

Diese Methode sei beim Us-amerikanischen Patentamt als “ Welsbach-Anreicherung ” bekannt. Ziel sei es, mit Hilfe der sogenannten „Welsbach-Partikel in der Stratosphäre“ den Klimawandel aufzuhalten. Die „Welsbach-Anreicherung“ sei billiger, als die Einhaltung des Kyoto-Protokolls. Die US-Air-Force versuche zudem, mit dieser und anderen Methoden das weltweite Wetter bis 2025 beliebig zu manipulieren und dies militärisch zu nutzen. Die Autorin spekuliert, ob die Methode schon im Kosovo-Krieg angewandt worden sei, denn „im Frühjahr 1999 herrschten über Serbien wochenlang außergewöhnliche Wetterbedingungen“.

CC-By 2.0 von art_es_anna via Flickr.com

Diese Theorie ist kompletter Blödsinn, doch viele Menschen sind weltweit davon überzeugt und basteln weiter und immer weiter daran, sie zu „sichern“, gegen mögliche Gegenargumente zu immunisieren und jegliche Kritik daran als neuerlichen Beweis für ihre Aufdeckung zu verdrehen. Chemtrails sind eine Verschwörungstheorie. Das sagt sogar Greenpeace.

Jeder Zweifel bestärkt die Gläubigen

Ein klassisches Muster bei Verschwörungstheorien ist die Feststellung, wer der Theorie nicht anhänge, sei vermutlich entweder a) schon zu sehr manipuliert oder b) selbst ein Teil der Verschwörung, Nutznießer_in – Profiteur_in.

Ein zweites, nahezu allen Verschwörungstheorien zugrundeliegendes Element ist die übergeordnete Annahme, meistens in Form der Konstruktion von „die Mächtigen“ und „die Regierung“, denen man nicht trauen könne, die korrupt seien. THEM. In aller Regel wollen „die da Oben“ eine „neue Weltordnung“ und haben sehr ausgefeilte Pläne, die nur darauf abzielten, die Mehrheit der Menschen zu unterdrücken. Armin Tsunami ist ein bekannter und verehrter Rapper. Er thematisiert sehr viele Widersprüche und spricht die Ängste vieler aus:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=MKWg4esLLeo]

Unter dem Video steht:

Wacht auf!
Unser Staat ist nicht souverän!
Die EU führt die Todesstrafe wieder ein!
Zensur ist Alltag!
Chemtrails verpesten unsere Luft!
Die BRD ist eine GmbH!

Bist du ein Sklave des Systems?

Nichts hat Verschwörungstheorien so geholfen, wie das Internet. Dabei ist zu beobachten, dass an ihrer Entstehung und Vertiefung oft eine soziale Gruppe beteiligt ist, die sich genau dort finden konnte: Im Netz. Verschiedene Akteur_innen feilen hier immer weiter an einer Verfeinerung und es werden mehr und mehr Details ausgeschmückt. Irgendwann ist überall ein Muster.

Interessant ist die Frage: Warum wollen Menschen an Verschwörungstheorien glauben? Was ist die Motivation? Michael Wood hat in Beliefs in Contradictory Conspiracy Theories das Phänomen Verschwörungstheorie untersucht. Interessant war dabei, dass als Ergebnis klar gezeigt wurde, dass Menschen sogar an mehrere Verschwörungstheorien glauben konnten und wollten, selbst wenn diese einander widersprachen. Er erklärt:

This finding supports our contention that themonological nature of conspiracism (Goertzel, 1994; Swami et al., 2010; Swami et al., 2011) isdriven not by conspiracy theories directly supporting one another, but by the coherence of eachtheory with higher-order beliefs that support the idea of conspiracy in general.

Im Zentrum stehen also nicht die genauen Details der Verschwörungstheorie und auch nicht, ob sie in sich Widerspruchsfrei ist oder logisch – im Zentrum stehen THEM.

Im Interview mit der Standard führt Wood weiter aus, warum Menschen sich so scheinbar irrational verhalten:

Jemand ist eher versucht, an Verschwörungstheorien festzuhalten, wenn er das Gefühlt hat, keine Kontrolle mehr über sein Leben zu haben. Keine Kontrolle zu haben bedeutet in diesem Zusammenhang, dass jemand das Gefühl hat, Dinge würden willkürlich geschehen, und er sich als Opfer dieser Vorgänge fühlt. Als Ausweg macht man sich auf die Suche nach einer Struktur, einer Erklärung, warum Dinge passieren. Eine Verschwörungstheorie kann auf diesem Weg beruhigend wirken.

Ermächtigung und Triumph

Menschen, die sich häufig machtlos fühlen, glauben leichter an Verschwörungen und böse Absichten, als Menschen, die eine Wirkmächtigkeit spüren. Die Verschwörungstheorie kann eine Ermächtigung bedeuten, ja richtige Triumph-Gefühle auslösen: Schließlich sieht man die Dinge viel klarer, als die meisten anderen Menschen. Das Höhlengleichnis von Platon ist schnell bei der Hand – die Erkenner_innen sind erleuchtet und auf dem richtigeren Pfad.

Die Machtlosigkeit ist der Schlüssel zur Erklärung, denn psychologisch gesehen dürfte damit ein höheres Verlangen einhergehen, Sicherheit und Strukturen zu schaffen. Machtlose erkennen Muster, wo es keine gibt – auch das konnte in Studien gezeigt werden.

Ich vermute, dass die Art und Ausgefeiltheit der Verschwörungstheorie eng mit dem Bereich zusammenhängt, in dem ihr_e Urheber_in starke Machtlosigkeit zu spüren bekommen hat. Oft tauchen sie in genau den Bereichen besonders wirkmächtig auf, wo Machtlosigkeit von vielen Menschen geteilt wird. Ein Beispiel hierfür ist die Theorie, dass die Krankheit AIDS von THEM in die Welt gesetzt wurde, um Schwarze und Schwule auszurotten – denn diese seien stigmatisiert und sie waren als erste davon betroffen. Diese Theorie hat alles, was es braucht, um die Welt zu umrunden: Sex, Stigmatisierung, Zweifel und Ängste vor neuen Wissenschaften, THEM.

Verschwörungstheorien sind lustig

Sie nerven. Sie binden sehr viel Energie, spalten Menschen und drängen hart arbeitende Wissenschaftler_innen in eine Rechtfertigungsposition. Michael Wood glaubt nicht, dass man irgend etwas dagegen tun kann, dass sie entstehen. Und nicht jede Verschwörungstheorie ist falsch – manche, zum Beispiel die Watergate-Affäre – stellen sich als richtig heraus. Das ist aber selten. Manche Dinge werden hingegen wohl nie geklärt, wie etwa der mysteriöse Tod des Hackers Tron, dem ich selbst schon auf die Spur zu kommen versucht habe.

Im Großen und Ganzen ist vor allem ein humorvoller Umgang mit ihnen zu empfehlen. Verschwörungstheorien sind ein Teil der Alltagskultur. Sie sind unterhaltsam und ziemlich lustig.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=hG4O6Sh1vRg]

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Bildungsgutscheine und freie Schul-Wahl am Beispiel Chiles:

 

Oder: Wie wirkungsvoll ist das Instrument der ‚Vouchers’?

Hausarbeit vom 15.03.2011 zum Projektseminar: Theorien und Konzepte in der Vergleichenden Bildungsforschung (Wintersemester 2010/2011) bei Dr. Barbara Schulte

Einleitung

In der Vergleichenden Erziehungswissenschaft findet eine ausführliche kritische Betrachtung von Ideen und Instrumenten statt, die weltweit als Mittel gesehen werden, zum Ziel „Fortschritt“ und „Entwicklung“ zu kommen. Wobei allein schon über diese beiden Begriffe eine rege Debatte stattfindet. Da gibt es auf der einen Seite die VertreterInnen einer Idee von „Weltkultur“[1], für die Fortschritt und Gerechtigkeit klar definierte und universelle Werte auf der ganzen Welt sind. Andere theoretische Richtungen, etwa relativistische Theorien[2] oder Ansätze über multiple Modernisierung[3], gehen von kulturspezifischen Rezeptionen und Konzeptionen im Bildungsbereich aus.

In der wissenschaftlichen und politischen Diskussion um die Entwicklung von Bildungssystemen gelten die Instrumente und Ideen der Privatisierung, Dezentralisierung, Schulautonomie, Bildungsstandards und Bildungsgutscheine als beispielhaft für eine universalistische Herangehensweise. Auch ist es gerade in diesem Feld schwer, die politische Dimension von der wissenschaftlichen Arbeit sauber zu trennen: Internationale Organisationen wie OECD, Weltbank und McKinsey haben eigene wissenschaftliche Apparate und geben Studien und Einschätzungen heraus, die stets mit dem Anspruch der Verwirklichung einer bestimmten Politik Hand in Hand gehen. Auch die internationalen Vergleichsstudien wie PISA, IGLU und TIMSS haben die Idee, es gäbe eine universelle Lösung zur Verbesserung von Bildungsangeboten auf der ganzen Welt, weiter verbreitet.  Diese rein Output-orientierte Betrachtung der Bildungssysteme in anderen Ländern und Kulturen basiert gerade auf der Annahme von Standards, die für alle Gültigkeit haben müssten. Kulturelle Disparitäten kommen in dieser Betrachtungsweise nur am Rande vor.

In der vorliegenden Arbeit wird zunächst die Ideengeschichte des Instruments Bildungsgutschein (engl. Voucher) betrachtet, wie sie vom Ökonom Milton Friedman entworfen wurde, unterschiedliche Rezeptionen erfuhr und in der heutigen nationalen und internationalen Debatte stattfindet. Daraufhin wird am sogenannten Muster-Beispiel Chile untersucht, wie Bildungsgutscheine in ihrer konkreten Ausgestaltung konzipiert, umgesetzt und rezipiert werden können. In der abschließenden Diskussion dieser Ergebnisse soll ein möglicher Ausblick auf die weitere Entwicklung dieses bildungspolitischen Instruments gegeben werden. „Bildungsgutscheine und freie Schul-Wahl am Beispiel Chiles:“ weiterlesen

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Die Spaltung der Gesellschaft – Notwendigkeit oder Gefahr?

Betrachtungen über Post-Politik und „Alternativlosigkeit“ bei Chantal Mouffe und Alain Badiou

Eine Hausarbeit aus dem Jahre 2008/2009 zum Vertiefungsseminar Post-Politik und Aufruhr, bei Dr. Marc-Pierre Möll. Wollte ich schon lange online stellen, da ich eigentlich ständig und immer wieder bei Mouffe lande. Macht damit, was ihr wollt.

I. Einleitung

Politikverdrossenheit, Unzufriedenheit mit der Demokratie – vor allem in Ostdeutschland und eine scheinbar immer größer werdende Schere zwischen Armen und Reichen in der Gesellschaft sind Probleme der westlichen Demokratien, die sich gerade in der seit 2008 die Wirtschaft durchschüttelnden Finanzkrise als mehr als akut darstellen. Der unerwartet zahlreiche Einzug rechtspopulistischer Parteien und KandidatInnen in das Europäische Parlament im Sommer 2009 sind ein Zeichen für sehr große Unzufriedenheit der europäischen Bevölkerung mit den hegemonialen politischen und ökonomischen Verhältnissen. Die Kritik am Kapitalismus gewinnt großen Zulauf. Das Vertrauen in die Möglichkeiten der demokratisch gewählten Volksvertreter dem Kapitalismus mit seinen negativen Nebenfolgen Einhalt zu gebieten, sinkt.

Speziell in Deutschland herrscht zugleich mit der Großen Koalition von SPD und CDU – von Linken und Konservativen, von einer „Neuen Mitte“, eine Politik des Stillstands, des Ausharrens und des größtmöglichen Konsenses. Viele Menschen reagieren mit Abneigung. Die großen Volksparteien sinken in der Gunst ihrer Wähler rapide. Die SPD hat sich gar mehr oder weniger gespalten – die Linkspartei übernimmt nun viele ihrer ehemaligen Wähler und Mitglieder mit ihrer kapitalismuskritischen und teilweise sogar antiparlamentarischen Politik.

Viele WissenschaftlerInnen und Publizisten betrachten diese Entwicklungen mit Sorge. Droht eine Spaltung der Gesellschaft? Wie kann sie wieder zu Zusammenhalt, zu einem neuen starken Glauben an die Demokratie kommen? Welche Mittel und Wege, welche Reformen sind nötig um diese Ziele zu bewerkstelligen? „Die Spaltung der Gesellschaft – Notwendigkeit oder Gefahr?“ weiterlesen

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Crozier / Friedberg: Die Zwänge kollektiven Handelns. Über Macht und Organisation.

Diese Ausarbeitung eines Textes von Friedberg und Crozier kam mit neulich wieder in den Sinn, als ich über unintendierte Effekte sinnierte. Ich schrieb sie am 14.09.2008, als Abschluss meines Proseminars „Macht und Herrschaft“ bei Dr. Jürgen Mackert. Macht damit, was ihr wollt – ich hoffe, es ist irgendwie eine Anregung.

Das Ziel der beiden Autoren, Michel Crozier und Erhard Friedberg, ist es, Organisationen und organisiertes Handeln von Menschen zu analysieren. Damit haben sie zugleich eine eigene Organisationssoziologie entworfen, die bis heute in den Bereichen Management und BWL viel Beachtung erhalten und von zahlreichen Autoren als Grundstein weiterentwickelt wurden. Im Zentrum der Betrachtungen der beiden Autoren stehen der Akteur und das System/die Organisation, sowie ihre wechselseitige Beziehung und Beeinflussung. In der Analyse dieser Wechselbeziehung gehen die Autoren wie folgt vor:

1. Grundannahmen über die Beziehung von Akteur und System
2. die Rolle des Spiels in dieser Beziehung;
3. Theorie über die Zwänge kollektiven Handelns
4. die Rolle der Macht in den Spielen
5. Theorie über den sozialen Wandel im System aufgrund von Macht
6. Organisation als Problem
7. Strategisches Vorgehen von
8. Quellen von Macht in Organisationen.
Diese acht Punkte werde ich nun ausführlicher erläutern.


1. Grundannahmen zu Akteur und System/Organisation:

Als Ausgangspunkt für die Analyse betrachten die Autoren das strategische Denken auf der einen und das systemische Denken auf der anderen Seite. Diese beiden Denkschulen sind weder dem Akteur, noch dem System selbst zuzuschreiben, sondern beziehen sich dabei auf die allgemeine analytische Betrachtung, die Methodik, die ein Wissenschaftler anwendet, wenn er System und Akteur zu beschreiben versucht.
Das strategische Denken fokussiert die konkreten Erfahrungen des Akteurs sowie sein Erleben; das systemische Denken basiert auf den Kohärenzgesetzen und hierarchischen Zielsetzungen, die in einem System inhärent sind. Somit ergeben sich auch unterschiedliche Ziele: das Ziel des Strategischen Denkens ist es, das irrationale Verhalten von Akteuren durch spezifische Zwänge des Systems zu erklären; das systemische Denken hingegen versucht, die kontingenten, willkürlichen und nicht-natürlichen Dimensionen der konstruierten Ordnung des Systems wiederzufinden. Aus den unterschiedlichen Ausgangspunkten und unterschiedlichen Zielen ergeben sich damit automatisch auch zwei verschiedene Vorgehensweisen: während das strategische Denken heuristisch vorgeht, und auf diese Weise nach den realen Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen der Akteure im System sucht, wendet das systemische Denken eine neue, eine geradezu „systemische“ Kausalität an, welche sowohl die Ursachen, als auch die Wirkungen jeglichen Geschehens als voneinander abhängig und dem System inne liegend betrachtet.
Die Autoren sagen: „Beide Vorgehensweisen sind widersprüchlich und komplementär zugleich“. Sie versuchen also, beide Denkweisen miteinander zu verknüpfen.

2. Das Spiel

Eine wichtige Rolle im Ansatz von Crozier und Friedberg spielt das sogenannte „Spiel“: Darunter verstehen die Autoren einen sozialen Interaktionsmechanismus, der indirekt zwischen den relativ autonomen Akteuren abläuft und sich in oft widersprüchlichen und divergierenden Verhaltensweisen ausdrückt. Das Spiel ist ein Instrument kollektiven Handelns und – was bedeutsam ist – es wurde von Menschen „erfunden“, gleich, ob diese Erfindung bewusst oder unbewusst getätigt wurde. Der Sinn und die Aufgabe dieses Instruments ist es, jegliche Zusammenarbeit dahingehend zu regeln, dass Abhängigkeits- und Machtverhältnisse klar strukturiert werden. Das ist wichtig, da nach der Theorie Friedbergs und Croziers in jeder Art der Zusammenarbeit und Interaktion auch Machtverhältnisse entstehen. Das Spiel macht es einfacher, diese zu verstehen und sich ihnen zu fügen – oder auch nicht. Denn das ist entscheidend: Dem einzelnen Akteur bleiben trotz einiger fester Regeln, die er vorfindet, eigene Freiräume offen, er behält in einem bestimmten Rahmen Optionen zur freien Entscheidung für sich – eine davon kann es zum Beispiel sein, sich dem Spiel nicht anzuschließen und nach einem geregelten Mechanismus daraus auszusteigen – aber dazu im Kapitel „Macht und Spiele“ mehr.

„Crozier / Friedberg: Die Zwänge kollektiven Handelns. Über Macht und Organisation.“ weiterlesen

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So, you didn’t know that Wikipedia has a porn problem?

Ich crossposte hier einen Input in eine Debatte, in die ich mich einmal kurz selbst eingeschaltet hatte (und schnell wieder raus geschaltet) und die ich für hoffnungslos hielt. Aber vielleicht gibt es ja doch eine Möglichkeit, einzuwirken und an vermeintlich nichtdiskutierbaren Punkten zu diskutieren… From Larry Sanger’s blog:

—o0o—

I want to start a conversation.

I. Problem? What problem?

So, you didn’t know that Wikipedia has a porn problem?

Let me say what I do not mean by “Wikipedia’s porn problem.” I do not mean simply that Wikipedia has a lot of porn. That’s part of the problem, but it’s not even the main problem. I’m 100% OK with porn sites. I defend the right of people to host and view porn online. I don’t even especially mind that Wikipedia has porn. There could be legitimate reasons why an encyclopedia might want to have some “adult content.”

No, the real problem begins when Wikipedia features some of the most disgusting sorts of porn you can imagine, while being heavily used by children. But it’s even more complicated than that, as I’ll explain.

(Note, the following was co-written by me and several other people. I particularly needed their help finding the links.)

Here is the short version:

Wikipedia and other websites of the Wikimedia Foundation (WMF) host a great deal of pornographic content, as well as other content not appropriate for children. Yet, the Wikimedia Foundation encourages children to use these resources. Google, Facebook, YouTube, Flickr, and many other high-profile sites have installed optional filters to block adult content from view. I believe the WMF sites should at a minimum install an optional, opt-in filter, as the WMF Board agreed to do in 2011. I understand that the WMF has recently stopped work on the filter and, after a period of community reaction, some Board members have made it clear that they do not expect this filter to be finished and installed. Wikipedians, both managers and rank-and-file, apparently do not have enough internal motivation to do the responsible thing for their broad readership.

But even that is too brief. If you really want to appreciate Wikipedia’s porn problem, I’m afraid you’re going to have to read the following.

larrysanger.org/2012/05/what-should-we-do-about-wikipedias-porn-problem/

Feel free to repost!

—o0o—

Diesen Input bekam ich über die Gendergap-Mailingliste. Bitte lest den ganzen Text, er hat viele Beispiele aufgelistet, wo Probleme bestehen. Und es gibt viele viele Probleme. Zum Beispiel, wenn problematische Bilder in Artikeln auftauchen und nicht entfernt werden, obwohl es klar passieren müsste. Wie im „Upskirt“-Artikel der englischsprachigen Wikipedia (ich sprach es dort auch in der Diskussionsseite an).

Es muss irgendwo zwischen dem Zensur-Vorwurf und dem hysterischen Sperren-Rufen einen Weg geben, der mit Verantwortung zusammenhängt. Wie er genau geht weiß ich selbst auch überhaupt nicht. Nur wird man ihn nicht finden, indem man Verantwortung einfach mit dem Zensur-Argument von sich weist. Niemand will Zensur. Aber Porno-Seiten gibt es im Netz zuhauf. Muss eine Enzyklopädie Pornografische Bilder republizieren? Wäre es vielleicht eine erste gangbare Lösung, im gesamten Pornografie-Projekt auf Bilder zu Verzichten und es bei den Texten und Links zu belassen? Ist das nicht auch im Sinne der Wikipedia-Idee selbst, bei der es um freies Wissen geht – nicht um freies Pornobildchen-Sharing. Wo war noch einmal die Idee des Anspruchs auf Qualität? Warum gibt es keine Relevanz-Diskussionen darüber?

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Nicht zum Studieren geboren

Uni-Seminare und Kind? Ideal ist diese Kombination nur, solange man finanziell abgesichert ist.

Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf freitag.de

In der aktuellen Ausgabe des Frauenmagazins Fräulein prangt es plakativ vom Titel: „Gleichzeitig Kinder zu bekommen und zu studieren kann ich nur empfehlen“. Ohne den dazu gehörigen Artikel gelesen zu haben muss ich sagen: Ganz schön naiv. Ich weiß das, denn ich mache das. Aber leisten kann ich es mir nur aufgrund eines Privilegs. Denn ich erfülle einen von drei entscheidenden Faktoren, dieses Projekt auch wirklich finanziell zu meistern. Ich bin Stipendiatin.

Diese Häkelbabies stammen von baghi - einer DYI-Bloggerin aus Savona: http://baghisblog.blogspot.com/ und wurden unter CC BY-ND 2.0 auf flickr.com veröffentlicht: http://www.flickr.com/photos/rainbowproject/3488893875/

Als ich mein erstes Kind bekam war das noch nicht so. Da stieg ich für ein Urlaubssemester aus Studium und Nebenjob aus. Leisten konnte ich mir das nur, weil ich dadurch Hartz-IV-berechtigt war und weil ich, die ja auch vorher gearbeitet hatte, Elterngeld bekam. Mit beiden Transferleistungen ausgestattet konnte das Baby samt Erstausstattung finanziert werden. Doch mit dem Wiedereinstieg fiel Hartz IV weg – denn wer studiert, der ist generell nicht berechtigt, die Sozialhilfe zu bekommen. Zwar wurde das Elterngeld weiter gezahlt, aber wer kann von 300 Euro im Monat wirklich leben? Da sind wir auch schon – bei der ersten Unabdingbarkeit für studierende Eltern: Sie müssen ständig rechnen, unglaubliches Wissen im Zusammenhang mit den Fördermöglichkeiten aufsaugen und anwenden, und vor allem: extrem sparsam leben.

Bald aus dem Gröbsten raus

Natürlich sieht das Studieren mit Kind auf den ersten naiven Blick toll und praktisch aus. Man ist flexibler. Wenn das Kind krank ist, gibt es Mittel und Wege, Dinge zu verschieben, auch mal ausfallen zu lassen und andere Prüfungsleistungen anzubieten. Die meisten Universitäten haben sich auf die Studierenden mit Kindern und deren Bedürfnisse einzustellen versucht. Manchmal hapert es noch an der tatsächlichen Umsetzung, denn diese wird nicht von den jeweiligen Referaten oder von der Leitung erbracht, sondern von den DozentInnen und ProfessorInnen. Von denen sind manche sehr verständnisvoll und andere nicht. Aber grundsätzlich ist der Druck auf Eltern während des Studiums auf eine angenehme Art und Weise geringer, als wenn sie im Erwerbsleben stehen und womöglich gerade darauf bedacht sind, eine Karriere zu starten. Ein krankes Baby kann jedes Projekt von einem Tag auf den anderen kollabieren lassen – eine Hausarbeit aber, die kann man in so einem Fall auch mal später abgeben.
Ich weiß von einigen Betrieben in denen, hinter vorgehaltener Hand, manche Mitarbeiter genervt über die plötzlich aus dem Meeting entschwindenden Eltern lästern. Befördert werden diese meistens nicht. Während meine Kinder am Ende meines Studiums „aus dem Gröbsten raus“ sind, wie man so schön sagt (mein Sohn geht dann in die Schule), fangen andere gerade nach dem Studium erst an mit der Familienplanung – und sehen dann die Nachteile, die es mit sich bringt.

Insofern kann ich der Aussage aus dem Fräulein-Magazin nur zustimmen. Es hat ganz eindeutige Vorteile, Studium und Baby zu verbinden und im Berufsleben später ein wenig mehr die Hände frei zu haben. Doch in meinen Augen muss dafür zumindest eines der folgenden drei Kriterien erfüllt sein:

1. Man hat eineN gut verdienenden PartnerIn
2. Man hat finanzielle Unterstützung durch die eigenen Eltern
3. Man hat ein Stipendium

Wer nur BAFöG, einen Studi-Job oder sonst eine quasi-prekäre Einnahmequelle hat, sollte sich besser warm anziehen. Denn Hartz IV gibt es wie gesagt für Studierende nicht. Und das BAFöG ist im Grunde ein Witz – zumindest mit Kind – für dieses gibt es 113 Euro mehr. Manche „HartzerInnen“ haben mehr Einkommen als Studierende, die ein Kind und ein Dach überm Kopf nur durch BAFöG finanzieren müssen. Ein Nebenverdienst ist im Grunde unausweichlich. Mit der alten Sozialhilfe war das einmal anders. Die war auch für Studierende verfügbar. Und das alte Erziehungsgeld von 300 Euro gab es für alle, die 30 Stunden oder weniger arbeiteten. Zwei Jahre lang. Die Zeiten haben sich geändert – im negativen Sinne für studierende Eltern.

Baut Netzwerke

Auch das Studium selbst war einmal wesentlich kinderfreundlicher organisiert. Mit dem Bachelor- und Master-Studium hat eine sehr rigide Effizienz-Logik Einzug in deutsche Hörsäle gehalten. Ein Druck, dem sich viele studierende Mütter kaum gewachsen fühlen. Wen das nicht zermürbt und wer keine der oben genannten Bedingungen erfüllt, braucht mindestens ein überdurchschnittlich gutes Improvisationstalent. Aber man kann es sich manchmal auch nicht aussuchen: Viele junge Frauen werden auch heute noch ungeplant schwanger, denn kein Verhütungsmittel bietet 100%igen Schutz. Und auch wenn ich aus feministischer Sicht pro Abtreibung bin, ich kann auch jede Frau verstehen, die eine Abtreibung nicht durchziehen kann und will – auch wenn es mehr Probleme mit sich bringt, als Lösungen angeboten werden.

Als junge studierende Mutter kann ich kaum optimistische Ratschläge geben – und das ist extrem frustrierend. Das einzige, was mir einfällt ist: Baut privat organisierte Netzwerke auf, unterstützt euch gegenseitig. Ich würde mir wünschen, dass Studierende mit Kind als Gruppe mit besonderem Unterstützungsbedarf von den Politikern wahrgenommen würden. Doch in der bürgerlichen Regierung dieses Landes scheint man sich keines Handlungsbedarfes bewusst. Dass es einer ganzen Reihe von Privilegien bedarf, um diese Doppelbelastung zu bewältigen, scheint völlig in Ordnung.

Ein Kind während des Studiums ist wirklich praktisch, ja. Wenn man es sich leisten kann.

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