Der Elefantenwurm

Der sogenannte „Elefantenwurm“ ist ein rhetorisches Instrument. Seine Geschichte geht wie folgt:

Es war einmal ein junger Biologie-Student, der lernte für sein Examen in Zoologie. Weil das Feld der Zoologie schier unübeschaubar und seine Zeit äußerst knapp bemessen war, beschloss der Student, dass Mut zur Lücke nicht schaden kann. Eine andere Wahl wäre ihm gar nicht geblieben.

So lernte er die Eigenschaften der Kriechtiere auswendig, besonders detailliert im Beispiel des Wurmes.

Leider schaffte er es nicht mehr, sich mit den Säugetieren ausgiebiger zu befassen. Die Prüfung stand nun an.

„Nun“, begann die Professorin streng, „dann erzählen Sie uns doch einmal etwas vom Elefanten.“

Verdammte Axt! Dachte der Student. Doch er begann, denn Kneifen wäre Durchfallen gewesen.

„Der Elefant ist ein sehr großes Säugetier.“ begann er zaghaft und dümmlich. „Er hat vier Beine, eine dicke Haut und je nach Herkunft größere oder kleinere Ohren.“ Er setzte ein wenig debil dreinschauend hinzu: „Dazu Stoßzähne. Sein herausstechendstes Merkmal allerdings ist der Rüssel. Dieser Rüssel erinnert den geneigten Betrachter an einen Wurm! – Ja und wissen Sie, also Würmer…“

Und nun folgte eine sehr beeindruckende und detailreiche Abhandlung über die Würmer.

Das ist der bei Politikern sehr beliebte Kniff des Elefantenwurms. Ich hoffe auf alle JournalistInnen, dass sie das nun ein für allemal kapieren und darauf beharren, dass zu gegebener Zeit über Elefanten, nicht über Würmer, geredet wird.

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Rechtfertigungspolitiken (war: Das Bundesforum Männer)

Die Vorgeschichte: Tweet – Reaktion – Zurückrudern – Zurückrudern des Zurückruderns usw…

Am Freitag den 19.10.2012 habe ich mit Matthias Lindner telefoniert. Er hatte sich auf meinen Blogpost hin angeboten, mir bezüglich meiner Skepsis in Hinblick auf die Ausrichtung des Bundesforum Männer, Rede und Antwort zu stehen. Das hat er getan. Es war insgesamt für mich schon nach diesem Gespräch deutlich, dass meine Vermutungen stimmten: Die Formulierungen waren irreführend, aber absolut nicht so gemeint, wie zum Beispiel Acid es verstanden hat. Klar: „Das Ziel ist wohl größtmögliche Anschlussfähigkeit für unterschiedliche Männergruppen.“ und „Nein, alles im Text und in der Ausrichtung des Forums spricht gegen“ die Behauptung, das Bundesforum Männer finde „dass die Brüder von Agends und Manndat bedauerlicherweise nicht mitspielen“.

Das war die eine Meinung. Am vergangenen Wochenende tagte dann der Frauenrat der Heinrich-Böll-Stiftung und ich traf neben all den tollen Frauen auch Henning von Bargen, Leiter des Gunda-Werner-Instituts. Auch er bestätigte mir noch einmal, was ich vorher auch angenommen hatte (wir reden hier vom 26.10.2012):

„von wegen, “Bundesforum Männer geht mit Maskulisten ins Bett” – quark! die machen dort emanzipatorische Männerpolitik!“

Rechtfertigungspolitiken

Warum aber eigentlich all der Radau? Ist es nicht komisch, dass man sich für einen Tweet so ellenlang und ausführlich rechtfertigen muss? Dass er derart auf die Goldwaage gelegt wird – während die Tweets à la „Bundeforum Männer geht mit Maskulisten ins Bett“ einfach unkommentiert bleiben oder gar Applaus generieren? Ja – es ist doch wirklich seltsam und ich wurde wieder einmal daran erinnert, worum es auf twitter geht („Your Clique vs. Their Clique“) und worum eben auch nicht. Ich wurde wieder daran erinnert, warum ich dort nicht mehr sein will und welch einfaches Instrument es auch ist, Stimmungen jenseits von realen Problemen zu organisieren. Befindlichkeits- und Identitätspolitiken statt Diskurs. Auf sowas werde ich in Zukunft übrigens nicht mehr eingehen. Es ist in den Augen vieler Menschen offenbar okay, mittels Verleumdungen und Interpretationen um meine Person herum eine Bedrohungskulisse zu kontruieren, die ihnen dabei hilft, sich ihrer Gruppe zu vergewissern. Macht das.

Aber am Ende des Tages wird es mir zukünftig egal sein. Es ist mir wirklich egal, was ihr da so alles über mich schreibt und mir unterstellt. Die Kresse könnt ihr gerne auch behalten und wenn ihr euch das nächste Mal wieder über mich echauffiert und aufregt, dann werde ich mir ein Glas Wein einschenken, Loriot schauen und lachen. Denn eure kleine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe – äh, pardon: nach Aufmerksamkeit.

CC BY-ND 2.0 by break.things via flickr.com

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Klarstellung zum Bundesforum Männer-Tweet

Liebe LeserInnen,

ich fühle mich ein bisschen unwohl, denn ich muss einen Fehler eingestehen, diesen will ich aber auch sogleich wieder relativieren – was grundsätzlich schwierig ist.

Am 15.10.2012 twitterte ich folgendes im Zusammenhang mit dem Bundesforum Männer:

von wegen, „Bundesforum Männer geht mit Maskulisten ins Bett“ – quark! die machen dort emanzipatorische Männerpolitik! http://t.co/j2bmUKOy

@dieKadda

Katrin Roenicke

Gestern sah ich durch Zufall (bzw. ich wurde darauf hingewiesen), dass sich auf twitter eine Debatte über meine Kolumne im freitag entsponn, darunter folgender tweet von acid23:

@ @ @ ich fand diesen Tweet von @ wirklich nicht toll http://t.co/JQBkMMqc

@acid23

Acid, Sprawl Scholar

ich glaube, ich habe etwa eine halbe Stunde gebraucht, um zu verstehen, was er meinte. Er hatte mueslikind, die nachgefragt hatte wegen des Statements geantwortet:

@ Den Text muss ich jetzt doch nicht lesen? Worum gehts?

@mueslikind

mueslikind

@ Nich wirklich. Darum, dass die Brüder von Agens & Manndat ja bedauerlicherweise nicht mitspielen weil sie Basics nich anerkennen

@acid23

Acid, Sprawl Scholar

Ich las das Statement daraufhin noch einmal in aller Ruhe durch, um acid23 zu widerlegen. Dann fand ich folgende Stelle:

Es ist bedauerlich, dass Organisationen wie Agens oder MannDat, sich bis heute nicht zu einer Mitgliedschaft entschließen konnten, weil sie nicht bereit waren, der Plattform unserer Zusammenarbeit zuzustimmen.

Das wird mir jetzt wieder niemand glauben: Aber die hatte ich bei meinem ersten Lesen überlesen. -.- Diese Stelle war mir als solche nicht aufgefallen und schon gar nicht aufgestoßen – ich muss sie wirklich total überlesen haben (am Schluss habe ich einfach auch gar nicht mehr so aufmerksam gelesen… mea culpa). Mich hat das gestern dann wirklich sehr erschüttert und es ist mir wichtig, an dieser Stelle klarzustellen: mein Fehler!

Ich lese es dennoch anders

Dann las ich aber weiter. Und ich kann nach ungefähr fünfmaligem Lesen nur feststellen, dass die Zusammenfassung, es ginge im Statement des Bundesforum Männer

Darum, dass die Brüder von Agends und Manndat bedauerlicherweise nicht mitspielen

echt falsch ist. Reißt man die von mir überlesene Stelle (und ja, es ist mir wirklich wirklich peinlich!) aus dem restlichen Zusammenhang, dann bleibt kein anderer Schluss als: Oh, das Bundesforum Männer ist traurig, dass MANNdat und Agens nicht mitspielen. Das halte ich aber für unzulässig und den Text auf diese Aussage zu reduzieren halte ich beinahe für eine böswillige Absicht. Eine Absicht, die sich bereits vor zwei Jahren in Buh-Rufen ergoss, als das Bundesforum Männer sich auf dem Forum Männer herausgrüdete.

In meiner Lesart – die nicht richtig sein *muss*, aber die für mich die einzige logische Erklärung für den Binnenwiderspruch im Text ist – handelt es sich hier um Sarkasmus. Natürlich weiß ich nicht, ob ich damit richtig liege – die Nullhypothese scheint ja momentan zu sein, das Bundesforum Männer will diese Leute ins Boot holen. Aber meine Antithese lautet: Nein, alles im Text und in der Ausrichtung des Forums spricht gegen diese Hypothese. Vielleicht grenzen sie sich für manche Geschmäcker ein bisschen zu sehr vom Feminismus ab – kann man ja finden. (ich finde, sie machen es ganz geschickt und lassen viele Optionen offen. Das Ziel ist wohl größtmögliche Anschlussfähigkeit für unterschiedliche Männergruppen. Und ich muss euch nicht erzählen, das Feminismus auch für viele Menschen, denen grundsätzlich an Geschlechterdemokratie liegt, ein rotes Tuch ist, oder?)

Gleichzeitig machen sie mehr als klar, worum es ihnen im Kern geht: Um Geschlechtergerechtigkeit. Und sie machen sich in meiner Lesart über jene eher lustig, die jetzt gerade rumplärren, die aber ansonsten auch gerne mal in den Medien sofort zur Stelle sind, wenn man zum Beispiel MANNdat als frauenfeindlich bezeichnet (was ich bereits tat): Dann erscheint irgendein Herr Maus, der ganz entschieden gegen so eine Verleumdung eintreten will. Das gefährliche an MANNdat und Agens ist, dass viele nicht erkennen, was deren Pudelskern ist. Den aber macht das Bundesforum Männer in seinem Statement durch die Hintertür klar, in dem sie nach den Gründen fragen, warum eigentlich die beiden genannten Männerclubs nicht beigetreten sind:

Warum nicht? Was ist männerpolitisch nicht konsensfähig daran, dass wir uns

gegen jegliche geschlechtliche Diskriminierung …
auf umfassende gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter in ihren jeweiligen Entwicklungen, Identitäten und der Vielfalt ihrer Lebensentwürfe …
auf konstruktiven Dialog zwischen den Geschlechtern …
auf die Ermutigung und Unterstützung von Männern, ihre Rolle als aktive Väter wahrzunehmen und als positive Vorbilder und verlässliche Bezugspersonen für Jungen und Mädchen zur Verfügung zu stehen …
auf eine Arbeit mit Jungen, die Jungen Handlungsoptionen und Zukunftsperspektiven jenseits patriarchaler und einengender Rollenvorstellungen ermöglichen …
auf den Respekt vor der Vielfalt sexueller Identitäten und vor dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung …
auf die Überwindung von Gewalt und die Überwindung des Tabus des Mannes als Opfer von Gewalt …

verpflichten?

Wer diesen Grundsätzen nicht folgen kann, sollte dies auch in aller Öffentlichkeit deutlich machen, damit die Frauen und Männer in Deutschland wissen, woran sie sind. Wir haben die Prämisse unseres politischen Selbstverständnisses offengelegt: Geschlechtergerechtigkeit.

Zugegeben: Vorschusslorbeeren

Das Forum Männer hat von mir von der ersten Stunde an Vorschuss-Vertrauen erhalten. Denn es gründete sich unter anderem aus einer Gruppe, die dem Gunda-Werner-Institut bzw. der Heinrich-Böll-Stiftung nahestand. Und ich kannte einige der Männer aus der Gründungszeit durch gemeinsame Debatten und durch das lesen ihrer Texte. Und noch einmal: Die Ziele waren von Anfang an total klar: Geschlechterdemokratie.

Was für mich durch meinen kleinen Schock hängen geblieben ist: Ich muss das Vorschuss-Vertrauen auf jeden Fall überdenken und ich werde mich kundig machen, ob meine Vermutung, dass es Sarkasmus ist, stimmt. Erst wenn ich mir genügend Überblick über das Bundesforum Männer verschafft habe, um gewisse Dinge, die jetzt durch tweets wie oben von acid23 im Raum stehen, ausgeschlossen werden können, werde ich mich wieder positiv über den Verein äußern.

Nur dann bleibe ich mir wirklich treu. Ihr wisst ja: Offen, aber wachsam.

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Das Vertretenheitsgefühl der Deutschen durch die Linkspartei

Essay vom 30.09.2009

Von der PDS zur Linkspartei – rasante Veränderungen

In ihrem Aufsatz „Das Vertretenheitsgefühl der Ostdeutschen durch die PDS: DDR-Nostalgie und andere Erklärungsfaktoren im Vergleich“ beschreiben Katja Neller und Isabell Thaidigsmann die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit dem „Phänomen PDS“. Da der Artikel aus dem Jahr 2002, also aus einer Zeit bevor es die WASG gab und bevor die PDS mit dieser zusammen zur Linkspartei fusionierte, befördert der Text Ergebnisse, die heute im Jahr 2009, sieben Jahre später, so vielleicht nicht mehr ganz zu halten sind. Denn im Jahr 2002 sowie die 12 Jahre zuvor war die PDS ein vornehmlich ostdeutschen „Parteienphänomen“, das es so im Westen nicht gab. Mit der aktuellen Wahl zum Deutschen Bundestag vom 27. September 2009 sieht die Parteienlandschaftskarte jedoch anders aus: Die heutige Linkspartei hat festen Fuß in Westdeutschland gefasst. Mehr noch: Es besteht die Möglichkeit, dass sie in ihrem ersten westdeutschen Landesparlament, im Saarland, sogar Regierungsverantwortung übernehmen könnte.

Es fühlen sich heute also nicht nur mehr Ostdeutsche durch die ehemalige PDS, heute Linkspartei vertreten, immer mehr Westdeutsche wandern vor allem von der sich mehr und mehr spaltenden SPD zur Linkspartei.
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Ist eine starke Rolle der „Neuen Sozialen Bewegungen“ in Ostdeutschland ohne das „Feindbild DDR“ noch denkbar?

Eine Auseinandersetzung mit dem Text: „Die Bedeutung der Neuen Sozialen Bewegungen in Ostdeutschland“ von Joachim Badelt (1999) – Essay vom 11.05.2009

Fragestellung der vorliegenden Arbeit

In seinem Text „Die Bedeutung der Neuen Sozialen Bewegungen in Ostdeutschland“, erschienen 1999 in „Politik in Ostdeutschland – Lehrbuch zur Transformation und Innovation“ (Hrsg. Waschkuhn/Thumfart), geht Joachim Badelt der Bedeutung der Neuen Sozialen Bewegungen in Ostdeutschland nach. Diese Analyse betrachtet vor allem drei wesentliche Aspekte: a) Wie die Neuen Sozialen Bewegungen in der DDR entstanden sind, b) welche Rolle sie bei der friedlichen Revolution in der DDR hatten und c) welche mögliche Zukunft und Chancen sie nun nach der Wende haben. Angelehnt an diesen Text möchte ich in meinem Essay der Frage nachgehen, inwieweit die Neuen Sozialen Bewegungen Ostdeutschlands heute noch relevant sein können, wenn doch das frühere „Feindbild“ DDR nicht mehr existiert.

Die Entwicklung der NSB in der DDR

Der Text beginnt mit einer Auseinandersetzung über die Frage, in wie weit man in Ostdeutschland überhaupt von der Existenz sogenannter Neuer Sozialer Bewegungen (NSB) sprechen könne. Um diese Frage zu beantworten, versucht Badelt, zu betrachten, was in der wissenschaftlichen Literatur alles unter NSB verstanden wird (und was nicht). Denn von der jeweiligen Definition hänge schließlich ab, ob auch in Ostdeutschland davon gesprochen werden könne, oder nicht. Einige Autoren lehnten die Anwendung des Begriffs für ostdeutsche oppositionelle Gruppen in all ihrer Heterogenität ab, da das dortige System so eklatant verschieden sei, von dem der Bundesrepublik Deutschland, dass ein Vergleich mit den dortigen NSB, wie der Friedens- und Umweltbewegung, die seit 1968 eine große Relevanz hatten, nicht möglich sei. Eine weitere kritische Frage betrifft die Rolle rechter Strömungen in Ostdeutschland und inwiefern diese auch den NSB zuzurechnen seien. Viele Autoren sträubten sich dagegen, so Badelt, da in den Bewegungen stets Toleranz und Vielfalt zu den obersten Prinzipien gehörten und keine von ihnen nach einer wie auch immer gearteten Führerschaft strebe, wie dies bei den rechten Gruppen der Fall sei. Hier finden wir eine sehr stark normative Aufladung des Begriffs der NSB, die sich auch darin manifestiert, dass in der wissenschaftlichen Literatur die Inhalte

  • Politische Partizipation
  • Soziale Emanzipation
  • Transformation der Gesellschaft

als nahezu unabdingbar gelten. Damit könne der Begriff nicht auf rechtsextreme Strömungen ausgedehnt werden. Im Gegenteil: die NSB seien vielmehr ein politisch-ethischer Gegenpol, eine „Streitkraft“ gegen ebendiese. Zusammenfassend kommt Badelt zu dem Schluss, dass der Begriff Neue Soziale Bewegungen sehr wohl als Erklärungsmodell für DDR-Oppositionsgruppen, Protestgruppen, Widerstandsgruppen, sozialethisch orientierten Gruppen und Initiativen, sowie deren heterogenen Konfliktlagen dienen könne. Auch die rechten Strömungen will er aus diesem Begriff nicht endgültig ausschließen. Die Analyse seines Textes befasst sich daraufhin ausführlich mit der Betrachtung der Entstehung der NSB und wie sie zunächst „im Stillen“ und im „Kleinen“ arbeiteten, in einer Art Nischengesellschaft. In der nächsten Etappe wächst plötzlich ihre Relevanz und sie sollen eine zentrale Rolle im Kristallisationspunkt 1989 spielen, wenn es schließlich darum geht, die Massenproteste zu mobilisieren. Danach kommt es zum Umbruch der äußeren gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, was natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die NSB bleiben kann. Irritationen und Unsicherheiten, eine Art „Überrollt-werden“ durch teilweise externe (bundesrepublikanische) Akteure und Strategien, ohne eine eigene gefestigt zu haben und dadurch letztendlich eine Marginalisierung, die bis heute das Schicksal der NSB im Osten Deutschlands sind, trüben die einst so aussichtsreiche Zukunft der einstigen Protest- und Oppositionsgruppen der DDR. Badelt behandelt diese Entwicklungen ausführlich, um seine Analyse optimistisch zu beenden. Ich jedoch möchte behaupten, dass das Bild, das er entwirft, ein wenig zu romantisch und zu wenig realistisch ist: Er betont ausdrücklich die guten Chancen der NSB Ostdeutschlands, die Menschen in einem Identitätsfindungsprozess zu einen und sie wieder gegen ungerechte Politik und mangelnde demokratische Mitbestimmung auf die Straße bringen zu können. Anhand von vier Themenfeldern möchte ich beleuchten, ob und inwiefern diese Einschätzung Badelts realistisch sein kann.

Spielten die NSB jemals eine große Rolle?

Als erste Frage sollte gestellt werden, ob die NSB in Ostdeutschland tatsächlich und jemals eine wirklich große Rolle innehatten. Waren sie ein kleines Rinnsal, das selbst zum reißenden Strom wurde? Ja, würde Badelt sagen. Doch er zitiert auch Pollack, der der Meinung war, das Rinnsal sei einfach von einem Dammbruch bei Partei, Staatssicherheit und Polizei, mitgerissen worden und gar nicht selbst zum Strom geworden. Vielmehr habe im gesamten System längst ein Überdruck geherrscht, welcher sich irgendwo Raum schaffen musste. Dieser Überdruck habe in den Fälschungen bei den Kommunalwahlen 1989, in der allgemeinen Erosion der Legitimität der Staatsführung, den Ausreisewellen und last but not least in einem „Hunger“ nach Wohlstand, wirtschaftlicher Teilhabe und „ökonomischen Wohltaten“, wie sie in der BRD winkten, bestanden. All das hätte wahrscheinlich alleine auch genug Aktionspotential in der Bevölkerung bewirken können, wenn überhaupt, dann waren die NSB vielleicht höchstens eine Art Katalysator. Dafür spricht auch, dass die Ziele der NSB nie die der Masse waren. Die Bewegungen wollten zum Beispiel eine Reform der DDR. Die Masse wollte die Vereinigung mit der BRD. So wurde auch bald aus dem Slogan „Wir sind das Volk“, den man auf den Montagsdemos hören konnte, ein „Wir sind ein Volk!“ Selbstkritisch äußerte Erhard Neubert bei unserem gemeinsamen Gespräch am 05.05. zudem, dass in den NSB nie eine besonders große ökonomische Kompetenz vertreten gewesen sei. Eigentlich wollte man dort auch am Sozialismus festhalten. Irgendwie. Das Volk aber, so könnte man rückwirkend behaupten, war sehr an den Gütern und am Konsum interessiert, beides Verlockungen, mit denen ihnen der Kapitalismus winkte.
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Die Spaltung der Gesellschaft – Notwendigkeit oder Gefahr?

Betrachtungen über Post-Politik und „Alternativlosigkeit“ bei Chantal Mouffe und Alain Badiou

Eine Hausarbeit aus dem Jahre 2008/2009 zum Vertiefungsseminar Post-Politik und Aufruhr, bei Dr. Marc-Pierre Möll. Wollte ich schon lange online stellen, da ich eigentlich ständig und immer wieder bei Mouffe lande. Macht damit, was ihr wollt.

I. Einleitung

Politikverdrossenheit, Unzufriedenheit mit der Demokratie – vor allem in Ostdeutschland und eine scheinbar immer größer werdende Schere zwischen Armen und Reichen in der Gesellschaft sind Probleme der westlichen Demokratien, die sich gerade in der seit 2008 die Wirtschaft durchschüttelnden Finanzkrise als mehr als akut darstellen. Der unerwartet zahlreiche Einzug rechtspopulistischer Parteien und KandidatInnen in das Europäische Parlament im Sommer 2009 sind ein Zeichen für sehr große Unzufriedenheit der europäischen Bevölkerung mit den hegemonialen politischen und ökonomischen Verhältnissen. Die Kritik am Kapitalismus gewinnt großen Zulauf. Das Vertrauen in die Möglichkeiten der demokratisch gewählten Volksvertreter dem Kapitalismus mit seinen negativen Nebenfolgen Einhalt zu gebieten, sinkt.

Speziell in Deutschland herrscht zugleich mit der Großen Koalition von SPD und CDU – von Linken und Konservativen, von einer „Neuen Mitte“, eine Politik des Stillstands, des Ausharrens und des größtmöglichen Konsenses. Viele Menschen reagieren mit Abneigung. Die großen Volksparteien sinken in der Gunst ihrer Wähler rapide. Die SPD hat sich gar mehr oder weniger gespalten – die Linkspartei übernimmt nun viele ihrer ehemaligen Wähler und Mitglieder mit ihrer kapitalismuskritischen und teilweise sogar antiparlamentarischen Politik.

Viele WissenschaftlerInnen und Publizisten betrachten diese Entwicklungen mit Sorge. Droht eine Spaltung der Gesellschaft? Wie kann sie wieder zu Zusammenhalt, zu einem neuen starken Glauben an die Demokratie kommen? Welche Mittel und Wege, welche Reformen sind nötig um diese Ziele zu bewerkstelligen? Weiterlesen

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Emanzipation ist wie Kaviar

Kristina Schröder ist eine bemerkenswerte Frau. Häufig als dumm und naiv dargestellt, steckt hinter der Fassade eine knallharte und berechnende Politikerin. Es ist daher an der Zeit, sie endlich ernst zu nehmen und von ihr zu lernen.

Es war meine eigene Mutter, die mich vor längerer Zeit einmal völlig aus der Fassung brachte, indem sie mich allen ernstes fragte,was ich denn von dieser Kristina Schröder hielte. Ob ich die denn nicht toll fände, weil sie doch so jung, dynamisch und so emanzipiert sei. Meine eigene Mutter dachte, ich sei ein Fan Kristina Schröders! Sie schien zu glauben, die Familienministerin und ich stünden für ein und dasselbe Bild einer jungen Frau „unserer“ Generation. Ich war dermaßen irritiert, dass ich nichts anderes wusste, als darüber hinwegzugehen. Diese Ignoranz steht beispielhaft für einen Fehler meiner linksliberalen Filterblase: Wir nehmen Kristina Schröder schon lange nicht mehr ernst.

Was aber meine Mutter wohl zu ihrer Überlegung antrieb, waren diese nicht wegdiskutierbaren Fakten: Als erste Ministerin mit Kind setzt Kristina Schröder komplett neue Maßstäbe in der politischen Repräsentation junger Mütter. Sie zeigte sich völlig unbekümmert über die massiven Angriffe aus der eigenen Klientel, dass sie schon nach kurzer Zeit wieder den Ministerinnen-Sitz bezog. Meiner Mutter fiel im Gegensatz zu mir auf, dass dies eine bahnbrechende Tat darstellte. Für viele ist es im Gegensatz dazu einfacher, sie als dumm und dilettantisch abzustempeln, als sie ernst zu nehmen. Es tut vielen jungen Menschen, Männern wie Frauen, nahezu körperlich weh, auszusprechen, dass Kristina Schröder, die Ende der Siebziger geboren wurde, „Eine von uns“ sei. Ähnlich sozialisiert, ähnlich im Werdegang, mit ziemlich modernen Ansichten. Nein – uns rollen sich die Zehnägel auf! Mit der wollen wir nicht in einen Topf geworfen werden! Dieses wir, damit meine ich diese „irgendwie linke“ gesellschaftliche Gruppierung im Alter von Anfang 20 bis vielleicht Ende 30, die teilweise parteilos in sozialen Netzwerken organisiert ist, teilweise vielleicht den Piraten oder den Grünen, den Linken oder der SPD nahesteht. Ja wir würden doch alles ganz anders machen, wären wir Ministerin in diesem Kabinett! Wir würden antirassistische Initiativen stärken. Wir würden das Elterngeld reformieren. Anstatt die ganze Care-Arbeit zu privatisieren und damit wieder vor allem auf die Frauen abzuwälzen, würden wir massiv in den Ausbau von Qualität und Quantität staatlicher Angebote investieren. Wir hätten da so einige Ideen! Stattdessen dürfen wir in Kürze das Betreuungsgeld begrüßen. Und können es nicht fassen.

Das Betreuungsgeld als Prüfstein der Parteitreue

Die Debatte um das Betreuungsgeld nahm in den vergangenen Tagen noch einmal richtig an Fahrt auf und ist ein Paradebeispiel machtorientierter Politik. In der Volkspartei CDU hat sich der Einzelne der Gesamtideologie zu unterwerfen – auch Schröder sieht jeden Abgeordneten in dieser Verantwortung, wie sie schon in ihrer Doktorarbeit betont. So ist es völlig unerheblich, ob die OECD, wie jüngst geschehen, den wirtschaftlichen Gesamtschaden des Betreuungsgeldes mahnend antizipiert. Ein Volker Kauder, sonst ein ganz patenter wenn es um die Ausrichtung der Politik auf ökonomische Interessen geht, stellt das Konzept keinesfalls infrage. Angela Merkel verliert kein böses Wort darüber. Es ist die große „Partei-Responsivität“, wie das Gefühl der Verantwortung für den Willen der Basis in Kristina Schröders Doktorarbeit genannt und empirisch nachgewiesen wird, die alle aneinander kettet – in guten wie in schlechten Zeiten. Genau wie die ebenfalls in jener Arbeit nachgewiesene christdemokratische „ideologische Kernhaltung“, die darin besteht, sich für ein leistungsorientiertes Ungleichgewicht zwischen den Menschen und gegen eine gesellschaftliche Umverteilung stark zu machen. Dieser Kitt erlebt durch die Personalie Schröder im Merkelschen Kabinett eine Verjüngungskur. Während sie auf der einen Seite massiv die klassischen konservativen Rollen sprengt und die moderne Vorbildministerin mit Kind ist, aktualisiert sie elitistische und rechte Ideen innerhalb ihrer Partei. Gibt ihnen ein junges und unverbrauchtes Antlitz. Es ist notwendig, genau diese werturteilsfreie Vogelperspektive auf Schröder und ihre innerparteiliche Rolle einzunehmen – ganz in Weberscher Manier. Dann wird man auch ihren eigenen, ebenfalls Weber verehrenden Ansprüchen gerecht. Und dann macht plötzlich alles einen großen Sinn.

Schröder polarisiert wie Koch

Offensichtlich gibt es aus linker Perspektive vieles an der Politik der Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu kritisieren. Sie schaffte das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger ab; sie führt einen offenen Twist mit Ursula von der Leyen über die Frage der Frauen-Quote; sie setzt sich für das Betreuungsgeld ein; sie führte in Dortmund einen Dialog mit Rechtsextemen unter dem Titel „Dortmund den Dortmundern“ und ließ dafür eine unsägliche Menge an Staatsgeldern springen. Es gab einen kleinen Aufschrei, als sie das Thema „Deutschenfeindlichkeit“ auf die politische Agenda setzte und sich ernsthaft darüber besorgte, dass unter den Menschen mit Migrationshintergrund ebendiese weit verbreitet sei. Gräbt man weiter in ihrer politischen Vergangenheit, die in der Hessischen CDU geprägt wurde, findet man Erklärungen: Schröder steht für den Flügel in der CDU, der einmal durch den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch repräsentiert wurde. Sie setzte sich für einen Einbürgerungstest für MigrantInnen ein, wie sie auch die Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft verteidigte, die 1999 Roland Koch zu seinem Wahlsieg in Hessen verhalf.

Weil sie mit dieser polarisierenden Politik viele Beißreflexe auslöst, versuchen nicht wenige Menschen, sie so gut sie können zu demontieren. Eine der erfolgreichsten Methoden der politischen Demontage der vergangenen Jahre ist die Analyse wissenschaftlicher Arbeiten der dynamischen Jung-Helden. Natürlich untersuchten ihre Kritiker auch die Doktorarbeit von Kristina Schröder. Hinweise auf Betrug aber gab es keine, deshalb ließ man die Sache auf sich beruhen. Das ist vielleicht der zweite kapitale Fehler, den wir begingen. Nicht nur lässt sich in der Arbeit ganz eindeutig die Handschrift und somit Denkweise Kristina Schröders erkennen, sie ist darüber hinaus stärkster Ausdruck und Gradmesser eines vielfach unbekannten oder zumindest unbeachteten CDU-Duktus‘. Wes Geistes Kind ist diese Partei, die in diesem Land in absoluten Zahlen auch nach der letzten Sonntagsfrage die meisten Stimmen auf sich vereint? Welchen Politikstil verfolgen ihre Eliten, mit so großem Erfolg, dass sie uns regieren? Während in den Medien scheinbar nur noch der sogenannte „neue Politikstil“ der Piratenpartei gehyped wird, finden sich die Antworten auf diese Fragen bei Kristina Schröder. Diese Frau ist einer der eindrücklichsten Seismografen für die Frage: Was will die CDU? Was will ihre Basis und wofür stehen die Amts- und Funktionsträger der Partei? Vielleicht ist sie sogar der Schlüssel zum Verständnis der oftmals rätselhaft-verschleierten Politik Angela Merkels. Der Schlüssel zum Verständnis eines scheinbar unerklärlichen politischen Erfolges.

Gerechtigkeit als Gleichheit“?

Die Doktorarbeit wurde 2009 abgegeben – gerade rechtzeitig vor der Ernennung zur Ministerin. Sie erörterte darin ein umstrittenes Dilemma der Politischen Philosophie: Wie viel Gleichheit braucht und verträgt die Gerechtigkeit? Bemerkenswert ist der Einstieg: Sie zitiert den ehemaligen Ministerpräsidenten Mecklenburg-Vorpommerns, Harald Ringsdorf, mit den Worten: „Die Ostdeutschen haben eine große Sehnsucht nach Gleichheit.“ Weiter zitiert sie, dass ebendiese Ostdeutschen nach Ringsdorf deswegen lieber allesamt trocken Brot äßen, anstatt hinzunehmen, dass alle Brot mit Margarine bekämen und einige wenige sich zusätzlich Kaviar drauf schmieren könnten. Ein interessanter Aufhänger, prägend für die Stoßrichtung der Arbeit. Ebenso vielsagend wie die Tatsache, dass die Autorin an keiner Stelle ihrer Arbeit eine Distanzierung zu dieser recht gewagten Unterstellung Ringsdorfs vornimmt.

Was ihr zudem in beachtenswerter Weise gelingt ist eine Profilabgrenzung der CDU gegen alle anderen Parteien (außer der FDP): Die CDU sei eben diejenige Partei, die immer für den Kaviar eintrete und die durch die Bank und auf allen Ebenen nonegalitaristisch geprägt sei. Mit wenigen Worten tut sie die umfangreiche Gerechtigkeitstheorie eines John Rawls ab – nein, so denke man in ihrer Partei einfach nicht, und das sei auch gut so.

Doch es kommt noch besser: Schröder entdeckt ein paar Ungereimtheiten in den Antworten der CDU-Mitglieder: Da kreuzten nahezu alle jene Antworten an, die als Hinweis auf eine nonegalitäre Einstellung gewertet wurden. Manche aber kreuzten zusätzlich noch Antworten an, die ein egalitäres Denken offenbarten. Natürlich findet Schröder umgehend eine Erklärung für diese Ausreißer ihrer schönen, ansonsten beinahe uniformen Statistik: „Die Zustimmung zu egalitären Einstellungen steigt mit einer ostdeutschen Herkunft, einem höheren Alter, einem niedrigeren Einkommen, einer niedrigeren Bildung“ erklärt Schröder lapidar. Und um keinen Zweifel an dieser Tatsache zu lassen, dass linke Flausen wohl mit niederer Klasse und schlechter Bildung zusammenhängen müssen, konstatiert sie: „Hierzu passt, dass die ostdeutschen Abgeordneten, die vermutlich noch oft durch die Auseinandersetzung mit einem sozialistischen System geprägt sind, den nonegalitären Einstellungen stärker zustimmen als ihre westdeutschen Kollegen.“ Denn, so Schröder weiter, nachdem sie erfolgreich das Reizwort „sozialistisch“ in ihrer Arbeit platziert hat: „Die Abgeordneten sind jeweils im Schnitt jünger als die Mitglieder, formal höher gebildet und verfügen über ein höheres Einkommen.

Emanzipation ist der Kaviar

Schröder blickt sicherlich, wenn sie von den jungen, den höher gebildeten und besser verdienenden Abgeordneten spricht, vor allem auf sich selbst. Als sie diese Worte schrieb, war sie bereits sieben Jahre lang Bundestagsabgeordnete. Mit 25 hatte sie den Einzug in das Parlament geschafft. Davor war sie fünf Jahre lang Mitarbeiterin bei einem CDU-Abgeordneten gewesen. Ihre politische Karriere begann sehr früh: Mit 14 Jahren entschied sie sich zum Eintritt in die Junge Union. Auch kommt sie selbst aus einer gut situierten, akademischen Familie. Für Schröder alles Selbstverständlichkeiten. In Kürze erscheint ihr erstes geschlechterpolitisches Buch. Es wird den Titel „Danke, emanzipiert sind wird selber!“ tragen. Schröder ist keine Feministin und überzeugt, dass keine Frau eine sein sollte, das zeigte sie bereits in ihrem ausführlichen Interview mit dem Spiegel 2010. Mit ihrem Buch unterstreicht sie diese Einstellung. Eine Einstellung, die übrigens in der Gesellschaft große Popularität erfährt – gerade auch bei den Piraten. Schröder setzt auf die Eigenleistung der Frauen und denkt offenbar, dass der modernen Frau, so sie denn will, keine Türen mehr verschlossen blieben. Die sogenannte „gläserne Decke“ gibt es bei ihr schlichtweg nicht. Der beste Beweis ist sie schließlich selbst: Sie hat es geschafft – in einer Männerpartei!

Der Logik ihrer Doktorarbeit folgend, ist es auch gar nicht nötig, dass Schröder sich tiefergehende Gedanken um all jene machen müsste, die weniger privilegiert sind, als sie. Die dort skizzierte Gerechtigkeitstheorie impliziert Ungleichheit in allen gesellschaftlichen Sphären. So lange es allen Menschen auf einem Existenzminimum gut geht, sei das okay – die Margarine eben. Sprich: Die Privilegien, die nur wenige genießen können, sind völlig in Ordnung, an denen muss man nicht rütteln. Deswegen muss sich die Ministerin in ihren eigenen Augen wirklich nicht darum kümmern, dass andere Frauen (vor allem je nach sozialer Lage und Bildung) „selber“ so emanzipiert sein können, wie sie und ihre Co-Autorin Caroline Waldeck, eine leitende Mitarbeiterin des Familienministeriums. Vielleicht ist den beiden Frauen sogar vollkommen klar, dass es von Einkommen und sozialem Stand abhängt, ob eine Frau – vor allem mit Kind – emanzipiert leben kann. Wie alles, was man sich leisten können muss, gibt es sie halt nur für Wenige – und das ist im Schröderschen Denken vollkommen okay. Emanzipation ist eben der Kaviar.

(Dieser Artikel erschien zuerst im Freitag. Diese Version ist die ungekürzte und ursprüngliche Fassung.)

Zum Nachlesen: Köhler, Kristina: Gerechtigkeit als Gleichheit? : eine empirische Analyse der objektiven und subjektiven Responsivität von Bundestagsabgeordneten, Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss., 2010.

und ab 16.04.: Schröder, Kristina und Waldeck, Caroline: Danke, emanzipiert sind wir selber : Abschied vom Diktat der Rollenbilder, München: Piper, 2012

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Ein Rückblick mit Anti-Flausch-Komponente

Noch schnell vor Ostern und vor dem Umzugsstress eine kleine Linkschleuder, damit das einfach mal erwähnt ist, was in meinem Instapaper geduldig wartend herumliegt:

Giving Women the Access Code
>> Sehr guter Artikel über die verschiedenen Probleme im Bereich Frauen und Informatik. Mit dem tollen Schlusssatz einer, die es durchgezogen hat:

“If you’re constantly pushing yourself, and putting yourself in new environments, you’ll feel it over and over again,” she said. “So the only really important thing is not to let it stop you.”

es östert sehr. Bild (CC BY-NC-SA 2.0) von 30003019 via Flickr: http://www.flickr.com/photos/30003019/425477231/

Changing our culture of consumption
>> Oh ja – spannend, spannend! Wie färben sich Klasse und Kultur eigentlich auf unsere Einstellung zur Umwelt ab? In Salon spricht die Autorin von „True Wealth“ darüber, wie sich Konsum und Umweltschutz gegenseitig bedingen. Wie man am Konsum ansetzen muss, wenn man die Umwelt schützen will. Lang aber lesenswert.

Überlegungen zur repräsentativen Demokratie
>> Auch Antje Schrupp denkt über die repräsentative Demokratie nach und ist zuerst kurz überrascht, dass es doch auch ganz passabel damit läuft – auch wenn diese positive Überraschung nicht länger als einen Blogpost halten mag.

Presse und Freiheit
>> Julia Schramm ist Piratin. Und manchmal auch schnell auf 180. So wie viele PiratInnen. Impulskontrolle ist nicht immer deren beste Disziplin – aber das macht nichts. Das ist unterhaltsam. Nun schlägt Julia oftmals auch sehr nachdenkliche und politisch sinnierende Töne an. Besonders gut gefallen hat mir ihre Reflexion über die Presse, die bösen Schlagzeilen und wie damit umzugehen sei.

„Nur weil ich schwarz bin“
>> Kübra Gümüsay denkt in ihrem fremdwörterbuch ein wenig über die problematischen Implikationen nach, die eine häufige und manchmal unpassende Verwendung dieses Satzes haben kann. Sie denkt sich dabei zurück in ihre eigene Kindheit und holt die damals gemachten Erfahrungen hervor, um aktuelle Diskussionen zu reflektieren. Besonders schön fand ich die Aussage: „Doch wir sagten diesen Satz so oft, gebrauchten ihn so inflationär, dass er seine Wirkung verlor.“

Friedensnobelpreisträgerin verteidigt Homo-Verbot
>> die liberianische Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf hat in einem Interview das Verbot von Homosexualität in ihrem Land verteidigt. 2011 hatte sie für ihren Einsatz gegen die Vergewaltigung von Frauen den Friedensnobelpreis erhalten. queer.de berichtet.

Der erfundene Horror der chinesischen iPad-Fabriken
>> lest es bitte als eine Gegendarstellung einer früheren Meldung einer meiner Linkschleudern – und dankt der FAZ für eine Klärung. Und ich denke mal über das nach, was man einfach so glaubt, glauben muss, schlucken muss und wieviel davon vermutlich einfach nicht stimmt.
(via mh120480)

Chaos der Kulturen
>> So heißt das neue Buch von Necla Kelek, auf das ich mich sehr freue. Ich mag Necla Kelek eigentlich ziemlich gerne, teile ihre Art, an die Dinge heranzugehen bislang beinahe eins zu eins. Der Freitag hat sich hier sehr viel Mühe gemacht und liefert flankierende Artikel und Videos.

„Es gibt eine Menge afrikanischer Blogger, wir hören ihnen nur nicht zu“
>> sagt Ethan Zuckerman und als derjenige, der bereits umsetzt, was ich neulich als „neue“ Idee hatte liefert er einen sehr interessanten Einblick und neuen Standpunkt zu Fragen wie: Was ist eigentlich „Qualitätsjournalismus“? Warum verpasse ich so viel in meiner Filterbubble – und ist das schlimm? Wie überbrücken wir in der Zukunft die Sprachbarrieren, damit das Internet sein Kommunikations- und Informationspotential besser entfaltet. Großes *hach* – und lesen – husch!

Weniger Arbeit für alle!
>> und mit dieser Forderung sprechen die fuckermothers wohl nicht nur mir aus der Seele.

Amerikas unmoralischer Dronen-Krieg in Pakistan
>> ist Thema dieses Salon-Artikels. Eine Debatte, die uns ab jetzt wohl häufiger über den Weg laufen wird. Dronen sind die logische Konsequenz einer „postheroischen Gesellschaft“, sagt Herfried Münkler. Was aber bedeutet das für die Kriege, in denen sie eingesetzt werden? Für die Menschen, die angegriffen werden? Für die Bilder, die um die Welt gehen… 1.000 Fragen.

Feminismus für Fortgeschrittene
>> titelt die Zeit und betrachtet unter diesem Titel die britische Autorin Caitlin Moran und ihr Buch „How to be a woman“. Es ist unter sehr vielen verschiedenen Aspekten gesehen ein sehr interessanter Mensch, der hier schreibt. Aber lest selbst.

Die Entzauberung des Kuschelhormons Oxytocin
>> Solche Artikel mag ich aus Prinzip: Etwas, das Jahrzehntelang als völlig klar galt und fast schon jedem Schulkind bekannt war wird einfach dekonstruiert, weil man quasi das Gegenteil herausgefunden hat. Ja: Oxytocin macht uns irgendwie „flauschiger“ – hach FLAUSCH – aber je flauschiger wir sind, so die Ergebnisse, desto ausgrenzender werden wir. Desto intoleranter gegen das den Flausch störende. Das ist auf so vielen Ebenen spannend! Danke, du Forschung du – du bist eben doch besser, als dein Ruf!

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„We’re gonna stand up and fight!“

Was zu tun bleibt – Kleine Nachlese zum Frauentag
>> Um den Frauentag herum sind vielleicht die Denkfrequenzen mancher Frauen gleich geschaltet oder so?? Denn Antje Schrupp schrieb auf, was ich selbst auch vor einigen Tagen zerdachte (ich habe Zeugen, denn ich sprach es auch aus): Warum ich es nicht mag, von „männlich sozialisierten“ und „weiblich sozialisierten Menschen“ zu sprechen, anstatt Männer und Frauen zu sagen. Thanx!

Nina Turner ist großartig. Warum? Seht selbst

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>> „We’re gonna stand up and fight!“
(via Jessica Valenti)

Maike von Wegen ist auch großartig
>> und war bei einem spannenden Feature des Deutschlandfunks zum Alleinerziehen mit dabei. Fast jede zweite Ehe scheitert. Immer mehr Frauen ziehen ihre Kinder allein groß. Wie Maike von Wegen. Und Marie von Kuck (Namensähnlichkeit vermutlich zufällig). Dass die Männer in diesem Feature keine aktive Elternrolle einnehmen, kann man kritisieren. Sollte man sicher auch. Man kann sich auch ein Feature über das männliche Zusammen-Erziehend-Role-Model wünschen. Das macht dieses Feature aber nicht schlechter. Kein bisschen.
(via @mh120480)

Linux als Schulfach?
>> Als studierte Pädagogin bin ich tendentiell dagegen, aus allem, aus jedem Fitzelchen, von dem jemand meint, „die Jugend von heute“ sei auf diesem speziellen Gebiet unterbelichtet, ein Schulfach zu machen. Wenn ich diesen Heise-Artikel aber etwas entschärft lese, dann bleibt: Hey – es gibt jetzt ein Lernprogramm für Linux, das ziemlich cool für Schulkinder und Jugendliche geeignet ist. Thumbs up! (Egal ob Schulfach oder nicht. Right?)

Sei doch mal alleine – und cope with it!
>> Christiane Rösinger legt sich ja gerne an. Mit Verschiedenen. Meistens mit so Herzenskonventionen. Das ist oftmals völlig undifferenziert und gemein. Aber auch sehr wohltuend. Ich selbst war seit ich 15 bin ja nie wirklich solo. Das ist sicherlich eine Schwäche von mir :(
(via @ruhepuls)

Habt ihr gedacht, die Debatte um die Kinderlosenmaut sei vom Tisch?
>> Jens Spahn von der Dingens-Gruppe der Union (na ihr wisst schon: Diese gut situierten, vornehmlich Männer, die dank des Konservativseins noch ungestört mehr Kinder verlangen und haben können, die sie dann von einer Frau mit Herdprämie betreuen lassen) macht einen auf ‚tiefgründig‘, holt mächtig weit aus und behaupet stolz, dass er trotz allem kein Pessimist sei… – ich allerdings könnte glatt eine werden!
(via @zeitrafferin)

Feminism is still important in 2012!
>> Sagt die Federation of Young European Greens (FYEG) – und man kann da einfach nur zustimmend nicken. Ist es.

Is it finally time to leave Afghanistan?
>> Gute Frage. Zwischen einer riesigen Verantwortung und einer riesigen Machtlosigkeit in einem riesigen Trümmerhaufen stehend lässt sich diese Frage sicherlich nicht leicht beantworten. Aber es nützt auch niemandem, das alte Konzept nicht als komplett gescheitert anzusehen. Neue Überlegungen und vor allem politische Strategien sind notwendig.

Disclaimer: Die Hier verlinkten Texte und Videos spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung oder Denkrichtung der Autorin dieses Blogs wieder. Sie sind einfach nur „interessant“. Wenn sie explizit für „toll“, „großartig“ und „wow“ befunden werden, steht dies dabei. Auch laufen, wie erkenntlich sein dürfte, nicht alle Links unter der Gesamtüberschrift. Denkende Individuen fühlen sich durch diesen Disclaimer eventuell gestört. Dafür möchte sich die Autorin des hiesigen Blogs vorauseilend entschuldigen. Ja: Man kann sich das alles auch selber denken. Wenn man will.

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natürlich unter CC-BY-SA

Quellen: