Emanzipation ist wie Kaviar

Kristina Schröder ist eine bemerkenswerte Frau. Häufig als dumm und naiv dargestellt, steckt hinter der Fassade eine knallharte und berechnende Politikerin. Es ist daher an der Zeit, sie endlich ernst zu nehmen und von ihr zu lernen.

Es war meine eigene Mutter, die mich vor längerer Zeit einmal völlig aus der Fassung brachte, indem sie mich allen ernstes fragte,was ich denn von dieser Kristina Schröder hielte. Ob ich die denn nicht toll fände, weil sie doch so jung, dynamisch und so emanzipiert sei. Meine eigene Mutter dachte, ich sei ein Fan Kristina Schröders! Sie schien zu glauben, die Familienministerin und ich stünden für ein und dasselbe Bild einer jungen Frau „unserer“ Generation. Ich war dermaßen irritiert, dass ich nichts anderes wusste, als darüber hinwegzugehen. Diese Ignoranz steht beispielhaft für einen Fehler meiner linksliberalen Filterblase: Wir nehmen Kristina Schröder schon lange nicht mehr ernst.

Was aber meine Mutter wohl zu ihrer Überlegung antrieb, waren diese nicht wegdiskutierbaren Fakten: Als erste Ministerin mit Kind setzt Kristina Schröder komplett neue Maßstäbe in der politischen Repräsentation junger Mütter. Sie zeigte sich völlig unbekümmert über die massiven Angriffe aus der eigenen Klientel, dass sie schon nach kurzer Zeit wieder den Ministerinnen-Sitz bezog. Meiner Mutter fiel im Gegensatz zu mir auf, dass dies eine bahnbrechende Tat darstellte. Für viele ist es im Gegensatz dazu einfacher, sie als dumm und dilettantisch abzustempeln, als sie ernst zu nehmen. Es tut vielen jungen Menschen, Männern wie Frauen, nahezu körperlich weh, auszusprechen, dass Kristina Schröder, die Ende der Siebziger geboren wurde, „Eine von uns“ sei. Ähnlich sozialisiert, ähnlich im Werdegang, mit ziemlich modernen Ansichten. Nein – uns rollen sich die Zehnägel auf! Mit der wollen wir nicht in einen Topf geworfen werden! Dieses wir, damit meine ich diese „irgendwie linke“ gesellschaftliche Gruppierung im Alter von Anfang 20 bis vielleicht Ende 30, die teilweise parteilos in sozialen Netzwerken organisiert ist, teilweise vielleicht den Piraten oder den Grünen, den Linken oder der SPD nahesteht. Ja wir würden doch alles ganz anders machen, wären wir Ministerin in diesem Kabinett! Wir würden antirassistische Initiativen stärken. Wir würden das Elterngeld reformieren. Anstatt die ganze Care-Arbeit zu privatisieren und damit wieder vor allem auf die Frauen abzuwälzen, würden wir massiv in den Ausbau von Qualität und Quantität staatlicher Angebote investieren. Wir hätten da so einige Ideen! Stattdessen dürfen wir in Kürze das Betreuungsgeld begrüßen. Und können es nicht fassen.

Das Betreuungsgeld als Prüfstein der Parteitreue

Die Debatte um das Betreuungsgeld nahm in den vergangenen Tagen noch einmal richtig an Fahrt auf und ist ein Paradebeispiel machtorientierter Politik. In der Volkspartei CDU hat sich der Einzelne der Gesamtideologie zu unterwerfen – auch Schröder sieht jeden Abgeordneten in dieser Verantwortung, wie sie schon in ihrer Doktorarbeit betont. So ist es völlig unerheblich, ob die OECD, wie jüngst geschehen, den wirtschaftlichen Gesamtschaden des Betreuungsgeldes mahnend antizipiert. Ein Volker Kauder, sonst ein ganz patenter wenn es um die Ausrichtung der Politik auf ökonomische Interessen geht, stellt das Konzept keinesfalls infrage. Angela Merkel verliert kein böses Wort darüber. Es ist die große „Partei-Responsivität“, wie das Gefühl der Verantwortung für den Willen der Basis in Kristina Schröders Doktorarbeit genannt und empirisch nachgewiesen wird, die alle aneinander kettet – in guten wie in schlechten Zeiten. Genau wie die ebenfalls in jener Arbeit nachgewiesene christdemokratische „ideologische Kernhaltung“, die darin besteht, sich für ein leistungsorientiertes Ungleichgewicht zwischen den Menschen und gegen eine gesellschaftliche Umverteilung stark zu machen. Dieser Kitt erlebt durch die Personalie Schröder im Merkelschen Kabinett eine Verjüngungskur. Während sie auf der einen Seite massiv die klassischen konservativen Rollen sprengt und die moderne Vorbildministerin mit Kind ist, aktualisiert sie elitistische und rechte Ideen innerhalb ihrer Partei. Gibt ihnen ein junges und unverbrauchtes Antlitz. Es ist notwendig, genau diese werturteilsfreie Vogelperspektive auf Schröder und ihre innerparteiliche Rolle einzunehmen – ganz in Weberscher Manier. Dann wird man auch ihren eigenen, ebenfalls Weber verehrenden Ansprüchen gerecht. Und dann macht plötzlich alles einen großen Sinn.

Schröder polarisiert wie Koch

Offensichtlich gibt es aus linker Perspektive vieles an der Politik der Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu kritisieren. Sie schaffte das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger ab; sie führt einen offenen Twist mit Ursula von der Leyen über die Frage der Frauen-Quote; sie setzt sich für das Betreuungsgeld ein; sie führte in Dortmund einen Dialog mit Rechtsextemen unter dem Titel „Dortmund den Dortmundern“ und ließ dafür eine unsägliche Menge an Staatsgeldern springen. Es gab einen kleinen Aufschrei, als sie das Thema „Deutschenfeindlichkeit“ auf die politische Agenda setzte und sich ernsthaft darüber besorgte, dass unter den Menschen mit Migrationshintergrund ebendiese weit verbreitet sei. Gräbt man weiter in ihrer politischen Vergangenheit, die in der Hessischen CDU geprägt wurde, findet man Erklärungen: Schröder steht für den Flügel in der CDU, der einmal durch den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch repräsentiert wurde. Sie setzte sich für einen Einbürgerungstest für MigrantInnen ein, wie sie auch die Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft verteidigte, die 1999 Roland Koch zu seinem Wahlsieg in Hessen verhalf.

Weil sie mit dieser polarisierenden Politik viele Beißreflexe auslöst, versuchen nicht wenige Menschen, sie so gut sie können zu demontieren. Eine der erfolgreichsten Methoden der politischen Demontage der vergangenen Jahre ist die Analyse wissenschaftlicher Arbeiten der dynamischen Jung-Helden. Natürlich untersuchten ihre Kritiker auch die Doktorarbeit von Kristina Schröder. Hinweise auf Betrug aber gab es keine, deshalb ließ man die Sache auf sich beruhen. Das ist vielleicht der zweite kapitale Fehler, den wir begingen. Nicht nur lässt sich in der Arbeit ganz eindeutig die Handschrift und somit Denkweise Kristina Schröders erkennen, sie ist darüber hinaus stärkster Ausdruck und Gradmesser eines vielfach unbekannten oder zumindest unbeachteten CDU-Duktus‘. Wes Geistes Kind ist diese Partei, die in diesem Land in absoluten Zahlen auch nach der letzten Sonntagsfrage die meisten Stimmen auf sich vereint? Welchen Politikstil verfolgen ihre Eliten, mit so großem Erfolg, dass sie uns regieren? Während in den Medien scheinbar nur noch der sogenannte „neue Politikstil“ der Piratenpartei gehyped wird, finden sich die Antworten auf diese Fragen bei Kristina Schröder. Diese Frau ist einer der eindrücklichsten Seismografen für die Frage: Was will die CDU? Was will ihre Basis und wofür stehen die Amts- und Funktionsträger der Partei? Vielleicht ist sie sogar der Schlüssel zum Verständnis der oftmals rätselhaft-verschleierten Politik Angela Merkels. Der Schlüssel zum Verständnis eines scheinbar unerklärlichen politischen Erfolges.

Gerechtigkeit als Gleichheit“?

Die Doktorarbeit wurde 2009 abgegeben – gerade rechtzeitig vor der Ernennung zur Ministerin. Sie erörterte darin ein umstrittenes Dilemma der Politischen Philosophie: Wie viel Gleichheit braucht und verträgt die Gerechtigkeit? Bemerkenswert ist der Einstieg: Sie zitiert den ehemaligen Ministerpräsidenten Mecklenburg-Vorpommerns, Harald Ringsdorf, mit den Worten: „Die Ostdeutschen haben eine große Sehnsucht nach Gleichheit.“ Weiter zitiert sie, dass ebendiese Ostdeutschen nach Ringsdorf deswegen lieber allesamt trocken Brot äßen, anstatt hinzunehmen, dass alle Brot mit Margarine bekämen und einige wenige sich zusätzlich Kaviar drauf schmieren könnten. Ein interessanter Aufhänger, prägend für die Stoßrichtung der Arbeit. Ebenso vielsagend wie die Tatsache, dass die Autorin an keiner Stelle ihrer Arbeit eine Distanzierung zu dieser recht gewagten Unterstellung Ringsdorfs vornimmt.

Was ihr zudem in beachtenswerter Weise gelingt ist eine Profilabgrenzung der CDU gegen alle anderen Parteien (außer der FDP): Die CDU sei eben diejenige Partei, die immer für den Kaviar eintrete und die durch die Bank und auf allen Ebenen nonegalitaristisch geprägt sei. Mit wenigen Worten tut sie die umfangreiche Gerechtigkeitstheorie eines John Rawls ab – nein, so denke man in ihrer Partei einfach nicht, und das sei auch gut so.

Doch es kommt noch besser: Schröder entdeckt ein paar Ungereimtheiten in den Antworten der CDU-Mitglieder: Da kreuzten nahezu alle jene Antworten an, die als Hinweis auf eine nonegalitäre Einstellung gewertet wurden. Manche aber kreuzten zusätzlich noch Antworten an, die ein egalitäres Denken offenbarten. Natürlich findet Schröder umgehend eine Erklärung für diese Ausreißer ihrer schönen, ansonsten beinahe uniformen Statistik: „Die Zustimmung zu egalitären Einstellungen steigt mit einer ostdeutschen Herkunft, einem höheren Alter, einem niedrigeren Einkommen, einer niedrigeren Bildung“ erklärt Schröder lapidar. Und um keinen Zweifel an dieser Tatsache zu lassen, dass linke Flausen wohl mit niederer Klasse und schlechter Bildung zusammenhängen müssen, konstatiert sie: „Hierzu passt, dass die ostdeutschen Abgeordneten, die vermutlich noch oft durch die Auseinandersetzung mit einem sozialistischen System geprägt sind, den nonegalitären Einstellungen stärker zustimmen als ihre westdeutschen Kollegen.“ Denn, so Schröder weiter, nachdem sie erfolgreich das Reizwort „sozialistisch“ in ihrer Arbeit platziert hat: „Die Abgeordneten sind jeweils im Schnitt jünger als die Mitglieder, formal höher gebildet und verfügen über ein höheres Einkommen.

Emanzipation ist der Kaviar

Schröder blickt sicherlich, wenn sie von den jungen, den höher gebildeten und besser verdienenden Abgeordneten spricht, vor allem auf sich selbst. Als sie diese Worte schrieb, war sie bereits sieben Jahre lang Bundestagsabgeordnete. Mit 25 hatte sie den Einzug in das Parlament geschafft. Davor war sie fünf Jahre lang Mitarbeiterin bei einem CDU-Abgeordneten gewesen. Ihre politische Karriere begann sehr früh: Mit 14 Jahren entschied sie sich zum Eintritt in die Junge Union. Auch kommt sie selbst aus einer gut situierten, akademischen Familie. Für Schröder alles Selbstverständlichkeiten. In Kürze erscheint ihr erstes geschlechterpolitisches Buch. Es wird den Titel „Danke, emanzipiert sind wird selber!“ tragen. Schröder ist keine Feministin und überzeugt, dass keine Frau eine sein sollte, das zeigte sie bereits in ihrem ausführlichen Interview mit dem Spiegel 2010. Mit ihrem Buch unterstreicht sie diese Einstellung. Eine Einstellung, die übrigens in der Gesellschaft große Popularität erfährt – gerade auch bei den Piraten. Schröder setzt auf die Eigenleistung der Frauen und denkt offenbar, dass der modernen Frau, so sie denn will, keine Türen mehr verschlossen blieben. Die sogenannte „gläserne Decke“ gibt es bei ihr schlichtweg nicht. Der beste Beweis ist sie schließlich selbst: Sie hat es geschafft – in einer Männerpartei!

Der Logik ihrer Doktorarbeit folgend, ist es auch gar nicht nötig, dass Schröder sich tiefergehende Gedanken um all jene machen müsste, die weniger privilegiert sind, als sie. Die dort skizzierte Gerechtigkeitstheorie impliziert Ungleichheit in allen gesellschaftlichen Sphären. So lange es allen Menschen auf einem Existenzminimum gut geht, sei das okay – die Margarine eben. Sprich: Die Privilegien, die nur wenige genießen können, sind völlig in Ordnung, an denen muss man nicht rütteln. Deswegen muss sich die Ministerin in ihren eigenen Augen wirklich nicht darum kümmern, dass andere Frauen (vor allem je nach sozialer Lage und Bildung) „selber“ so emanzipiert sein können, wie sie und ihre Co-Autorin Caroline Waldeck, eine leitende Mitarbeiterin des Familienministeriums. Vielleicht ist den beiden Frauen sogar vollkommen klar, dass es von Einkommen und sozialem Stand abhängt, ob eine Frau – vor allem mit Kind – emanzipiert leben kann. Wie alles, was man sich leisten können muss, gibt es sie halt nur für Wenige – und das ist im Schröderschen Denken vollkommen okay. Emanzipation ist eben der Kaviar.

(Dieser Artikel erschien zuerst im Freitag. Diese Version ist die ungekürzte und ursprüngliche Fassung.)

Zum Nachlesen: Köhler, Kristina: Gerechtigkeit als Gleichheit? : eine empirische Analyse der objektiven und subjektiven Responsivität von Bundestagsabgeordneten, Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss., 2010.

und ab 16.04.: Schröder, Kristina und Waldeck, Caroline: Danke, emanzipiert sind wir selber : Abschied vom Diktat der Rollenbilder, München: Piper, 2012

Flattr this!

Im Faust waren auch keine Fußnoten

Alexander VI. tat und sann nichts anderes, als die Menschen zu hintergehen, und er fand auch immer Objekte, die sich hintergehen ließen. Es gab noch nie einen Menschen, der seine Beteuerungen wirkungsvoller vorgebracht, seine Versprechungen feierlicher beschworen und weniger gehalten hätte. Trotzdem gelangen ihm seine Betrügereien stets nach Wunsch; so gut kannte er die schwache Seite der Menschen.

(Machiavelli: Il Principe; Kapitel 18)

Nur ein Genie beherrscht das Chaos – sagt man das nicht so? Mein Leben ist so unglaublich vielfältig, dass es bisweilen in Chaos ausartet – das ich immer, wirklich immer wieder unter Kontrolle bekommen habe. Ja. Mein Vertrauen in mein Können ist in dieser Hinsicht groß, auch wenn sicherlich selbst mir manches Mal Fehler unterlaufen können.

Ich habe also über eine ziemlich lange Zeit hinweg unglaublich chaotisch so etwas wie eine schlüssige Arbeit zu einem Thema zu schreiben versucht. Mit Copy und Paste habe ich interessante Textteile zusammengetragen und ‚meine‘ Kapitel auf einzelne Disketten verteilt.

Weil ich immer unglaublich gestresst bin, da Job, Politik und Familie mich gleichzeitig herausfordern, merkte ich nicht, wie mir die Sache eigentlich entglitt – das ist der einzige Fehler, den ich an mir erkennen kann. Außerdem passt es überhaupt nicht zu meinem Selbstbild, so etwas nicht zu schaffen.

Schon während meiner Schulzeit war ich den anderen Kindern in meiner Klasse um Längen voraus. Bereits damals war mir klar, dass ich für Größeres bestimmt war, das liegt bei mir in der Familie. In meinem Kopf ist genug drin, und was nicht dort drin ist, delegiere ich an andere – Hauptsache ich kann die Fäden ziehen. Andere, die all den Kleinscheiß machen, für den mir immer die Nerven fehlen, habe ich doch genug. Von Kindesbeinen an konnte ich so meine Gehirnkapazitäten auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben konzentrieren, und wenn mein Kinderzimmer unordentlich war, hat doch eh das Hausmädchen Clara alles wieder aufgeräumt. Ihren lieben kleinen Karli nannte sie mich dabei immer. Sie machte meinen Mist weg und liebte mich dabei – ich war also was besonderes. Ist doch logisch, dass ich zunächst nicht auf die Idee kam, dass diese Text-Stückwert-Sauerei nicht auch irgendwie bereinigt werden könnte.

Es war ja auch immer so: Meine Lehrer und Professoren, durch die Bank, die kannten ja meinen Vater. Die wussten ja: auf den Sohnemann kann man sich verlassen, da muss man sich keine Sorgen machen. Sie sahen doch immer über so manches hinweg. Immer. Zu Recht: Denn nur so konnte ich mein ganzes positives Potential entfalten – nicht auszudenken, wo ich geendet hätte, wenn sie meine Fehler genauso kritisch auseinander genommen hätten, wie die der ganzen Arbeiterkinder, die da immer so rumkämpften. Sie wussten eben auch: Der ist für Größeres bestimmt, den wollen wir mal nicht mit unserer Korinthenkackerei behindern.

Naja, gut: Ich war wirklich ein bisschen erschrocken, als ich am Ende vor diesem Stückwerk saß. Aber seien wir doch mal ehrlich: Dieses wissenschaftliche Arbeiten ist einfach total schrecklich! Leider hätte man mich in diesem Land ohne wissenschaftliche Karriere gar nicht akzeptiert – völlig zu Recht: irgend eine Möglichkeit muss es ja geben, die Guten ins Kröpfchen und die schlechten ins Töpfchen zu stecken, nicht wahr? Je weiter nach Oben ich mich arbeitete, in meiner akademischen Laufbahn, desto dünner wurde die Luft für sogenannte „Aufsteiger“, die aus den unteren Schichten kamen. Das funktioniert also sehr gut, das muss ich ja auch anerkennen!

Natürlich war ich dabei völlig naiv: Ich dachte immer, ich kann es mir ja kaufen. Im Zweifel kann ich es doch immer kaufen. So wie diese lästigen Hausarbeiten am Ende von jedem Semester. Die konnte ich doch auch kaufen. Das war immer eine wunderbare Win-Win-Situation: Die verdienten sich ihren Lebensunterhalt (und das war ja sogar zu ihrem Thema, das ist ja noch viel besser, als zu kellnern oder Taxi zu fahren, da lernten die ja gleich noch was dabei!) und ich konnte mich auf die wichtigen Dinge in meinem Leben konzentrieren. Ehrlich mal: das war doch alles nur ne Alibi-Veranstaltung. Darum ging es doch nie. Mir war doch immer ein ganz anderes Schicksal bestimmt gewesen. Weder wollte ich Wissenschaftler werden, noch in diesem Beruf arbeiten. Politik, ein Land leiten, es in der gesamten Welt präsentieren – ich wusste einfach: das ist genau mein Ding. Ich will mich jetzt nicht erdreisten, mich mit Jesus zu vergleichen. Aber so von der Bestimmung her, da war einfach immer klar: Ich muss was besonderes sein.

Nun saß ich also ein paar Wochen vor der Abgabe da mit diesem Chaos. Also schickte ich es Susanne, die kann das so gut, mit so Texten: die macht die Rund und flüssig zu lesen. Nen Hunni ließ ich ihr schon springen. Das mit den Quellen war mir eigentlich schon damals klar. Also, dass das nun total dumm gelaufen war, dass das eigentlich nicht geht. Aber mal ehrlich: ich hatte mir wirklich Mühe gegeben, ich hatte schon einiges an Zeit aufgewendet, hab es immer irgendwie versucht, mitzudenken. Nur ist mir diese Frickelarbeit echt zu blöd. Also wirklich: Das ist doch furchtbar nervend, dass man seinen Redefluss ständig unterbricht, weil man Quellen und Fußnoten setzen muss. Ich hatte doch alle wichtigen Passagen entdeckt! Was braucht man denn noch? Das war doch ne Eigenleistung! Ich hatte also noch ein paar Wochen übrig und war mir aus meiner Erfahrung und Position heraus sicher: Es wird schon gut gehen. Es ging doch immer alles gut. Und sagte man nicht: In ein paar Jahren fragt niemand mehr danach? Mein Doktorvater war ja auch schon so begeistert von mir, wie alle eben. Ich war mir sicher, er würde ein Auge zudrücken. Und danach verschwände das Ding im Nirvana.

Da war nur die Sache mit dieser FAZ-Autorin: Also, dass die das Ding einmal lesen würde, das war ja wirklich die größte Gefahr für mich. Ich bin ja klug und vorausschauend – das wusste ich natürlich! Jetzt hatte ich also diese Wahl: die ganze Diss hinschmeißen, wegen dieser FAZ-Frau, oder darauf hoffen, dass die Frau genauso funktionierte, wie alle anderen Menschen, die bislang mein Leben kreuzten: wohlwollend, verstehend, beeindruckt. Die Frau kannte ja nur ihre eigene Stelle, da würde ich mich einfach in aller Höflichkeit entschuldigen und Sie als Entschädigung auf mein Gut einladen. Das hat bislang noch alle überzeugt. Ich ging noch einmal alle anderen Quellen durch: nee, außer ihr würde niemand etwas bemerken. Dieses Risiko war total händelbar, wirklich.

Das mit diesem Internet konnte ich ja nicht wissen. Also wirklich: Dass das so einfach funktioniert. Das gab es ja damals noch nicht, ich war ja der erste. Bei Jesus war das ja ähnlich: je besser jemand ist, je größer seine Bestimmung, desto mehr Menschen versuchen, ihm ein Bein zu stellen. Heute landet ja zum Glück keiner mehr am Kreuz! Aber solche Hetzjagden – dafür sind die Menschen noch zu haben. Dabei geht es in meinem Leben überhaupt nicht um Wissenschaftlichkeit. Es geht um das große Ganze. Natürlich werden die Menschen das im Nachhinein einsehen müssen. Ich bin aber überzeugt, dass wir in der Moderne leben, um die Geschichte schon während wir leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Es ist doch nur zum Wohle aller, wenn jemand wie ich seiner eigentlichen Bestimmung nachgeht. Die meisten Menschen haben das verstanden. Die meisten verhalten sich ja auch intuitiv richtig, sie wollen überhaupt nicht auf dieser Lapalie herumhacken – immer und immer wieder. Die wollen sehen, wie ich Politik mache, ihr Land repräsentiere, in Afghanistan.

Aus Niklas Luhmann: Legitimität durch Verfahren

Die lieben mich für das wirklich Wichtige: für meine Ausstrahlung und meine Bestimmung. Ich will diese Menschen nicht enttäuschen und verlieren, für ein paar hyperkritische Neider. Meine Frau, meine Eltern, meine Lehrer und Professoren sollen stolz auf mich sein können, sollen wissen, dass sie sich nicht in mir getäuscht haben. Hier geht es um etwas Größeres!

Im Faust waren schließlich auch keine Fußnoten.

Flattr this!

The Leftist Elite

Oder: Warum ich das Blog umgenannt habe


(Linke Elite – Problem der Welt. Bild: Simone de Beauvoir, Sartre und Che Guevara 1960 in Kuba, via wikimedia commons)

Der Name „Wildwuchs“ (wie dieses Blog ursprünglich hieß), war nett, aber nur eine Art Verlegenheitslösung. Oder sagen wir: Ein „Arbeitstitel“. Irgend ein Name musste eben her. Und ein bisschen passen sollte er ja schon auch. Und er passte ja auch zu mir. Ich sehe mich schon als einen Wildwuchs.
Aber so richtig geil war er eigentlich nicht.

Als mir der Satz „Part of the Problem in this world are because of the LEFTIST ELITE!“, der wahrscheinlich von google ins Englische übersetzt worden war, über den Weg lief, sprang mir dieses „the LEFTIST ELITE“ förmlich in die Augen und auch ins Herz. Großartig.

Ich handelte schnell und reflexhaft, die Domain war sofort gesichert. Es ging einfach so mit mir durch. Ein schöner Header musste noch her. Jetzt habt ihr statt der schönen Wiese des elterlichen Gartens der Autorin die sehr adrett ausschauende Familie Marx plus Engels als ständige Begleiter für mein Blog. Denn wer, wenn nicht Marx, könnte sonst der Inbegriff von „the leftist elite“ sein? Wer Marx einmal gelesen hat, weiß, wie elitär der Kerl war und auch dachte. Er trug stets teure Kleidung und trank nur sehr guten Wein. Mit Proletariat war bei Marx nix. Ist ja auch nicht schlimm. Warum sollte einer der wichtigsten Denker der politischen und der soziologischen Theorie auch nicht ein lasterhaftes, ausschweifendes und elitäres Leben haben?

Lasst uns hier ebenso elitär, ausschweifend und lasterhaft dem Elitendasein frönen.
Prost!

(Edit: dieser Text stand in meinem alten Worpress-gehosteten Blog mit anderem Header)

Flattr this!

Der Kampf der Herkunftseliten

Nicht nur in Hamburg wird über eine Reform gestritten: Obsiegt beim Volksentscheid der Klassendünkel über die Bildungsgerechtigkeit?
(Dieser Artikel erschien ursprünglich im Freitag)

Ob nach dem Volksentscheid die erste schwarz-grüne Koalition in einem deutschen Landesparlament weiter bestehen kann? Die Lage in Hamburg ist angespannt. Nicht mehr und nicht weniger steht auf dem Spiel, als der Beweis für die Machbarkeit einer schwarz-grünen Zusammenarbeit. Wenn das mit der Schulreform klappt, dann haben wir eine gemeinsame Zukunft, lautete die grüne Devise nach der Senatswahl. Auch die hanseatische CDU kämpfte für diese Zukunft. Mit seinem engagierten Einsatz für die Schulreform brüskierte Bürgermeister Ole von Beust die eigene Klientel und Unionspolitiker aus ganz Deutschland.

Eine Woche vor der brisanten Abstimmung begannen „Parteifreunde“, medienwirksam gegen ihn und seine Schulreform zu wettern. Baden-Württembergs Kultusministerin Marion Schick grätschte gegen von Beust mit den Worten, manche hingen aus ideologischen Gründen der Fantasie an, dass die Gemeinschaftsschule die soziale Schichtung abbauen würde. Kurz vor dem Volksentscheid machten dann auch Spekulationen über einen baldigen Rücktritt des Bürgermeisters die Runde.

Die so genannte Primarschule, die in Hamburg am Sonntag beim Volksentscheid zur Abstimmung steht, ist eine sechsjährige Grundschule. In Berlin und Brandenburg ist sie bereits Realität. Im Saarland will das Jamaika-Bündnis ein fünfjähriges Modell einführen. Ursprünglich hatten sich die Grünen in Hamburg, allen voran die heutige Schulsenatorin Christa Goetsch, für neun Jahre gemeinsamen Lernens eingesetzt – was aber deutlich auf sechs Jahre reduziert wurde, um für die CDU kompromissfähig zu sein. Anlass für die Pläne sind Studien wie IGLU oder PISA. Sie zeigen: Eine frühe Selektion wirkt sich vor allem zum Nachteil von Kindern aus sozial schwachem Milieu oder mit Migrationshintergrund aus. „Der Kampf der Herkunftseliten“ weiterlesen

Flattr this!

Ich, Arbeiterkind

„In Deutschland kriegen die Falschen Kinder“, sagt Daniel Bahr. Ich bin so ein Kind. Und ich bin verdammt wütend.

Was soll mensch da noch sagen? Ein junger Politiker, der im Vorstand der FDP sitzt und ehemals Vorsitzender ihrer Jugendorganisation war, erklärt mir, warum es besser wäre, wenn statt mir ein Akademikerkind auf die Welt gekommen wäre. „Laut PISA-Studie hängt nämlich in Deutschland der Lernerfolg eines Kindes stark vom Bildungsniveau der Eltern ab.“ Ich, ‚Folgefall’ von ungebildeten Eltern, eine dieser PISA-Versauer! Ich überlege, ob ich mich jetzt dafür schämen muss. Ich lasse mir seine weiteren Äußerungen auf der Zunge zergehen:
„Wir brauchen mehr Kinder von Frauen mit Hochschulabschluß als von jenen mit Hauptschulabschluß. Dann stehen wir künftig auch in der PISA-Studie wieder besser da.“ Glück gehabt, Alte, deine Eltern haben ja den Abschluss der Sekundarstufe II, also Realschule. Dann muss ich mich also nicht schämen und kann meine ganze Kraft in die Wut stecken, die angesichts solcher Behauptungen in mir aufsteigt.

Ist es übertrieben im Fall Bahr von einer versteckten Eugenik zu sprechen?? ‚Wir brauchen nicht die Kinder von den dummen Eltern sondern wollen nur die schlauen’??? Klingt so ein gebildetes Akademikerkind, das in Geschichte immer brav aufgepasst hat? Das gelernt hat, oder einfach weiß, warum die Würde ALLER Menschen unantastbar sein muss?

Die Arbeiterkinder und Kinder aus sozialen Unterschichten, sollten nicht ausgegrenzt werden, sondern stärker als bisher die Chance bekommen, eben auch einen akademischen Abschluss zu machen. Ich habe es in der Schule tatsächlich erleben dürfen, wie man sich fühlt, wenn ein Lehrer einem nur deswegen weniger zutraut, weil ich das Kind von ganz ‚normalen’ Arbeitern bin. Während manche Ärzte-Kinder erst mal beweisen mussten, dass sie nicht von Natur aus schlauer sind, dufte ich gegen Klischees ankämpfen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Nur mit Elitendenken. „Ich, Arbeiterkind“ weiterlesen

Flattr this!