Feminismus, Sex und Revolution

London, Anfang September 2015. Caitlin Moran wohnt in London. Es ist für mich eine neue Stadt und so steige ich in den Bus, der in genau die andere Richtung fährt. Erst viel zu spät merke ich, was passiert ist, steige in eine Bahn, weil die App das sagt und schreibe Caitlin eine DM auf twitter, dass ich es total verpeilt habe. Sie schreibt sofort zurück, dass ich „armes Ding“ mir keine Sorgen machen solle und als ich ankomme, werde ich erst einmal fest geherzt und in das schöne Haus willkommen. Die Kinder gucken Die Simpsons im Fernsehen, auf dem Klavier steht die „Beatles Complete“-Notensammlung, ich habe die auch und sie fragt mich, ob ich einen Tee will, bevor wir auf die Terrasse gehen, um zu quatschen. Es ist alles, als würde ich zu einer alten Freundin kommen und wir würden wieder einmal über Gott und die Welt quatschen. Wir trinken Tee und sie dreht mir Zigaretten, denn obwohl ich extra noch eine Schachtel besorgt hatte, weil ich ja weiß, dass sie da eine Leidenschaft hat und weil ich auch etwas zurückgeben wollte – die habe ich im Hotel liegen lassen. „Natürlich“, sagt der Mann abends. „Natürlich hast du die liegen lassen.“

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Das Gespräch

Caitlin: Ich muss mich im Voraus entschuldigen: Ich rede sehr schnell und ich fluche eine Menge. Also wenn du das irgendwann transkribierst: ES TUT MIR SEHR LEID! „Feminismus, Sex und Revolution“ weiterlesen

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Freitag der 25.

Gestern war plötzlich so viel los, das euch vielleicht auch interessiert:

Die Pinkstinks haben mich zum Role Model des Monats April ernannt. Ehrfürchtig reihe ich mich ein in eine Gruppe toller Frauen, die jeden Monat bei den Pinkstinks mit diesem Titel gekürt werden. Danke! Ich freue mich wirklich sehr.

Dann gab es wieder eine neue Folge des Lila Podcast, und dieses Mal sprachen Susanne und ich über das Phänomen des „Selfies“ in allen seinen Facetten – vom Duckface bis zum Sex-Selfie.

Und als krönenden Tagesabschluss sprach ich mit Holgi, der mich dankenswerter Weise in seine Sendung Blue Moon bei Radio Fritz eingeladen hatte, fast zwei Stunden über Feminismus. Auch das kann als Podcast nachgehört werden.

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Sexismus im Sozialismus?

Joachim Rieß: Internationales Jahr der Frauen 1975; Briefmarke in der DDR; via Wikimedia Commons.

In meinem aktuellen Beitrag im Wostkinder-Blog gehe ich der Frage nach, ob es in der DDR auch Alltagssexismus gab, welche Frauenbilder öffentlich waren und welche unter der Oberfläche lagen. Die Frage konnte ich nicht endgültig klären, aber es ist ein Aufschlag. Zitat:

Die Frau im Sozialismus
Die gesellschaftliche Stellung von Frauen war in der DDR wesentlich weniger von Unterordnung und Ausgeliefertsein geprägt, als in Westdeutschland. Ihre Gleichstellung war Teil eines nationalen Narrativs. Dabei wussten „Vater Staat“ und „Mutter Partei“ am besten, was Frauen brauchten, was für sie gut war und was sie wollen sollten. So waren Frauengruppen, die sich auch in der DDR in den 80ern zuerst und vor allem in den größeren Städten bildeten, etwas Unerwünschtes. Denn erstens war, so die einhellige Meinung in Politik und Medien, die Frau doch emanzipiert. Und zweitens ließ man sich ungern durch emanzipatorische Bewegungen aller Art aufzeigen, dass es Risse im sozialistischen Lack gab.“

Den ganzen Artikel gibt es auf FAZ.net/wostkinder. Ich freue mich, wenn ihr dort eure eigenen Geschichten und Erinnerungen teilt.

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Staatsbürgerkunde #SBK016 über Geschlechterrollen


Martin Fischer vom Podcast Staatsbürgerkunde hat mich eingeladen, mit ihm über Geschlechterrollen und Kindheiten in DDR und BRD zu sprechen. Es sind fast zwei Stunden daraus geworden. Auf geht’s zum anhören.

Bitte gerne in Martins Podcast-Blog mitdiskutieren und Erfahrungen teilen, das geht auch per Audio-Kommentar.

Der Staatsbürgerkunde Podcast ist auch jenseits dieser Folge mehr als empfehlenswert und ich höre ihn schon eine ganze Weile. Martin ist ebenfalls ein Wostkind und spricht (in der Regel mit seinen Eltern) über viele kleine und große Phänomene aus DDR-Alltag, DDR-Kultur und wie damals die Gesellschaft aufgebaut und strukturiert war. Im Sendungsarchiv könnt ihr alle bisherigen Themen auf einen Blick sehen und anhören.

Vielen Dank noch einmal an Martin für die Einladung und das offene und angenehme Gespräch. Wieder einmal hat das Podcasten sehr viel Spaß gemacht! <3

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Viva la Vagina!

Das mag komisch klingen, was da als die Intention des neuen Buches „Frauenkörper neu gesehen“ geschildert wird: „den Schatz sexuell bestärkender, bewusstseinserweiternder Erfahrungen zu orten – und zu bergen.“ Worum geht es da?

In einem Satz zusammengefasst geht es der Herausgeberin Laura Méritt, die den frauenbewegten Klassiker der 70er neu gestaltet hat, um Aufklärung. Das Werk ist ein Selbsthilfebuch zur Erkundung der eigenen Weiblichkeit, realistische Zeichnungen von Beatriz Higòn untermalen die verschiedenen Themen. Es ist in einer feministischen Sprache geschrieben und es enthält neue Bezeichnungen für Teile des weiblichen Körpers, die bislang mit einer Sprache und damit auch Symbolik leben müssen, die manchmal erniedrigend oder entmündigend ist.

ABC der Vielfalt

Das Jungfernhäutchen heißt hier „Vaginalkrone“, der G-Punkt „Genussfläche“. Zudem schreiben die Autor_innen mit dem Gender Gap, einem Unterstrich zwischen Männlicher Form und dem weiblichen „innen“, der ausdrückt, dass es neben den zwei Geschlechtern noch vieles anderes gibt. Ansonsten aber wurde sich (meistens auch recht pragmatisch) einer einfachen Sprache bedient, einer liebevollen und einer, die nicht krawallig, sondern einfühlsam ist. Frau kann sich sorgenlos fallenlassen.

Angefangen wird mit einem „ABC der sexuellen Orientierungen“, dem eine schnelle und verständliche Unterscheidung zwischen Sex und Gender vorangestellt ist. Es ist positiv hervorzuheben, dass neben bi-, cis-, homo-, pansexuell und queer auch über Asexualität gesprochen wird.

Weiter geht es mit der guten alten feministischen Tradition der Selbstuntersuchung. In den 70ern stellten die bewegten Frauen irgendwann fest, dass sie es satt haben, dass ihr Gynäkologe zwar regelmäßig in das Innere ihrer Vagina blickte und so auch wusste, dass es dort von Frau zu Frau extreme Unterschiede geben konnte – sie selbst aber keinen blassen Schimmer darüber hatten, wie es aussah und ob sie eigentlich „normal“ waren. Denn eine Frau hat schnell den Eindruck, dass es bei ihr untenrum vielleicht etwas „seltsam“ aussieht, sich komisch anfühlt oder auch einfach eine starke Scheu, sich dort zu berühren.

Dieser Eindruck und diese Scheu können (und wurden damals von sehr vielen Frauen) abgebaut werden: In einer Art vergleichenden Selbsterkundung. Damals waren das die Spekulum-Sessions, Treffen, bei denen Frauen sich gegenseitig mit dem Instrument, das einen Blick in die Vagina gewährt, ansehen konnten. Hier wurden die Vielseitigkeit und die Anatomie der Frauen „untenrum“ erkundet. Und dadurch auch besser verstanden. Wie das genau geht? Auch das kann in „Frauenkörper neu gesehen“ nachgelesen werden. In Zeiten des Internets ist es dann auch möglich, dass Aussehen des Gebärmuttermundes aufzuzeichnen und mit anderen zu teilen.

Die meisten jungen Frauen, die ich kenne, werden das eklig oder abartig finden. Leider. Genau hier liegt ein sehr großes Problem. Frauen wissen auch im Jahr 2012 noch nicht viel mehr über ihr Untenrum-Innenleben, als vor vierzig Jahren. Dass ein Frauenarzt bei der Vaginaluntersuchung mit Kamera auch der Frau einen Blick auf den Bildschirm werfen lässt und ihr zeigt, wie das dort aussieht, dürfte noch nicht zum Standard gehören (Danke an die Praxis Dr. Pett in der Adalbertstr. Berlin Kreuzberg!).

Was ist normal?

Stattdessen werden Frauen mit getrimmten inneren Labien (im Buch heißen sie „Venuslippen“ bzw. einfach nur „Lippen“ – das furchtbare Wort „Scham“ hat man ihnen entfernt) in der Pornografie konfrontiert. Selbst in der Wikipedia haben Bilder Einzug gehalten, in denen solche Lippen zu sehen sind. Dass sie bis zu 11 cm lang werden können empfinden die meisten Frauen vermutlich als puren Horror. Was „rausguckt“ wird als unschön empfunden – das Schönheitsideal für „Untenrum“ gebietet innere Lippen, die sich in den äußeren Venuslippen verborgen halten. Genital-Schönheits-OPs sind entsprechend im Aufwind.

Die meisten Frauen, die sich nach einer plastischen Umgestaltung ihres Intimbereichs sehnen und diese dann auch durchführen, geben als Hauptsehnsucht an, „normal“ sein zu wollen. Und das ist absurd. Dass die inneren Lippen herausspicken ist häufiger, als dass sie drinnen sind. Eine Tatsache, die man im ungezwungenen Vergleich zwischen Frau und Frau einfach feststellen – und damit sehr viele Ängste beseitigen kann. Könnte.

In Zeiten, in denen die Medien vom Stichwort „Generation Porno“ nur so wimmeln, kommt einem Selbsterkundungsbuch wie diesem gewiss auch noch eine weitere sehr wichtige Bedeutung zu: In der Flut der Bilder, in denen es (zumindest was den kostenlosen Content im Netz angeht) zu 90 Prozent bloß darum geht, wie ER möglichst viel von der Sache hat und seine Dominanz ausdrücken kann, fehlen oft die Ideen und Anleitungen für eine Suche nach dem eigenen, dem weiblichen Vergnügen. Junge Männer wissen oft gar nichts über die Art und Weise, eine Frau zu beglücken, wie auch Cindy Gallop in ihrem legendären Vortrag auf der re:publica 2012 beschrieb. „Make Love not Porn“ und auch das hierzulande erschienene Aufklärungsbuch „Make Love“ von Ann-Marlene Henning setzen diesen Bildern reales Wissen entgegen.

[youtube http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=uACi1QbbNjM]

Sie sind für Jungen und Mädchen, für Frauen und Männer gleichermaßen gedacht. Doch sie sind weder in einem Ansinnen geschrieben, beziehungsweise aufgezogen, dass eine queere Perspektive jenseits von Mann und Frau als „Normpaar“ mitdenkt. Noch gehen sie derart in die Tiefe (im wahrsten Sinne des Wortes!) und sprechen mit Frauen so Unverblümt über Klitoris, das Harnröhrenschwellgewebe und obschöne Worte, wie es „Frauenkörper neu gesehen“ tut.

Aufklärung ganz konkret

Ein drittes und absolut wichtiges Plus an diesem Buch ist seine detaillierte medizinische Hilfestellung. So wird ein Index von sexuell übertragbaren Krankheiten angeboten, es gibt eine sehr ausführliche, ehrliche und dennoch niedrigschwellige Einführung in die Möglichkeiten der Verhütung und auch über Schwangerschaftsabbrüche wird nicht geschwiegen, sondern einfühlsam und hilfestellend gesprochen.

Ich bin ganz froh über dieses Buch. Zum einen konnte ich selbst noch einiges lernen – auch wenn ich nicht gleich ein Spekulum kaufte. Zum anderen ist es ein Buch, das ich neben „Sex – so machen’s die Frauen“ und „Make Love“ für meine Tochter bereit halte.

Das Buch erscheint im Dezember 2012 im Orlanda Verlag. Das Missy Magazine lädt ein zu einer Präsentation des Buches.

(Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de

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Triggerwarnungspolitik und Frausein

nach langer Stille lebt eine alte Rubrik wieder auf: DER KLUGE KOMMENTAR

Ich habe dabei zwei sehr kluge und hilfreiche Kommentarstränge herausgesucht, die mir in den vergangenen Tagen über den Weg gelaufen sind.

Bei Antje Schrupps Auseinandersetzung mit der Frage, ob Frauen nicht eigentlich vielmehr seien, als weiblich sozialisierte Menschen, warf Susanna zwei Einwände in die Debatte (sie warf noch mehr ein, aber ich zitiere mal die für mich prägnantesten):

 Bei “weiblich sozialisierter Mensch” denke ich immer an eine “typische” Frau, aber damit fühle ich mich nicht gemeint. (Vermutlich fühlen sich nur wenige Frauen damit gemeint.) Wenn ich mich als Frau bezeichne, fühle ich mich weniger eingeschränkt.

Das ist genau deswegen spannend, weil sie damit sagt: Aus meiner Perspektive geschieht bei der Nutzung der Floskel weiblich sozialisierter Mensch genau das Gegenteil des intendierten. (Notiz an mich: Mehr über nicht-intendierte Effekte lesen und schreiben).

weiter sagt sie:

Natürlich kann keine Frau den Bildern von Frauen, die in unserer Kultur herumgeistern, völlig entgehen. Jede entwickelt ihre eigene Mischung aus Anpassung und WIderstand.

was für mich den Nagel eines feministischen Kernproblems auf den Kopf trifft.

Der Joachim Losehand macht dann noch einen sehr interessanten Beitrag für die andere Seite (oder nein: Er ist eher unentschieden.), der von Irene aufgegriffen und wiederum kommentiert wird:

(Zitat Joachim Losehand) Der Begriff der “weiblich sozialisierte Person” – “WSP” – entspringt meiner Meinung nach zwei Motivationen: 1) “Geschlecht” anti-naturalistisch als Kategorie und Konstrukt von Menschen für Menschen bestimmt zu verstehen, 2) möglichst umfassend inklusive Begriffe für bestimmte Gruppen von Menschen zu finden, die (sebstbestimmt) in der ein oder anderen Weise sich einem “Konstrukt” zugehörig fühlen bzw. sich so definieren.(/Zitat)

Inklusion entsteht aber nicht dadurch, sozialwissenschaftliche Fachsprache als allgemeines Neusprech etablieren zu wollen.

hier finde ich mitnehmenswert, dass neue Sprache immer auch der Reflexion bedarf: Schafft sie das, was sie soll, oder schwingen zu viele nicht-intendierte Effekte mit? Ein weiteres Beispiel wäre für mich die Nutzung einer „besonders inkusiven“ Sprache unter der Frage: Welche Ausschlüsse erzeugt sie aber neuerlich?

Die zweite Debatte, die ich quasi selbst eröffnet habe, dreht sich um Triggerwarnungen. Bei puzzlestücke wurde mein Artikel kritisch beäugt und zum Anlass genommen, die Debatte grundsätzlicher zu führen (was ich sehr begrüßenswert finde). Die Debatte ist lang, wie anzunehmen ist, aber ich freute mich vor allem über einen sehr konkreten Verfahrensvorschlag, der – juchuu – tatsächlich aus der Ecke der Betroffenen-Foren kommt, nämlich von einem/r dortigen ModeratorIn, Robin Urban:

Triggerwarnungen halte ich für sehr sinnvoll und Splats ebenfalls, auch wenn ich davon selbst nicht betroffen bin. Es haben mir schon so viele Betroffene versichert, dass es tatsächlich einen Unterschied macht, ob man beispielsweise r*tzen oder ritzen schreibt, dass ich das einfach glauben muss, auch wenn es vielleicht schwer nachvollziehbar erscheint. Der Einwand hingegen, dadurch würde ein Text unlesbar, ist mMn lächerlich.

Vor langer, langer Zeit musste ich als Moderatorin in einem Forum festlegen, vor welchen Inhalten eine Triggerwarnung gehört und vor welchen nicht. Es war eine der heftigsten Diskussionen, die dieses Forum jemals erlebt hat. Manche, die sehr gerne bl*tige Szenen zeigten, fühlten sich vom Hinweis, dass dies viele triggert, eindeutig angegriffen und konterten damit, dass ja auch niemand Rücksicht auf IHRE Gefühle nimmt, denn obwohl sich einsam fühlten und ungern daran erinnert würden, dass andere ihr Liebesglück gefunden haben, würde vor Texten mit solchen Inhalt ja auch keine Triggerwarnung gesetzt.

Tja, wie damit umgehen? Ich entschied mich für folgende Vorgehensweise:
Triggerwarnungen gehören vor Inhalte, die sogar von psychisch völlig gesunden Personen als verstörend, widerlich oder verletzend empfunden werden können und (und jetzt kommts:) DIE IM WAHREN LEBEN VERMEIDBAR SIND. Dazu gehören bl*tige Szenen z.B. in Filmen, die Darstellung von Gewalt, SVV oder Verg*w*lt*gung, Pornographie etc. pp. Denn, wenn man mit solchen Inhalten nicht klar kommt, dann kann man ihnen aus dem Weg gehen: Man sieht keine Auslandsnachrichten, man kuckt sich keine Horrorfilme oder Pornos an. Wer sein Fernsehen vor 22 Uhr abschaltet, muss damit nicht konfrontiert werden. Das meiste davon deckt sich mit dem FSK16.
Wenn man sich dagegen von verliebten Pärchen, Liebe allgemein oder, um eines deiner Beispiele zu nennen, Schokolade getriggert fühlt… nun, das ist bedauerlich, aber damit muss der Betroffene wohl versuchen, klar zu kommen. So wie man keine knutschende Pärchen auf der Straße davon abhalten kann, ihre Liebe zu zeigen oder Lindt davon abbringen kann, ihre Schokolade im Kaufhaus anzubieten, so sinnlos ist es, diese ständig präsenten Inhalte ausgerechnet in einem Forum/Beitrag etc. mit einer Triggerwarnung zu versehen.

Mit dieser Politik ließ sich immer gut fahren.

Die Sache mit den Auslandsnachrichten würde ich noch einmal kritisch hinterfragen.

Ansonsten finde ich es aber wirklich hilfreich, sich so zu orientieren. Als ich den Artikel ursprünglich für meine Kolumne im Freitag verfasste, war ich auf vielen Blogs, in denen Triggerwarnungen absolut sinnvoll waren, da Selbstverletzungen an der Tagesordnung waren – bebildert. Ich muss gestehen, dass mich die stundenlange Beschäftigung mit diesen Inhalten (von Teenagern) ziemlich fertig gemacht haben. Gleichzeitig aber haben sie mir ziemlich eindrücklich vor Augen geführt, warum der Artikel so wie er ist, wichtig war und ist. Im Gegensatz zu puzzlestückes Suggestion geht es mir um eine Differenzierung um dem ursprünglichen Anliegen auch irgendwo gerecht zu werden. Denn die inflationäre Verwendung verwässert die Idee. Wie reagieren denn traumatisierte Menschen wohl, wenn sie auf twitter alle naselang mit „Triggerwarnungen“ konfrontiert werden, hinter denen aber nur Texte oder Aussagen stecken, die der/die Warnende politisch für Falsch hält? Deswegen empfinde ich es auch nicht als verantwortliches Handeln, die Debatte von sich zu weisen.

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Die Mutter aller Sorgen

Am Muttertag fiel wieder auf: Mütter und Töchter – das kann eine ganz schwierige Kiste sein. Wobei das ein ziemlich geschlechterstereotypes Denkmuster ist. Oder?
 
Am Sonntag (13. Mai) war Muttertag, und ich kenne viele Freundinnen, die auf verschiedene Art und Weise an diesem Tag zu knabbern haben. Und sie haben auch unterschiedliche Strategien entwickelt, damit umzugehen. Die eine ruft bei ihrer Mutter an und weiß, dass es Kritik hageln wird, warum sie nicht öfters anrufe und dass sie ihre Mutter missachte. Die andere ruft erst gar nicht an, weil der Muttertag für sie keine Relevanz mehr hat; die Mutter ist keine besonders wichtige Frau in ihrem Leben mehr, eher eine Frau von vielen anderen, die man alle halbe Jahre einmal kontaktiert. Die dritte hat keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Die vierte ist am Muttertag auf jeden Fall bei ihrer Mutter zu Besuch und feiert mit ihr das gute Verhältnis und quatscht in einem fort mit ihr über das Leben.

Foto: CC BY-SA 2.0, Josef Türk Jun., via Flickr.com

Schon 2008 brachte Claudia Haarmann mit Mütter sind auch Menschen. Was Mütter und Töchter voneinander wissen sollten (Orlanda,
Neuauflage 2012) ein Werk heraus, das aufklären sollte, „was Töchter und Mütter voneinander wissen sollten“. Jetzt erschien die erweiterte Neuauflage. Dabei untersucht Haarmann interessanterweise nur die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern. Natürlich könnte ich das kritisieren. Wo sind die Väter? Was ist mit den Söhnen? Warum werden beide einfach ausgelassen? – Das kann doch nicht gut sein, das stabilisiert doch bloß alte Klischees. Diese Einwände mögen alle richtig sein.

Doch das Buch trifft einen Nerv, es behandelt ein real existierendes Problem – und dieses Problem ist sehr eindeutig abgrenzbar von Themenfeldern wie „Mütter und Söhne“, „Väter und Kinder“ und „Elternkonflikte allgemein“. Haarmann selbst schreibt eigentlich nur auf, was sie einerseits selbst als Tochter beschäftigte, was sie in ihrer Praxis erlebte und was sie erfuhr, als sie sich umhörte und Frauen nach ihrem Verhältnis zur Mutter befragte: Es gibt einfach „etwas“, das diese Beziehung stärker prägt und in vielen Fällen belastet, als alle anderen Beziehungen in unserer Alltags- und Lebensrealität. Diesem „Etwas“ geht Haarmann auf die Spur, und auch wenn sie das nicht expliziert: Damit begibt sie sich gleichzeitig auf die Spurensuche nach einem Geschlechterparadigma, das vielleicht eines der hartnäckigsten in unserer Kultur ist.

Das „Etwas“

Dabei dröselt sie zunächst feinsinnig die vielfältigen Erwartungen an Mütter auf und fokussiert damit bereits einen Quell dieses „Etwas“. Eine Mutter sei bereit, „die Folgen jeder Fehlentwicklung auf sich zu nehmen“. Was sehr pathetisch klingt, ist natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen: Selbst wenn eine Mutter diese Verantwortung von sich weisen mag, ist sie doch bis heute für die Gesellschaft die Hauptverantwortliche für das Wohlergehen ihrer Kinder. Haarmann analysiert: „Unsere Rollendefinition von Mütterlichkeit rechtfertigt Erwartungen, die nie ein Ende finden.“

Das Neue aber ist (und das kommt bei Haarmann noch nicht vor), dass diese Verantwortung sich mittlerweile auch auf die Väter ausweitet. Von „Helikoptereltern“ ist die Rede, von Eltern, die aufgrund dieser Verantwortung, die man ihnen zuschreibt und die sie – ganz wichtig! – auch annehmen, permanent wie Helikopter über den Aktivitäten ihrer Kinder kreisen. Es ist ein anderes Kapitel dieser Geschichte, dass daraus bereits eine sehr lukrative private Förderindustrie erwachsen ist. Auch steht auf einem anderen Blatt, dass der Hyperfokus der ökonomischen Verwertbarkeit von Menschen und ihren Kompetenzen vielleicht einer der zentralen Kulturmerkmale der westlichen Gesellschaften geworden ist, ein Universalismus nahezu, der sich in Bildungsstandards, weltweiten Vergleichstests und nicht zuletzt auf dem Ratgebermarkt zu Elternschaft, Bildungsförderung und Erziehung ausdrückt.

Doch Menschen ohne Macken – wo bitte soll es die geben? Das Leben ist voller Brüche und Irrtümer. Psychotherapeuten sind heute eine der gefragtesten Berufsgruppen. Meistens sind sie auf Monate ausgebucht. Wir haben so viele Macken, dass wir ständig neue Syndrome und Störungsbilder (er)finden, die man therapeutisch, manchmal auch medikamentös, behandeln lassen kann. Wir gehen dermaßen in uns und unsere Geschichte, dass wir ausgehend von unseren aktuellen Problemen nicht anders können, als die Gründe zu suchen, die Verantwortlichen zu finden, die uns am stärksten prägten und formten. Kulturell bedingt sind das für heutige Erwachsene die Mütter. Und auch Studien zeigen, dass die Mutter den größten Einfluss auf die Mathematiknoten eines Kindes hat. Haarmann sagt dazu: „Damit sind wir in der folgenreichsten Dynamik […]: der Schuld.“

Die Mutter als Frau

Sie unternimmt eine recht spannende Reise zur Ursache und auch zur möglichen Auflösung dieses Konflikts. Sie verortet die Ursache in früheren Traumata, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, zum Beispiel Kriegserfahrungen. Und das ist eine Theorie, die sich langsam zu mausern beginnt. Sie sucht in der Neurobiologie nach Erklärungen für gelingende und misslingende Beziehungen, und schlussendlich stellt sie ihre Leserinnen vor eine sehr große Mutprobe: Sie thematisiert den echten und offenen Kontakt zu unseren Müttern. Indem wir nach der Geschichte unserer Mutter als Frau fragten, so legt Haarmann nahe, ermöglichten wir es uns und ihr, in mehr gegenseitigem Verstehen auch einen entkrampfteren Kontakt zu bekommen.

Das Buch nimmt dabei die gesetzten Rollenerwartungen an Frauen – seien sie Mütter, Töchter oder beides – erst einmal als gegeben hin. Es ist wirklich nicht Haarmanns Ziel, diese zu sprengen. Wenngleich man diese Herangehensweise kritisieren könnte, bin ich nach langem Hadern zum Schluss gekommen, dass dies eine große Stärke dieser Analyse sein könnte: Sie holt die Menschen dort ab, wo sie stehen, und lässt sie so sein, wie sie nun einmal sind. Sie vermeidet damit, aufs Neue die Beziehung zweier Menschen mit einer übergroßen und schwierigen Aufgabe zu überladen. Schön aber, dass das Buch Haarmanns Sohn gewidmet ist.

Dieser Text erschien zuerst als Kolumne auf freitag.de.

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Emanzipation ist wie Kaviar

Kristina Schröder ist eine bemerkenswerte Frau. Häufig als dumm und naiv dargestellt, steckt hinter der Fassade eine knallharte und berechnende Politikerin. Es ist daher an der Zeit, sie endlich ernst zu nehmen und von ihr zu lernen.

Es war meine eigene Mutter, die mich vor längerer Zeit einmal völlig aus der Fassung brachte, indem sie mich allen ernstes fragte,was ich denn von dieser Kristina Schröder hielte. Ob ich die denn nicht toll fände, weil sie doch so jung, dynamisch und so emanzipiert sei. Meine eigene Mutter dachte, ich sei ein Fan Kristina Schröders! Sie schien zu glauben, die Familienministerin und ich stünden für ein und dasselbe Bild einer jungen Frau „unserer“ Generation. Ich war dermaßen irritiert, dass ich nichts anderes wusste, als darüber hinwegzugehen. Diese Ignoranz steht beispielhaft für einen Fehler meiner linksliberalen Filterblase: Wir nehmen Kristina Schröder schon lange nicht mehr ernst.

Was aber meine Mutter wohl zu ihrer Überlegung antrieb, waren diese nicht wegdiskutierbaren Fakten: Als erste Ministerin mit Kind setzt Kristina Schröder komplett neue Maßstäbe in der politischen Repräsentation junger Mütter. Sie zeigte sich völlig unbekümmert über die massiven Angriffe aus der eigenen Klientel, dass sie schon nach kurzer Zeit wieder den Ministerinnen-Sitz bezog. Meiner Mutter fiel im Gegensatz zu mir auf, dass dies eine bahnbrechende Tat darstellte. Für viele ist es im Gegensatz dazu einfacher, sie als dumm und dilettantisch abzustempeln, als sie ernst zu nehmen. Es tut vielen jungen Menschen, Männern wie Frauen, nahezu körperlich weh, auszusprechen, dass Kristina Schröder, die Ende der Siebziger geboren wurde, „Eine von uns“ sei. Ähnlich sozialisiert, ähnlich im Werdegang, mit ziemlich modernen Ansichten. Nein – uns rollen sich die Zehnägel auf! Mit der wollen wir nicht in einen Topf geworfen werden! Dieses wir, damit meine ich diese „irgendwie linke“ gesellschaftliche Gruppierung im Alter von Anfang 20 bis vielleicht Ende 30, die teilweise parteilos in sozialen Netzwerken organisiert ist, teilweise vielleicht den Piraten oder den Grünen, den Linken oder der SPD nahesteht. Ja wir würden doch alles ganz anders machen, wären wir Ministerin in diesem Kabinett! Wir würden antirassistische Initiativen stärken. Wir würden das Elterngeld reformieren. Anstatt die ganze Care-Arbeit zu privatisieren und damit wieder vor allem auf die Frauen abzuwälzen, würden wir massiv in den Ausbau von Qualität und Quantität staatlicher Angebote investieren. Wir hätten da so einige Ideen! Stattdessen dürfen wir in Kürze das Betreuungsgeld begrüßen. Und können es nicht fassen.

Das Betreuungsgeld als Prüfstein der Parteitreue

Die Debatte um das Betreuungsgeld nahm in den vergangenen Tagen noch einmal richtig an Fahrt auf und ist ein Paradebeispiel machtorientierter Politik. In der Volkspartei CDU hat sich der Einzelne der Gesamtideologie zu unterwerfen – auch Schröder sieht jeden Abgeordneten in dieser Verantwortung, wie sie schon in ihrer Doktorarbeit betont. So ist es völlig unerheblich, ob die OECD, wie jüngst geschehen, den wirtschaftlichen Gesamtschaden des Betreuungsgeldes mahnend antizipiert. Ein Volker Kauder, sonst ein ganz patenter wenn es um die Ausrichtung der Politik auf ökonomische Interessen geht, stellt das Konzept keinesfalls infrage. Angela Merkel verliert kein böses Wort darüber. Es ist die große „Partei-Responsivität“, wie das Gefühl der Verantwortung für den Willen der Basis in Kristina Schröders Doktorarbeit genannt und empirisch nachgewiesen wird, die alle aneinander kettet – in guten wie in schlechten Zeiten. Genau wie die ebenfalls in jener Arbeit nachgewiesene christdemokratische „ideologische Kernhaltung“, die darin besteht, sich für ein leistungsorientiertes Ungleichgewicht zwischen den Menschen und gegen eine gesellschaftliche Umverteilung stark zu machen. Dieser Kitt erlebt durch die Personalie Schröder im Merkelschen Kabinett eine Verjüngungskur. Während sie auf der einen Seite massiv die klassischen konservativen Rollen sprengt und die moderne Vorbildministerin mit Kind ist, aktualisiert sie elitistische und rechte Ideen innerhalb ihrer Partei. Gibt ihnen ein junges und unverbrauchtes Antlitz. Es ist notwendig, genau diese werturteilsfreie Vogelperspektive auf Schröder und ihre innerparteiliche Rolle einzunehmen – ganz in Weberscher Manier. Dann wird man auch ihren eigenen, ebenfalls Weber verehrenden Ansprüchen gerecht. Und dann macht plötzlich alles einen großen Sinn.

Schröder polarisiert wie Koch

Offensichtlich gibt es aus linker Perspektive vieles an der Politik der Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu kritisieren. Sie schaffte das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger ab; sie führt einen offenen Twist mit Ursula von der Leyen über die Frage der Frauen-Quote; sie setzt sich für das Betreuungsgeld ein; sie führte in Dortmund einen Dialog mit Rechtsextemen unter dem Titel „Dortmund den Dortmundern“ und ließ dafür eine unsägliche Menge an Staatsgeldern springen. Es gab einen kleinen Aufschrei, als sie das Thema „Deutschenfeindlichkeit“ auf die politische Agenda setzte und sich ernsthaft darüber besorgte, dass unter den Menschen mit Migrationshintergrund ebendiese weit verbreitet sei. Gräbt man weiter in ihrer politischen Vergangenheit, die in der Hessischen CDU geprägt wurde, findet man Erklärungen: Schröder steht für den Flügel in der CDU, der einmal durch den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch repräsentiert wurde. Sie setzte sich für einen Einbürgerungstest für MigrantInnen ein, wie sie auch die Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft verteidigte, die 1999 Roland Koch zu seinem Wahlsieg in Hessen verhalf.

Weil sie mit dieser polarisierenden Politik viele Beißreflexe auslöst, versuchen nicht wenige Menschen, sie so gut sie können zu demontieren. Eine der erfolgreichsten Methoden der politischen Demontage der vergangenen Jahre ist die Analyse wissenschaftlicher Arbeiten der dynamischen Jung-Helden. Natürlich untersuchten ihre Kritiker auch die Doktorarbeit von Kristina Schröder. Hinweise auf Betrug aber gab es keine, deshalb ließ man die Sache auf sich beruhen. Das ist vielleicht der zweite kapitale Fehler, den wir begingen. Nicht nur lässt sich in der Arbeit ganz eindeutig die Handschrift und somit Denkweise Kristina Schröders erkennen, sie ist darüber hinaus stärkster Ausdruck und Gradmesser eines vielfach unbekannten oder zumindest unbeachteten CDU-Duktus‘. Wes Geistes Kind ist diese Partei, die in diesem Land in absoluten Zahlen auch nach der letzten Sonntagsfrage die meisten Stimmen auf sich vereint? Welchen Politikstil verfolgen ihre Eliten, mit so großem Erfolg, dass sie uns regieren? Während in den Medien scheinbar nur noch der sogenannte „neue Politikstil“ der Piratenpartei gehyped wird, finden sich die Antworten auf diese Fragen bei Kristina Schröder. Diese Frau ist einer der eindrücklichsten Seismografen für die Frage: Was will die CDU? Was will ihre Basis und wofür stehen die Amts- und Funktionsträger der Partei? Vielleicht ist sie sogar der Schlüssel zum Verständnis der oftmals rätselhaft-verschleierten Politik Angela Merkels. Der Schlüssel zum Verständnis eines scheinbar unerklärlichen politischen Erfolges.

Gerechtigkeit als Gleichheit“?

Die Doktorarbeit wurde 2009 abgegeben – gerade rechtzeitig vor der Ernennung zur Ministerin. Sie erörterte darin ein umstrittenes Dilemma der Politischen Philosophie: Wie viel Gleichheit braucht und verträgt die Gerechtigkeit? Bemerkenswert ist der Einstieg: Sie zitiert den ehemaligen Ministerpräsidenten Mecklenburg-Vorpommerns, Harald Ringsdorf, mit den Worten: „Die Ostdeutschen haben eine große Sehnsucht nach Gleichheit.“ Weiter zitiert sie, dass ebendiese Ostdeutschen nach Ringsdorf deswegen lieber allesamt trocken Brot äßen, anstatt hinzunehmen, dass alle Brot mit Margarine bekämen und einige wenige sich zusätzlich Kaviar drauf schmieren könnten. Ein interessanter Aufhänger, prägend für die Stoßrichtung der Arbeit. Ebenso vielsagend wie die Tatsache, dass die Autorin an keiner Stelle ihrer Arbeit eine Distanzierung zu dieser recht gewagten Unterstellung Ringsdorfs vornimmt.

Was ihr zudem in beachtenswerter Weise gelingt ist eine Profilabgrenzung der CDU gegen alle anderen Parteien (außer der FDP): Die CDU sei eben diejenige Partei, die immer für den Kaviar eintrete und die durch die Bank und auf allen Ebenen nonegalitaristisch geprägt sei. Mit wenigen Worten tut sie die umfangreiche Gerechtigkeitstheorie eines John Rawls ab – nein, so denke man in ihrer Partei einfach nicht, und das sei auch gut so.

Doch es kommt noch besser: Schröder entdeckt ein paar Ungereimtheiten in den Antworten der CDU-Mitglieder: Da kreuzten nahezu alle jene Antworten an, die als Hinweis auf eine nonegalitäre Einstellung gewertet wurden. Manche aber kreuzten zusätzlich noch Antworten an, die ein egalitäres Denken offenbarten. Natürlich findet Schröder umgehend eine Erklärung für diese Ausreißer ihrer schönen, ansonsten beinahe uniformen Statistik: „Die Zustimmung zu egalitären Einstellungen steigt mit einer ostdeutschen Herkunft, einem höheren Alter, einem niedrigeren Einkommen, einer niedrigeren Bildung“ erklärt Schröder lapidar. Und um keinen Zweifel an dieser Tatsache zu lassen, dass linke Flausen wohl mit niederer Klasse und schlechter Bildung zusammenhängen müssen, konstatiert sie: „Hierzu passt, dass die ostdeutschen Abgeordneten, die vermutlich noch oft durch die Auseinandersetzung mit einem sozialistischen System geprägt sind, den nonegalitären Einstellungen stärker zustimmen als ihre westdeutschen Kollegen.“ Denn, so Schröder weiter, nachdem sie erfolgreich das Reizwort „sozialistisch“ in ihrer Arbeit platziert hat: „Die Abgeordneten sind jeweils im Schnitt jünger als die Mitglieder, formal höher gebildet und verfügen über ein höheres Einkommen.

Emanzipation ist der Kaviar

Schröder blickt sicherlich, wenn sie von den jungen, den höher gebildeten und besser verdienenden Abgeordneten spricht, vor allem auf sich selbst. Als sie diese Worte schrieb, war sie bereits sieben Jahre lang Bundestagsabgeordnete. Mit 25 hatte sie den Einzug in das Parlament geschafft. Davor war sie fünf Jahre lang Mitarbeiterin bei einem CDU-Abgeordneten gewesen. Ihre politische Karriere begann sehr früh: Mit 14 Jahren entschied sie sich zum Eintritt in die Junge Union. Auch kommt sie selbst aus einer gut situierten, akademischen Familie. Für Schröder alles Selbstverständlichkeiten. In Kürze erscheint ihr erstes geschlechterpolitisches Buch. Es wird den Titel „Danke, emanzipiert sind wird selber!“ tragen. Schröder ist keine Feministin und überzeugt, dass keine Frau eine sein sollte, das zeigte sie bereits in ihrem ausführlichen Interview mit dem Spiegel 2010. Mit ihrem Buch unterstreicht sie diese Einstellung. Eine Einstellung, die übrigens in der Gesellschaft große Popularität erfährt – gerade auch bei den Piraten. Schröder setzt auf die Eigenleistung der Frauen und denkt offenbar, dass der modernen Frau, so sie denn will, keine Türen mehr verschlossen blieben. Die sogenannte „gläserne Decke“ gibt es bei ihr schlichtweg nicht. Der beste Beweis ist sie schließlich selbst: Sie hat es geschafft – in einer Männerpartei!

Der Logik ihrer Doktorarbeit folgend, ist es auch gar nicht nötig, dass Schröder sich tiefergehende Gedanken um all jene machen müsste, die weniger privilegiert sind, als sie. Die dort skizzierte Gerechtigkeitstheorie impliziert Ungleichheit in allen gesellschaftlichen Sphären. So lange es allen Menschen auf einem Existenzminimum gut geht, sei das okay – die Margarine eben. Sprich: Die Privilegien, die nur wenige genießen können, sind völlig in Ordnung, an denen muss man nicht rütteln. Deswegen muss sich die Ministerin in ihren eigenen Augen wirklich nicht darum kümmern, dass andere Frauen (vor allem je nach sozialer Lage und Bildung) „selber“ so emanzipiert sein können, wie sie und ihre Co-Autorin Caroline Waldeck, eine leitende Mitarbeiterin des Familienministeriums. Vielleicht ist den beiden Frauen sogar vollkommen klar, dass es von Einkommen und sozialem Stand abhängt, ob eine Frau – vor allem mit Kind – emanzipiert leben kann. Wie alles, was man sich leisten können muss, gibt es sie halt nur für Wenige – und das ist im Schröderschen Denken vollkommen okay. Emanzipation ist eben der Kaviar.

(Dieser Artikel erschien zuerst im Freitag. Diese Version ist die ungekürzte und ursprüngliche Fassung.)

Zum Nachlesen: Köhler, Kristina: Gerechtigkeit als Gleichheit? : eine empirische Analyse der objektiven und subjektiven Responsivität von Bundestagsabgeordneten, Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss., 2010.

und ab 16.04.: Schröder, Kristina und Waldeck, Caroline: Danke, emanzipiert sind wir selber : Abschied vom Diktat der Rollenbilder, München: Piper, 2012

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So sieht es aus: Männer dürfen lesen!

und wo sind die Frauen?

Schlachtfeld Frau“ ist der Titel des Artikels, den ich gerade lese. (Lest ihn auch!) und was sieht mein Adlerinnen-Auge? In der Sidebar neben diesem Artikel auf Zeit.de werden Lesungen gefeaturet. Die erste Seite von dreien zeigt keine einzige Frau. Erst wenn mensch weiterblättert, tauchen insgesamt 3 Frauen auf (und zehn Männer).

Screenshot der angebotenen Lesungen auf zeit.de - Männer sind einfach die besseren Literaten. Oder?

Über das Sichtbarkeitsproblem der Frauen in der Literatur kann man hier weiter lesen:

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Knallenlassen statt MiMiMi

Zur Emanzipation braucht es viel Stolz. Wer sich nicht wehrt, der ändert auch nichts. Ein Mutmach-Plädoyer zum Frauentag.

Katharina Rutschky war eine Frau, die gerne gegen den feministischen Strom schwomm. Von ihrem Buch „Im Gegenteil“ lacht sie uns herausfordernd an und der Untertitel „politisch unkorrekte Ansichten über Frauen“ kündet vom Spiel mit der Provokation. So betrachtet sie argwöhnisch das Phänomen der sexuellen Belästigung (der Text ist aus dem Jahr 1999 – aber ich finde ihn bis heute aktuell). Sie las in der Zeitung, dass 2/3 der Frauen am Arbeitsplatz schon belästigt worden seien, gab sich aber mit dieser schockierenden Zahl nicht zufrieden. Sie schaute genauer hin und fand heraus, dass je nach geografischer Lage die Zahl enorm schwankte. In Bonn waren es 72 Prozent der befragten Frauen, in Berlin nur „schlappe“ 34 Prozent, die Erfahrungen mit sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz machten. Und ganze 12 Prozent der Berlinerinnen waren sich nicht sicher. Rutschkys provokante These: „Sie hatten kein Problem, das ihnen zu schaffen machte, sondern, bei aller Gutwilligkeit, ein Klassifikationsproblem.“ Es offenbar sich hier ein generelles Problem: Das Sexuelle ist in unserer Kultur immer irgendwie „drüber“ – wir lavieren ständig zwischen den Extremen „Prüderie“ und „Pornofizierung“. Ein entspannter Umgang, der auch zwischenmenschliche Komplikationen, Missverständnisse und Fehler zulässt, ist nicht immer ganz leicht. Vor allem, wenn es um das Zwischenmenschliche in nicht-intimen Beziehungen geht, ums Flirten oder: um sexuelle Avancen im Alltag.

Mit Rutschky gedacht kommt es also auf das an, was wir selbst über das Geschehene denken: Machen wir daraus eine Mücke oder einen Elefanten? Muss der Staat eingreifen, oder kann eine Frau einfach selbst die Dinge in die Hand nehmen und einem wie auch immer übergriffigen Kollegen seine Grenzen aufzeigen? Rutschky wirft einige tief verankerte Dogmen einfach über den Haufen. „Ein Kaninchen ist eben nicht dämonisch.“ Sagt sie. Eine Politik, die auf Druck von woher auch gegen alles Mögliche Gesetze erlassen würde, das als „übergriffig“ oder „Belästigung“ empfunden wird, wäre jedenfalls furchtbar. So furchtbar und kontraproduktiv, wie es das Beschützer-Bedürfnis von Eltern sein kann, die am liebsten die ganze Welt in Matratzen polstern würden, damit kleine Kinder sich nicht mehr ihre Arme brechen können. So weit, so richtig. Womit wir auch wieder bei Judith Butler angekommen wären: Die Verletzung birgt gleichzeitig die Chance zur Wendung. Das Fehlaneignen einer Verletzung kann ein emanzipatorischer Akt sein, denn er widersprich den gesellschaftlichen Grundprämissen, die da lauten: Die Frauen können sich nicht selbst wehren. Es ist mir als Grüne ein bisschen peinlich, aber wie ich bei Katharina Rutschky las, war es einzig jemand aus der CDU, der Frauen empfahl, bei Belästigungen mit Ohrfeigen zu reagieren. Knallen lassen, statt Mimimi. Feindkontakt, statt petzen. Wehre dich!

(Bild: CC BY-NC 2.0; Suzanne Gerber via flickr.com: http://www.flickr.com/photos/wurzeltod/231699247/)

Aber war es nicht schon Hedwig Dohm, die mit ihrem auffordernden „Mehr Stolz, ihr Frauen!“ die Lösung vieler unserer Leiden in der Hand gehalten hat? Und ist es etwa ein Zufall, dass es immer genau jene Frauen sind, die dieses Mimimi ablegen und mit Humor, mit Schlagkraft und Feindkontakt die meisten hochgezogenen Augenbrauen und Schmähungen ernten? Wohl kaum: Es sind vielleicht jene Frauen, die den einzig wirklich wirksamen Schlüssel zur Entmachtung der Rollenstereotype gefunden haben: den Stolz und die Kampfeslust der „braven Frauen“, die am Gefährlichsten für die eingefahrenen Verhaltensmuster in der Gesellschaft sind. Emanzipation braucht immer jene, die Ausbrechen. Und diese brauchten immer schon ein dickes Fell. Die hohe Kunst dabei ist es nur, nicht in eine Art hyperventilierenden Wettkampf zu geraten, darum, wer die Stärkste und Tollkühnste ist. Nicht jene zu vergessen und abzuhängen, die es aus eigener Kraft diesen Stolz nicht mehr aufbringen. Das gilt nicht nur im Feminismus, sondern für alle Arten der Emanzipation.

Was Rutschky, und nach ihr noch viele andere starke Frauen, zuletzt Bascha Mika, bei aller Sympathie verkennen: Die meisten Frauen sind genau dazu überhaupt nicht erzogen worden. In vielen von uns gibt es eine Art innere Barriere, wenn wir auf Konfrontation gehen müssten. Wir schicken lieber andere vor. Oder wir fügen uns. Eine neuere Erscheinungsform ist es, Konfrontationen im realen Leben komplett zu vermeiden, immer die Klappe zu halten und dafür im Internet ordentlich vom Leder zu ziehen – ich nehme mich da mal überhaupt gar nicht aus. Rutschky verkennt, weil sie selbst wohl tatsächlich die Emanzipation von vielen Zwängen geschafft hat, dass es ein langer und harter Kampf der Frauen gegen sich selbst ist. Ein Kampf, der nicht zu unterschätzen ist und der die Frauen, die ihn Kämpfen, eben nicht immer sofort mit Ruhm und Ehre belohnt. Frauen, die am Arbeitsplatz lauter, dominanter und kämpferischer sind, das zeigen Studien, gelten schnell als „stutenbissig“ und „unkollegial“ – während dieses Verhalten bei Männern akzeptiert oder sogar erwartet wird. Und auch jene, die es schafften, sich von Alltagszwängen qua Geschlecht zu befreien, baden immer wieder wie in Flash-Backs in kleinen Pfützen ihres Selbsthasses und in Selbstzweifeln, wenn die Umwelt sie sanktioniert – oder sie dies nur erwarten. „Krieg mal deinen Arsch hoch, mach den Mund auf und wehr dich – anstatt nur zu heulen.“ – ist eine vielleicht gut gemeinte Ansage, aber viele Menschen, nicht nur Frauen, können das nicht umsetzen und fühlen sich gerade dadurch noch degradierter. Das Kunststück ist es, ganz nach dem Pippi Langstrumpfschen Grundsatz „Wer stark ist, muss auch gut sein“, an einem Strang zu ziehen. Was Rutschky und Mika machen ist: erwarten, dass wir alle Pippi Langstrumpf werden, bei gleichzeitiger Abwertung der „Annikas“ unter uns. Bei Astrid Lindgren aber waren Pippi, Tommy und Annika Freunde. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Und das ist sicher kein Zufall. Denn am Ende sollten wir alle keine EinzelkämpferInnen sein – nur in der Masse werden wir die Gesellschaft verändern können.

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