Feminismus, Sex und Revolution

London, Anfang September 2015. Caitlin Moran wohnt in London. Es ist für mich eine neue Stadt und so steige ich in den Bus, der in genau die andere Richtung fährt. Erst viel zu spät merke ich, was passiert ist, steige in eine Bahn, weil die App das sagt und schreibe Caitlin eine DM auf twitter, dass ich es total verpeilt habe. Sie schreibt sofort zurück, dass ich „armes Ding“ mir keine Sorgen machen solle und als ich ankomme, werde ich erst einmal fest geherzt und in das schöne Haus willkommen. Die Kinder gucken Die Simpsons im Fernsehen, auf dem Klavier steht die „Beatles Complete“-Notensammlung, ich habe die auch und sie fragt mich, ob ich einen Tee will, bevor wir auf die Terrasse gehen, um zu quatschen. Es ist alles, als würde ich zu einer alten Freundin kommen und wir würden wieder einmal über Gott und die Welt quatschen. Wir trinken Tee und sie dreht mir Zigaretten, denn obwohl ich extra noch eine Schachtel besorgt hatte, weil ich ja weiß, dass sie da eine Leidenschaft hat und weil ich auch etwas zurückgeben wollte – die habe ich im Hotel liegen lassen. „Natürlich“, sagt der Mann abends. „Natürlich hast du die liegen lassen.“

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Das Gespräch

Caitlin: Ich muss mich im Voraus entschuldigen: Ich rede sehr schnell und ich fluche eine Menge. Also wenn du das irgendwann transkribierst: ES TUT MIR SEHR LEID!

Katrin: Sie fluchen in Ihrem Buch auch sehr viel…

Ja. Das kommt, wenn man mit so vielen Geschwistern aufwächst und nie zur Schule geht und nie in einem Büro arbeitet. Außerdem sind meine Vorfahren irisch. In Irland flucht einfach jeder und niemand bemerkt, dass er flucht. Das ist einfach Teil des Rhythmus‘ und der Sprache und du versuchst, beim Fluchen so kreativ zu sein, wie es nur geht. Mir war das gar nicht bewusst, bis ich mehr in den Medien war und Leute zu mir sagten: ‚Du kannst im Tagesradio nicht so fluchen, das Wort ‚Fuck‘ geht einfach nicht und ‚cunt‘ auch nicht‘. Und ich sagte ‚Oh fuck, es tut mir leid – oh scheiße, – oh fuck, sorry! Okay‘. Das war das schwierigste, als ich bei der Times anfing: Ich musste einen neuen Weg zu schreiben finden und nun nutze ich eine Menge viktorianische Arten zu fluchen, das ist besser.

Gibt es ein Wörterbuch für viktorianisches Fluchen?

Ich habe viele Romane aus dem 19. Jahrhundert gelesen, das ist eine große Quelle.

Wie ist die Familie dann in Wolverhampton gelandet?

Meine Großeltern sind von Irland nach Liverpool gekommen, mein Großvater wollte Minenarbeiter sein. Sie hatten acht Kinder. Mein Vater ging irgendwann nach Wolverhampton, er war ein Kind der Arbeiterklasse und wurde geboren, als „Wohlfahrt“ in England gerade erfunden wurde. Meine Eltern sind eigentlich Hippies, mein Vater macht Musik und meine Mutter wollte nur den ganzen Tag zuhause sein, Bücher lesen und ihre Kinder unterrichten. Aber Wolverhampton ist kein guter Ort, um ein Hippie zu sein. Sie waren die einzigen Hippies dort.

Leben sie dort immernoch?

Nein, sie sind verdammt nochmal weggezogen! Als ich 18 wurde, zog ich weg, nach London. Es war das Geburtstagsgeschenk meines Vaters, mich nach London zu fahren. Und dann zog die ganze Familie zwei Jahre später nach Brighton, eine wundervolle Hippie-Stadt am Meer, wo ich eine großartige Kindheit hätte haben können. Also danke! Danke, dass ihr gewartet habt bis ich gegangen bin, bevor ihr weggeht!

Aber Ihre Kindheit hat Sie zu dem gemacht, was Sie sind…

Ja, total! Es hat mir total viel Stoff zum Schreiben gebracht! Und ich habe eine Verbindung zu den Leuten. Es war etwas seltsam, als ich Standup-Touren zu ‚How tob e a Woman‘ gemacht habe und die ganzen jungen Mädchen hatten das gelesen und beschlossen, aus meinen Fehlern zu lernen. Deswegen standen sie alle auf und schrien und kreischten, wenn sie mich sahen. Das war so komisch, weil ich ja ganz viel über Marxismus und Feminismus geschrieben hatte und dann kommen die ganzen kreischenden Teenage-Mädchen und rufen ‚Yeah – die Revolution ist da! ‘. Ich erzähle dann immer: Das Leben teilt sich in zwei verschiedene Kategorien: Die einen Dinge sind großartig, wenn sie passieren. Die zweiten Dinge sind schlimm, wenn sie passieren, aber sie verwandeln sich in unglaubliche Anekdoten. Ich kenne durch meinen Job viele Musiker und Schriftsteller und fast alle Leute, die eine schlimme Kindheit hatten, sind heute am Schreiben. Denn das sind deine besten Anekdoten später. You need to live a terrible life bevor you’ve got anything to write. Also: Ich bin heute froh, dass alles so passierte, aber ich würde für keine verfickte Million dahin zurückgehen, Jesus fucking Christ!

Kam aus diesen Erfahrungen mit dem ersten Buch die Idee, ein weiteres Buch für ein Teenage-Publikum zu schreiben? Continue reading

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Die Wochendämmerung

13094417_1545183812454625_7469677018147025017_nJetzt isses offiziell: Der Holgi und ich podcasten schon eine Weile für Audible. Am Ende jeder Woche besenfen wir die Ereignisse der letzten sieben Tage auf unsere Art und das in jeweils einer guten halben Stunde.

Die Wochendämmerung ist ein Audio-Magazin von Audible, das man auch nur dort hören kann. Dazu genügt ein einfacher Amazon-Account, mit dem man sich bei Audible anmeldet. Dann geht man auf unsere Show und „kauft“ sie (für 0,00 €) und wenn man dann noch die Audible-App auf seinem Smartphone hat, sollte ab jetzt alles automatisch gehen, die jeweils neueste Folge wird in die Bibliothek gespeist und sollte man das mal vergessen, erinnert bei Bedarf eine freundliche Mail.

Unsere Themen sind bunt und breit, von Obama, über den Papst bis hin zu „diese Woche gestorben“ – Holgi nervt mich mit seinem Wirtschaftskram, ich ihn mit meinem Flüchtlingskram, und irgendwie ist die halbe Stunde dann eh immer viel zu schnell rum!

Wir freuen uns über alle, die zusammen mit uns die Woche ausklingen lassen wollen! Und wenn ihr mit uns über unsere kruden Ansichten diskutieren wollt, könnt ihr das auf unserer frisch eingerichteten Facebook-Seite tuen.

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Demokratie und Verantwortung

In einer Demokratie kann und soll man über einen Sachverhalt unterschiedlicher Meinung sein und darüber streiten und debattieren, wie die Lösung für konkrete Probleme aussehen sollte. Aber es gehört zur Auseinandersetzung genauso dazu, auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit zu bleiben. Wer das nicht tut, wer außerdem ständig nach Lösungen ruft, die Grundrechte, Menschenrechte oder das Genfer Flüchtlingsabkommen missachten, kommt seiner Verantwortung nicht nach.

In Europa erleben wir gerade, dass außer Deutschland, insbesondere durch die Haltung der Kanzlerin repräsentiert, diese Rechte und Grundwerte aufgeweicht oder ganz abgelegt werden. Da treten Leute mit großer Reichweite in großen Medien mit der Forderung auf, wer andere Kulturen mit offenen Armen willkommen heiße, habe auch hinzunehmen, wie die Polen, besser gesagt die polnische Regierung, ihre ganz eigene und neue Definition von Rechtsstaat umsetze und zwar unter massivem Eingriff in die Medien-Freiheit und die Verfassungsgerichtbarkeit, Checks and Balances ade! – Wer solche Relativierungen in die Welt setzt, wer außerdem hinnimmt, dass die Besitzstandswahrungsattitüde eines Seehofer und die Fremdenfeindlichkeit eines Orban sich als „politische Werte“ zu etablieren beginnen, der verlässt den Boden europäischer und deutscher Rechte und Grundwerte, in vollem Bewusstsein, und der sät damit außerdem die Saat innerhalb der Bevölkerung, die Leuten das Gefühl gibt, ebenso im Sinne eines „höheren Ziels“, namentlich der Verteidigung des eigenen Bodens oder der „Heimat“ gegen fremde Kulturen und Menschen und allen damit assoziierten „Bedrohungen“, Recht und Gesetz außer Acht lassen zu dürfen, was sich in Selbstjustiz entlädt. Wütende Mobs in Köln und Sachsen setzen um, was als Botschaft von diesen Medien, diesen Meinungsmachern und diesen Politikern wieder und wieder transportiert wird: es ist ein Ausnahmezustand und die Gesetze und Verträge schützen uns nicht, weswegen wir sie aufgeben, und wenn auch nur in Teilen (nur in Bezug auf die Neuen und Fremden).

Diese beiden Mechanismen hängen direkt miteinander zusammen: Ein Politiker, ein Meinungsmacher oder ein Medium, das trotz der faktischen Unbegrenzbarkeit des Rechts auf Asyl nach Obergrenzen ruft, bei gleichzeitiger Suggerierung, Frauenbild und Rechtsauffassung bei Flüchtlingen seien gefährlich UND von den deutschen Gesetzen und der Polizei nicht mehr zu kontrollieren, heizt den Mob an.

Straftätige Flüchtlinge und straftätige Migranten sind – wie alle anderen Straftätigen auch – ein Fall für Polizei und Gerichte. Ich wiederhole: Wie alle anderen Straftätigen auch! Es gibt Gesetze und Regeln und diese müssen für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft durchgesetzt werden. Die Gesellschaft aber baut ihre eigene Durchsetzbarkeit ab, indem sie die Polizei personell unterbemittelt und politisch ausdörrt – seit Jahren. Wer angesichts dessen neue Gesetze fordert, anstatt die Durchsetzung der bestehenden durchzusetzen, wer außerdem Gesetze fordert, die den Boden von Grundgesetz, Menschenrechtscharta und Genfer Flüchtlingsabkommen verlassen, erkennt nicht nur die Unterbemittelung der Exekutive an und untermauert sie als unveränderbar – er schafft eine Zweiklassengesellschaft: Die Unterbemittelung der Exekutive bleibt – ein Versagenseingeständnis in Richtung Recht und Gesetz bleibt nicht nur bestehen, es wird als Versagen nicht benannt und unter den Tisch gekehrt. Schuld wird gleichzeitig nur noch bei Migranten und Flüchtlingen verortet, Gesetze, die sie betreffen sollen verschärft werden. Womit den Strafhandlungen der weißen Einheimischen leise Legitimität verliehen wird. Siehe Kölner und sachsener Mobs gegen Migranten und Flüchtlinge! 
Das alles hängt zusammen. Aber das sehen rechtskonservativpopulistische Politiker und Meinungsmacher natürlich ganz anders. Anstatt auf bestehende Gesetze und Grundrechte zu beharren und die staatlichen Strukturen zu deren Einhaltung zu verstärken und auch die rechten Verstöße gegen Gesetze hart zu verfolgen, nehmen sie die eigene Schwäche nicht nur hin, sondern treiben den Abbau der Grundrechte als politisches Ziel voran, mit der einzigen Absicht, sich nach außen abzuschotten. Nach Jahrzehnten des Profits durch die wirtschaftliche Globalisierung will man nun mit der politischen Globalisierung nichts mehr zu tun haben. 

Im Moment ist Deutschland in Europa beinahe das einzige Land, das sich gegen eine solche Politik des Grund- und Menschenrechte-Relativierens stellt. Was dringend nötig wäre, um deren Relativieren – und wie es in Nachbarländern schon passiert: deren Abbau – zu verhindern, wäre eine starke und ernstzunehmende Exekutive, die brennende Flüchtlingsheime genauso verhindert, wie solche Überfälle wie in Köln in der Silvesternacht. Staatliche Strukturen, die dem sozialen Frieden statt der wirtschaftlichen Privatisierung dienen, Infrastruktur zur Bildung und Integration der deutschen Idioten, die Nationalismus geil finden, zur Integration und Bildung der Neuankömmlinge, Jobprogramme, die zu echten Perspektiven führen, sozialer Wohnungsbau etc… – stärkung des Staates, gesellschaftlicher Infrastruktur und auch der Polizei – das sind die Schritte, die wir brauchen. Um das zu finanzieren vermutlich auch eine größere Umverteilung als derzeit.

Wer hingegen aus Besitzstandswahrungsantrieb heraus an die Rechte von Menschen will, wie die polnische Regierung, Orban und Seehofer, der – und nur der – treibt den gesellschaftlichen und demokratischen Verfall dessen voran, das als „Projekt Europa“ derzeit so beunruhigend auf der Kippe steht. Von dieser Kippe wieder weg zu kommen und im gesamten Europa die Werte und Rechte zu reetablieren muss das entschiedene Ziel aller demokratischen Menschen sein.

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Geleakte Daten, Erpressungsversuch – was tun?

ich könnte etwas Hilfe brauchen. ich bekam soeben folgende E-Mail (woraufhin ich umgehend meine Kreditkarte gesperrt habe – ich bin aber unsicher, ob ich noch mehr zu tun habe; deswegen poste ich das hier):

UPDATE: Ich habe weiter unten alle Antworten zusammengestellt, die ich bekam. Man kann wohl davon ausgehen, dass es einfach nur Spam war. Details wie gesagt weiter unten.

„Unfortunately your data was leaked in the recent hacking of the Patreon web site and I now have your information. I have your tax id, tax forms, SSN, DOB, Name, Address, Credit card details and more sensitive data. Now, I can go ahead and leak your details online which would damage your credit score like hell and would create a lot of problems for you. 
If you would like to prevent me from doing this then you need to send 1 bitcoin to the following BTC address. 
Bitcoin Address: 

1QAQTyhCzAfvp8uLpneBNamWTNRR1hx9Cp 
You can buy bitcoins using online exchanges easily. The bitcoin address is unique to you. Sending bitcoin takes take, so you better get started right now, you have 48 hours in total.“

die Absender-Mailadresse ist (angeblich): sharingservices@aol.com

wenn jemand was Kluges dazu weiß – immer her damit. Sicherlich sind auch andere betroffen. 

Background: Dass Patreon ein Sicherheitsleck hatte (hat?) ist bekannt. Ich habe damals mein Passwort geändert, aber das war wohl zu spät. und ändert eure Passwörter! 

hier, was auf twitter an Antworten reinkommt:

Update: Hier eine offizielle Antwort von Patreon:

„Hey there,

I’m so sorry for this and I apologize for the delay in getting back to you and for the scare. You can ignore that email, it’s clearly spam. I can assure you that this individual is lying.

The only accounts that had tax forms, which are very well encrypted with RSA 2048-bit encryption, are creators that have earned more than $600 in a year. No other accounts had that information associated with them, and even those records are safe given the level of encryption.

Also our system does not have access to your full credit card details, the only portion that gets passed to us is the last four digits of the number.

The information associated with the data breach does not present a risk to your credit score or identity theft. Again, I’m sorry that you had to encounter this and I appreciate you sending it our way.

We’re in contact with the FBI, consulting with legal firms, and will handle accordingly.

Let me know if you have any additional questions or questions. We’ll be sending an email to all users tomorrow morning.

Best,
Patreon“

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A Workshop is waiting for you

First things first:

SHIFT. SHAPE. MOBILIZE.
a tools & skills workshop for bloggers

> 16-22 November in Berlin, Germany

We are looking for bloggers from all over Europe, to be part of a workshop that will train them and connect them to other bloggers, especially from Eastern Europe. But we are also looking for bloggers from western European Countries and maybe it is you, we are looking for – or you know someone who might be the one. So:

About the project

The Federal Agency for Civic Education/Bundeszentrale für Politische Bildung, in cooperation with Sourcefabric and n-ost, welcomes 20 bloggers to take part in a 5-days workshop in Berlin, Germany on 16-22 November 2015.

Shift. Shape. Mobilize. is aiming to get a better understanding about the socio-political relevance of blogs in countries in transition. The project has the goal of raising awareness, empowering and supporting the role of bloggers in Eastern Europe, as an alternative source of information in society.

During the workshop, you will gain skills & awareness in online security / verification of sources / social media / open data, etc. Furthermore, you will get to know different open source blogging and publishing tools to support their work, such as Sourcefabric’s Live Blog and Booktype. During your stay in Berlin, you will have the opportunity to get to know local communities of journalists, bloggers, activists and hackers.

You will attend a series of practical workshops with the purpose of improving concrete skills; you will partake in debates and panel discussions on hot-topics and receive training on new tools. Additionally, you will be able to live blog and report from the n-ost media conference “Translating Worlds”.

What about the costs?

All costs will be covered by the organisers of the event, including travel to/from Berlin, visa, accommodation, meals and all materials to be used during the workshop.

If all that sounds interesting to you – please note that application is only open until 27. September, 23:59h CET.

And please spread the word!

 

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Bloggen für Flüchtlinge

#BloggerfuerFluechtlinge sammelt Geld und verteilt es an jene, die vor Ort unermüdlich für die Flüchtlinge aktiv sind.

Was kann ich tun? Was hilft? Was hilft nicht? Bestimmt stellen sich viele Leute momentan diese Frage.

Foto: CC BY-SA 2.0 von takver via Flickr

Foto: CC BY-SA 2.0 von takver via Flickr

Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Es gibt viele Organisationen, ehrenamtliche Helfer, Privatpersonen, engagierte Lehrer und und und, die helfen, die sich kümmern und die das aufzufangen versuchen, was in meinen Augen der Staat momentan komplett verkackt: Logistik, Essen, Dach überm Kopf, was zum Anziehen, Wasser. Es klingt eigentlich so banal, aber nicht nur vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin knicken die Behörden vor dem Strom ein, geben sie sich hilflos, machtlos und scheinen keine Verantwortung tragen zu wollen, wenn es mal ein bisschen mehr wird, als der alltägliche Beamtenalltag sonst erfordert. Überall in Deutschland kommen Zustände auf, die mit der Würde des Menschen nicht mehr viel zu tun haben und wo am Ende geflüchtete Menschen berichten, dass sie vor fast den gleichen Zuständen ja eigentlich geflüchtet sind – und da meine ich noch nicht einmal die brennenden Unterkünfte! Sondern die ganz basale Versorgung, die der Staat Deutschland, der im vergangenen halben Jahr einen Überschuss erwirtschaftet hat, nicht auf die Reihe kriegt.

Well. Es kommt also auf jede_n von uns an und es gibt ja dieses „jede_r kann was tun“-Dings, aber dann steht man da und weiß nicht was. So ähnlich geht es mir auch, zumal ich ständig unterwegs bin und dazwischen arbeite und Kinder und und und… Also wenn einem eh schon alles über den Kopf wächst, und wenn man keine Zeit hat, eigentlich nie – dann lässt einen dieses „aber es kann ja jede_r was tun“ manchmal etwas alleine. Aber genau deswegen schreibe ich das hier, denn auch ich und ihr und alle können was tun: Denen helfen, die direkt vor Ort aktiv sind. Und ja, wenn ihr keine Zeit und keinen Kopf dafür habt, wie zum Beispiel Mareice Kaiser selbst ne Lagerhalle voll zu machen mit Dingen, die Menschen abgeben und die anderen Menschen helfen (ich bewundere sehr, was Mareice da tut!), dann schreibt halt einen Blogtext und macht bei der Aktion #BloggerfuerFluechtlinge mit. Nutzt wenigstens eure Reichweite – sprecht in euren Podcasts drüber, bloggt, twittert – was immer euch zur Verfügung steht. Die bauen genau darauf: Dass Leute mit Reichweite von der Aktion erzählen, dass sie auf die eine Seite verweisen, auf der in Zusammenarbeit mit Betterplace spenden gesammelt und an jene verteilt werden, die vor Ort aktiv sind und für euch, für mich, für uns etwas tun.

Blogger für Flüchtlinge ist eine Initiative von Nico LummaStevan PaulKarla Paul und Paul Huizing. Sie rufen euch alle auf:

Wenn du aktiv helfen möchtest, gibt es viele Möglichkeiten!

Und vor allem kannst du aktiv dazu beitragen, dass Flüchtlinge in der Mitte unserer Gesellschaft akzeptiert werden.

Also. So sieht es aus, dieses jede_r kann etwas tun. Machen wir dieses Deutschland zu einem besseren Ort für diejenigen, die unsere Menschlichkeit gerade dringend brauchen.

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A Book is born

Ich will es gar nicht unnötig lang machen: mein Buch ist da und kann im Buchladen, bei Metrolit oder auch bei Amazon käuflich erworben werden. 

  
Es geht – wie der Titel schon vermuten lässt – um Emanzipation: sich aus die eigene Entfaltung hemmenden Abhängigkeiten befreien. Und das vorm Spiegel, im Bett, in der Kita oder Schule, im Netz, in der Arbeitswelt und in der Politik – alles aus einer sehr persönlichen Perspektive (meine Mutter hat Dinge über mich erfahren… huiuiui), die aber nie einfach nur so stehen bleibt, sondern stets in die gesamtgesellschaftliche Betrachtung mündet.

also alles wie immer und wer so nett ist, es zu lesen: Ich hoffe ihr habt trotz der schauerlichen Geschichten ein bisschen Spaß damit :) 

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Patreon: Von „monatlich“ auf „per Episode“

Wegen der Transparenz und so: Seit November letzten Jahres unterstützen mich 37 sehr tolle Menschen via Patreon beim Podcasten. Ich war angetreten mit einem Erscheinungsraum Ost pro Woche und einem Lila Podcast alle zwei Wochen. Das lief eine Weile sehr gut. Aber…

Momentan schaffe ich das mit den wöchentlichen Erscheinungsräumen nicht mehr und wenn im Sommer mein Buch erscheint und die Sommerferien sind – dann wird das vielleicht nicht unbedingt besser. Weitermachen will ich auf jeden Fall und Unterstützung kann ich immer noch brauchen. Deswegen: Es nimmt den Druck von meinen Schultern und es ist fairer gegenüber denen, die mich unterstützen, wenn ich pro Episode bezahlt werde. Und deswegen habe ich das jetzt umgestellt. Wer Patron ist sollte also gegebenenfalls den Betrag anpassen, bevor der nächste Lila Podcast auf Patreon erscheint (vermutlich kommende Woche) ;)

Danke jedenfalls an alle, die mich unterstützen! es ist eine große Ehre <3

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Wir machen den Job der Journalisten

Das Griechenland-Bild, das die Deutschen malen, hängt schief. Um es etwas gerade zu rücken geben sich viele hier lebende Griechen Mühe, ihre Freunde und Bekannten oder ihre Blogleser mit Hintergrundinformationen zu versorgen.

„Die Deutschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind immer sehr fair. Was mich aber wundert ist die Art und Weise, wie die Medien drüber berichten. Man merkt, dass gerade online versucht wird, den Stammtisch zu bedienen. Klar geht es da auch viel um Klicks und Werbeeinnahmen, aber ich finde, dass kann doch nicht sein: Eigentlich sollte doch die Qualität des Journalismus‘ im Vordergrund stehen.“

(c) privat

(c) privat

Konstantinos Tzouvaras ist von Beruf Vertriebsmanager, er hat Journalismus nicht studiert und auch nicht vor, den Platz eines Redakteurs in einer großen Zeitung zu besetzen. Aber er fragt sich, wie die dort arbeiten. Wie es möglich ist, dass kurz nach einer neuen Agentur-Meldung schon feste Meinungen und fertige Urteile gebildet sein können. Etwa wenn Griechenlands Finanzminister Varoufakis wieder etwas gesagt hat. Wie kann es sein, fragt sich Konstantinos, dass es dann nur noch darum geht, wer als erstes kommentiert, dass es aber kaum mehr darum geht zu prüfen und zu recherchieren, was der Hintergrund der Aussage war. Niemals würde er deswegen das Wort „Lügenpresse“ benutzen, „es sind auch keine Lügen“, sagt er, „es wird nur nicht zu Ende erzählt“. Ihm fällt auf, dass ausländische Medien in der Vergangenheit deutlich dezenter, differenzierter und auch besser recherchiert über die Lage in Griechenland berichteten, als es die deutschen Berichterstatter taten.

Da wäre zum Beispiel die Sache mit der neuen Regierung: Hat sie in der Presse eine Chance bekommen? Für Konstantinos steht fest, dass es notwendig war, dass neue Leute in seiner Heimat das Ruder übernahmen. Er hadert zwar auch mit dieser Koalition aus Linken und Rechten, aber hier fordert er: „Das muss man auch erklären. Es war die einzige Chance, schnell eine Regierung zu bilden und schnell handeln zu können.“

Mehr erklären, das wünscht er sich. Und mehr faire Vergleiche: Was haben die USA in der Krise gemacht? – „Sie haben investiert“, stellt Konstantinos fest und das müsste in Griechenland eigentlich auch geschehen, stattdessen würde aber harte Sparpolitik verlangt. Und Griechenland bliebe mit seiner kaputten Wirtschaft ein Fass ohne Boden. „Ich möchte gar nicht sagen, dass Griechenland nichts falsch macht. Die haben richtig Bockmist gebaut die letzten Jahre“, aber: „das Thema ist so komplex und schwierig. Man schreibt aber nur: Griechenland dreht Privatisierung zurück. Und dann denkt man als normaler Bürger: Sag mal – wie doof sind eigentlich die Griechen?“ Konstantinos erklärt hingegen, dass es eine gute Begründung für diesen Schritt gibt: „Die wollen das Tafelsilber nicht verschenken. Die verkaufen eben nicht ihre Infrastruktur, wenn es ihnen richtig dreckig geht, denn die sagen sich: Das ist mehr wert, als wir jetzt dafür kriegen würden.“ Klingt logisch – aber wo kann man das lesen? Konstantinos klärt in seinem Umfeld auf. Wenn er mit einem Freund essen geht und bei dem auf dem Display eine Meldung aufploppt, dass Griechenland nun ein Abkommen mit Russland habe, dann weist er darauf hin, dass auch Deutschland ein solches Abkommen mit Russland habe. Und schon klingt die Sache ganz anders.

* * *

„Das nicht funktionierende Programm ist verschärft und verschärft worden.“

Michalis Pantelouris, Halbgrieche, ist Blogger und Journalist. In einem ausführlichen Gespräch für meinen Podcast Erscheinungsraum Ost hat auch er einige Dinge zurecht gerückt. Dafür wurde er fünf Mal geflattert, ansonsten hat er keinen Lohn erhalten. Das Gespräch ging über eine Stunde. Es handelt von der Geschichte Griechenlands, angefangen bei der Diktatur von 1964 bis 1974. Es betrachtet Griechenland nicht isoliert, sondern schaut auch auf Irland, Portugal, Spanien und Zypern, die von der Finanzkrise ähnlich schlimm erwischt wurden. Von diesen Ländern heißt es aus Politikermündern gerne, sie seien „auf einem guten Weg“. Michalis findet aber „auf einem guten Weg heißt nicht, dass es den Menschen gut geht“. „Auf einem guten Weg“ ist vielleicht einfach der Zustand, in dem es dem Land wirtschaftlich gerade so gut geht, dass man es in Deutschland wieder bestens ignorieren kann und dass es uns eben keine Scherereien mehr macht. So wie die meisten osteuropäischen Länder ja auch. „Die Zahlen sprechen eine andere Sprache als „auf einem guten Weg“, sagt Michalis.

* * *

Anna Goudinoudis ist Halbgriechin wie Michalis. Ihre Großeltern sind in den Sechzigern als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, leben aber seit etwa zehn Jahren wieder in Griechenland. 2010 hat sie ihr Erasmus-Semester in Politikwissenschaften in Athen verbracht. „Ich will eigentlich kein negatives Bild der griechischen Regierung zeichnen – aber in Griechenland ist schon das Problem, dass die Griechen sehr lange über ihre Verhältnisse gelebt haben“, sagt sie. „Es wurden viele Staatsgeschenke gegeben. Man zahlt keine Studiengebühren und man bekommt Bücher für das Studium kostenlos. Aber wenn das bei uns so üblich wäre, würde auch keiner fragen: Woher kommt denn das Geld.“

(c) privat

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Auch für sie ist der Regierungswechsel die einzig logische Konsequenz nach all den Problemen und der jahrelangen Korruption in der politischen Elite gewesen. „Wirtschaft und Politik sind extrem miteinander verwoben gewesen. Die Mechaniken der Demokratie konnten wegen der Korruption gar nicht wirklich wirken.“ Das habe den Staat geschwächt und im Volk auch eine Mentalität begünstigt, sich zu nehmen, was geht: Steuern hinterziehen, Renten für Tote, Schmiergelder allerorten.

Doch auch sie findet, dass die Koalition aus Rechten und Linken der einzige Weg war – eben weil die politischen Eliten einmal ausgetauscht werden mussten.

„In Deutschland meinen sehr viele Leute, ihren Senf dazu geben zu können – sehr oft sehr unreflektiert. Das ist sehr schwierig. Es wird schnell sehr aufgeheizt und populistisch.“

„Dieser negative Unterton, der in der Berichterstattung mitschwingt, der hat oft nicht mehr viel mit neutralem Journalismus zu tun.“ Und das betreffe durch die Bank fast alle großen Medien. Sicher lasse sich im Journalismus eine Meinung nie ganz ausblenden, Objektivität nie voll erreichen. Deshalb ist es ihr ein Anliegen, zumindest in persönlichen Gesprächen ihrem Umfeld auch ‚andere’ Argumente zu liefern. Oder die fragte: „Wer ist an den Fehlern beteiligt, wenn man fünf Jahre lang zuschaut und nichts macht? Wenn man nur eine Troika in das Land schickt, die vom Volk als Schmach empfunden wird und deren Arbeit keinerlei positive Effekte nach sich zieht?“ Anna denkt, dass man nach fünf Jahren eigentlich positive Effekte sehen können müsste. Das Land ist aber immer noch am Boden, das ganze Geld, das hineingepumpt wurde, ist offenbar nutzlos gewesen. Als wenig zuträglich empfindet Anna auch, dass die ganze Debatte ständig personalisiert wird: Varoufakis wird in Deutschland zur Projektionsfläche für allerlei gefühltes Halbwissen, Merkel wird in Griechenland zum Feindbild.

Dennoch bleibt Anna auch hier differenziert: Sie sieht gar nicht so sehr die Fehler bei den deutschen Politikern. Die versuchen ihrer Meinung nach eine legitime Strategie zu verfolgen. Aber genau das, so ergänzt sie, versuchen ja auch die Griechen: Sie sind am Ende und sie wollen ihren Arsch retten. Sie denkt: Keiner weiß eine echte Lösung. Nicht die Griechen. Aber eigentlich würden auch die EU und der IWF ein unrealistisches Ziel verfolgen: So schnell wie möglich das Geld zurück zu bekommen. Ob das realistisch sein kann – die Frage stehe nicht im Raum. Die Schuldenrückzahlung stehe im Vordergrund – eine politische Lösung des Problems sei nicht in Sicht.

„Ich sehe mich ein bisschen als Stimme von Griechenland, weil ich finde, dass die von den deutschen Medien sehr klein gehalten wird. So weit ich kann, versuche ich da Aufklärungsarbeit zu leisten.“

* * *

Alle drei, Konstantinos, Michalis und Anna haben ihre Freizeit dafür geopfert, sich mit dem Thema Griechenland zu befassen. Sie haben eine andere Perspektive als Halbbetroffene, sie kennen beide Seiten gut. Und sie kommen zu erstaunlich ähnlichen Ergebnissen. So stellen sie unisono infrage, ob die geforderten Reformen wirklich dazu taugen, Griechenland aus dem Tief zu ziehen. In den Medien wird meistens nur kolportiert, dass die Griechen „ihre Hausaufgaben nicht machen“. Anna findet: „Es ist aber keine nachhaltige Lösung, wenn Griechenland beispielsweise die Flughäfen veräußert und in privatwirtschaftliche Hände gibt – nicht in eigene Privatwirtschaft in Griechenland, sondern an ausländische Investoren. Ich bin wirklich keine Expertin für Wirtschaft“, fügt sie hinzu, „aber das kann doch keine nachhaltige Lösung sein.“

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Ich habe da mal eine Frage

In meinem Beitrag über den Handy-Klau auf dem RAW-Gelände schreibe ich über Männer, die dort auf irgendeine Art in kriminelle Machenschaften verstrickt waren:

  1. der Mann, der mein Handy klaute
  2. der Mann, der mir helfen wollte, es zurück zu bekommen
  3. die Männer, die herumstehen und ihre Tascheninhalte (jede Menge geklaute Handys) zeigten

meine Frage: Wie stellt ihr euch diese Männer vor? Größe, Kleidung, Hautfarbe, Akzent, Haarfarbe usw… beschreibt mal, was für Bilder ihr im Kopf habt, wenn ihr den Text lest.
das ist nur der Anfang einer grundsätzlichen Überlegung. und ich bin dankbar, wenn ihr ein bisschen helft.

ihr könnt es in die Kommentare schreiben oder per Mail an mail(ät)katrin-roenicke(punkt)de

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