Gelesen: “Tussikratie” von Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein

Tussikratie? Was soll das denn sein? Auf dem Einband des Buches steht es hinten drauf, was das sein soll. Verkürzt und etwas provokativ:

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1. pseudofeministische, eigentlich aber sexistische Diskursherrschaft
2. Weltbild, in dem Männer a) das traurige Beiwerk oder b) übermächtige Gegner sind
3. Verschleierung von Klassendifferenzen als Frauenproblem

Was dem Buch wahrscheinlich am allermeisten schadet, ist das Feindbild, das die Autorinnen konstruiert haben. Es prangt vom Titel, der Teaser, vermutlich nicht von ihnen, lässt schlimmstes vermuten. Frau Dingens mutmaßte in ihrem Stern-Blog, die “Tussi”, das sei eben die Feministin. Das ist aber falsch, was sie hätte wissen können, hätte sie das Buch auch gelesen, über das sie schrieb.

Am Anfang tat ich mich selbst schwer mit dem Feindbild. Das Vorwort war für mich nicht leicht zu lesen, denn dort definieren sie dieses Feindbild genauer aus und ich bin eigentlich immer eher geneigt, in der Sache zu debattieren und nicht entlang eines Feindes – der in diesem Fall ja auch noch konstruiert ist.

Aber im Laufe des Lesens merkte ich, was damit bezweckt wird: Die “Tussi” ist nur das Konstrastmittel, mit dem die Geschwüre in den Gedärmen der Gesellschaft sichtbar gemacht werden. Das wird deutlich, wenn sie im Laufe des Buches immer seltener auftaucht, weil die Autorinnen an der Sache diskutieren und die gesellschaftliche Lage beleuchten – aber eben doch immer wieder nötig um darauf hinzuweisen, dass die “Tussi”-Argumente, die ja real existieren, in der Debatte nicht zu der Lösung des Problems führen, sondern schlimmstenfalls nur neue Probleme eröffnen. Die “Tussi” ist für mich daher eher so ein Weberscher Idealtypus, den es so natürlich in Reinform gar nicht gibt, der aber dazu führt, dass Verschwommenes differenziert werden, diskutierbar gemacht werden kann.

Im Großen und Ganzen bin ich dann ganz bei den beiden Autorinnen, aber das ist auch kein Wunder, denn ich gelte eh als “männerfreundliche” Feministin und dieser Titel ist nicht nett gemeint. Aber ich nehme ihn als “nett”, denn ich finde das kein Vergehen.

Kommen wir zu ein paar inhaltlichen Ausschnitten aus dem Buch, angefangen mit dem Kapitel: “Gehirnpop. Was uns die Natur (nicht) über Männer und Frauen lehrt” von Theresa Bäuerlein.
Mit Neurobiologie beschäftige ich mich selbst seit vielen Jahren. Ich habe drei Jahre lang Biologie studiert und deswegen geht mir das Verständnis dafür nicht ab. Die Autorinnen wagen sich auch auf das Gebiet und haben sich Mühe gemacht, den aktuellen Stand der Debatte wiederzugeben. Heraus kam unter anderem, dass Männer- und Frauenhirne derzeit nicht gleich sind – eine Erkenntnis, die in die Sozialwissenschaften oft nicht hineingelassen wird. Der Satz “Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern lassen sich zwar teilweise verallgemeinern – aber nur im Durchschnitt” ist ein Volltreffer. Ich war einmal zu Gast in einem Vortrag von Manfred Spitzer zu genau diesem Thema und er differenzierte gut, dass bestimmte Verhaltensweisen nachweislich durch den Stereotype Threat erzeugt werden und andere wohl eher angeboren sein müssten. Am Ende fragte ich ihn, was er denke: Ob auch dann, wenn alle Kinder gleich aufgezogen und keine geschlechtergetrennten Rollenstereotype mehr vermittelt würden, ob dann nicht vielleicht die Unterschiede in den Erwachsenen-Gehirnen anders ausfallen könnten. Seine ehrliche Antwort: “Das kann man nicht wissen.”
Das trifft auch etwa die Erkenntnisse von Lise Eliot, die ich in “Tussikratie” zum ersten Mal traf – ein wichtiger Lesetipp, der an mir trotz Faible für Neurodiskurse zu dem Thema bislang vorbeigegangen war. Danke! “Etwas muss also in der Zeit der Heranwachsens passieren, das die Gräben zwischen den Geschlechtern aufreißen lässt”, denkt Theresa Bäuerlein und hier einzugestehen, dass wir nicht genau wissen, *was* von diesem Etwas Nature ist, und was Nurture – das ist so schwer, für Biologie wie für Gender Studies. Dabei wäre es so wichtig zu sagen: Wir wissen es nicht, wir *können* es noch nicht wissen. Auch weil man damit wieder mehr Möglichkeiten schafft, mehr Freiräume und weniger Vergnatztheit.

Das Kapitel “Wer zieht in Barbies Traumhaus. Von Freiheit, die sich nach freiem Fall anfühlt und Gräben, die schon im Kindergarten gezogen werden.” geht weiter um die Sozialisation entlang von Geschlechterstereotypen. Handelt darüber hinaus aber auch davon, was daraus für die spätere Berufswahl folgt. Es ist ein klassisch feministisches “Ding”, die Abwertung der “Frauenberufe” zu beklagen. Spannend fand ich aber den Dreh von Bäuerlein, den ich so noch nicht wirklich zu Ende gedacht habe (es war eher so ein Verdacht, der reifte): Dass wir Frauen anfangen, die “Frauenberufe” selbst gleich mit abzuwerten, wenn wir fordern, dass jetzt mal die Männer da ran müssten. Das ist ein sehr wichtiger Hinweis. Und das ist auch ein gutes Beispiel, an dem man verdeutlichen kann, was “Tussikratie” will: Es will hinter die Diskurse blicken und wissen, ob das typische “Frauenargument” zu einer bestimmten Thematik eigentlich logisch und hilfreich ist. Erst gestern las ich im Guardian “Motherhood has become a Olympic Sport” und kann nicht anders, als zu fragen: Woran liegt das denn? Weil Frauen heute von der Gesellschaft so böse unter Druck gesetzt werden, und von Männern komplett allein gelassen mit den Aufgaben der Kindererziehung? – Ja, das war einmal das Hauptargument, aber das ist im Aufweichen. Der Guardian-Artikel behandelt den Fall Ayelet Waldman, die 2005 einmal gewagt hatte zu behaupten, dass sie ihren Mann mehr liebt, als ihre Kinder. Shitstorm! Drohungen! Wütende Mailfluten! Heute steht sie da und sagt, es sei ein irrwitziger Wettbewerb geworden, zwischen Müttern und wer von ihnen die beste sei. Das beste Kind, die besten selbstgenähten Kleidchen, die besten Kuchen zum Basar in der Schule – die größte Selbstaufopferung. Der Witz ist: Das ist nicht nur ein Frauen- oder Mütterproblem. In “Allein unter Müttern” beschreibt Tillman Bendikowski, wie jeder Mensch, der sich um Kinder kümmert, in so einen Strudel gerät. Er beschreibt, was viele in der Debatte nicht sehen wollen: Es sind die Frauen selbst, die diesen massiven Druck aufbauen und den Wettbewerb ausrufen. Sie führen das Regiment. Und ich kenne einige Väter, die in die Sache einzustimmen beginnen, wenn sie selbst sich auch mehr um den Nachwuchs kümmern. Es ist keine Frage des Geschlechts, es gibt dahinter eine Ebene, die mit anderen Prämissen diesen Druck und Wahnsinn erzeugt: Der gesellschaftliche Wettbewerb, der schon bei kleinen Kindern anfängt und der Eltern irrwitzig handeln lässt (lesenswert dazu der Artikel von Friederike Haupt in der FAZ über Eltern, die meinen, ihr Kind sei hochbegabt).

Zurück zum Buch und kommen wir zum Kapitel “Zu eng gezirkelt. Über die Gemeinsamkeiten von Frauenzirkeln und Old Boys Network und (tatsächlich!) Anti-Harassment-Strategien” von Friederike Knüpling: Interessant fand ich es, Lisa kennen zu lernen, die von einem Ladies Lunch berichtet, bei dem die Frauen sich allesamt einig waren, dass sie Opfer sind und dass man unbedingt dafür sorgen müsse, dass sie einen Ausgleich erfuhren. Etwa Erleichterungen bei der Doktorarbeit, was auf Lisa sehr befremdlich wirkte. Allerdings muss ich hier einwerfen, dass ich durchaus auch andere, differenziertere Ladies Lunche kennen gelernt habe (zum Beispiel bei der Heinrich-Böll-Stiftung). Solche, in denen nicht mehr schematisch gedacht wird: Frauen müssen selbstständig sein – deswegen Karriere machen – deswegen pauschal alle Erleichterungen bekommen, etwa bei der Doktorarbeit, weil sie alleinerziehende Mütter sind. Damit will ich überhaupt nicht kleinreden, dass ich finde, dass Alleinerziehende Mütter und ihre Sorgen und Probleme, die Hürden, die sich vor ihnen aufbauen, kein wichtiger Indikator für die Missstände in der Gesellschaft sind. Aber sie sind eben genau das: Ein Indikator für Missstände, die viele Gruppen betreffen und nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Nur trifft es die Alleinerziehenden oftmals am schlimmsten.

Im Kapitel “Wer will hier der Boss sein? Über Karriere-Wünsche, die zur hohlen Form werden und Glück, das sich nicht beziffern lässt” geht unter anderem um Sheryl Sandberg… ich habe ihr Buch ja gelesen und ich bin auch grundsätzlich der Meinung, dass es wichtig ist und dass es seine Berechtigung hat, um Einblick in das zu gewinnen, was in großen Unternehmen, Startups und Milliardenfirmen wie Facebook eigentlich läuft, wie dort der Wind weht und wie man sich dort anzupassen hat, um weiterzukommen. Sie beschreibt das alles wunderbar und akkurat und ihr toller Tipp, eben einfach den “richtigen” Mann zu heiraten, nämlich den, der zuhause bei den Kindern bleibt, zeigt eigentlich auch schon automatisch auf die Grenzen ihrer Thesen und Ratschläge. Sicher muss eine neue Arbeitswelt gedacht werden, in der nicht nur die glücklich und erfolgreich sind, die es lieben, sich für ihren Job zu verausgaben, sondern in der andere Lebensmodelle gleichwertig lebbar sind, ohne an der Armutsgrenze zu leben. Das ist es auch, was Friederike Knüpling fordert. Ich denke, dass sehr viele Menschen – unabhängig von ihrem Geschlecht – anfangen dies zu denken, zu fordern und selbst zu leben. Aber wir stehen natürlich noch am Anfang der Entwicklung. Das ist auch der Punkt von Friederike Knüpling, die statt der ständigen Karrierefrage einmal die Frage nach Glück und dem guten Leben in den Raum wirft, wie viele das von Antje Schrupp schon kennen. Und das ist auch gut so!

Sehr witzig fand ich Theresas Auseinandersetzung mit den Verhütungsfragen im Kapitel “Quadrillionen aggressiver Spermien. Wie die Pille vom Freiheitsmittel zur Verpflichtung wurde, und warum Männer angeblich selbst schuld sind, wenn sie Sex haben”. Auch hier wieder: Ein klassisches feministisches Thema, das schon X Mal durchgesprochen wurde, aber ein neuer Dreh. Ich musste sehr über die “Pharma”-Macker von Julia Seeliger lachen, die als das enttarnt werden, was sie sind: Eine leicht absurde Verschwörungstheorie (an die Julia nach eigenen Angaben aber auch nicht wirklich glaubt; sie hat sich von den Aussagen in diesem Text distanziert). Aber: Dass es die Pille für den Mann nicht gibt, bleibt natürlich seltsam. Sicherlich muss eins sich deswegen nicht gleich die große Verschwörung gegen die Frauen ausdenken. Dass es vor allem die Frauen sind, die sich ohne groß nachzufragen, die Pille einwerfen, wird eben nicht mit erwähnt, wenn die Männer gebasht werden, weil sie keinen Markt für eine Spritze schaffen wollen. Dass es die Frauen sind, die konsumieren und damit den Markt für die Pille einfach konkurrenzlos bleiben lassen – wen kümmern diese Details? Sicher: Es mag den Mann geben, der Druck auf eine Frau ausübt, weil er Kondome findet wie “Streicheln mit Gummihandschuhen” (die Worte eines Freundes von Theresa). Aber dann hat man mit solchen eben keinen Sex. Theresa Bäuerlein erklärt gleich mit dazu, dass und wie das geht, wenn es sein muss.

Die Porno-Debatte ist in meinen Augen im Kapitel “Wer hat Angst vor Porno” auch sehr gut dargestellt gewesen. Auch wenn ich selbst doch meistens sehr viel kritischere Worte dafür finde, was dort passiert. Aber das liegt auch an persönlichen Erlebnissen. Man ist in seiner Perspektive einfach zu sehr durch seine eigenen Erfahrungen geprägt, und ich bin eben durch meine Erfahrungen ein eher verklemmter Mensch. Allerdings bei großer Aufgeschlossenheit für Unverklemmte.
Es geht für mich bei Pornographie nicht in erster Linie darum, dass alles falsch sei was dargestellt wird. Es geht mir vielmehr darum, dass scheinbar nichts anderes dargestellt wird, dass soviel Fantasie und so viele Möglichkeiten und Zwischentöne einfach verloren gehen. Es geht mir nicht darum Dinge die im Pornofilm bislang typischerweise und zu 90 % dargestellt wurden, zu verbieten oder schlecht zu reden. Ein Blowjob hat eine Daseinsberechtigung. Aber genauso hat der Cunnilingus eine Daseinsberechtigung. Den einen sehen wir tausendfach, den anderen müssen wir mit der Lupe suchen gehen und genau das ist das Problem. Es ist oft so, das nicht dass das Problem ist, was wir sehen und was vorhanden ist. Sondern die Probleme entstehen mit den Lücken, die nicht gefüllt werden. So entsteht eine Einseitigkeit, die nicht der Realität gerecht werden kann und damit gleichzeitig eine neue Realität schafft. Ich habe nichts dagegen, wenn es Pornos gibt in denen Frauen untergeordnet zu Männern sind. Denn ich weiß, dass dies eine völlig “normale” Facette weiblicher Sexualität ist. Ich weiß, dass sich viele Frauen danach sehnen, hart angefasst und eben nicht auf Augenhöhe behandelt zu werden, denn im sexuellen leben viele Menschen – wie Theresa das sehr treffend nennt – das Testen von Grenzen aus. Sex ist oft das lustvolle Erleben von Grenzerfahrungen. Somit gehören viele der Spielarten von Sex, die von früheren Generationen von Feministinnen als pure Gewalt und oder Propaganda von Gewalt an Frauen angesehen wurde, für mich zu einem legitimen Repertoir an sexuellen Spielarten. Ich hätte schlichtweg gerne, dass neben diesen einem typischen Weg Pornographie zu betreiben, auch andere auf der Bildfläche erscheinen und zwar in größeren Zahlen und viel selbstverständlicher, als es bislang der Fall ist.

Das soll erst einmal an Einblick in das Buch genügen, denn sonst ufert mein Text schnell aus. Es wäre schön, wenn das Buch eine Debatte auslösen könnte. Es wäre schön, wenn sich möglichst viele Leute nicht vom Titel abschrecken ließen. Titel sind Schall und Rauch – wir kennen das von “Wir Alphamädchen” und ich erinnere mich gut, wie schnell damals viele ihr Urteil bildeten, ohne das Buch auch nur angerührt zu haben. Wie oft es mit dem zeitgleich erschienenen “Neue Deutsche Mädchen” durcheinandergeschmissen wurde.

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Ich wünsche den Autorinnen eine dicke Haut. Ihre Fragen sind wichtig und richtig gestellt.
Es ist ein bisschen, wie bei Willi Wiberg, ein Kinderbuch, das ich sehr liebe und das meine Kinder regelmäßig vorgelesen bekommen: Es gibt da eine Geschichte, die hat den Titel “Willi Wiberg spielt doch nicht mit Mädchen”, denn kleine Jungen, die das tun, werden von den anderen Jungen ausgelacht. “Mädchen sind nämlich blöd und feige und…” heißt es da. “Ja, sie sagen so manches über die Mädchen. Was die *Mädchen* von Jungen halten, hören sie nicht mal, weil sie so laut schreien.”
Auf twitter schreien sie auch immer alle sehr laut und hören deswegen sehr wenig…

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Die Krimkrise setzt das Völkerrecht unter Druck

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Die westlichen Medien sprechen in Bezug auf die Krim unisono von einer “Annexion”. Bei anderen Fällen, die nicht unähnlich ablaufen, nimmt man lieber andere Begriffe – denn sie passen ins eigene Weltbild, in die eigenen politischen strategischen Pläne (oder in die eigene Geopolitik – whatever). Das nennt man einen medialen Bias und ich habe versucht, mich diesem Phänomen zu nähern, indem ich die Begriffe und Normen einmal unter die Lupe genommen habe. Das Feld ist kompliziert und ich habe gerade in der darauf folgenden Diskussion noch sehr vieles gelernt – deswegen lege ich euch nicht nur meinen aktuellen Beitrag bei den Wostkindern, sondern auch die Debatte darunter ans Herz (eigentlich gilt das immer – die Kommentare lohnen sich häufig wirklich, was mich sehr erfreut). Klar wird vor allem, wie diese Geschichte das Völkerrecht in Bedrängnis bringt – denn mal wird es ganz streng genommen und so ausgelegt, mal eher lax und anders ausgelegt. Das beschreibt auch sehr schön Jeffrey D. Sachs im Capital.

Das nächste Mal folgt Teil zwei, in dem ich den Fall der Treuhand genauer untersuchen will, den ich – mal offen gesprochen – für einen Fall von wirtschaftlicher Annexion halte. Auch das wird wieder kompliziert, aber was nützt es? Die Themen gehören einfach einmal auf den Tisch und ich vermute, dass unsere Generation – also jene, die zur Wende noch Kinder waren – wenig bis gar nichts über die Geschehnisse damals mitbekommen haben (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). Aber das kommt dann in zwei Wochen. Bis dahin geht die Diskussion sicher noch fröhlich weiter…

Bild: Russische Flotte in Sewastopol. Iwan Aiwasowski, 1846. Public Domain

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Plädoyer für einen verrückten Blick

Russland startet wohl gerade ein Luftmanöver im Nordwesten – so die aktuellen Nachrichten. Was treiben die da eigentlich? Gestern meldete das Land Transnistrien an, es wolle der russischen Föderation beitreten, Putin hielt eine wilde Rede und Hunderttausende bejubeln ihn in seinem Reich Land. Was passiert da eigentlich? Wie ticken eigentlich diese Russen, diese Menschen, was für eine Seele hat dieses Land?

Russisches Grafiti angelehnt an den Pelewin-Roman “Buddhas Kleiner Finger”. V. Vizu, CC-BY-SA 3.0

Russisches Grafiti angelehnt an den Pelewin-Roman “Buddhas Kleiner Finger”. V. Vizu, CC-BY-SA 3.0

Für viele Menschen ist es weit weit weg, nach der Wende und dem Ende der Sowjet-Union, als man ja selbst nun endlich als Sieger aus dem Kalten Krieg hervorging, war es vor allem: egal. Es war ja “besiegt” und was interessierte einen schon so ein Land, das offenbar von einem Wodkaschluckspecht namens Jelzin regiert wurde (nicht meine Worte – aber ein Bekannter äußerte sich in den Neunzigern einmal in dieser Art über den damaligen russischen Präsidenten)?

In Russland, teilweise Teil des europäischen Kontinents, und um Russland herum passierten Dinge, die wir höchstens einmal kurz in Zusammenhang mit dem Tschetschenien-Krieg wahrnahmen – dann aber ganz schnell wieder verdrängten. Russland erscheint bizarr, fremd, anders.

Schröder hatte als Kanzler immerhin eine enge Freundschaft zu den Russen – wenngleich ich dieses Buddy-System wirklich bis heute sehr sehr strange finde. Aber da konnte man reden, man hat einander respektiert und sich ein bisschen von der Korruption inspirieren lassen… Männerfreundschaft eben. Ich will nicht behaupten, dass ich dieser Buddy-Show hinterhertrauere – herrje, wahrlich nicht! – aber ich finde es mehr als ungenügend, was Merkel für die Integration von und die Kommunikation mit Russland getan hat. Putin triggert sie total – und selbst, wenn ich das rein vom Gefühl her verstehen kann, muss eine Kanzlerin in meinen Augen trotzdem professioneller agieren.

Nun ist das Kind eben im Brunnen und ich will jetzt auch nicht alles besser gewusst haben oder besser wissen. Von der Sorte Schreiberlingen haben wir genügend. Darum bewerbe ich mich nicht. Aber ich möchte dafür werben, sich mit Russland zu befassen, es kennen zu lernen, sich ihm offen und unbefangen zu nähern. Das ist wichtig – verdammt wichtig. Im Juni werde ich erneut nach Breslau fahren und eine Konferenz von Wissenschaftler_innen aus ganz Osteuropa und Russland besuchen – ich bin sehr gespannt darauf und freue mich wirklich sehr. Bei meinem letzten Breslau-Besuch erfuhr ich, dass ein wissenschaftlicher Austausch mit Russland erst seit etwa fünf Jahren überhaupt möglich ist! Und das ist eine dieser mir Mut machenden Nachrichten. Es gibt Anknüpfungspunkte. Russland ist kein anderer Planet!

Aus all diesen Gründen verschlinge ich gerade die Bücher von Viktor Pelewin. Und darüber habe ich dann gestern auch bei der FAZ gebloggt. Pelewin schreibt Bücher, in denen er Tolstoi in einem Computerspiel Zombies jagen lässt, er hat mit “Generation P” ein mittlerweile auch verfilmtes Buch über junge russische Menschen geschrieben, sozusagen die “Wostkinder” Russlands oder deren “Dritte Generation Ost”. Man kann aber auch in seinem Fantasy-Roman “Das heilige Buch der Werwölfe” sehr viel über die russischen Verhältnisse, die Logiken und Schranken der Gesellschaft erfahren. Alles stets in einem rotzigen Ton, die reudigen Facetten der Realität nie aussparend, sondern gebührend beschreibend. Das Werwölfe-Buch habe ich letzte Woche trotz Veranstaltungsmarathon in vier Tagen weggeschmökert – so ein Lesevergnügen!

und danke an Alex aus Moskau, der mich überhaupt erst auf den Pelewin-Trip brachte! Thanx Alex for recommending Victor Pelevin!

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Speakerinnen for the Win!

Screenshot 2014-03-06 12.12.35Die Rails Girls Berlin haben eine Datenbank angelegt, in der sich kompetente Frauen vorstellen, die auf Konferenzen als Speakerinnen eingeladen werden können: Speakerinnen.org. Damit wird die Idee, aktiv dazu beizutragen, ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis auf Panels und bei Diskussionen zu haben, auf eine neue Stufe gehoben.

Seit 2011 gibt es auf Netzfeminismus.org eine Liste mit heute über 100 Speakerinnen. Die Idee kam ursprünglich von Julia Schramm, die ein Piratenpad anlegte, in dem ganz viele tolle kompetente Frauen gesammelt wurden. Der Gedanke: Wer für seine Konferenzen wieder mal nur Männer auf die Bühne setzt, soll dafür keine Ausrede mehr haben! Gerade im Bereich Netzpolitik sah man seinerzeit immer die gleichen Nasen sitzen – männlich natürlich. Und das Blog “50 Prozent” von Anne Roth dokumentiert, dass die Veränderungen sehr lange brauchen.

Die Liste wurde von mir auf netzfeminismus.org eingepflegt und es meldeten sich schnell und seitdem nun über zwei Jahre hinweg, stets Frauen und Organisator_innen von Konferenzen, die sich vorstellten und suchten. Es wuchs auf über 100 Frauen an. Das Ding war ein Erfolg, das Interesse von Anfang an groß, nur eines war es nicht so ganz: Praktisch und Nutzer_innen-freundlich.

Vor über einem Jahr trommelte daraufhin Anne Roth eine Schar von Frauen zusammen, um die Idee auf eine neue Ebene zu heben. Es fanden sich viele Interessierte – aber irgendwie wurde aus der Schar kein richtiges Projekt. Oder doch?

Ja – doch! denn die Rails Girls, die das Projekt von Anfang an interessant fanden, haben weitergemacht! Und herausgekommen ist die schöne neue tolle Seite, in der man suchen und finden kann. Sie ist schick, sie ist funktional – wobei an manchen Ecken und Enden noch geschleift wird – und sie ist eure Adresse als kompetente Frau, als Organisator_in, als Multiplikator_in!

Die Rails Girls Berlin machen damit den Frauentag zum Tag, an dem Frauen ab jetzt bitte noch mehr Gehör bekommen! Danke ihr Tollen!

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Brecht und der Frauentag

Internationaler Frauentag 1953Die Werke von Brecht mochte ich immer schon gern. Die Aufführung der Dreigroschenoper war für mich die Beste, die ich damals im Würzburger Theater sah. Und Herr K ist Inspiration für den eigenen Umgang mit den Menschlichkeiten und Unmenschlichkeiten um mich herum. Deswegen war es wirklich interessant zu lesen, wie dieser Bertolt Brecht in der Aufbauphase der DDR lebte, wirkte und Inszenierte. Wie er sich mit dem Regime auseinandersetzte und arrangierte – ein neues Buch von Werner Hecht half bei dieser Einordnung. Und darüber bloggte ich auch bei den Wostkindern.

Und dann ist da noch der Internationale Frauentag – übermorgen – am 08. März. Traditionell ist immer sehr viel los bei diesem Jubiläum, in Berlin kann man ab 13 Uhr am Gesundbrunnen demonstrieren – ich selbst aber werde in Köln sein und habe auch kommende Woche unendlich viele Termine, zu denen ich euch kurz einladen möchte: Continue reading

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Wostkinder: Das Rumkauen auf Komplexitäten

timthumbDas Wostkinder-Projekt gibt es nun schon eine ganze Weile und man kann auch eine gewisse Entwicklung erkennen: Es geht immer mehr um die Komplexitäten in dieser Welt, um globale politische und wirtschaftliche Debatten, um die Demokratie und ihre Zukunft. Das hat insofern mit der DDR-Vergangenheit und unserer Doppelrolle zu tun, weil der Rückblick helfen kann, für die Zukunft die richtigen Fragen zu stellen.

Wir sind nie angetreten sind, um überheblicher Weise zu behaupten, wir würden jetzt mal den anderen die Geschichte der DDR erklären, wir waren von Anfang an selbst auf einer Entdeckungsreise, ohne fertige Ergebnisse und Antworten präsentieren zu können. Bei dieser Reise haben wir Gesprächspartnerinnen über ihre Erfahrungen ausgefragt. Und der Aktuellste war auch der, der uns selbst am meisten aufrüttelte. Wenn man in einem Gespräch merkt, wie wenig man wusste und wie komplex die Welt ist – was kann es dann Wertvolleres geben?

Genau so war es mit Herrn Andreas. In der DDR gehörte er zur Elite, er war Diplomat und später auch beim Außengeheimdienst der DDR, der HVA, aktiv. Wie er diese Zeit erlebte, welchen inneren Konflikten er ausgesetzt war, was die Wende mit ihm machte und wie er heute mit dieser Vergangenheit lebt – all das erzählt er im aktuellen Wostkinder-Podcast.

“Immer nur Fragen – die machen es sich leicht”

Die zweite Anmerkung gilt einem sehr sehr langen Kommentar, den ich heute morgen als Antwort auf einen Kommentator zu meinem letzten Text über die Grenzer des Kapitalismus verfasste. Wir hören immer wieder, dass wir nur kritisieren, ab doch nie konkrete Vorschläge zur Lösung der Probleme machen würden. Das ist richtig, und ich möchte hier zweitveröffentlichen, was ich dazu denke. Continue reading

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Ceuta zeigt das Ausmaß der Grenz-Aggression

In Ceuta werden Gummigeschosse eingesetzt, um Flüchtlinge zu verjagen, die in der EU ihre Rettung suchen. Der Tod von 15 Flüchtlingen bei einem solchen Einsatz am 06. Februar beschäftigt nun die politische Debatte. Ein Umdenken ist dringend nötig – vielleicht hilft es, an den Umgang mit den 4 Millionen DDR-Flüchtlingen zu erinnern: Sie wurden willkommen geheißen, nicht abgeschoben. Sie waren aber auch weiß und sprachen Deutsch. Außerdem verkörperten sie, dass die eigene Ideologie der des Nachbarn überlegen war.

http://blogs.faz.net/wost/2014/02/18/die-grenzer-des-kapitalismus-836/

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“Sisterhood is Powerful. It kills. Mostly sisters.”

Dieser Satz ist der feministischen Aktivistin Ti-Grace Atkinson zuzuschreiben. Er betrifft die Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre. Heute allerdings könnte sich die Geschichte wiederholen.

Das Thema ist in diesem Blog hier schon öfters angesprochen worden: Feministinnen gegen Feministinnen. Ausschlüsse. Das Versagen von Respekt. Das Austragen von Konflikten auf einer persönlichen Ebene – statt auf einer politischen.

Jill Filipovic hat im Guardian letzten Mai eine Auseinandersetzung mit dem Thema verfasst:

“Trashing each other and exclusion have been hallmarks since the movement began, and each generation of feminist activists seems to suffer the same in-fighting.”

und die aktuelle Ausgabe des Magazins “The Nation” hat den internen Kampf im Feminismus als Titelthema. In einem fünf Seiten langem Text analysiert die Autorin, wie derzeit eine Gruppe von Menschen und dem Argument der Intersektionalität versucht, andere zum Schweigen zu bringen und/oder in eine Ecke zu stellen: weiß, rassistisch, privilegiert, cis-hetero oder sonst etwas. Jedenfalls: Schlechte Menschen. Diese Aktionen nennen sich “Trashing”.

“Though Mukhopadhyay continues to believe in the empowering potential of online feminism, she sees that much of it is becoming dysfunctional, even unhealthy. “Everyone is so scared to speak right now,” she says.”

Im aktuellen Lila Podcast haben Susanne und ich versucht, das schwierige Thema aufzugreifen. Unser Eindruck: Wir müssen darüber reden, wir müssen Wege suchen, die da raus führen. Denn sonst “überleben” im Feminismus immer nur die ganz hartgesottenen Haudegen. Alle anderen werden im feminist burnout demoralisiert.

Darüber hinaus sprechen wir über sexistische Werbung, über den Steuerfall Alice Schwarzer, über Chick Lit, die feministischer werden sollte, über Vorbilder wie die Philosophin Agnes Heller und vieles mehr. Also hört doch mal rein. Und gerne: Diskutiert mit. Aber bitte dort.

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Stereotype und Stigmata – die Deutschen und Osteuropa

800px-William_Holman_Hunt_-_The_ScapegoatFür die Wostkinder frage ich “Ist der Bayer reif für die Einheit” – im Blick habe ich die CSU, allen voran Horst Seehofer und natürlich meine ich die europäische Einheit. Wenngleich ich finde, dass die Westdeutschen und ihr Umgang mit der Deutschen Einheit einen kleinen Vorgeschmack auf das bieten, was der Deutsche von den Leuten hält, die noch weiter im Osten, noch weiter bei Russland wohnen und dann nichtmal seine Sprache sprechen.

Der Begriff “Armutseinwanderung” macht derzeit die Runde. Was für ein “praktischer” Begriff – er transportiert so viel mit, alles in einem Wort: Da wäre die Unterstellung, dass alle in Osteuropa arm sind – ärmer als wir – und vor allem die armen Leute hier herkommen. Was auch die Frage nach dem “Warum?” beantwortet – die wollen halt Geld – UNSER Geld!!1!!

Und das muss man denen natürlich verweigern. EU? – Freizügigkeit? Naja, wer Geld hat, der darf freizügig sein. Oder so. DAS ist mal echter Klassismus – aber davon liest man in den üblichen Blogs jetzt grade nichts. Was etwas über Horizonte aussagt. Aber das wiederum ist (dieses Mal) nicht Thema.

Da man mein Blog dieses Mal bislang nicht so recht beachtet und es unterzugehen droht, bin ich sehr froh, dass im Feuilleton der FAZ heute ein sehr deutlicher Artikel sehr sichtbar prangt, von Dirk Schümer, der alles noch einmal zuspitzt: Faul seien nicht etwa die Einwanderer

Faul und indolent sind hingegen deutsche Behörden, die ihre Arbeit nicht oder schlecht erledigen und damit die Bevölkerung auch noch pauschal gegen die übergroße Mehrheit der Zuwanderer aufbringen, die dem deutschen und dem europäischen Sozialetat durch ihre Arbeit Profite einbringen.

und – was auch mein Punkt immer wieder ist und ich finde, der Kern der Debatte, den sich viele nicht anschauen wollen:

Die saturierten Alteuropäer, die eine Öffnung für ihre Produkte und Ferienziele nach Osteuropa selbstverständlich finden und deren Konzerne oft genug mit den Billiglöhnen im Osten gutes Geld verdienen, sollten den Menschen vom Balkan nicht noch die verbliebene Würde und den Stolz auf ihre großen Leistungen seit 1989 nehmen. Es ist wenig genug übriggeblieben.

Für so einen differenzierten und deutlichen Artikel lasse ich mein Wostkinderblögchen gern zur Seite treten. Aber vielleicht mag die/der eine oder andere von euch ja doch noch lesen…

Bild: The Scapegoat – der Sündenbock. Von William Holman Hunt. Via Wikimedia Commons. Unter Public Domain.

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